Sachsen

Wie aus zündelnden Dorfjungs Rechtsextreme werden

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Wie Lukas Rietzschel als Jugendlicher zur Literatur fand, ist eine schöne Geschichte. Sie hat mit viel Liebeskummer zu tun, unter dem der zukünftige Schriftsteller als Teenager litt. So sehr, dass er auf dem Internetportal gutefrage.net um Tipps zur Linderung des schweren Leidens bat, und als Antwort bekam: Lies doch mal „Anna Karenina“ von Lew Tolstoi. Rietzschel bestellte sich den Wälzer mit mehr als 1.000 Seiten – sein erster richtiger Roman. Weil er ihm so gut gefiel, kaufte er sich kurz darauf „Krieg & Frieden“.

Später las Rietzschel dann lieber Hemingway oder Capote, an deren kurzer und prägnanter Sprache er sich nun auch in seinem Debüt „Mit der Faust in die Welt schlagen“ orientiert. Der Roman handelt von zwei Brüdern, die auf dem sächsischen Land aufwachsen und die sich um 2015, als unweit in Dresden die Aufmärsche des fremdenfeindlichen Bürgerbündnisses Pegida beginnen, entscheiden müssen: Bin ich für oder gegen diese neue Bewegung?

Also ganz ähnlich wie Rietzschel, der im Dorf Räckelwitz zwischen Görlitz und Dresden aufwuchs, als Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ in seinem Umfeld für Furore sorgt. „Für die Leute in meinem Heimatdorf machte Sarrazin etwas Unsagbares, das aber viele heimlich dachten, plötzlich sagbar: Der Ausländer bekommt zu viele Kinder“, das erzählte mir Rietzschel vor zwei Monaten in einem Görlitzer Hinterhof bei Kaffee und Tramezzini, da hatte es die Ausschreitungen von Chemnitz noch gar nicht gegeben.

Auf dem Dorf sind die Neonazis die Coolen

Rietzschels Schulkameraden, die meisten von ihnen vom Dorf, lasen damals Sarrazin. Viele von ihnen wählen heute AfD. Und Rietzschel, der junge Mann mit dem legeren Kinnbart und in dessen Blick manchmal eine gewisse Traurigkeit liegt, verortete seinen Roman nun in einer ganz ähnlichen Situation. „Politische Stimmungslagen kriegt man, glaube ich, mehr in der Peripherie mit als in der Großstadt“, sagt er. „Deshalb sind Berlin oder Leipzig in ihrer Multikulturalität und ihrer Offenheit auch kein besonders treffendes Abbild unserer Gesellschaft. Auch darauf wollte ich mit meinem Roman reagieren.“

Lukas Rietzschel

Gerald von Foris

Warum die Peripherie, fragte ich, da nannte Rietzschel mir ausgerechnet das Chemnitzer Umland. Dort sehe man, wie die Zivilgesellschaft sich verhält, meint Rietzschel. „Ob sie auf die Rechtsextremen reagiert, ob sie ihnen die Freiräume nimmt. Oder, ob sie gar nicht da ist.“ So wie im Chemnitzer Umland, wo seit langem rechtsextreme Strukturen wachsen konnten. Auch in Rietzschels Roman sind es die Rechten, zu denen die Dorfjungs aufschauen, deren verbotene Musik anziehend auf sie wirkt. Und deren opportune Haltung sie schließlich dazu bewegt, sich ihnen anzuschließen – oder sie abzustoßen.

„Der Roman für unsere Zeit“

Neben dem Politik-Studium in Kassel begann Rietzschel, erste Kurzgeschichten zu schreiben. Er gewann einen kleinen ostdeutschen Literaturpreis, später einen größeren österreichischen, den zu seinem Glück im Jahr zuvor ein anderer talentierter junger Mann gewonnen hatte: Philip Winkler, dessen Roman „Hool“ es danach auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte. Wer diesen Preis gewinnt, aus dem wird einmal etwas, dachte sich ein Literaturagent, und vermittelte Rietzschel an den Verlag Ullstein, der heute das Debüt seines Schützlings so ankündigt: „Mit 23 Jahren hat er den Roman für unsere Zeit geschrieben.“

Man kann das für großspurig halten. Ich finde: Von Rietzschel kann man, besonders als Städter, viel über Sachsen lernen. Deshalb habe ich Rietzschel und seinen Verlag gebeten, uns ein Kapitel aus dem Buch für alle Krautreporter-Mitglieder zur Verfügung zu stellen. Ich entschied mich für das 13. Kapitel: Eine Silvesternacht, in der die Geschwister Philipp und Tobi erst mit den Eltern Karpfen essen, und Philipp dann mit seinen Dorfkumpels ins neue Jahr feiert. Aber es sind nicht nur seine Freunde dabei, sondern auch einige Jungs aus der Gegend, die enorm viel trinken, kahlrasierte Schädel tragen, und Musik auflegen, die irgendwie verboten klingt. Und über die der sympathische Philipp trotzdem fest entschlossen sagt: „Das waren keine Nazis.“


13. Kapitel

Vater hatte seine Zähne nicht geputzt, Philipp konnte das riechen. Immer noch kein Schnee, nur dieser graue Dunst. Die Straßen nass, die Felder glänzten von der leicht überfrorenen Erde. Bis auf die Neonröhren im Supermarkt war es dunkel. Autos parkten und Männer stiegen aus, um sich in die Schlange zu gliedern. Einige sprachen Sorbisch, schienen sich zu kennen und begrüßten sich. Eurostücke, die in Einkaufswagen gesteckt wurden. Philipp betrachte jeden Einzelnen und überlegte, ob sie sich für die gleichen Böller interessieren könnten wie er. Vielleicht gab es am 31. ohnehin nicht mehr viele zu kaufen, aber es hatte nichts gebracht, Vater das zu sagen. „Kannst ja versuchen, die Dinger ohne mich zu kriegen“, hatte er geantwortet.

Zum Mittag Karpfen mit Kartoffeln, Weißkohl und Soße aus Butter und Zitronensaft. Philipp drückte die Kartoffeln in die Soße und aß den Brei. Tobi tat das Gleiche. Letztes Jahr hatte Vater einen lebenden Karpfen mit nach Hause gebracht. Der schwamm dann ein paar Runden in der halb gefüllten Badewanne. Tobi und Philipp saßen am Rand und hielten ihre Finger ins Wasser. Der Fisch war ganz ruhig, nur manchmal plätscherte das Wasser, wenn er auftauchte oder seine Flossen gegen den Wannenrand schlugen. Dann war Vater gekommen und hatte das Wasser abgelassen. Der Karpfen schwamm zum tiefsten Punkt und schließlich auf dem Abfluss in seiner eigenen feuchten Lache. So hatte er dagelegen und den Mund geöffnet und geschlossen. Die starren Augen. Die Schläge der Schwanzflosse. Der Körper, der hüpfte und krampfte. Vater, der ihm auf den Kopf schlug. Ein Mal, zwei Mal. Wartete. Ein drittes Mal. Tobi war erst in sein Zimmer gegangen und dann nach unten ins Wohnzimmer, wo er die Schläge nicht mehr hören konnte. Philipp hatte es beeindruckt, wie lange der Karpfen gekämpft hatte. Den ersten Schlag hatte er noch locker weggesteckt, den zweiten schon nicht mehr so gut. Er hatte ein paarmal gesehen, wie Mutter in der Badewanne hockte und sich mit der Brause abduschte. Er musste dabei immer auch an diesen Karpfen denken.

Die Flasche Pfefferminzschnaps wickelte Philipp in seinen Schal ein und lud sie mit der Tüte voller Böller ins Auto. Wieder aus dem Keller geholt. Das war mittlerweile so einfach. Er winkte Mutter zum Abschied und wollte ihr am liebsten sagen, dass das ein gutes Silvester werden würde. Ein besseres neues Jahr. Böller explodierten auf der Straße. Kinder warfen sie vor die Autos, die vorbeifuhren. Vater hupte, als er Felix erkannte. Der Wind, der über die Landstraße wehte, hatte abgenommen. Die Gartenlaube lag ein Stück die Straße hinauf. „Hast du alles?“, fragte Vater. „Denk schon“, sagte Philipp. „Übertreib es nicht“, sagte Vater. Philipp nickte, schloss die Tür und winkte Vater, nachdem der den Wagen gewendet hatte und davonfuhr.

Er lief einen Weg zwischen Garagen entlang, auf das Feld zu, das er am Horizont sah. Links davon musste die Laube sein. Vor einer Garage standen Männer und tranken Bier, während Musik aus einem Autoradio lief. Da, wo Philipp gehofft und ihn vermutet hatte, zweigte ein Trampelpfad ab. Der Boden matschig, Reste einer niedrigen Hecke. Dann die Laube, aus der schwach Licht schimmerte. Auf der Terrasse Plastikstühle und eine Bank, alle ergraut und bedeckt mit ein paar Nadeln. Die Tür, aus der das Licht so schwach schien, war angelehnt. Philipp öffnete sie. Sofort verstummten die Gespräche.

„Hallo“, sagte Philipp. Axel und Ramon saßen vor ihm auf Klappstühlen. Christoph wie eingequetscht in der Ecke. Mitten im Raum, auf dem Sofa in der Ecke saß ein junger Mann, den Philipp nicht kannte. An den Wänden Poster von Dynamo. Die Mannschaften der Saison 2002/2003 und 2003/2004. Außerdem Postkarten und Wimpel. Schwarzrot-gold, schwarz-weiß-rot, schwarz-gelb. Eine Schrankwand gegenüber dem Sofa war leer bis auf ein paar Gläser und ein Radio. Eine ähnliche kannte Philipp noch aus der alten Wohnung. Nach Weihnachten hatten Vater und Mutter darauf bestanden, dass die Geschenke ordentlich darauf aufgereiht noch eine Weile für Gäste zu sehen waren.

Auf dem Boden war ein Campingkocher aufgebaut, auf dem ein Topf stand. Der Glühwein dampfte und roch süß. Der dicke Typ, der auf dem Sofa saß, rührte mit einer Plastikgabel darin. Aus dem Radio in der Schrankwand kam mal Musik, mal Rauschen. Dann der Wetterbericht. Philipp setzte sich auf einen Stuhl und stellte den Schnaps vorsichtig auf den Tisch. „Wo hast du den her?“, fragte Axel. „Hab ich aus dem Keller geklaut“, sagte Philipp. Er erwartete Anerkennung. „Und warum nur eine?“, fragte Axel. Philipp wollte sich erklären, aber Axel winkte ab. „Alles gut“, sagte er und lächelte. Wie ein alter Freund oder Verwandter. Philipp beobachtete den Dicken auf dem Sofa. Er hatte eine Glatze, und dennoch war sein Haaransatz zu erkennen. Die hohe Stirn mit den Falten. Er trug diese Schuhe, die die Füße beim Abrollen unterstützen sollten.

Die Tür wurde aufgestoßen. Ein junger Mann trat in den Raum. T-Shirt und schwarze Stoffhandschuhe. Glatt rasierte Glatze. Er warf sich auf den Dicken und quetschte sich neben ihn auf das Sofa. Er fragte, warum er den Glühwein aus einem Plastikbecher trinken sollte, wenn in der Schrankwand doch Gläser standen. „Die gehören meiner Oma, du Bastard“, sagte Axel. Der Glatzkopf schien diesen Ton zu dulden. Axel achtete darauf, dass keine schwarzen Streifen auf dem Linoleumboden entstanden. Einmal war er aufgestanden und hatte sie mit Küchenpapier weggerubbelt.

Das Radio rauschte, wechselte den Sender. Gelegentlich vereinzelte Töne. „Läuft hier nur so Polackenkacke?“, fragte der Glatzkopf. „Wir können auch eine CD einlegen“, sagte Axel. Der Glatzkopf klappte den Deckel zu, drückte auf den Knöpfen herum und drehte an der Lautstärke. „Das Scheißteil kann die nicht lesen“, sagte er. Dann schlug er mit der flachen Hand dagegen. Schließlich eine Gitarre und der Gesang eines Mannes. Dazwischen Aussetzer. Für Philipp klang die Musik eher traurig. Er konnte den Text nicht verstehen. Einige klatschten. Er sah zu Christoph rüber, der mit den Achseln zuckte. „Was ist das?“, fragte Philipp. „Brauchst keine Angst zu haben“, sagte Ramon. Dann elektrische Gitarren, schließlich der Refrain: „Waffen für alle, Waffen für alle.“ Ramon und Axel standen auf und tanzten. Der Glatzkopf lachte und formte mit den Fingern zwei Pistolen. Die Gläser in der Schrankwand klirrten leise, kaum hörbar. Philipp war aufgestanden und klatschte, während Ramon sich nun bei den Älteren aufhielt, sie anrempelte, sich schubsen ließ und laut dabei lachte. Als das Lied beendet war, standen sie da wie eingefroren und sahen sich gegenseitig an. „Noch mal“, sagte Axel, und ein paar andere stimmten dafür.

Der Dicke rief: „Schnapszeit.“ Ramon nahm den Schnaps vom Tisch. Öffnete ihn, roch daran und reichte ihn weiter. „Du kriegst nichts“, sagte der Glatzkopf zum Dicken. „Krieg dich erst mal auf die Reihe mit deinem Alkoholproblem.“ Der Dicke nahm sie trotzdem. Er versuchte dabei zu lächeln. „Wie Mundspülung“, sagte er, dann reichte er die Flasche weiter zu Philipp. „Hier“, sagte er. „Schön, Uwe.“ Philipp erschrak. „Uwe?“ „Unten wird’s eklig.“ Der Dicke hatte es kaum ausgesprochen, da schlug ihm der Glatzkopf gegen den Hinterkopf. Starrer, böser Blick. Ramon, der den Kopf schüttelte. Christoph lehnte die Flasche ab. Er hatte einen schwarzen Rucksack mitgebracht, voll mit Böllern, der gegen die Schrankwand lehnte. Der Neue hatte hineingeschaut und sich darüber lustig gemacht, hatte einzelne Verpackungen herausgenommen und lachend auf den Boden geschmissen. Philipp hatte daraufhin seinen Beutel mit den Füßen weiter unter den Klappstuhl gedrückt. Das Rascheln der Tüte war gar nicht aufgefallen. Er durfte jetzt nicht kindisch wirken.

Das Geräusch von Sohlen, die auf dem Boden kleben blieben. Um das Sofa herum dunkle Flecken vom Glühwein. Handgroß. Philipp glaubte zu wissen, woher er sie kannte. Wo er sie gesehen hatte. Diese Gruppe junger Männer. Den Glatzkopf und den Dicken. Die Autos und Mopeds, die morgens beim Fahrradständer standen. Ramon und Axel bei ihnen. Die Musik aus den heruntergekurbelten Fenstern. Wie sie die Lehrer grüßten, die vorbeifuhren. Ihr lautes Lachen, als der Direktor das Handtuch über den Findling gelegt hatte. Der Dicke ging raus vor die Tür und zündete sich eine Zigarette an. Er schwankte und griff neben die Türklinke. Das Feuer war kurz zu sehen gewesen, bevor die Tür wieder zufiel. „Du schädigst deinen Körper“, rief der Glatzkopf. „Mir egal“, war die Antwort von draußen. „Dann verrecke doch!“ Axels Bruder kam herein. Er reckte den Arm in die Luft. Rief: „Heil, ihr Spasten!“, und setzte sich auf Ramons Schoß. „Na mein Süßer“, sagte er. Er bemerkte Christoph, der wortlos auf seinem Klappstuhl saß. „Was is’n das für ’n Emo?“, sagte er. „Dem geht’s nicht gut“, sagte Axel. „Hat dich dein Alter wieder verdroschen?“, fragte der Glatzkopf. Dieses Mal lachte auch Philipp.

Er schätzte, wie alt sie alle waren. Um die zwanzig wahrscheinlich, einige jünger. Die meisten arbeiteten bestimmt längst. Adern an den Schläfen und Sehnen am Hals. Der Glatzkopf, die anderen nannten ihn „Menzel“, dieser seltsame Name, schlug dem Dicken auf den Hinterkopf. Es klatschte wie rohes Fleisch, das auf den Küchenboden fiel. Der Dicke erschrak. „Robert, du fettes Stück Scheiße“, sagte Menzel leise in sein Ohr. „Lasst mal rausgehen, ist gleich so weit“, sagte Axels Bruder.

Philipp stellte sich neben Christoph auf die Terrasse. Axel neben seinen Bruder. Ramon beim dicken Robert. Menzel trug ein Paket, das er nicht in den Rucksack stecken wollte. „Ich pass da drauf auf“, sagte er. Klemmte es unter seinen nackten Arm. Fest umklammert mit den behandschuhten Händen. Philipp hielt ein wenig Abstand, als die Gruppe über das Grundstück ging. Den Weg zu den Garagen. Er zwang sich, nicht näher bei ihnen zu sein. Die Einladung hierher von Axel und Ramon. Endlich. „Wo steht das Auto von dem Bonzen?“, fragte Ramon. „Müsste hier sein“, sagte Menzel und deutete auf ein Garagentor nahe der Straße. Einige der Garagen standen offenbar leer, andere hatten neue Tore. „Welcher Bonze?“, fragte Philipp. „Gibt einen, der fährt jeden Tag in seinem Mercedes nach Dresden“, sagte Axel. Philipp verstand nicht. „Der arbeitet in der Staatskanzlei, oder so.“ Menzel stellte den Karton, den er bislang unter dem Arm getragen hatte, auf dem Boden ab. Öffnete ihn und nahm zwei Böller heraus. Grau und unbeschriftet. Dick wie die Papprollen vom Toilettenpapier. Er zündete die Lunten erst an, als er die beiden Böller vorsichtig vor das Garagentor gelegt hatte. Eine kleine Flamme erhellte Menzels Gesicht. Dann rannte er. Rannte zu der Ecke, hinter der sich Philipp versteckte. Robert betrunken neben ihm. Die Böller explodierten, als Menzel auf dem halben Weg war. Ein Lichtblitz, als wäre die Sonne für einen Wimpernschlag auf- und wieder untergegangen. Philipp kannte die Sprengungen in den Steinbrüchen. Von Weitem hörten sie sich an wie Gewitter. Aus der Nähe mussten sie so klingen wie diese Böller. Menzel rannte zum Tor des Bonzen. Wieder nur seine Schritte auf dem Schotter. Zwei Rußstreifen zogen sich vom Boden bis zur Mitte des Tores. „Geil“, sagte er, „schön das neue Tor versaut.“ „Den juckt das sowieso nicht“, sagte Ramon.

Raketen flogen zum Himmel. Keine Autos auf den Straßen. Philipp lief neben Menzel und Axels Bruder, ohne etwas zu sagen. Das traute er sich gar nicht. Vor einigen Häusern, die sie passierten, standen Feuerschalen. Männer und Frauen wärmten sich daran. Als die Gruppe an deren Gartenzäunen vorbeiging, wurde sie gegrüßt. „Macht nicht wieder so einen Mist wie letztes Jahr“, rief ein Mann. „Jaja“, sagte Menzel. Lautes Lachen. Sie gingen unter der alten Eisenbahnbrücke hindurch, die wie ein einzelner Stahlträger flach über zwei Pfeilern lag. Mit jedem Haus, das sie hinter sich ließen, kamen sie dem Ortskern näher. Am Friedhof vorbei und am Bach entlang. Die Straße zweigte sich hier ab, führte nach Neschwitz in die eine und nach Elstra in die andere Richtung. Auf einer Verkehrsinsel befand sich die einzige Bushaltestelle im Ort. Eine Bank und ein Schild mit den Abfahrtszeiten der Busse in einer Exceltabelle. Unweit davor, dicht am Bordstein eine gelbe Telefonzelle. Es gab Pläne von der Gemeinde, Blumenkübel dort hineinzustellen oder ausgemistete Bücher in Kartons. Zum Tauschen für irgendwelche Vollidioten.

Eine Gruppe Jungen ging vorbei. Sie musterten Philipp und die anderen. „Was guckt ihr so?“, rief Menzel und ging auf sie zu. Sie begannen zu rennen. Menzel hinterher. Fest und sicher auf der überfrorenen Straße. „Sorbenschweine“, rief er, „ihr seid auch noch dran!“ Dann hob er etwas von der Straße auf. Philipp konnte es nicht erkennen. Und warf den Gegenstand in die Richtung der Jungs. Er kam zurück und keuchte. „Sorben erkenn ich auf hundert Meter“, sagte er. „Die sind wie Nigger, die kannst du gar nicht verwechseln.“ Das hatte Menzel nur zu ihm gesagt. „Du bist Halbsorbe“, rief ihm Ramon zu. „Halt die Fresse“, rief Menzel zurück. Philipp schmunzelte. Ein Marder, der die Straßenseite wechselte. Wie ruhig er von Auto zu Auto ging. Nichts, das ihn erschrecken konnte. Menzel ließ mit seinem Feuerzeug die Plastikhülle des Busfahrplanes schmelzen. Wie braune, kleine Eiszapfen kräuselte sich das Plastik.

Die Telefonzelle war längst außer Betrieb. Abgeschlossen. Axels Bruder versuchte die Tür aufzustemmen. Auf der Bank daneben saßen Christoph und der dicke Robert. Axels Bruder gelang es, die Tür der Telefonzelle in der oberen rechten Ecke ein wenig aufzustemmen. Philipp half ihm dabei. „Halt so“, sagte Menzel. Er öffnete den Pappkarton, nahm vier der Böller heraus und hielt sie nebeneinander. So gut es ging, in einer Hand. „Mach aber schnell“, sagte Axel. Menzel zündete die Böller an. Zunächst zwei, dann die übrigen und warf sie in die Öffnung. Dann rannte er weg. Die anderen hinterher. Philipp fand Schutz hinter einem Audi.

Auf der Bank immer noch Robert. Unbewegt und betrunken. Die Augen geschlossen. Christoph daneben. Jetzt schien er zu begreifen, duckte sich. Versuchte den Betrunkenen von der Bank zu ziehen. „Ey“, rief Ramon aus seiner Deckung heraus. „Seid ihr besch...“ Dann drückte es die unteren Scheiben der Telefonzelle nach draußen. Ein Knall wie eine Sprengung. Philipp duckte sich, kurz fühlten sich seine Ohren wie taub an. Ein lang anhaltendes Piepen. Die Explosion wie ein Schlag auf seine Brust. Glas, das wie feiner Staub auf die Straße rieselte. Große Scherben, die es nur bis zum Bordstein geschafft hatten. Menzel, der hinter irgendeinem Busch jubelte, dann auf die Straße rannte und die Scherben über den Asphalt kickte, wie ein Kind durch den ersten Schnee tobte. Christoph lag auf dem Boden und tastete seinen Kopf ab. „Alles gut?“, fragte Philipp. Er war sofort zu ihm gerannt. Menzel schien sie gar nicht zu bemerken. Er stand mit Ramon und Axels Bruder bei der Telefonzelle und trat die Scheiben aus der Fassung, die nicht herausgefallen waren. Sie klangen enttäuscht. Weniger Schaden, als sie erwartet hatten.

Christoph richtete sich auf. Der Betrunkene mit dem Gesicht auf dem Boden. Blut tropfte von seinen Wangen in die Rillen zwischen die Pflastersteine, wo das Moos wuchs. Christoph versuchte ihn aufzurichten. Sprach ihn an und rüttelte ihn. Überall Scherben. Philipp hilflos daneben.

„Er blutet“, sagte Christoph leise.
Philipp nahm ein Taschentuch aus seiner Hosentasche. Ein altes, vollgerotztes. Riss es auseinander und tupfte das Gesicht von Robert ab. „Scheiße“, sagte er.
„Was ist passiert?“ Menzel hockte sich neben ihn.
„Weiß ich nicht“, sagte Christoph, „wir müssen einen Krankenwagen rufen.“
„Hat der Glas im Gesicht?“, fragte Ramon.
„Wir müssen den hinsetzen.“ Philipp zeigte auf Axel, dann hoben sie ihn zu zweit auf die Bank. Robert stöhnte und blinzelte. Menzel musterte ihn. Ging nahe an ihn heran, berührte ihn jedoch nicht.
„Der is auf die Fresse gefallen“, sagte Menzel, „der is stockbesoffen.“
„Wir müssen das desinfizieren“, sagte Philipp. Er sah sich das Gesicht an. Dunkle Krusten, von Dreck verschmiert. „Hat jemand Alkohol?“, fragte er. „Ich hab Schnaps dabei“, sagte Axels Bruder. „Der müsste gehen“, sagte Philipp.
Axels Bruder öffnete einen Feigling und goss ihn Robert über das Gesicht. Der kniff die Augen zusammen und stöhnte.
„Noch einen“, sagte Philipp und wusste, dass das nicht helfen konnte.
„Das kann der Jude mir bezahlen“, sagte Axels Bruder.
Der Schnaps tropfte von den Augenbrauen und ließ die Nase frei. Wie zwei Bäche floss er daran vorbei. Philipp hockte daneben und tupfte die rosafarbenen Tropfen vom Kinn.
„Seine Mutter ist Krankenschwester“, sagte Ramon.
Menzel schüttelte den Kopf. „Der wird noch daran verrecken, wenn der das nicht in den Griff bekommt“, sagte er. Er steckte seine Hände in die Hosentaschen. So seltsam berührt hatte Philipp ihn sich nicht vorgestellt.
„Wir müssen den tragen“, sagte Axel.
„Ich fass den nicht an“, sagte Menzel. „Am Ende pisst der sich noch ein.“
Also packten ihn Ramon und Axel. Wie einen langen Sandsack trugen sie Robert. Sein Körper hatte kaum Spannung. Es schien, als würden sein Hosenbund und bald sein Rücken auf dem Boden schleifen. Christoph lief ihnen hinterher und blickte zur Bank zurück.
„Ich möchte nach Hause“, sagte er.
„Gleich“, sagte Philipp.
Sie erreichten die Eisenbahnbrücke und legten ihn auf ein Stück Wiese neben dem Bordstein.
„Was is?“, fragte Menzel.
„Wir schaffen das nicht bis zwölf zurück“, sagte Ramon.
„Dann machen wir es eben hier“, sagte Menzel. Blickte auf seine Armbanduhr. Noch drei Minuten bis Neujahr.
„Haben wir noch was zum Anstoßen?“, fragte Axels Bruder.
„Kannst ja sein Gesicht ablecken“, sagte Menzel.

Aus den umliegenden Häusern traten Leute auf die Straße. Ganz schwach waren sie im Licht der Hauseingänge zu sehen. Hunde bellten.
„Zwanzig Sekunden“, sagte Menzel. „Zehn.“ Dann ging er auf Ramon zu. Sie sahen sich an, reichten sich die Hände und umarmten sich. Es schien, als verstriche unendlich viel Zeit zwischen ihren Bewegungen. Philipp sah ihnen zu. Das erste Mal keine gespielte Aggressivität. Ihre Stimmen nicht wie ständig unter Druck. Dann stand Menzel vor ihm. Die nackte, blasse Haut seiner Unterarme. Die grün schimmernden Augenringe. „Frohes Neues“, sagte er und schüttelte Philipp die Hand.

Von der Eisenbahnbrücke tropfte im immer gleichen Rhythmus Wasser auf die Straße. Die Felder, die dahinter lagen, grau und im Licht der explodierenden Raketen kurz sichtbar. Schließlich fassten Ramon und Axel Robert wieder an Armen und Füßen und trugen ihn den Weg zurück zur Laube. Unter der Eisenbahnbrücke hindurch, an den Garagen vorbei. „Menzel sagt Robert die ganze Zeit, dass er nicht so viel trinken soll“, sagte Ramon. „Der Vollidiot kann es einfach nicht lassen. Menzels Onkel hatte ein Alkoholproblem, weißt du.“ Ramon sagte es leise. Wie zur Entschuldigung. Menzel war weit hinter ihm, das hatte er mehrmals kontrolliert. Philipp nickte. Er wusste nicht, ob er bestürzt sein sollte.

In der Laube war der Glühwein im Topf angebrannt. Nur noch schwarzer Zucker und Orangenschalenreste. Dunkler Qualm, der zur Decke stieg. Die Herdplatte glühte. Menzel nahm den Topf und warf ihn über das Geländer der Terrasse. Auf dem harten Boden klang er wie eine Glocke. Robert wurde auf das Sofa gelegt, er stöhnte hin und wieder und drehte sich von der einen Seite zur anderen und zurück. Das Blut in seinem Gesicht war geronnen. Der Alkohol hatte es verklebt.

Christoph sah Philipp an und deutete mit dem Kopf zur angelehnten Tür. „Wollt ihr schon gehen?“, fragte Axel. „Ja, so langsam“, sagte Philipp. Wahrscheinlich war es der richtige Zeitpunkt. „Ich kann euch fahren“, sagte Axels Bruder. „Nee, ist ja nicht weit“, sagte Christoph. „Lasst euch nicht vergewaltigen“, rief Menzel ihnen hinterher.

Philipp wollte über das Feld gehen. Über die gefrorene Erde, um schneller zu Hause zu sein. Eine Kruste aus Eis, die knackte, als er seinen Fuß auf den Acker setzte. Als würde jemand seine Fingernägel knipsen. Christoph hinter ihm in seinen Fußspuren. Rechts die Garagen und bald, weit hinter ihnen, die Laube. Hin und wieder blieben Philipps Füße im Matsch stecken. Christoph würde noch etwas sagen, Philipp ahnte das. Er kannte dieses Schweigen. „Sag es endlich“, dachte er.

Das Feld teilte sich am Horizont und wurde von einer Baumgruppe unterbrochen. Gelegentlich von Pfaden. Unbefestigten Straßen für die Landwirte. Philipp hörte, wie Christoph hinter ihm in matschige Erde trat und schnaufte. „Geht’s?“, fragte er.
„Jaja“, sagte Christoph.
„Ist alles okay?“
Christoph sah auf den Boden. „Ja“, sagte er.
„Ich kannte Menzel vorher gar nicht“, sagte Philipp.
Vielleicht würde es so funktionieren.
„Hm“, sagte Christoph.

Mittlerweile hatten sie das Dorf hinter sich und die Gehöfte links liegen gelassen. Ihre Schuhe dreckig und Matsch bis zu den Knöcheln. „Kanntest du Axels Bruder vorher?“, fragte Philipp. „Nein“, sagte Christoph. Der Weg führte auf eine Anhöhe hinauf.
„Das sind Nazis“, sagte Christoph plötzlich.
„Was meinst du?
„Was die gehört haben, ist mittlerweile verboten.“
„Woher weißt du das?“
„Hab ich gehört.“
„Das sind keine Nazis“, sagte Philipp.
„Menzel hat die ganze Zeit Sorben und so beleidigt.“
„Das war doch nur zum Spaß.“
„Der hat mit einem Stein geworfen!“
„Hast du das gesehen?“, fragte Philipp.
„Na, dass er was aufgehoben hat.“
„Deshalb muss es ja kein Stein gewesen sein“, sagte Philipp.
„Aber er hat es geworfen!“
„Vielleicht war es ein Tannenzapfen“, sagte Philipp, „das ist doch nicht schlimm.“ Christoph schwieg. Vor ihnen das erste Mal Straßenlaternen. Sorben waren Katholiken. Eigenbrötler. Eigene Zeitung, eigenes Theater. Niemand, der sie überwachte. Warum Christoph das egal war, wollte Philipp wissen.

„Da hingen auch überall Fahnen“, sagte Christoph schließlich.
„Deshalb ist man doch kein Nazi“, sagte Philipp und drehte sich um. Das erste Mal sah er Christoph wieder ins Gesicht. „Alle anderen dürfen stolz auf ihr Land sein“, sagte er, „nur in Deutschland ist das verboten!“
Christoph blickte zu Boden. „Das meine ich ja gar nicht“, sagte er leise.
Er war ein paar Schritte zurückgetreten. Stehen geblieben und rieb seine Hände.

„Was willst du mir damit sagen?“, fragte Philipp. Christoph zögerte. „Keine Ahnung“, sagte er. Dann drehte sich Philipp wieder um und ging voran. Den zwei, drei Lichtern der Straßenlaterne entgegen. Den Wohnblöcken, die schwarz gegen das Dunkelblau der Nacht standen. Philipp beschleunigte seinen Schritt und blies seinen Atem in die Luft. Trat stärker auf. Überlegte. Blieb erneut stehen und wandte sich an Christoph. „Im Schamottewerk hast du ‚Hitler ist schwul‘ gerufen. Du hast sogar ‚Heil‘ an die Wand geschrieben.“ „Das ist was anderes“, sagte Christoph. „Warum?“
„Weil ich das aus Spaß gemacht habe.“
„Aus Spaß?“, sagte Philipp.
„Ja.“
„Was würden deine Eltern dazu sagen?“
„Ich bin kein Nazi“, sagte Christoph.
„Ich auch nicht“, sagte Philipp, „und Menzel, Ramon und die anderen auch nicht.“

Sie erreichten die Straße. Den Ortseingang von Neschwitz. Ein Auto fuhr knapp an ihnen vorbei. Sonst war niemand zu sehen. Längst niemand mehr zu hören. An der Kreuzung beim Autohaus blieben sie stehen. Standen sich gegenüber. Schüttelten sich die Hand. „Frohes Neues“, sagte Philipp. „Ja“, sagte Christoph, „frohes Neues.“ Christoph ging die Straße noch ein Stück, dann bog er ab. Philipp blickte ihm nach. Das waren keine Nazis, dachte Philipp. Selbst wenn, wäre es ihm egal gewesen. Dieses Hochgefühl, Menzels Hand zu schütteln, die Anerkennung, die Wunde versorgt zu haben. Das Autohaus strahlte ihn blau an. Die kahlen Hecken und gepflasterten Grundstückseinfahrten. Der Himmel war jetzt so dunkel wie alle anderen Nächte zuvor.


Auszug mit freundlicher Genehmigung vom Ullstein Verlag.
Lukas Rietzschel „Mit der Faust in die Welt schlagen“, 320 Seiten.
ISBN: 978-3-550-05066-4


Redaktion: Christian Gesellmann; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel (Aufmacherfoto: unsplah / Benjamin Lambert).