Auf dem Sozialamt, Teil 2

„Ich kann einem fremden Menschen nicht am Telefon erzählen, dass er jetzt mal sein Leben in die Hand nehmen soll“

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Da dieses Interview sehr ausführlich ist, haben wir es aufgeteilt.
Den ersten Teil findest du hier: „Die Frau B. verarscht euch, da müsst ihr mal gucken“. Falls noch Fragen offen bleiben: Marie Meißner beantwortet sie in den Kommentaren.


Was hat dich eigentlich als junge Frau dazu bewegt, ausgerechnet Verwaltungsbeamtin zu werden?

Naja, ich komme aus einem sozialen Brennpunkt, und dann entscheidest du anders. Dann hast du ein hohes Sicherheitsbedürfnis. Mein Vater war nie arbeitslos, aber meine Mutter mehrmals. Ich habe früh gelernt, dass dieses „S“ auf dem Kontoauszug nichts Gutes bedeutet. Meine Eltern haben vom Dispo gelebt. Sie haben mir trotzdem Bücher gekauft und wollten, dass ich Abi mache.

Ich liebe meine Eltern, aber manchmal sind sie auch echt anstrengend. Manche Freunde würde ich nie mit nach Hause bringen, weil ich denen nicht zutraue, damit klarzukommen. Nicht, weil ich mich für meine Familie schäme, sondern weil ich denke: „Boah, dann musst du alles übersetzen, weil meine Eltern reden ja mit Dialekt. Und nein, mein Onkel ist kein Rassist, aber der hat einfach ein paar komische Korrelationen und Kausalitätsprobleme.“ Und diese beiden Wörter kennt er übrigens nicht.

Trotzdem schickten meine Eltern mich auf eine Schule, in der ich viel mit Mädchen zu tun hatte, die ein eigenes Klavier hatten. Heute traue ich mir viel zu, damals habe ich mir fast nichts zugetraut. Ich dachte, dass man gucken muss, dass man Geld hat. Und meine Mutter war auch so: Bewirb dich da, da kannst du Beamter werden. Die wollten meine maximale Absicherung.

Ja, das ist interessant. Kinder aus unteren Einkommensschichten fragen sich seltener: Was will ich? Und öfter: Was kann ich?

Ja, es gibt die Hälfte, die von zu Hause nur solche Sätze kennt: „Ich glaube, bei dir gackerts, du willst Abitur machen, wie lange willst du hier denn noch rumsitzen?“ Meine Eltern ja auch, aber mein Vater hat das Glück gehabt, dass er damals den Zivildienst gemacht hat. Beim Roten Kreuz ist er mit auf dem Rettungswagen gefahren, mit jemandem, der zehn Jahre älter war: Peter. Der Mann ist bis heute ein wichtiger Freund. Er hat der Familie eine Initialzündung gegeben hat, so dass die ein bisschen verstanden haben, dass man da rauskann, oder da drinbleibt. Als meine Mutter schwanger wurde, sagte Peter zu meinem Vater: Ihr nehmt euch jetzt eine Wohnung. Du redest mit ihren Eltern, ihr müsst für dieses Kind da sein. Du musst jetzt deinen Arsch hochkriegen, du machst jetzt eine Ausbildung zum Rettungssanitäter, dann hast du einen guten Job.

Dieser Mann ist dafür verantwortlich, dass meine Eltern kapiert haben: Nehmt euch eine neue Wohnung, um aus diesem sozialen Brennpunkt rauszukommen. Du musst auch eine Adresse haben, die passt. Von sowas haben Mädchen mit eigenem Klavier keine Ahnung.

Der Kollege von deinem Vater war sehr wichtig, seine Ratschläge haben einen Unterschied gemacht. Gebt ihr den Leuten auch solche Ratschläge?

Wir machen das ein bisschen mit. Aber natürlich nicht nachhaltig. Manchmal sagen wir den Leuten schon, dass sie ein Praktikum machen könnten oder nochmal da und dorthin gehen sollten. Wir machen das. Aber es gibt kein soziales Netz: Nichts fängt dich auf, federt dich ab und bringt dich wieder nach oben.

Wie meinst du das?

Wir halten die Leute am Leben. Du kriegst deine Erwerbsunfähigkeits-Rente, und dann fragen wir dich einmal im Jahr nach deinen Kontoauszügen. Und das ist ganz fatal, gerade für Leute, die mit einer psychischen Erkrankung wie einer Depression kommen. Ich kenne nur zwei Leute, die es aus der Erwerbsunfähigkeits-Rente wieder herausgeschafft haben.

Aber ich habe zum Beispiel jetzt auch eine im Schrank hängen – also eine Akte, die hängt da – von einer Frau, die ist 1987 geboren, also etwas jünger als ich. Und die ist ganz fit. Aber die ist hart gemobbt worden und aus einem nicht stabilen Elternhaus. Deswegen ist sie heute nicht mehr so belastbar. Aber es muss doch irgendjemand losgehen und sagen: Jetzt komm mit. Wir gucken mal, was wir mit dir machen, und suchen nach einem Arbeitsplatz, wo du nicht derart gemobbt wirst. Aber keiner nimmt die an die Hand. Der Krankenkasse ist das auch egal, die haben mit Prävention nicht viel zu tun. Das ist ja eine Krankenkasse, keine Gesunderhaltungskasse.

Wenn wir nicht diese „Du bist, was du schaffst“-Mentalität hätten, dann wäre es für viele Menschen ein bisschen leichter, glaube ich.

Ja, die meisten Leute denken: Wer nicht arbeitet, ist entweder faul oder krank. Deshalb schämen sich Arbeitslose und holen sich viel zu spät Hilfe, gerade Männer, weil die sowieso nie zum Arzt gehen.

Dann noch kein Geld zu haben, ist für manche Leute der Todesstoß. Manchen würde es schon helfen, wenn die der einen Sache nachgehen könnten, die sie schon immer mal machen wollten. Wir kennen so viele Dinge, die helfen würden und eigentlich gut wären. Aber die Krankenkasse ist nicht zuständig, keiner ist zuständig. Und am Ende landest du bei mir im Schrank.

Wir können oft gar nichts machen, und das ist auch nicht unsere Aufgabe und Rolle. Ich kann einem fremden Menschen nicht am Telefon erzählen, dass er jetzt mal sein Leben in die Hand nehmen soll. Auch wenn ich denke, er müsste mal. Ich kann das im Gespräch manchmal ein bisschen lenken. Aber ich kann nicht so dreist sein, ich empfinde das als übergriffig.

Was ist eure Rolle? Beschreibe doch mal, wie ihr euch selbst seht.

Als das ausführende Organ. Wir sind die Gesetze, die da irgendwie stehen. Ich bin die, in die oben alles wie in einen Trichter gefüllt wird, durch die der Fall dann wie durch einen Filter läuft, und unten tropft es raus, in Grün, Rot, Blau, was auch immer. Ablehnung, Bewilligungsbescheid, Darlehen ...

Ringst du mit diesen Gesetzen und Paragrafen?

Jeden Morgen, bevor die Kaffeemaschine läuft. Jedes Mal, wenn du einen Fall hast, wo du was machen musst, was offensichtlich Unsinn ist, oder wo du weißt: Ich mache jetzt einen Ablehnungsbescheid, den ich dann an die Krankenkasse schicke, die den dann wieder an den und den schicken, und die machen dann noch bla, bla, bla. Und du weißt, das ist eigentlich nur Show, damit jeder das in seiner Akte hat.

Dann muss ich der Kindergeldstelle schreiben, dass ich gerne das Kindergeld übergeleitet hätte, und die schreiben Nein, aber ich muss zeigen, dass ich es versucht hab und so. Und es ist ganz oft, dass an diesen Stellen einer bei uns aufseufzt und sagt: Wenn das scheiß Grundeinkommen endlich da ist, dann haben wir die ganze Scheiße endlich los.

Wann ist es ein guter Tag für dich gewesen?

Ein guter Tag? Wenn ich drei schlimme Telefonate hatte und die am Ende glimpflich ausgegangen sind. Und wenn ich die blöde Rückforderung endlich geschrieben habe, die da seit drei Wochen liegt. Es gibt aber auch Momente … da kommen die Leute rein – klopfen an, kommen einfach rein – und dann stehen sie direkt neben deinem Schreibtisch, direkt da, und ich sitze und sehe jetzt nicht gerade so Karate aus, da denke ich dann: „Können Sie bitte drei Schritte zurückgehen?“ Sie sind aufgebracht, blöken dich an, und dann sagt man: „Sie gehen jetzt raus und setzen sich da hin! Wenn Sie nicht gehen, rufe ich den Sicherheitsdienst.“ Dann gehen die sich beschweren, und ich bekomme eine Mail von meiner Vorgesetzten: „Ich möchte Sie nochmal darauf hinweisen, dass so mit den Leuten nicht zu reden ist, und bitte zahlen Sie ihm 100 Euro aus.“ Gutschein quasi.

Es gibt ja in vielen Organisationen Zielzahlen. Habt ihr die auch?

Ja, wir werden abgefragt und präsentieren den Vorgesetzten und dem Controller, der nicht mal die Frage versteht, dann irgendwelche Zahlen. So ein Controller will immer irgendeine Zahl von dir, bei der du denkst: Was willst du damit anfangen?

Kannst du das an einem echten Fall verdeutlichen?

Ein Student, Anfang 20, wird von der Polizei an einer Autobahnraststätte einkassiert. Ich weiß nicht genau weshalb, ist auch unwichtig. Wichtig ist, der Mann litt unter einer beginnenden Psychose. Und das wurde nicht erkannt. Die Polizei lieferte ihn am nächsten Tag bei seinen Eltern ab. Und dort ist er dann die nächsten 20 Jahre geblieben. Keine Krankenversicherung, noch nie in die Rentenkasse eingezahlt, keine sozialen Kontakte, und eine Psychose wird halt auch nicht besser, wenn du 20 Jahre in deinem Zimmer sitzt und nicht behandelt wirst. Und irgendwann wurde das den Eltern, die nun auch älter sind, eben zu viel. Nun ist er mein „Fall“. Und was davon will der Controller bitte durch seine Zahlen verstehen?

Wie lange machst du das noch? Bis zum Ende deines Lebens?

Theoretisch würde ich gerne im Sozialamt bleiben. Nur, wenn ich noch länger bleibe, schaffe ich es da nicht mehr weg. Da gibt es keine Perspektive mehr für mich. Ich habe gerade eine Bewerbung laufen, da bekomme ich mehr Geld, und der Job sieht auch gut aus.

Wie nimmst du denn die Berichterstattung wahr? Über deinen Beruf und die Leute, die da so vorbeikommen?

Ein Beispiel: Gerade hat die Tagesschau über Väter berichtet, die keinen Unterhalt zahlen – ohne darüber zu sprechen, warum diese Väter keinen Unterhalt zahlen. Darüber habe ich mich richtig aufgeregt. Es wird in dem Beitrag nicht direkt gesagt, dass sich die Väter aus der Verantwortung stehlen. Aber es passiert in deinem Kopf. Wir beschweren uns im Rahmen einer Me-Too-Debatte über so viele Konnotationen. Wir reden über Männer und Frauen und deren Gleichberechtigungsgedöns, über Ausländer und Nichtausländer. Wir reden aber nie über die eigentliche Kluft.

Die Leute, die immer Ressourcen hatten, können sich gar nicht vorstellen, wie das ist, wenn du sie nicht hast. Die wissen nicht, wie das ist, wenn du eine Mutter hast, die mit dem Arsch daheimsitzt, eine Zigarette nach der anderen raucht, und die älteste Schwester im Prinzip die Geschwister aufzieht, weil die Mutter gerade die Sachbearbeiterin beim Amt anruft. Wenn Kinder so aufwachsen, dann ist es nicht überraschend, dass denen mit Anfang 20 nichts Besseres einfällt, als Red Bull zu saufen und Kinder zu kriegen.

Diesen Zusammenhang gibt es, keinen interessiert das, aber wir machen diese Leute persönlich dafür verantwortlich. Wir denken, die haben eine Wahl, und ganz oft haben sie das nicht, und das macht mich wütend.  

Wenn du mit Sprüchen aufwächst wie: „Dein Vater wird deine Mutter eh bald verlassen!“ – wo soll dann das nötige Selbstvertrauen herkommen, selbst was zu schaffen?

Das setzt sich seit Generationen fort. Etwa die eine, von der ich erzählt hatte, die da die Wohnung verkauft hat, und jedes ihrer Kinder ihr angeblich 15.000 Euro geliehen hatte. Wenn ich mir alleine die Unterschrift von den Kindern angucke, weiß ich, dass ein Kind die Versetzung auf jeden Fall nicht geschafft hat. Die haben keine 15.000 Euro in ihrem Leben besessen, die sie ihrer Mutter einfach so geben können. Das ist völlig unplausibel.

Die Arbeiterkinder sind heute diese Hartz-IV-Kinder, die gehen immer noch nicht studieren. Das hat sich nicht geändert. Das regt mich richtig auf. Wenn ich in meine Zukunft gucke, in zehn Jahren, in 15 Jahren, dann würde ich am liebsten auf einem Kongress erklären, wie wir das damals erkannt haben und Gott sei Dank noch mal umgeschaltet haben.


Redaktion: Christian Gesellmann; Transkription: Christian von Stülpnagel, Mia Kruska. Schlussredaktion: Vera Fröhlich. Fotoredaktion: Martin Gommel (Aufmacher-Illustration: iStock / Anna_Isaeva)