Altersvorsorge

Deine Altersvorsorge – Folge 3: Aktien kaufen, verständlich erklärt

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Alle Folgen unserer Altersvorsorge-Serie:

Folge 1: So machst du deine Psyche zur Verbündeten
Folge 2: Dieser Text hilft dir, den Überblick zu bekommen
Folge 3: Aktien, verständlich erklärt
Folge 4: Soll ich eine Immobilie kaufen?
Folge 5: Das kannst du für die Rente tun, wenn du nicht mehr jung bist
Folge 6: So könnten wir die Probleme des Rentensystems lösen


Wenn ich etwas von der Börse höre, geht es nur um Crash, Verluste und Betrügereien. Warum sollte ich bitte meine Altersvorsorge auf so etwas aufbauen?

Klar, Geld an der Börse zu investieren, ist risikoreicher, als es auf dem Sparbuch liegen zu lassen. Es bringt aber auch deutlich mehr, und du kannst ja selbst entscheiden, welches Risiko du eingehen willst. Die Börse gibt Zockern Platz, aber auch Leuten wie uns, die ihre Altersvorsorge solide planen wollen. Wie das gelingen kann, beschreibe ich in diesem Text.

Okay, wie genau können mir Aktien bei der Altersvorsorge helfen?

Wenn die gesetzliche Rente nicht reicht, um davon im Alter gut leben zu können, brauchst du noch etwas dazu. Das Ziel ist, dass sich dein gespartes Geld quasi von allein vermehrt. Es gibt zwei Stellschrauben, um dieses „Dazu” zu beeinflussen: Wie viel Geld du sparst, und wie stark sich das gesparte Geld vermehrt. Wenn du Gewinn machst, dadurch dass du Geld anlegst, heißt das Rendite. Je mehr Rendite, desto stärker vermehrt sich das Geld.

„Rendite”, ja? Das, was auch die Großkapitalisten wollen, die aus ihren Arbeitern noch den letzten Cent rauspressen?

Guter Einwand. Es ist natürlich klar: Wenn du an der Börse mitmischst, machst du dich zu einem Teil unseres Wirtschaftssystems, im Guten wie im Schlechten. Aber es gibt Wege, das Schlechte zu minimieren. Man kann zum Beispiel sagen, dass man keine Anteile von Firmen kauft, die Öl fördern und weiterverarbeiten, oder Waffenhersteller einfach ignoriert. Das ist alles möglich. Aber, wenn du den Kapitalismus generell ablehnst, sind Aktien wahrscheinlich wirklich nicht das Richtige für dich. Diese Entscheidung musst du selbst treffen.

Ich denke darüber nach. Wie ist denn die Rendite von Aktien?

In der Regel ist sie höher als zum Beispiel auf dem Sparbuch oder bei Immobilien. Wer als Anleger auf eine breite Auswahl von Aktien aus der ganzen Welt setzte, konnte seit 1970 eine durchschnittliche Rendite von etwa 6,8 Prozent bekommen. Zum Vergleich: Als die Riester-Rente eingeführt wurde, rechnete man mit einer Rendite von vier Prozent. In vielen Fällen ist sie aber deutlich niedriger.

Die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt zur Riester-Rente: „Modellrechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kommen zu dem Ergebnis, dass eine Sparerin, die 2011 einen Vertrag abschließt, immerhin 84,2 Jahre alt werden muss, um eine reale, d. h. inflationsbereinigte Rendite von null Prozent zu erhalten. Soll eine Rendite über die eingezahlten Beträge hinaus gewährleistet werden, so muss bei einer Rendite von 2,5 Prozent ein Alter von 109,8 Jahren erreicht werden.”

Da es hier um potenziell zehntausende Euro und mein Leben im Alter geht, wäre es vielleicht nicht schlecht, wenn ich zunächst noch eine andere Frage stelle: Was genau sind eigentlich Aktien?

Anteile von Unternehmen. Wenn ein Unternehmen Geld braucht, kann es sich selbst in eine Aktiengesellschaft verwandeln. Dann gibt es Aktien aus, die Investoren kaufen können. Die Firma kann das so verdiente Geld investieren. Unternehmen gehen oft dann an die Börse, wenn sie wachsen wollen und dieses Wachstum bezahlen müssen.

Und wenn der Aktienkurs einer Firma einbricht, ist sie dann auf einen Schlag weniger wert?

Im Prinzip ja. Der Aktienkurs hängt davon ab, wie die Investoren die Chancen des Unternehmens einschätzen. Wenn das Unternehmen zum ersten Mal Aktien ausgibt, wird in einem etwas aufwendigeren Hin und Her zwischen Interessenten und der Firma ein Aktienkurs bestimmt, also auch der Wert der Firma. Der Aktienkurs ist laut der reinen Lehre dort, wo das Angebot der Nachfrage entspricht. Wenn also viele Menschen die Chancen eines Unternehmens gut einschätzen und Aktien kaufen wollen, steigt der Kurs. Wenn viele ihre Aktien verkaufen wollen, sinkt der Kurs. Als Facebook Ende Juli in einem Geschäftsbericht verriet, dass der Umsatz nicht mehr so stark wachsen werde wie bisher, stürzte der Kurs ab und der Wert des Unternehmens sank um mehr als 120 Milliarden Dollar. Das ist fast viermal so viel wie der gesamte Börsenwert der anderen Plattform Twitter.

Und diese Aktien handelt man an der Börse.

Jup, Gemüse gibt es im Supermarkt und Aktien an der Börse. Früher saßen dort vor allem Männer zusammen und haben laut gerufen und gestikuliert und Bestellungen in ihre Telefone gebrüllt. Hier mal ein Eindruck von der Züricher Börse:

https://www.youtube.com/watch?v=4wFvkkT_Qfs

Oft hört man auch den Begriff Wertpapier. Das sind Urkunden, die für ein Vermögen stehen, das man hat. Dazu gehören Aktien, aber zum Beispiel auch Anleihen. Eine Anleihe ist ein Kredit, der an der Börse gehandelt wird. Wer eine Unternehmensanleihe kauft, gibt dem Unternehmen einen Kredit und bekommt dafür Zinsen. Es gibt auch Staatsanleihen, hier gibt man einem Staat einen Kredit.

Zwar sitzen auch heute noch Männer (und ein paar Frauen) in den Börsen und handeln, aber das läuft heute alles viel ruhiger ab.

Der Begriff Börse stammt übrigens aus dem 15. Jahrhundert aus dem belgischen Brügge. Dort versammelten sich regelmäßig reiche italienische Händler auf einem Platz. Dieser Marktplatz war nach einer Adelsfamilie benannt, die dort wohnte: van der Beurse.

Okay. Dann lass uns doch direkt mal konkret werden: Welche Unternehmen soll ich kaufen?

Oha … ruhig, ruhig. Wenn du nicht vorhast, dich richtig tief in die Materie einzulesen und immer die Nachrichten dazu zu verfolgen, und wenn dir das alles eigentlich auch nicht besonders viel Spaß macht, dann solltest du keine Aktien von einzelnen Unternehmen kaufen. Und vielleicht auch so nicht.

Was daran gefährlich ist, zeigt das Beispiel der Telekom-Aktie sehr gut, die auch als T-Aktie bezeichnet wird. 1996 ging die Telekom an die Börse und machte groß Werbung für ihre Aktien. Viele Kleinanleger kauften, also normale Menschen, die bisher mit der Börse nicht viel am Hut hatten. Der damalige Vorstandsvorsitzende der Telekom, Ron Sommer, sagte: „Die T-Aktie wird so sicher wie eine vererbbare Zusatzrente sein.” Dass das nicht stimmte, sollte sich später zeigen. Zunächst aber gab die Telekom noch mehr Aktien aus, einmal im Jahr 1999 und einmal im Jahr 2000. Der Preis der Aktie stieg jedes Mal, 2000 kostete eine Aktie 66,50 Euro. Dann stürzte die Aktie ab. Wer viele T-Aktien gekauft hatte, verlor viel Geld. Inzwischen ist die Telekom-Aktie etwa 14 Euro wert. So etwas passiert leicht, wenn man auf ein einzelnes Unternehmen setzt. Die Lehre daraus: Wer anlegt, muss streuen. Fachleute nennen das „diversifizieren”.

Der Bundesverband Deutscher Banken beschreibt hier die Geschichte der T-Aktie.

Das klingt kompliziert.

Ist es eigentlich gar nicht. Das heißt bloß, dass man nicht alles auf eine Karte setzt. Wenn man viele Aktien eines Unternehmens kauft und dann der Aktienkurs des Unternehmens fällt, verliert man möglicherweise viel Geld. Wenn man Aktien von fünf Unternehmen kauft, ist das Risiko schon kleiner. Vielleicht läuft es bei zwei Unternehmen schlecht, bei den anderen dreien aber gut. Je mehr Unternehmen im Portfolio sind, desto unwahrscheinlicher ist es, dass es bei allen schlecht läuft. Wenn man sich aber Aktien von so vielen verschiedenen Unternehmen kauft, ist das viel Arbeit und man braucht viel Geld. Deshalb gibt es Fonds.

Ein Portfolio ist hier der Bestand an Wertpapieren, die ein Anleger hat. Wertpapiere sind zum Beispiel Aktien oder Anleihen.

Was ist das?

Ein Aktienfonds ist quasi ein Bündel, in dem verschiedene Aktien zusammengeschnürt sind. Dieses Bündel schnüren Banken und Investmentgesellschaften, die darauf spezialisiert sind. Wenn du ihnen Geld gibst, nehmen sie das und stecken es in der Regel in Aktien, die in dem Bündel sind.

Manche Fonds investieren auch nicht direkt in Aktien, sondern benutzen Zertifikate und ähnliches, um den Wertverlauf abzubilden. Aber das ist nicht wichtig, um das Grundprinzip eines Fonds zu verstehen.

Und welche Aktien sind in so einem Fonds drin?

Das kommt darauf an, welchen Fonds man aussucht. Es gibt welche, die sich auf bestimmte Regionen konzentrieren oder bestimmte Branchen. Manche arbeiten auch mit speziellen Strategien, mit denen man „den Markt schlagen” können soll, also angeblich mehr Rendite erzielt als der gesamte Markt. Es gibt aktiv und passiv gemanagte Fonds. Aktiv heißt, dass es einen Fondsmanager gibt, der entscheidet, welche Aktien er in das Bündel aufnimmt. Passive Aktienfonds bilden einen Index ab.

Index?

Bei so vielen verschiedenen Wertpapieren, die an der Börse gehandelt werden, ist es nicht leicht, den Überblick zu behalten. Deshalb gibt es Indizes (ja, das ist tatsächlich die Mehrzahl von Index), die einen bestimmten Teilbereich abbilden. Viele kennen den DAX, den Deutschen Aktienindex. Er gibt wieder, wie sich die Aktien der 30 größten börsennotierten deutschen Unternehmen entwickeln. Es gibt Fonds, die genau den Deutschen Aktienindex abbilden, das heißt, in dem Bündel sind Aktien der 30 größten deutschen Unternehmen im gleichen Verhältnis wie beim DAX.

Okay, kenne ich. Und so einen DAX-Fonds sollte ich jetzt kaufen, oder? Schließlich ist der ja breit gestreut, das war ja wichtig.

Ja. Und nein. Es ist wirklich wichtig, dass du nicht irgendeinen Fonds nimmst. In diesem Zusammenhang fällt auch immer wieder der Ausdruck ETF.

Schon wieder so eine Abkürzung ...

ETF steht für exchange-traded fund, also ein Fonds, der an der Börse gehandelt wird. ETFs sind passiv gemanagte Fonds, die Indizes wie den DAX abbilden.

Ich habe noch nicht ganz verstanden, was „passiv gemanagt” heißt.

Da gibt es niemanden, der versucht, den Markt zu schlagen. Der Fonds sollte sich im Idealfall genauso verhalten wie der Index, der darunter liegt. Wenn der DAX um zwei Prozent steigt, muss auch der DAX-ETF um zwei Prozent steigen.

Und das ist wirklich möglich?

Ja, es gibt manchmal Abweichungen, aber die sind bei den großen Fonds nicht weiter wichtig.

Aber hey, es gibt doch immer wieder Leute, die richtig viel Geld an der Börse verdienen. Die werden doch nicht solche ETFs kaufen, oder?

Nein, eher nicht, das stimmt … Richtig gute Manager können tatsächlich besser sein. Aber meistens nur für ein oder zwei Jahre. Das Indexunternehmen S&P Dow Jones Indices gibt seit 2002 regelmäßig eine Studie heraus, in der die Autoren aktiv gemanagte Fonds mit den entsprechenden Indizes vergleichen. Im Zeitraum von einem Jahr schaffen es noch viele aktiv gemanagte Fonds besser zu sein als der Index. Nach zehn Jahren sind in den meisten Regionen mehr als 80 Prozent der aktiv gemanagten Fonds schlechter als der Index.

Natürlich gibt es Investment-Legenden wie Warren Buffet. Er ist dafür bekannt, vergleichbare Indizes zu schlagen und ist schon seit mehr als 50 Jahren erfolgreich. Einmal im Jahr pilgern Zehntausende Investoren nach Omaha in Nebraska, um zu hören, was Buffet zu sagen hat. Das hat ihm den Spitznamen Orakel von Omaha eingebracht.

Also ja, es gibt die erfolgreichen Manager. Aber die muss man erst einmal finden. Und wenn sie so erfolgreich sind, ist es dann nicht unwahrscheinlich, dass sie einen Fonds für Privatanleger managen? Selbst Warren Buffet empfiehlt seiner Ehefrau, nach seinem Tod in einen gewöhnlichen Indexfonds zu investieren. Er glaubt, dass das Ergebnis auf lange Sicht besser sein wird als das, was die meisten Investoren erreichen können.

Das schreibt Warren Buffet im Jahresbericht seines Unternehmens Berkshire Hathaway von 2013.

Alles klar, das Orakel sagt Indexfonds. Was bringt mir das alles für die Altersvorsorge?

Wenn du dich darauf einlässt, ziemlich viel. Ich habe anfangs beschrieben, dass man mit Aktien in der Regel mehr Rendite bekommt als zum Beispiel mit einer Riester-Rente. Mehr Rendite bedeutet immer auch mehr Risiko. Der Aktienkurs schwankt, und man kann zeitweise Geld verlieren. Der Trend zeigt aber, dass der Aktienkurs bisher langfristig gestiegen ist.

Verlauf des MSCI World von 1969 bis 2012

Die Abbildung zeigt den Verlauf des MSCI World. Mehrere Quellen, die ich bei der Recherche genutzt habe, empfehlen diesen Index. Unter anderem die Stiftung Warentest und die Redaktion von Finanztip. Der MSCI World ist ein Aktienindex, genau wie der DAX. Er bildet aber nicht nur Aktien deutscher Unternehmen ab. Im MSCI World Index sind Aktien der größten Unternehmen der sogenannten Industrieländer, über 1.600 Aktien aus 23 Ländern. Wenn man in einen Fonds investiert, der diesen Index abbildet, hat man das Risiko schon gut gestreut.

Der Finanzblogger und Autor Albert Warnecke, und ebenfalls die Redaktion von Finanztip, empfehlen auch den MSCI World ACWI. Das steht für „All countries world index”. Neben den Unternehmen aus 23 Industrieländern sind hier Aktien von Unternehmen aus 24 Schwellenländern enthalten. Allerdings nehmen die Schwellenländer bloß etwa elf Prozent ein. Wenn man glaubt, dass diese Märkte stärker wachsen werden, kann ein ETF auf diesen Index eine gute Alternative sein.

Hier eine Übersicht von Finanztip zum MSCI World ACWI.

Um dich noch weiter in das Thema „Altersvorsorge mit ETFs” einzulesen, empfehle ich das Buch „Der Finanzwesir. Was Sie über Vermögensaufbau wirklich wissen müssen” von Albert Warnecke.

Und welchen von den beiden soll ich jetzt nehmen?

Das musst du schon selbst entscheiden, ich bin ja nicht deine persönliche Finanzberaterin. Aber okay. Einen Tipp gebe ich dir doch: Welche Aktie du auf keinen Fall kaufen solltest. Das Unternehmen heißt „Long Blockchain” und verkauft … Eistee. Ja, du hast richtig gelesen. Als sich Long Island Icetea in Long Blockchain umbenannte, schoss der Aktienkurs nach oben. Es war die gleiche Eistee-Firma, nur mit Blockchain im Namen. Daran sieht man, wie irrational die Börse oft sein kann. Kurz darauf fiel der Kurs wieder ab.

https://twitter.com/TheStalwart/status/943851385468211201

Das ist ein gutes Stichwort. Wir müssen jetzt doch nochmal über das Risiko reden, sorry. Sind Aktien nicht die risikoreichste Anlage überhaupt?

Alles gut, damit hast du absolut recht. Viele Börsenprofis handeln sogar genau nach diesem Gedanken: Sie versuchen zuerst das Risiko zu minimieren. Dann erst schauen sie auf Gewinne.

Finanzpsychologin Monika Müller sagt: „Viele Deutsche haben Angst vor der Börse und vor Aktien, weil wir mit den Begriffen nicht groß werden.” In den Familien werde selten über Geld und noch seltener über Geldanlage gesprochen. Das, wofür wir keine Sprache haben, empfinden wir als fremd, sagt Müller. Und vor dem, was fremd ist, hätten wir erst einmal Angst. Die Amerikaner dagegen müssten sich schon viel länger mit privaten Rentenplänen beschäftigen. Das bringe das Thema in die Familien.

Müssen sich die Amerikaner nicht damit beschäftigen, weil die so ein beschissenes staatliches Vorsorgesystem haben?

Das lässt sich schlecht abstreiten … Aber zurück nach Deutschland.

Dass wir als Kinder nicht von Aktien gehört haben, können wir nicht mehr ändern. Das Fremde können wir aber bekämpfen, indem wir uns mit Aktien beschäftigen. Wenn man richtig anlegt, ist das Risiko geringer als viele denken. Solange es ein Weltwachstum gibt, man breit streut und genug Zeit hat, wird man von diesem Wachstum profitieren. Trotzdem: Nicht all dein Geld solltest du in Aktien investieren. Wie hoch dein Aktienanteil sein sollte, hängt von deiner persönlichen Risikobereitschaft ab. Finanzpsychologin Monika Müller sagt: „Risikobereitschaft ist ein relativ stabiles Persönlichkeitsmerkmal. Wenn wir mit 18 risikofreudig sind, sind wir es mit 80 auch noch.“

Wenn nicht in Aktien, worin sollte ich dann denn noch anlegen?

Einen Teil deines Geldes solltest du so anlegen, dass das Risiko sehr gering ist. Das ist zum Beispiel bei deutschen Staatsanleihen der Fall. Man leiht Deutschland für einen festgelegten Zeitraum Geld und bekommt dafür Zinsen. Zurzeit sind allerdings die Zinsen sehr niedrig. Teilweise verliert man sogar Geld. Wenn die Zinsen wieder steigen, kann sich das aber schnell ändern. Es gibt auch Fonds, die nur in sichere Staatsanleihen investieren – sogenannte Rentenfonds. Die Stiftung Warentest empfiehlt, nur solche Fonds zu kaufen, die in Anleihen in Euro investieren, nicht in anderen Währungen. Eine andere Möglichkeit ist, dein Geld auf einem Festgeldkonto anzulegen. Hier überlässt du dein Geld für einen bestimmten Zeitraum der Bank und bekommst dafür einen vorher festgelegten Zinssatz.

Infos zu deutschen Staatsanleihen gibt es von der deutschen Finanzagentur.

Finanztip vergleicht hier Festgeldkonten von verschiedenen Banken.

Alles klar, nochmal zurück zu der Risikobereitschaft. Warum ist das wichtig?

Stell dir vor, du legst viel Geld in Aktien an. Der Kurs schwankt, er wird also mit großer Wahrscheinlichkeit auch sinken und in dieser Zeit verlierst du Geld, zumindest auf dem Papier. Wenn du dann Panik bekommst und deine Aktien verkaufst, hast du diesen Verlust auch wirklich gemacht. Das Geld ist tatsächlich weg. Wenn du aber Geduld hast und warten kannst, könnte sich das Problem von alleine erledigen. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit wird der Kurs irgendwann wieder steigen. Also solltest du nur so viel Geld in Aktien anlegen, dass du dir sicher bist, dass du es aushalten kannst, wenn der Kurs zwischendurch sinkt, auch mal um 20, 30 Prozent.

30 Prozent? Das ist doch irre. Wenn ich 10.000 Euro anlege, sind dann einfach so mal 3.000 Euro weg?

Wie gesagt: Sie sind nur dann weg, wenn du ungeduldig wirst und verkaufst. Deswegen ist es das Beste, sich einen Zeitraum festzulegen, für den man anlegen will und dann nur ein paar Mal im Jahr nach dem Rechten sehen und nicht panisch werden. Erinnerst du dich noch an die Finanzkrise 2008?

Jo, habe ich mitbekommen.

Das war die größte Finanzkrise, die der Westen seit den 1930er Jahren erlebt hat. Wer direkt davor, also im Frühjahr 2007, sein Geld in den MSCI-World-Fonds gesteckt hat, musste mit ansehen, wie der Fonds zwei, drei Jahre tief im roten Bereich verharrte, weil der Index abstürzte. Aber heute, zehn Jahre später ist der Kurs höher als vor der Krise.

Performance des MSCI World, MSCI Emerging Markets und MSCI All Countries World Index von Juli 2003 bis Juli 2018

Der Weg des Zen ist also auch an der Börse empfehlenswert?

Absolut! Es gibt übrigens noch einen weiteren Vorteil von Aktien.

Ja? Welchen denn?

Die Dividende. Das ist der Teil des Gewinns, den ein Unternehmen an die Anleger ausschüttet. Vorher habe ich von der T-Aktie gesprochen und davon, dass viele damit Geld verloren haben. Wer die T-Aktie seit 1996 im Depot hat, hat trotzdem davon profitiert - nicht wegen Kursgewinnen, sondern wegen der Dividende. Die zahlen Unternehmen in Europa meist einmal im Jahr aus und das kann bis zu fünf Prozent des Aktienkurses sein. Jedes Jahr bekommst du also die Dividende zusätzlich zur Kursentwicklung oben drauf – und wenn du das auch direkt wieder investierst, kommt irgendwann der Zinseszinseffekt zum Tragen: du hast mehr Aktien, also bekommst du auch mehr Dividende, also kannst du dir mehr Aktien kaufen, also bekommst du mehr…. Na, ich denke, das Prinzip ist klar.

Und wie ist das bei einem Fonds, bekomme ich diese Dividende da auch?

Es gibt zwei Arten von Fonds: thesaurierend und ausschüttend. Ein thesaurierender Fonds legt die Dividende direkt wieder an. Ein ausschüttender Fonds schüttet sie aus, wie der Name schon sagt. Wenn du langfristig Vermögen für dein Alter aufbauen willst und dich möglichst wenig darum kümmern möchtest, ist ein thesaurierender Fonds sinnvoll.

Finanztip gibt weitere Informationen zu thesaurierenden und ausschüttenden Fonds.

Okay. Wenn ich Anteile an einem Fonds kaufen will, wie mache ich das konkret?

Es gibt verschiedene Anbieter für ETFs auf den MSCI World. Ich möchte hier keine Empfehlung abgeben. Aber ich erkläre, wie das Ganze rein technisch funktioniert. Um überhaupt ETFs kaufen zu können, braucht man ein Depot bei einer Bank. Das ist eine Art elektronische Mappe, in der die Wertpapiere liegen. Das normale Girokonto reicht nicht aus. Viele Banken bieten ein Depot an, das man selbst übers Online-Banking verwalten kann.

Die Redaktion von Finanztip empfiehlt konkrete Anbieter und gibt weitere Informationen zum MSCI World.

Wie bekomme ich das Depot?

Depots gibt es bei speziellen Wertpapierhändlern, sogenannten Brokern, aber auch bei Onlinebanken. Unterschiede gibt es zum Beispiel beim Preis und dabei, auf welche ETFs man dort sparen kann. Finanztip gibt eine Übersicht über verschiedene Depots und ihre Preise.

Was ist der Unterschied zwischen so einem Broker und einer Onlinebank?

Der Broker hat keine Banklizenz, er kann dir also nur das Depot anbieten. Um Aktien oder ETFs zu kaufen, brauchst du noch ein Verrechnungskonto. Es ist kein Problem, das Verrechnungskonto bei einer Bank zu haben und das Depot bei einem Broker. Wenn du aber alles an einem Ort haben möchtest, solltest du zu einer Onlinebank gehen.

Was passiert mit meinen Aktien oder Fondsanteilen, wenn die Bank, bei der ich ein Depot habe, pleitegeht?

Deine ETFs und Aktien sind dein Eigentum, sie werden von der Bank nur verwahrt. Wenn sie pleitegeht, kannst du deine Wertpapiere zurückverlangen oder dein Depot auf einen anderen Anbieter übertragen.

Die Bankenaufsicht BaFin fasst in einem Artikel zusammen, was passiert, wenn eine Bank pleite geht.

Danke für die Info. Wenn ich nun kaufen will, werde ich gefragt, an welcher Börse ich das tun will. Ist das wichtig?

Der Börsenplatz ist der Ort, an dem die Börse ihren Sitz hat. Die größten Börsenplätze sind in den USA und China. Die größte Börse Europas sitzt in London, die größte Deutschlands in Frankfurt. An den verschiedenen Börsen kann der Preis für den Fonds, von dem du Anteile kaufen willst, sehr sehr stark schwanken. Vergleichen kannst du zum Beispiel auf der Internetseite der Börse Stuttgart. So sieht das dann aus:

Screenshot Börse Stuttgart

Und welchen nehme ich da jetzt?

Am besten den größten Handelsplatz, gemessen an der Zahl der Aktien, die dort gehandelt werden („Volumen”). In Deutschland ist fast immer Xetra der größte. Also nimm Xetra.

Okay, ich habe ein Depot, ich habe einen Börsenplatz. Lege ich da jetzt mein ganzes Erspartes komplett und auf einmal an?

Wenn du gerade sehr viel Geld geerbt hast oder schon viel Geld gespart hast, kann es sinnvoll sein, nicht alles auf einmal anzulegen. Dadurch streust du zeitlich. Je nachdem, ob der Kurs steigt oder sinkt, macht es einen Unterschied, wann du dein Geld anlegst. Es gibt eine Börsenweisheit, die heißt: „Never catch a falling knife.“ Also nicht dann investieren, wenn die Kurse fallen, weil du zunächst nicht wissen kannst, wie lange sie noch weiter fallen. Blöd ist nur, dass du das nicht vorhersehen kannst. Um das Risiko zu mindern, kannst du in einem Abstand von ein paar Monaten jeweils einen Teil des Geldes anlegen.

Wenn du keine riesige Summe gespart hast, kannst du auch alles auf einmal anlegen. Und wenn du bisher wenig angespart hast, kann ein Sparplan sinnvoll sein. Er kauft jeden Monat Anteile an einem Fonds in der Höhe der Rate, die man festgelegt hat. Flexibel bleibt man trotzdem – man kann ihn sofort unterbrechen oder auflösen. Ein großer Vorteil ist, dass du dich um nichts kümmern musst. Und nicht jedes Mal darüber nachdenkst, ob du das Geld jetzt sparst oder nicht. Sparpläne sind ein guter Weg, die eigene Psyche zur Verbündeten zu machen. Warum das so wichtig ist, habe ich in Folge 1 beschrieben.

Eine Sache, die mir schon die ganze Zeit auf der Zunge liegt: Ich kann gar nichts investieren, ich habe kein Geld.

Wenn du gar kein Geld übrighast, geht es natürlich nicht. Aber mit Hilfe eines Haushaltsbuchs kannst du vielleicht noch ein paar Euro jeden Monat finden, die du sparen könntest. Ab 50 Euro im Monat, bei manchen Banken sogar schon ab 25 Euro im Monat, kann man so einen ETF-Sparplan abschließen. Manchmal geht das sogar auch vierteljährlich, was dann wirklich nur ein paar Euro im Monat sind.

Die Redaktion von Finanztip listet Banken auf, bei denen man einen Sparplan auf gängige Indexfonds abschließen kann.

Ich habe immer noch Bauchschmerzen dabei, mein Geld in Firmen zu investieren, die um jeden Preis möglichst viel Gewinn machen wollen. Irgendwo muss dieses ganze Wachstum doch herkommen?

Darüber habe ich mit Bernd Villhauer gesprochen. Er ist Geschäftsführer des Weltethos-Instituts in Tübingen, ausgebildeter Industriekaufmann und Philosoph, und beschäftigt sich mit Geldtheorie und Finanzethik. Er sagt, viele Menschen hätten mit recht Angst davor, dass es in den Bereichen Wachstum gibt, in denen Natur zerstört wird. Vielleicht gehen auch deine Bedenken in diese Richtung.

Villhauer sagt, es gebe aber auch gutes Wachstum. Zum Beispiel bei technologischen Lösungen für mehr Energieeffizienz, besseres Recycling und die verantwortliche Nutzung von Ressourcen. Oder im Bereich Carsharing und bei anderen Sharing-Modellen. Villhauer sagt: „Die ökologische Wirtschaft muss sich weiterentwickeln und braucht Wachstum, gleichzeitig müssen wir auch ehrlich sagen, wo Verzicht notwendig ist.“

Über Wirtschaft für den Menschen schreibt Bernd Villhauer auf seinem Blog „Finanz & Eleganz”.

Kann ich denn noch genug streuen, wenn ich nur in diese nachhaltige Wirtschaft investiere?

Vor zehn bis fünfzehn Jahren wäre das noch schwierig gewesen, sagt Villhauer. Inzwischen gebe es aber immer mehr Unternehmen, die ihre ökologische Verantwortung ernst nehmen. „Es ist heute möglich, nachhaltig zu investieren und dennoch zu diversifizieren”, sagt Villhauer, „und es ist genauso rentabel, teilweise sogar mit weniger Wertschwankungen.” Diese Aussage belegen verschiedene Studien. Zwei davon sind in den Anmerkungen verlinkt.

Eine Metastudie des Morgan Stanley Institute for Sustainable Investing ergab, dass die Wertentwicklung nachhaltiger Investments meist gleich oder besser ist als die konventioneller Investments.

Eine Metastudie des Steinbeis Research Center for Financial Services kommt zu dem Ergebnis, dass es bei Aktien, Anleihen, Krediten und Fonds kaum Studien gibt,
die nachhaltigen Geldanlagen ein für den Investor negativeres Rendite-Risiko-Profil zuweisen. Vielmehr gibt es tendenziell sogar mehr Untersuchungen, die nachhaltigen Anlagen eher Vorteile zusprechen. Rendite und Risiko sollte man immer zusammen betrachten. Ein negativeres Rendite-Risiko-Profil würde heißen, dass bei gleicher Rendite das Risiko größer ist oder bei gleichem Risiko die Rendite kleiner ist.

Du hast also wahrscheinlich keine Nachteile dadurch, dass du nachhaltig investiert, vielleicht hast du sogar Vorteile. Es könnte sein, dass der Druck auf Unternehmen, nachhaltig zu wirtschaften, mit der Zeit steigt. Und im besten Fall kannst du dein Geld mehrere Jahrzehnte in den Fonds lassen. Firmen, die sich jetzt schon nachhaltig orientieren, könnten über die Zeit deutlich bessere Ergebnisse haben als solche, die es nicht tun.

Und wie investiere ich nachhaltig?

Das ist eine gute Frage. Der Begriff „nachhaltig” ist nicht geschützt. In der Regel arbeiten Anbieter mit Ausschlusskriterien (zum Beispiel keine Korruption, keine Waffen, keine Kinderarbeit) und mit Positivkriterien. Die Positivauswahl kann zum Beispiel nach einem sogenannten Best-in-Class-Ansatz erfolgen. Die Unternehmen werden dazu in Gruppen eingeteilt und aus jeder Gruppe werden nach bestimmten Nachhaltigkeitskriterien die besten ausgewählt.

Das ist sehr abstrakt, deshalb ein konkretes Beispiel. Oben habe ich über den MSCI World-Index gesprochen. Davon gibt es eine nachhaltige Variante, den MSCI World SRI. SRI steht für Socially Responsible Investment, also eine gesellschaftlich verantwortungsvolle Investition.

Bei diesem Index gibt es eine Negativauswahl. Firmen aus folgenden Bereichen sind ausgeschlossen:

  • Atomkraft
  • Waffen
  • Alkohol
  • Glücksspiel
  • Gentechnik
  • Pornografie

Aus den übrigen Bereichen werden nach den ESG-Kriterien die besten Firmen ausgewählt. ESG steht für Environmental, Social und Governance, also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung.

Bernd Villhauer empfiehlt das Magazin ECOreporter und den Informationsdienst Öko-Invest, um sich über nachhaltige Geldanlagen zu informieren.

Die Redaktion von Finanztip gibt hier eine Übersicht über nachhaltige ETFs.

Die Süddeutsche Zeitung erklärt, wie man nachhaltige Fonds erkennt.

SRI, Best in Class, ESG, das sind ganz schön viele neue Begriffe.

Bernd Villhauer ist der Meinung, wir sollten für finanzielle Unabhängigkeit kämpfen, indem wir uns in das Thema einlesen und den Anspruch haben, es selbst zu verstehen. „Das Investment-Fachchinesisch darf einen nicht abschrecken. Es ist alles von Menschen gemacht und für Menschen verständlich“, sagt er. Wenn du an einem Punkt trotzdem nicht weiterkommst, kann es sinnvoll sein, dir Hilfe zu holen. Wie du eine gute Beratung findest, beschreibe ich in Folge 2. Du solltest dich aber nicht darauf verlassen, dass deine Beraterin das für dich regelt. Nur wenn du selbst verstehst, wie das System funktioniert, kannst du entscheiden, was das Beste für dich ist.

Wenn du dich noch weiter einlesen möchtest, kannst du das zum Beispiel mit der Zeitschrift Finanztest tun. Das ist ein Magazin der Stiftung Warentest und ist auf Themen wie Versicherungen, Geldanlage und Recht spezialisiert.

Fazit

  • Hab keine Angst vor Aktien
  • Streue dein Risiko
  • Mach keine Panikverkäufe, wenn der Kurs fällt
  • Denke darüber nach, dein Geld möglichst nachhaltig anzulegen

Redaktion: Rico Grimm; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel; Illustration: Peter Gericke.