Kindererziehung

Was, wenn vieles falsch wäre, was wir über Kindererziehung wissen?

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Vor ein paar Jahren hat Katherine Reynolds Lewis einen Artikel über Kindererziehung geschrieben, der bei den Lesern wie eine Bombe einschlug. Darin erklärt sie, dass die Grundlagen dessen, was wir über Kinderziehung gelernt haben, wahrscheinlich falsch sind: Denn die Forschung hat gezeigt, dass weder Strafen noch Belohnungen Kindern Disziplin beibringen. Mehr noch: Sie untergraben sie. Der Artikel wurde online millionenfach gelesen und auf Facebook 790.000 Mal geteilt, Eltern aus aller Welt schrieben Lewis, dass er ihren Umgang mit Kindern verändert hat.

Lewis sah, dass sie einen Nerv getroffen hatte, und forschte weiter. Dabei halfen ihr sowohl die wissenschaftlichen Grundlagen ihres Harvard-Studiums in Physik als auch ihre Erfahrung als zertifizierte Lehrerin für Elternkurse. Das Ergebnis ist ihr Buch „The Good News About Bad Behavior: Why Kids Are Less Disciplined Than Ever—and What to Do About It“, das in den USA erschienen ist. Auch ich habe den Artikel gelesen und war erstaunt darüber, was Lewis herausgefunden hat. Als ihr Buch herauskam, wollte ich unbedingt mehr wissen.

Ich habe mit ihr darüber gesprochen, warum alte Erziehungsmethoden nicht mehr wirken – und was wir stattdessen tun können.


Neulich habe ich auf dem Spielplatz einen fünfjährigen Jungen gesehen, der fuchsteufelswild geworden ist, als seine Mutter ihm die Schuhe zugebunden hat. „Du bist so dumm, Mama!“, hat er gebrüllt. Das hat mich an Ihr Buch erinnert: Da schreiben Sie, dass das schlechte Benehmen bei Kindern „epidemische Ausmaße“ annimmt. Ist es wirklich so schlimm?

Eltern haben es definitiv schwerer heute. Als ich angefangen habe, mich mit dem Thema Kinderziehung zu beschäftigten, bin ich zunächst diesem Gefühl nachgegangen, dass Kinder immer chaotischer und ungezogener werden. Und immer mehr Eltern Sätze sagen wie: „Mein Sohn hat Angst, deswegen will er ständig auf den Arm“ oder „Sie hat ADHS, deswegen kann sie nicht stillsitzen.“ Ich habe mich in die wissenschaftliche Literatur vertieft und festgestellt, dass Kinder heutzutage deutlich ängstlicher, depressiver und neurotischer sind als noch vor drei, vier Jahrzehnten. Laut der US-Gesundheitsbehörde wird eins von zwei Kindern bis zum Alter von 18 Jahren eine affektive Störung, eine Verhaltensstörung oder eine Suchterkrankung entwickeln.

Affektive Störungen sind Erkrankungen, die in erster Linie mit Veränderungen der Stimmung oder des Antriebs einhergehen.

Das klingt wirklich erschreckend. Es könnte aber doch sein, dass Kinder heute einfach schneller eine solche Diagnose kriegen.

... oder dass die Diagnosemethoden besser geworden sind. Ja. Dieses Argument höre ich oft. Dann sage ich: Schaut euch die Daten zu den Suiziden an. Das US-Zentrum für Krankheitskontrolle und -vorbeugung hat festgestellt, dass sich die Selbstmordrate von Kindern im Alter von 10 bis 14 Jahren im letzten Jahrzehnt verdoppelt hat. Bei Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren ist sie zwischen 2006 und 2016 um 49 Prozent gestiegen. Das ist wirklich alarmierend und lässt sich nicht wegdiskutieren. Wir haben es mit einer Krise der Selbstregulierung zu tun. Etwas macht es den jungen Menschen von heute schwer, mit ihren Impulsen, Gefühlen und Gedanken zurechtzukommen und ihr Verhalten im Griff zu haben.

In den USA ist Suizid die dritthäufigste Todesursache im Alter von 10 bis 24 Jahren. Die Zahl der Kinder zwischen 5 und 17 Jahren, die wegen Suizidgedanken in Krankenhäuser eingeliefert werden, hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. Zwischen 2008 und 2015 wurden in 32 US-Krankenhäusern 118.363 solcher Fälle gezählt.

In Deutschland ist Suizid die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, gleich nach Verkehrsunfällen. Es ist aber kein Anstieg zu beobachten.

Hat es etwas damit zu tun, dass Kinder heute so viel Zeit vor Bildschirmen verbringen?

Es ist schwierig, das zu belegen, weil Forscher leider keine Zeitmaschine haben und deshalb keine Gruppen von Kindern aus der Vergangenheit gezielt mit denen von heute vergleichen können. Aber es gibt drei wichtige Faktoren, die sich in unsere Gesellschaft in den letzten drei, vier Jahrzehnten geändert haben und in Laborstudien mit Angst, Depression und Aufmerksamkeitsdefiziten in Verbindung gebracht werden:

Erstens das Verschwinden der Kindheit. Damit meine ich freies, unkontrolliertes Spielen. Zweitens die starke Präsenz von Medien und Technologie und die allgegenwärtige Präsenz von Bildschirmen im Leben unserer Kinder. Und drittens: Kinder sind heutzutage „arbeitslos“: Sie haben keine Rolle im Haushalt. Früher haben sie sich zum Beispiel um jüngere Geschwister gekümmert oder hatten nach der Schule einen Job.

Heute ist die Kindheit sehr stark auf individuelle Talente und Erfolge fokussiert. Das kann wunderbar sein, aber auch ziemlich narzisstisch. Es ist gut für Kinder, wenn sie auch etwas für andere tun, und wenn sie ihren Eltern nur beim Kochen helfen. Wenn sie gar keinen Beitrag leisten, geht es ihnen ähnlich wie bei Erwachsenen, die arbeitslos sind: Ihr Selbstwertgefühl geht den Bach runter.

Lewis erwähnt in ihrem Buch eine interessante Studie mit Kindern, die in einem Outdoor-Camp fünf Tage lang keine Handys, Fernseher oder andere Geräte mit Bildschirmen nutzen durften. Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigten sie nach fünf Tagen eine gesteigerte Empathiefähigkeit.

Moment. Einerseits kritisieren Sie, dass Kinder „arbeitslos" sind, andererseits sollen sie mehr spielen dürfen? Wie passt das zusammen?

Es muss ein Gleichgewicht geben. Spielen ist sehr wichtig, weil Kinder dabei soziale und emotionale Fähigkeiten lernen. Das Kind lernt: Wenn ich die anderen schubse, dann wollen sie vielleicht nicht mehr mit mir spielen. Wenn du erlebst, was die natürlichen Folgen deiner Handlungen sind, hat das viel mehr Kraft, als wenn Eltern oder Lehrer sich einmischen. Beim Spielen sollten Kinder auch kleine Risiken eingehen können, mal hinfallen und sich das Knie aufschlagen oder sich beim Klettern wehtun. Das hilft ihnen, Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen zu entwickeln. Wenn sie das nicht tun dürfen, wird die Welt sehr angsteinflößend.

Manche sagen, dass es einen einfacheren Grund gibt für die Veränderung in den Kindern von heute, wie Sie sie beschreiben: Nämlich den, dass Eltern heute zu weich sind. Wenn sie härter durchgreifen würden, würden Kinder sich schon benehmen.

Kinder sind heute radikal anders als noch vor ein paar Jahrzehnten. Und der gesellschaftliche Kontext, in dem wir sie erziehen, ist es auch. Es gibt kein Zurück mehr, wir müssen damit umgehen. Wir können aber nicht einfach wieder den Erziehungsstil unserer Großeltern anwenden, bei dem die Eltern die absolute Macht haben und Kinder sich unterordnen.

Mittlerweile ist erwiesen, dass das keine fähigen, emotional gesunden Erwachsenen hervorbringt. Wenn Kinder sich immer unterwerfen müssen, können folgende Dinge passieren: Erstens vermittelt man ihnen die Botschaft, dass das Ziel immer ist, Macht und Kontrolle zu haben. Viele dieser Kinder werden also Machtkämpfe mit ihren Eltern haben und nach Streit suchen. Zweitens kann es aber auch passieren, dass die Kinder den Machtkampf nicht nach außen, sondern nach innen richten. Das kann zu Depressionen und anderen seelischen Problemen führen.

Außerdem kommt es mir sinnlos vor, hart das Kommando zu übernehmen, weil wir unsere Kinder ja doch nicht ihr ganzes Leben kontrollieren können. Wir sollten ihnen lieber beibringen, sich selbst zu kontrollieren.

In Ihrem Buch beschreiben Sie Forschungen, die zeigen, wie hart elterliche Kritik selbst Erwachsene treffen kann.

Ja, es gibt Studien, bei denen Neurowissenschaftler Menschen in MRT-Scannern kritische Kommentare ihrer Mütter vorgespielt haben. Die Gehirne der Teilnehmer zeigten bei harter Kritik die gleiche Reaktion wie bei Schlägen. Nun gibt es mittlerweile sehr viel Forschung, die belegt, wie stark körperliche Misshandlungen uns schaden. Nicht nur, was unsere körperliche Gesundheit betrifft, sondern auch unsere emotionale. Kinder mit diesen frühen Erfahrungen sind später unter anderem anfälliger für Süchte, Herzprobleme und Rauchen.

Andererseits gibt es in der Literatur definitive Belege dafür, dass Kinder mit einer sicheren, aufbauenden Beziehung zu ihren Eltern emotional gesünder und widerstandsfähiger sind. Dass sie in die Welt gehen und Risiken eingehen können, weil sie wissen, dass jemand da ist, wenn sie hinfallen. Dafür ist es wichtig, dass Eltern eine Quelle der Kraft, nicht der Kritik sind. Dass Fehler eine Gelegenheit zum Lernen sind, nicht für Strafe und Tadel.

Ein anti-autoritärer Erziehungsstil ist aber auch keine Lösung, oder?

Nein, wirklich nicht. Viele Eltern, die sich in der Rolle der Autoritätsperson unbehaglich fühlen, denken sich: „Okay, ich werde einfach großzügig und liebevoll sein. Und das wird reichen.” In den 80er und 90er Jahren war das typisch, weil sich die Mütter und Väter auch gegen den Stil ihrer Eltern gewendet haben. Aber ein allzu nachgiebiger Erziehungsstil, zeigt die Forschung, bringt ebenfalls keine guten Ergebnisse. Kindern, denen keine Grenzen gesetzt werden, mögen vielleicht eine sehr enge Verbindung zu ihren Eltern haben, aber weil es für sie keine festen Strukturen gibt, experimentieren sie später häufig mit risikoreichem Verhalten, mit Drogen und Sex etwa, und übernehmen keine Verantwortung in der Schule oder zu Hause. Kinder brauchen Grenzen und eine gewisse Struktur und Feedback zu den Folgen ihres Handelns. Eltern, die keine Autoritätspersonen sein wollen, lösen oft einfach die Probleme ihrer Kinder, sodass die nie das Feedback bekommen, das sie brauchen.

Das sind dann die Kinder, die für andere Erwachsene unheimlich anstrengend sind. Die im Supermarkt den Pudding auf dem Boden verteilen, während die Mutter oder der Vater ergeben danebensteht.

Ganz genau. Und dann denken wir, dass Eltern zu nachgiebig sind. Manche sind es wirklich, aber die Lösung ist nicht, hart durchzugreifen, sondern Grenzen zu ziehen und Strukturen zu etablieren. In einer demokratischen, nicht autoritären Weise.

Wie sieht denn so eine Familien-Demokratie aus?

Wir machen bei uns zu Hause einmal die Woche ein Familientreffen und legen die Regeln gemeinsam mit den Kindern fest. Meistens haben die Kinder Wünsche, sie wollen zum Beispiel später ins Bett. Dann lassen wir uns darauf ein, besprechen aber, was wir dafür von ihnen erwarten: Dass sie morgens trotzdem pünktlich und fertig auf der Matte stehen. Wenn das dann innerhalb der ersten Woche an fünf von sieben Tagen nicht klappt, sagen wir beim nächsten Treffen, dass wir die alte Schlafenszeit wieder einführen, aber es in ein paar Monaten noch einmal probieren können.

Und das akzeptieren die Kinder dann einfach?

Sie sind vielleicht nicht total happy damit, aber sie wissen es zu schätzen, dass sie gehört werden und sich einbringen dürfen. Und dass wir bereit sind, ihre Ideen auszuprobieren und nicht einfach nur unsere Sicht der Dinge durchziehen. Stellen sie sich vor, sie sind Verkäufer: Sie können versuchen, dem Kunden das Produkt einfach aufzudrücken, oder versuchen, seine Perspektive, Grenzen und Bedürfnisse zu verstehen.

Der Erziehungsstil, den Lewis hier beschreibt, heißt „Apprenticeship-Model”. Die wörtliche Übersetzung wäre „Ausbildungsmodell”. Dahinter steckt die Idee, dass Erziehung ein Raum ist, in dem Kinder beim Lernen unterstützt werden. Das erste und wichtigste Element ist die Verbindung zum Kind: Der oder die Erwachsene versucht, sich in das Kind hineinzuversetzen, seine Gefühle ernstzunehmen und seine Perspektive zu akzeptieren, auch wenn diese für den Erwachsenen völlig unlogisch ist. Das zweite Element ist Kommunikation: Eltern sprechen mit ihrem Kind darüber, was sie wollen, was das Kind will und wo Kompromisse möglich sind. Das dritte Element heißt „Fähigkeiten entwickeln”: Mit wachsendem Alter übernimmt das Kind immer mehr Verantwortung – und bekommt gleichzeitig mehr Freiheiten.

Es geht also um Kollaboration statt Hierarchien. Das stelle ich mir mit Kindern schwierig vor.

Ja, weil wir so stark verinnerlicht haben, dass es in Beziehungen um Machtkonflikte geht. Unsere gesamte Gesellschaft baut darauf auf. Und das ist wirklich eine Schande, denn man kann durch ein kollaboratives Modell viel bessere Ergebnisse erzielen – oder zumindest die gleichen Ergebnisse. Bei den Erziehungskursen, die ich unterrichte, sagen wir manchmal, dass wir Erwachsenen Kollaboration erst als zweite Sprache lernen, aber unsere Kinder lernen sie als Muttersprache. Und so werden sie das später viel besser umsetzen können.

Ich sehe es das jetzt schon bei meinen Kindern. Sie sind wahnsinnig gut darin, Konflikte untereinander und mit anderen Kindern in der Schule zu lösen. Zu Hause haben sie auch alle möglichen geheimen Absprachen miteinander ausgehandelt, deren Details ich gar nicht kenne: Wer wann wessen Bücher lesen oder in das Zimmer der anderen gehen darf, wie Arbeiten im Haushalt getauscht werden können …

Katherine Reynold Lewis hat drei Kinder im Alter von 12, 14 und 25 Jahren.

Suz Redfearn

Ich gebe zu, dass es einige Momente beim Lesen ihres Buchs gab, in denen ich dachte: „Oh, das sollte ich mal als Strategie in der Kommunikation mit meinem Partner ausprobieren!” Zum Beispiel die Methode „Murmeln und Weggehen”.

Das ist eine meiner Lieblingsmethoden! Wenn ich merke, dass ich mich gerade nicht im Griff habe und kurz davor bin loszuschimpfen, murmele ich irgendwas, zum Beispiel „Ich glaube, das Telefon klingelt” und gehe weg, atme ein paar Mal durch, beruhige mich und komme wieder

Mal ganz konkret: Sie kommen ins Wohnzimmer und sehen, dass die Kinder beim Spielen auf dem Sofa überall Schokolade verkleckern. Was tun Sie? Da wenden Sie doch nicht „Murmeln und Weggehen“ an?

Ich atme tief durch. Und ja, doch: Vielleicht muss ich erst einmal murmeln und weggehen. Dann versuche ich, Informationen zu geben: „Ich sehe Schokolade auf dem Sofa.” Manchmal reicht das schon. Dann sagen die Kinder vielleicht ganz erschrocken: „Oh, das haben wir nicht gemerkt, wir machen es weg.”

Wir denken oft, Kinder würden sich absichtlich schlecht verhalten. Vielleicht sind sie aber einfach in ihrer eigenen Welt und merken es nicht. Und die Chance, dass sie ihre Sauerei wegmachen, ist größer, wenn ich mit dem reiferen Teil ihres Gehirns kommuniziere, der Emotionen verarbeitet und Lösungen findet, als wenn ich sie anbrülle und eine primitive oder Kampf-oder-Flucht-Reaktion in Gang setze.

Was, wenn die Kinder die Schokolade trotzdem nicht wegmachen?

Dann sage ich vielleicht. „Was denkt ihr, was wir brauchen, um das Sofa sauberzukriegen?” Oder wenn es ein jüngeres Kind ist: „Willst du ein feuchtes Papiertuch oder einen Waschlappen benutzen?“ Statt zu schimpfen, stellen Sie Fragen und geben Informationen. Sie stellen klar, und bleiben dabei, dass es ein Problem gibt, das gelöst werden muss, die dreckige Couch. Damit erzeugen sie mehr Kooperation, als wenn sie vermitteln, dass sie es mit respektlosen und ungehorsamen Kindern zu tun haben. Wenn die Kinder sich einfach nur schlecht fühlen, sind sie nicht hilfreich oder produktiv.

Vielleicht fühlen sie sich nicht schlecht, sondern schmeißen sich auf den Boden und legen einen Wutanfall hin. Was dann? Mit brüllenden Kindern kann man nicht ruhig diskutieren.

Das muss man in einem solchen Moment auch nicht. Wenn ein Kind einen Tobsuchtsanfall hat, ist in seinem Gehirn die Amygdala aktiv, Lernen und Verstehen ist gerade sowieso nicht angesagt.

Die Amygdala ist das sogenannte „Angstzentrum" des Gehirns und Teil des limbischen Systems. Wenn die Amygdala feuert, schaltet das Gehirn auf die Bewältigung unmittelbarer Gefahren und auf Kampf, Flucht oder Starre. Analytische Fähigkeiten sind reduziert.

Es bringt aber nichts, wenn ich dann auch brülle. Vielleicht hilft es, wenn man das Kind in den Arm nimmt. Darauf hat man in dem Moment vielleicht keine Lust, aber wir wissen aus der Forschung, dass der freundliche Kontakt eines Erwachsenen mit einem gestressten Kind die Gehirnregionen stimuliert, die für emotionale Regulierung zuständig sind. Später, wenn der Wutanfall vorbei ist, überlegt man gemeinsam, wie das Kind beim nächsten Mal besser mit seiner Frustration umgehen kann.

Lewis bezieht sich hier auf ein Experiment an der Universität Pittsburgh, bei dem die Gehirne von Kindern mit Angststörungen per fMRT (funktionale Magnetresonanztherapie) betrachtet wurden. Manche der Kinder wollten ihre Mutter neben sich haben, während sie im Scanner untersucht wurden. Dabei stellte man fest, dass die Gehirne der Kinder, deren Mutter in der Nähe war, nicht die Angst- und Stressreaktionen zeigten, die bei den anderen Kindern auftraten. Die Gehirne der begleiteten Kinder sahen aus wie die von Kindern ohne Angststörung. Diese Studie und Folgestudien legen nahe, dass Erwachsene bei gestressten Kindern durch mitfühlende Nähe (zum Beispiel Berührung) die Gehirnbereiche stimulieren können, die emotionale Regulierung steuern.

Das ist ein ganz schön hoher Anspruch an die Eltern.

Ja, und natürlich schafft man das nicht immer perfekt. Das ist okay, man muss den Kindern gegenüber nicht dauernd kontrolliert und neutral sein. Aber wenn man wütend oder verletzt ist, kann man ihnen zeigen, wie man mit solchen Gefühlen gut umgeht. Zum Beispiel, indem man sagt: „Ich bin gerade ziemlich aufgebracht und brauche fünf Minuten, deswegen gehe ich jetzt weg.”

Sie sagen, dass Eltern überhaupt nicht hart durchgreifen sollten. Dass sie diesem Impuls widerstehen sollten.

Das erfordert einen gewissen Vertrauensvorschuss. Aber wir wissen aus der aktuellen Forschung, dass Kinder bestrafen einfach kontraproduktiv ist. Wenn wir hart durchgreifen, hindern wir Kinder daran, sich selbst regulieren zu lernen. Es geht dabei um Gehirnstrukturen, die man durch Lernen ausbilden kann. Das ist auch deswegen wichtig, weil Probleme wie Depressionen und Aufmerksamkeitsstörungen sehr viel mit Regulierung von Gedanken, Gefühlen und Verhalten zu tun haben.

Ich sehe das so: Wenn unsere Kinder geboren werden, haben wir die totale Kontrolle über sie, sind für alles verantwortlich, was sie tun und müssen für ihre Sicherheit sorgen. Wenn sie achtzehn sind, wollen wir, dass sie komplett selbstverantwortlich und unabhängig sind. Wir müssen mit ihnen also einen Weg gehen, auf dem wir mehr und mehr Kontrolle abgeben und von ihnen mehr Verantwortung und Unabhängigkeit einfordern. Das muss Schritt für Schritt passieren, nicht auf einmal an ihrem 18. Geburtstag. Dafür müssen Eltern ihre Rolle darin sehen, ihren Kindern Unabhängigkeit und Selbstverantwortung beizubringen, statt unerwünschtes Verhalten zu bestrafen.

Da braucht man einen ganz schön langen Atem.

Ja, aber ich sage nicht, dass kindliches Verhalten, wenn es unangebracht ist, keine Konsequenzen nach sich zieht. Wir zu Hause einigen uns zum Beispiel darauf, was passiert, wenn die Kinder gegen die Regeln verstoßen: In meinem Haus müssen sie zum Beispiel ihre Handys um 20.30 Uhr wegräumen und ich meins um 22.00 Uhr. Sie kommen alle in dieselbe Ladestation. Ich mache also vor, dass wir alle bildschirmfreie Zeit vor dem Schlafengehen brauchen, auch die Eltern. Die Kinder sehen sich als Teil eines Systems, das funktioniert. Und sie wissen, was sie zu erwarten haben. Wenn sie außerhalb der vereinbarten Zeit an ihre Handys gehen, wissen sie, dass sie am nächsten Tag ihr Handy gar nicht benutzen dürfen, wenn wir sie dabei erwischen.

Es gibt also doch Strafen!

Es gibt Konsequenzen.

Was ist der Unterschied?

Es klingt vielleicht, als wäre beides das gleiche, aber aus Sicht der Kinder macht es einen großen Unterschied. Ich sage als Mutter nicht: Du bist ein böses Kind. Sondern ich erinnere das Kind daran, dass wir eine Vereinbarung getroffen haben. Ich vermittele ihm also nicht, dass es selbst ein Problem ist, sondern dass seine Entscheidungen Konsequenzen haben.

Das ist ein enorm wichtiger Perspektivwechsel. Ich glaube, viele von uns glauben immer noch, unsere Rolle als Eltern bestehe darin, die Peitsche oder der Vollstrecker zu sein.

Ganz ehrlich: Das klingt sehr anstrengend. Als müsste man stundenlang mit den Kindern diskutieren. Ist es im Alltag nicht doch praktikabler, mal die Peitsche zu schwingen?

Es stimmt, am Anfang muss man mehr Zeit investieren. Man muss den Kindern erst beibringen, wie das System funktioniert. Aber langfristig macht es das Leben einfacher. Wenn man wiederum die Peitsche schwingt, kriegt man die Kinder kurzfristig dazu, zu machen, was man will, aber langfristig hilft es nicht, eher im Gegenteil.

Ich diskutiere eigentlich nicht stundenlang mit meinen Kindern. Es gibt einen festen Zeitrahmen für unser Familientreffen: zehn Minuten. Also sind die Kinder ziemlich gut darin geworden, Probleme schnell zu lösen. Wenn man dagegen einen Teenager bestraft, ist das nicht nach fünf Minuten erledigt. Die sind stundenlang wütend!

Stichwort Konsequenzen: In ihrem Buch beschreiben Sie, dass Sie ihre Tochter manchmal zu Hause gelassen haben, wenn sie nicht rechtzeitig für die Schule fertig war. Das ist ziemlich radikal.

So etwas macht man auch nicht mal eben aus dem Affekt heraus. Man darf sowieso nur Konsequenzen ankündigen, bei denen man auch bereit ist, sie durchzuziehen. Das heißt, wenn man weiß, dass es in einem bestimmten Bereich ein Problem gibt, mit dem Fertigwerden morgens zum Beispiel, plant man vor. Ich bespreche also zum Beispiel mit den Nachbarn, dass das Kind sich an sie wenden kann, wenn es Angst hat oder Hilfe braucht. Oder schalte das WLAN ab, damit meine Tochter sich nicht mit dem iPad amüsiert, während sie alleine ist.

Apropos Teenager: Sie haben herausgefunden, dass Jugendliche, die viel Zeit auf Facebook und Instagram verbringen, öfter depressiv sind.

Die meisten Studien dazu sind mit College-Studenten durchgeführt worden, also 18- bis 22-jährigen. Dabei hat sich tatsächlich herausgestellt: Es gibt eine starke Verbindung zwischen einer starken Social-Media-Nutzung und Depressionen. Am schlimmsten ist die passive Nutzung, wenn du also nur durch den Feed scrollst und dir Fotos anderer Menschen ansiehst. Man kennt das ja: Wir sehen immer nur die besten Momente im Leben unserer Freunde und Bekannten, niemand postet etwas Negatives. Du bekommst also das Gefühl, dass alle mehr Spaß haben als du. Und wir sind darauf programmiert, dass wir uns sozial vergleichen. Besser ist es, soziale Medien aktiv zu nutzen, zum Beispiel einer Freundin zu schreiben oder auf einen Post zu reagieren.

Ich habe eine Freundin, die eine Teenager-Tochter hat. Sie sagt immer wieder seufzend, dass sie keine Ahnung hat, was für Erwachsene aus dieser Generation entstehen werden, die so viel Zeit mit ihren Smartphones verbringt.

Ja, und das gilt ja nicht nur für Kinder. Wir müssen alle die Beziehung zu unseren Smartphones verstehen und begreifen, wie wir uns fühlen, wenn wir sie benutzen. Ich rate Eltern, dass sie ihren Kindern helfen, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln. Manchmal ist es toll, mit Freunden zu messagen oder Spiele zu spielen. Aber wenn Kinder aufmerksam sind, merken sie vielleicht, dass sie gerade eine Stunde mit ihrem Handy verbracht haben – und gar nichts gemacht haben. Was sich letztlich nicht gut anfühlt. So fangen sie an, sich selbst auf eine gesunde Weise Feedback zu geben. Natürlich müssen Eltern auch vormachen, wie eine gesunde Mediennutzung aussieht. Das ist sonst nicht sehr glaubwürdig. Was wir tun, ist immer stärker als das, was wir sagen.

Sie sind gegen Strafen, aber auch gegen Belohnungen. Was ist das Problem? Als Ihre Tochter Geigenunterricht genommen hat, haben sie festgestellt, dass sie deswegen so begeistert hinging, weil sie dort immer etwas Süßes gekriegt hat. Aber immerhin hat sie Geige spielen gelernt!

Stimmt! Es gibt aber viele Forschungen, die zeigen, dass Belohnungen wirklich kontraproduktiv sind. Wenn du ein Kind belohnst, weil es etwas tut, sendest du die Botschaft, dass es das eigentlich gar nicht will. Und dass es eine Belohnung zu erwarten hat, wenn es Geige lernt oder gute Noten kriegt. Später im Leben wird aber niemand Belohnungen verteilen. Wir sollten Kindern lieber dabei helfen, einen Sinn in dem zu finden, was sie tun, ihre eigene Begeisterung dafür zu entdecken.

Ich weiß, dass Belohnungen für viele Eltern funktionieren, und ich will ihnen das nicht ausreden. Aber ich rate immer: Achte darauf, wann die Belohnung nicht mehr funktioniert. Der Punkt kommt immer, selbst wenn man den Kindern Geld gibt. Irgendwann wachen sie eines Sonntagmorgens auf und sagen, ich habe keine Lust, meine Aufgaben im Haushalt zu erledigen, behalt' dein Geld. Und dann hast du nichts in der Hand, um sie dazu zu bewegen. Wenn es hingegen im Haus einen sozialen Vertrag gibt, der diese Dinge festlegt und zu dem all ihren Beitrag leisten, ist das viel mächtiger.

Sie beschäftigten sich jetzt schon seit einigen Jahren mit dem Thema Kindererziehung. Was ist Ihre bisher wichtigste Einsicht?

Wenn du willst, dass deine Kinder sich im Griff haben, musst du das bei dir selbst hinkriegen. Und am schnellsten kommst du ans Ziel, wenn du dich ein bisschen lockermachst.


Im Krautreporter Podcast „Verstehe die Zusammenhänge“ spricht Martin Gommel mit Theresa Bäuerlein über ihren Artikel:

Erziehung sollte eigentlich ein Kinderspiel sein. Wer ist nicht genervt von den drei Kindern, die ihren Eltern in der Bahn auf der Nase herumtanzen, schreien, weinen und überall das Eis verkleckern? Richtig. Wir sind es alle. Bis wir irgendwann selbst Eltern werden. Spätestens dann merken wir: Hm, gar nicht so einfach. Warum viele Annahmen über Kindererziehung falsch sind und welche Methoden und Ansätze wirklich funktionieren, darüber spricht Martin Gommel mit Theresa Bäuerlein.


Redaktion: Esther Göbel; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel (Aufmacher: unsplash / Simon Rae).