Penelope Trunk

„Das Wichtigste bleibt aber, dass ich schnell lese –irrsinnig schnell“

etwa 5 Min. Lesedauer

Seit mein zweiter Sohn geboren wurde, habe ich kein komplettes Buch mehr gelesen. Das war vor neun Jahren. Ich gebe meinen beiden Kindern zu Hause, auf unserer Farm in Wisconsin, Schulunterricht und ich bin diejenige, die in unserer Familie das Geld verdient. Lesen ist für mich momentan also wie eine Art Videospiel: Wie schnell kann ich zwischen zwei Tätigkeiten kurz etwas lesen, so dass trotzdem genug hängenbleibt, um mich hinterher einigermaßen intelligent dazu zu äußern?

Im Grunde ist alles, was ich mir den ganzen Tag lang wünsche, fünf Minuten am Stück Zeit zu haben, um zu lesen. Ich habe deshalb die gedruckten Ausgaben von „The Week“ und „Time Magazine“ im Abo, denn die kann ich mit ins Badezimmer nehmen. Meine Söhne finden es eklig, mich nackt zu sehen, deshalb habe ich dort zumindest ab und zu meine Ruhe.

Die meisten anderen Sachen lese ich auf meinem Smartphone, aber das nehme ich nicht mit ins Badezimmer. Als Bloggerin bekomme ich viele Artikel von meinen Lesern geschickt. Weil sie wissen, worüber ich schreibe, wissen sie auch sehr gut, wofür ich mich interessiere. Früher habe ich die Artikel, die ich später lesen wollte, in einen E-Mail-Ordner gelegt, den ich „Sehr bald lesen und dann darüber schreiben“ genannt hatte. Aber irgendwie habe ich nie etwas hervorgeholt, was einmal in diesem Ordner verschwunden war. Er half mir nur, die Sachen vom Tisch zu haben. Also fing ich an, die Artikel direkt dann zu lesen, wenn ich sie bekomme.

Alles, was ich gelesen habe, archiviere ich in gmail. Durch Schlagworte und Suchfunktion kann ich den betreffenden Text dann später einfach wiederfinden. Aber falls das einmal nicht klappt, verschwende ich nicht zu viel Zeit mit der Suche. In unserer heutigen Zeit gibt es so viel Informationen, dass es sich nicht lohnt, zu lange nach exakt dieser einen Sache zu suchen, weil es immer genug andere Dinge gibt, die ich stattdessen verwenden kann.

Das Wichtigste bleibt aber, dass ich schnell lese. Irrsinnig schnell. Alle reden zurzeit über „Longform Journalism“. Aber so ein Longform-Artikel ist wirklich ganz schön lang, wenn man versucht, ihn zwischen zwei Raufereien unter jungen Brüdern zu lesen. Also versuche ich, so schnell wie möglich zu lesen und dann ebenfalls sehr schnell zu entscheiden, ob ich etwas Eigenes zu der Idee des Textes beitragen kann – denn dann schreibe ich einen Blogpost darüber. Oder ob ich nichts Neues hinzufügen kann. Dann empfehle ich den Text weiter, wenn ich ihn gut finde – ansonsten archiviere ich ihn einfach, um vielleicht später einmal drauf zu verlinken, falls es sich anbietet.

Der Begriff „Longform Journalism“ wurde in den vergangenen Jahren populär, als sich herausstellte, dass – entgegen gängiger Vorurteile – auch im Onlinejournalismus lange, fundierte Texte von den Lesern gewürdigt werden. Hier gibt es eine ausführliche Studie des Tow Center for Digital Journalism der Columbia University. Onlineplattformen wie Longform oder Longreads haben sich exklusiv dieser Form verschrieben und kuratieren regelmäßig die besten Stücke. Gleichzeitig mehrt sich die Kritik am Begriff „Longform Journalism“. James Bennett kritisiert in seinem Essay „Against 'Long-form Journalism'“ beispielsweise den Fokus auf die Länge von Artikel: „Im digitalen Zeitalter die reine Länge eines Textes zur Tugend zu erklären, sendet eine falsche Botschaft sowohl an die Autoren als auch an die Leser.“ Auch Chris Ip vom Columbia Journalism Review beklagt sich über einen „Longform Overload“: „In den letzten sechs Jahren ist Longform (...) explodiert, bis zu einem Punkt, an dem der Begriff droht, zum leeren Schlagwort zu verkommen.“

Egal, ob man den Longform-Boom nun als positive Entwicklung oder als übersteigerten Hype empfindet: Jüngstes Beispiel ist das neue Projekt der geschassten New-York-Times-Chefredakteurin Jill Abramson. Sie will ein Online-Magazin gründen, das eine Geschichte pro Monat veröffentlichen wird. Das Autorenhonorar für diese Artikel, die „länger als ein Magazin-Artikel, aber kürzer als ein Buch“ sein sollen – jeweils 100.000 Dollar.

Meine Söhne lesen überhaupt nicht. Sie benutzen YouTube. Für alles. Manchmal schaue ich mir an, was sie unter „Favorites“ gespeichert haben. Ein Typ namens AntVenom zum Beispiel hat mit seinem YouTube-Kanal über Videospiele ein paar Millionen Abonnenten. Aber er versucht jetzt zu diversifizieren und videobloggt über sein Leben. Ich schaue mir das gerne an, denn er macht seine Sache noch nicht sonderlich gut, und ich denke mir dann, dass ich es vielleicht besser könnte und dann auch 15 Millionen Follower haben könnte. Aber ich schaue es mir auch ein wenig an, um den Wandel von der textfixierten Generation Y zur videofixierten Generation Z zu verstehen.

Zu Hause haben wir keinen Fernseher. Aber wenn wir auf Reisen in Hotels sind, sehen meine Kinder viel fern. Und wir sind viel auf Reisen. Deshalb kenne ich das Programm von Disney Channel und Cartoon Network ziemlich gut.

Ich lese meinen Söhnen aber auch Gute-Nacht-Geschichten vor. Wussten Sie, dass es eine Folge der großartigen Kinderbuchserie „Berenstain Bears“ gibt, die von Unternehmertum handelt? Die Folge heißt: „Mamas neuer Job“. Ich mag das Bild von Mama Berenstain am Ende eines langen Arbeitstages: erschöpft, aber glücklich. So fühle ich mich auch jeden Tag, nachdem ich versucht habe, genug zu lesen, um neue Ideen in meinem Kopf entstehen zu lassen.

Die „Berenstain Bears“ sind eine in den Sechzigern entstandene Kinderbuchserie des Illustratorenpaares Stanley und Jan Berenstain. Die Serie mit insgesamt weit mehr als 240 Millionen verkauften Büchern wurde unter anderem als Fernsehserie, Lernsoftware und Spielfilm adaptiert. Inzwischen führt Sohn Mike Berenstain die Serie weiter, die von Kritikern vor allem für ihre besserwisserische und oft formelhafte Art gerügt wurde.


Penelope Trunk wurde vom Wirtschaftsmagazin Inc. einmal als „die einflussreichste Karriereberaterin der Welt“ bezeichnet. Sie hat vier Start-ups gegründet, zuletzt Quistic, eine Plattform für Online-Kurse. Als Buchautorin und Bloggerin schreibt Trunk vor allem über die Berufswelt, Produktivität und Bildung. Ihre Kolumne für den Boston Globe wurde von über 200 Zeitungen syndiziert.

Immer noch keine rechte Vorstellung, wer diese Penelope Trunk ist? Hier kann man ein Porträt über sie lesen, hier einen ihrer Vorträge ansehen, hier erklärt sie, warum sie über ihre Fehlgeburt (während einer Vorstandssitzung) getwittert hat - und hier hat jemand ein Lied über sie geschrieben:

In der von Christoph Koch betreuten Rubrik Medienmenü stellen regelmäßig interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Ihr könnt per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen er porträtieren soll.

Illustration: Veronika Neubauer