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Neun Monate auf der Flüchtlingsinsel, Folge 3

Sehnsucht nach dem Camp

von Steffi Fetz und Lisa Altmeier
etwa 22 Min. Lesedauer
Flüchtlingslager auf Lesbos
3 Folgen
Flüchtlingslager auf Lesbos
Hohe Mauern und Stacheldraht – das Flüchtlingslager Moria auf Lesbos.
03
Sehnsucht nach dem Camp

Am Strand räkeln sie ihre Körper der griechischen Sonne entgegen. Die Touristen, die aus ganz Europa nach Lesbos fliegen, um ihren Alltag für ein oder zwei Wochen zu vergessen. Knapp 30 Grad, keine Wolke am Himmel und dazu der Blick übers Mittelmeer. Perfekt zum Entspannen. Wären da nicht die kleinen orangefarbenen Pünktchen, die entlang der Küste immer wieder garstig in der schönen Landschaft aufleuchten. Es sind Rettungswesten. Sie sagen jedem Touristen, der einmal aus seinem Liegestuhl nach links oder rechts schaut: „Hallo Europa, die Flüchtlingskrise ist immer noch da.“

Hier erfährst du, was in Folge 1 und Folge 2 passiert ist.

Wir sind zum dritten Mal auf der Insel, seit über einem halben Jahr beobachten wir, was auf Lesbos passiert. Etwa jeder zehnte Bewohner hier ist ein Flüchtling. Lange schien es, als ob die hier lebenden Griechen damit erstaunlich gut zurechtkämen. Denn Lesbos ist nicht nur für das chronisch überfüllte Camp Moria bekannt, das Papst Franziskus einmal mit einem KZ verglich, sondern auch für die beeindruckende Solidarität seiner Bewohner. Obwohl die Griechen selbst kaum etwas haben, teilen sie ihr Weniges mit den Gestrandeten, die über die Türkei hierherkommen. Trotz Finanzkrise, trotz hoher Arbeitslosigkeit, trotz Geldnot sind sie hilfsbereit und freundlich. Das ist das Lesbos-Narrativ: Ein deprimierender Ort zwar, aber einer mit einem Rest Moral. Doch die Geschichte scheint sich zu wenden.

Denn die Meldungen, die im Frühjahr 2018 durch die internationale Presse gingen, die waren irgendwie anders:

  • 22.04.2018: Rechtsextreme bewerfen Flüchtlinge mit Flaschen und Leuchtraketen. Mehr als ein Dutzend Menschen landen im Krankenhaus. (afp)

  • 03.05.2018: Die Handelskammer Lesbos ruft zum Protest auf. „Lösung jetzt, damit Lesbos (wieder) leben kann.“ Geschäftsleute protestieren gegen das überfüllte Flüchtlingscamp Moria und gegen eine geplante Erhöhung der Mehrwertsteuer. (dpa)

  • 28.05.2018: Nach Unruhen fliehen knapp 1.000 Kurden und Jesiden aus dem Flüchtlingscamp Moria. (Frankfurter Rundschau)

Was ist da los?

Schlechtes Timing

Wir treffen den 18-jährigen Ali aus Afghanistan an einer Bucht nahe dem Hafen von Mytilini wieder. Unter den Touristen fällt er mit seiner schlichten schwarzen Kleidung kaum auf, der Undercut ist inzwischen herausgewachsen, das schwarze Haar sitzt. Aber immer noch sieht Ali mehr nach Kind als nach Mann aus: Das Gesicht faltenfrei, kein einziges Barthaar, dafür ein paar Pubertätspickel. Nur die tiefen Augenringe wirken zu erwachsen für einen 18-Jährigen.

Ali kommt aus Afghanistan und lebt im Flüchtlingscamp Moria auf der Insel Lesbos.

Er freut sich, uns zu sehen. Aber eigentlich wollte er jetzt schon längst nicht mehr auf Lesbos sein. „Was glaubst du, bis wann du hierbleiben musst?“, haben wir ihn bei unserem letzten Besuch im Februar gefragt. „Ich hoffe, nicht länger als zwei Monate.“ Das ist jetzt vier Monate her, und es deutet nichts darauf hin, dass Ali die Insel in naher Zukunft verlassen kann. Denn der EU-Türkei-Deal bewirkt, dass Flüchtlinge auf Lesbos bleiben müssen, bis über ihren Asylantrag entschieden wird. Und diese Entscheidung dauert lange, viel länger, als sich die Macher des Abkommens das je gedacht hätten. Deshalb ist das Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos chronisch überfüllt, und es brechen ständig Krawalle aus.

Zwar hat in der Zwischenzeit der höchste griechische Gerichtshof entschieden, dass die eingeschränkte Bewegungsfreiheit der Flüchtlinge nicht mit den Menschenrechten vereinbar ist und verheerende Konsequenzen für die gesamte Inselbevölkerung hat. Asylbewerber müssen sich also frei bewegen dürfen. Doch dieser Beschluss gilt nur für diejenigen, die seit dem 17. April 2018 auf Lesbos ankommen. Ali ist ein Opfer von schlechtem Timing, er war zwei Monate zu früh dran mit seiner Flucht.

Unter keinen Umständen will er sich mit uns am Camp treffen. Dort hält er es kaum noch aus. Die Situation sei unverändert schlecht, durch die sommerliche Hitze stinke es zudem, sagt er. Außerdem herrsche Wassermangel. Also sitzen wir mit ihm auf einer Steinmauer an der Küste, um uns herum Einwohner und Touristen, die die Sonne genießen. Ali, in schwarzem T-Shirt und langer Hose, hat bereits nach ein paar Minuten Schweißperlen auf der Stirn. „Ist das komisch für dich, dass die Leute hier Urlaub machen, während du im Camp leben musst?“, fragen wir. „Nein", sagt Ali grinsend und dreht sich Richtung Meer. „Ich finde das schön. Wenn ich hierher komme, kann ich alles vergessen.“

Wir wollen wissen: Was hat er mitbekommen von dem Abend im April, als Rechtsradikale hier in Mytilinis angeblich Flüchtlinge angriffen? Ali erzählt es so: Ein afghanischer Flüchtling hatte eine Herzerkrankung und schilderte das einem Arzt. Der Arzt glaubte ihm nicht und schickte ihn zurück ins Camp. Dort starb er. Die afghanische Community in Moria wurde wütend und hielt einen einwöchigen Protest auf dem Marktplatz von Mytilini ab, um auf die schlechten medizinischen Bedingungen im Camp hinzuweisen. Ali war mit dabei. In die letzte Protestnacht platzte dann eine Gruppe Faschisten: „Sie haben uns mit Steinen und Feuerwerkskörpern beworfen und mit brennenden Flaschen.“ Er versucht, seinen Bericht nüchtern vorzutragen, doch an der brüchigen Stimme erkennen wir, dass er sich aufregt. Der Polizeibericht bestätigt Alis Darstellung.

Islamisten im Camp

Laut Polizei kamen später noch Flüchtlingshelfer hinzu, es kam zu Rangeleien, Polizisten gingen mit Tränengas dazwischen. „Die Menschen sind wütender geworden“, glaubt Ali. „Aber was können wir denn machen? Wir mussten hierher kommen, um ein besseres, ein sicheres Leben haben zu können.“ - „Aber dein neues Leben ist ja gar nicht sicherer und besser", haken wir nach. „Das stimmt, aber wir hoffen natürlich, dass es das noch wird", meint Ali optimistisch.

Auch den Streit, der dazu geführt hat, dass knapp 1.000 Kurden und Jesiden das Camp verlassen haben, hat Ali am Rande miterlebt. Dabei prügelten Bewohner mit Eisenstangen und Holzstöcken auf andere ein, laut Ali ist das nach Moria-Maßstäben nicht sonderlich ungewöhnlich. Er wirkt weder erstaunt noch entsetzt. Wir erzählen ihm, dass in der Frankfurter Rundschau zu lesen war, dass es sich um Islamisten handelte, die Kurden aufgrund von Ramadan zum Fasten zwingen wollten. Ali überlegt: „Ich weiß nur, dass Araber Kurden angegriffen haben und die danach das Camp verlassen haben. Jetzt leben sie im Pikpa Camp.“

Pikpa Camp ist eine kleine Oase im Wald, eine Unterkunft der besonderen Art mit internationalem Kindergarten, Kunstprogramm und engagierter Leiterin. Alles spendenfinanziert. Psychisch kranke Flüchtlinge und Familien können hier in kleinen Holzhäuschen einigermaßen entspannt leben, unbehelligt von den Ereignissen im Camp Moria. Zumindest war das bei unserem ersten Besuch auf Lesbos noch so. Damals wirbelten die wenigen Bewohner auf dem Hof herum oder witzelten mit den Betreuern in der gemeinsamen Küche.

Doch als wir uns Pikpa jetzt ansehen, hat sich der Schutzort in eine Art öffentlichen Campingplatz verwandelt. Die freie Fläche zwischen den Pinienbäumen ist nun zugestellt mit Zelten, und statt lautem Lachen hören wir quengelnde Kinder und ungeduldige Erwachsene. Zwar sind einige der aus Moria geflüchteten Flüchtlinge inzwischen freiwillig zurückgekehrt, aber ganze 350 Menschen belagern das Gartengrundstück des Pikpa Camps, die meisten von ihnen sind Kurden.

Wie auch die Leiterin des Camps geben sie aufgrund der angespannten Situation keine Interviews, verkünden aber per Pressemitteilung, dass sie nur dann nach Moria zurückkehren wollten, wenn die Polizei sie im Gegenzug vor den „organisierten Gruppen“ beschütze, von denen sie dort angegriffen würden. Wer mit „organisierte Gruppen“ genau gemeint ist, geht aus der Mitteilung nicht hervor, aber es deutet alles darauf hin, dass damit der sogenannte Islamische Staat gemeint ist. In einem späteren Interview mit der Seite The Intercept berichten Opfer der Attacke, dass im Camp Flaggen der Terrororganisation kursierten, und die Angreifer sie gewaltsam zum Beten und Fasten aufforderten.

Stress mit den Hoteliers

Im Pikpa Camp sind die neuen Bewohner nun zwar in Sicherheit, für das Camp selbst stellen sie aber ein Problem dar. Denn Pikpa ist attraktiv gelegen, von dem kleinen Waldstück aus läuft man nur ein paar hundert Meter bis zum Meer. Deshalb liegen viele Hotels in der Nähe, eines ist direkt gegenüber. Und die Hoteliers finden es nicht gut, dass es in ihrer Urlaubs-Umgebung jetzt auch ein überfülltes Lager gibt. In den Facebook-Gruppen für Flüchtlingshelfer sorgen sich die Mitglieder deshalb darum, dass Pikpa geschlossen werden könnte und damit ein wichtiger Schutzraum verloren ginge.

Was sie und wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Einige Wochen später wird das Gesundheitsamt hygienische Mängel in Pikpa feststellen. Die Hotelbesitzer werden die Pikpa-Betreiber verklagen. Kurz darauf wird die griechische Regionalregierung verkünden, dass sie die kleine Unterkunft im Wald tatsächlich schließen lässt. Eine aberwitzige Entscheidung, wenn man bedenkt, dass dieselbe Regionalregierung seit Jahren für Moria verantwortlich ist, ein Ort, an dem erheblich schlimmere Zustände herrschen. Ähnlich sieht es das Amtsgericht, das die Entscheidung kurz darauf kassiert. Pikpa darf bleiben. Aber Griechenland macht es den Flüchtlingshelfern nicht leicht.

Am nächsten Tag fahren wir nach Moria, schon von Weitem riechen wir den unerträglichen Gestank nach Fäkalien und vermodertem Abfall, der das gefängnisartige Lager mit dem Spitznamen „Guantanamo“ – selbst der Bürgermeister von Mytilini nennt es so – umgibt. Kloake fließt die Straße entlang, vor dem Camp stehen etliche überquellende Mülltonnen. Die Polizei, die uns beim letzten Besuch zum Verhör aufs Revier brachte, ist dafür nicht mehr mit einem Mannschaftswagen vertreten, sondern nur noch mit einzelnen Polizisten. Uniformierte sehen wir gar keine. Sonst ist alles wie immer, auch die Sätze der Bewohner, die wir ansprechen: „Wir leben hier wie die Tiere“ – „Das Camp ist viel zu voll“ – „Wir sind Gefangene.“

Dieser Mann stellt sich uns vor als „Chef von Ghana” im Flüchtlingscamp Moria.

Es ist bitter, wie sehr sich auf Lesbos alles wiederholt, wir können die Aussagen fast schon mitsprechen. Es passiert immer wieder dasselbe, nur das es jedes Mal ein bisschen schlimmer wird als zuvor. Ein Mann aus Ghana bietet uns an, dass wir mit Frauen aus seinem Land sprechen können, gegen Bezahlung in Form von Lebensmitteln, versteht sich. Er sei nämlich der Chef des Landes Ghana in Moria. In dem Camp scheinen sich inzwischen clanartige Strukturen gebildet zu haben, zu denen man als Außenstehender immer schwerer Zugang bekommt.

Der kostbarste Raum – das Badezimmer

In den vergangenen Monaten haben wir mehrfach versucht, die jungen Frauen aus Afghanistan wiederzufinden, die wir bei unserem ersten Besuch im November 2017 kennengelernt haben. Bislang erfolglos. Das letzte, was wir von ihnen gehört haben, war, dass im
Camp-Bereich für Frauen und Kinder ein Feuer ausgebrochen ist. Das ist nun schon fast sieben Monate her. Aber es gibt eine Anlaufstelle, die wissen könnte, wie es den Mädchen ergangen ist: die Organisation Bashira. Denn dort sind sie regelmäßig hingegangen.

Wenn man die Adresse nicht kennt, findet man Bashira nicht. So einfach ist das. Es gibt kein Schild an der Tür, nicht mal ein kleines Klingelschild mit dem Organisationsnamen drauf. Eine Vorsichtsmaßnahme. Denn es ist ein geschützter Raum. Wir finden die Organisation nur, weil Leiterin Sonia uns Straße und Hausnummer am Telefon gesagt hat.

Hier können Moria-Bewohnerinnen einmal in der Woche duschen. Es ist ein Ort von Frauen für Frauen. Männer dürfen nicht rein. Sonia aus Spanien schmeißt den Laden und öffnet uns die Tür. Sie ist ein großer wilder Lockenkopf im Hippie-Look mit bunter Schlabberhose. 90 bis 100 Frauen empfängt sie hier in der Woche, die meisten von ihnen, weil sie sich mal wieder richtig waschen wollen. Aber in Bashira gibt es auch andere wertvolle Möglichkeiten: Geburtsvorbereitung, rechtliche Beratung, Sprachkurse und ein Kinderzimmer. Die Zimmer sind hell und bunt, Sonia laut und herzlich. Sie zeigt uns den kostbarsten Raum im Haus: das Badezimmer. Es ist ein schlichter Raum mit weißen Kacheln, die Dusche ist einfach und mit einem schmucklosen Standard-Plastik-Vorhang ausgestattet. Neben dem Klo lehnt eine blaue Babybadewanne an der Wand. Die weiße Toilette ist simpel, aber sauber. „Hier haben die Frauen 35 Minuten Zeit für sich.“ Zeit, die sie im Camp Moria nicht haben. Dort muss man sich die Toilette mit über 70, die Dusche mit über 80 anderen teilen – Frauen wie Männer.

Spanierin Sonia leitet die Organisation Bashira, die Frauen aus Moria eine Dusche zur Verfügung stellt.

Eine Schweizerin hatte 2015 die Idee, Bashira zu gründen – auch, um den Frauen ein Badezimmer zur Verfügung zu stellen. Der Andrang ist riesig, Bashira hat eine lange Warteliste. Sonia musste einen Aufnahmestopp verhängen, weil es zu viele Interessentinnen für die Dusche gibt. „Wir bräuchten auf der Insel eigentlich zehn Orte wie diesen“, sagt sie. Im Moment ist es allerdings ruhiger als sonst, schließlich ist gerade Ramadan, und da bleiben die muslimischen Frauen eher im Camp, weil die Kombination aus Hitze und Fasten kraftzehrend ist.

Mit dem Vergewaltiger in einem Zelt

„Viele Frauen haben uns erzählt, dass sie Angst haben, im Camp duschen zu gehen. Wie groß ist die Gefahr einer Vergewaltigung dort?“, fragen wir Sonia. – „Die Angst ist groß, aber die meisten Vergewaltigungen passieren nach dem, was ich mitbekomme, nicht im Camp, sondern auf dem Weg von der Stadt ins Camp", sagt sie. Die Strecke von Mytilini bis zum Camp Moria ist zäh und führt am Waldrand vorbei. Wir mussten sie selbst schon mal laufen, als wir den Bus verpasst haben. „Und das große Problem ist, dass die Frauen danach mit ihrem Vergewaltiger im selben Camp weiterleben müssen. Sie haben keinen anderen Ort, an den sie gehen können. Zu mir kommen auch Frauen, die von ihrem Mann misshandelt werden. Die haben auch keine andere Wahl, als mit diesem Mann danach weiterhin in einem Zelt zu leben.“

Laut eines Berichts des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR aus dem Februar 2018 werden weibliche Flüchtlinge auf Lesbos und der Nachbarinsel Samos erschreckend oft Opfer sexueller Gewalt – und danach nicht ausreichend versorgt. 200 Frauen haben sich auf den beiden Inseln im vergangenen Jahr an die Organisation gewandt, weil sie nach ihrer Ankunft in Griechenland vergewaltigt wurden, die Dunkelziffer sei aber weit höher. In dem Bericht wird auch eine Frau erwähnt, die seit zwei Monaten nicht duschen gegangen ist, weil sie Angst hat, überfallen zu werden.

Sonia führt uns in einen Raum mit Hygieneartikeln. Beim Stöbern entdecken wir Windeln für Erwachsene: „Die sind für nachts. Sobald es dunkel ist, trauen sich die meisten Frauen nicht auf die Toilette, deshalb geben wir ihnen Windeln mit.“ Diese Information haut uns um. Weil es einfach so unvorstellbar entwürdigend und beschämend ist, dass hunderte Frauen in einem von der EU finanzierten Flüchtlingscamp in eine Windel machen müssen, weil wir es nicht schaffen, ihnen sichere Klos anzubieten. Auch Sonia ist wütend: „Warum bewacht die Polizei die Toiletten nicht? Warum gibt es dort keine anständige Beleuchtung? Warum gibt es keine eigenen Schlangen für die Frauen?“

Sonia ist schon seit 2016 auf Lesbos. Zu diesem Zeitpunkt lebten im Camp Moria etwa 4.000 Leute. „Damals dachte ich, es kann nicht mehr schlimmer werden. Ich habe mich getäuscht.“ Laut UNHCR liegt die Bewohnerzahl inzwischen bei etwa 6.500 Menschen. Der griechische Präsident Alexis Tsipras war kürzlich auf der Insel zu Besuch, das war die Zeit, als die örtliche Handelskammer zu Protesten aufrief, weil Moria geschäftsschädigend für sämtliche Inselbewohner sei. Er werde dafür sorgen, dass das Camp bald erheblich leerer werde, versprach der Links-Politiker. Wie das gehen soll, hat niemand hier verstanden.

„Wir wollen wieder zurück!"

Wir fragen auch nach Mozghan, Sarah und den anderen Mädchen aus Afghanistan, die wir kennenlernten, als sie unterwegs zu Bashira waren. „Klar, an die erinnere ich mich! So viele Gruppen von Single-Frauen gibt es hier nicht! Die waren super!“ Und sie hat sogar Kontakt zu ihnen. „Sarah und ihre Mutter leben in Athen, Mozghan und ihre Schwestern auch. Aber sie sind jetzt in unterschiedlichen Camps.“ Besser geht es ihnen dort leider nicht, sagt Sonia. „Es ist schwierig. Eigentlich sagen uns alle Frauen, die es aus Lesbos weggeschafft haben, dasselbe: Wir wollen wieder zurück!“

Wie kann das sein? Sie wollen wieder zurück an den dreckigen Ort mit den gefährlichen Toiletten, an dem sie nachts eine Windel tragen und sich tagsüber ums Essen prügeln?

Sonia zuckt hilflos mit den Schultern. „Tja, Lesbos ist leider nicht das Schlimmste, was ihnen passieren kann. Wir versuchen, sie darauf vorzubereiten, dass die Zukunft nicht einfach wird. Moria ist furchtbar, aber in Moria kennen sie sich aus. Und hier gibt es viele Organisationen, die sich um sie kümmern. In Athen interessiert sich niemand für dich. Sie sind gekommen, weil sie dachten, dass Europa das Beste für sie ist. Jetzt sind sie hier und sehen, dass das nicht stimmt.“

Müde Flüchtlingshelfer

Flüchtlingshelfer Aris treffen wir nun zum dritten Mal. Er wirkt müde.

Eine kleine Taverne im Zentrum von Mytilini ist eine Art Stammplatz der Helferszene. Wenn wir hier vorbeilaufen, begegnen wir eigentlich immer jemandem, den wir kennen. Obwohl wir erst zum dritten Mal auf der Insel sind, fühlen wir uns schon ein wenig daheim. Wir können verstehen, warum die Helfer hier nicht mehr wegwollen. Es liegt nicht nur am Gefühl, gebraucht zu werden. Es liegt auch daran, dass Lesbos dir das Gefühl gibt, Teil einer Familie zu sein. Während der vergangenen sechs Monate standen wir mit dieser Familie in regem Austausch, auch wenn wir natürlich Außenstehende sind, die Bericht erstatten. Aber wir konnten nicht verhindern, dass uns manche Menschen auch persönlich ans Herz gewachsen sind.

Deshalb freuen wir uns, als wir Ex-Broker Aris an der Taverne treffen, auch wenn er noch müder aussieht als letztes Mal. Und diesmal sprechen wir ihn auf seine Müdigkeit an. „Ich glaube, hier auf der Insel ist jeder müde. Vor allem diejenigen, die schon so lange hier sind und in ihrer Situation gefangen sind.“ Wann hatte er das letzte Mal Urlaub? „Vor zwei Wochen, da war ich auf der Hochzeit der Co-Gründerin der Attika.“ Attika ist das Warenlager, das Aris gegründet hat. „Sie hat einen Flüchtling geheiratet.“

Weniger redselig sind Aris und die anderen, wenn es um die Konflikte geht, von denen wir in den vergangenen Monaten gelesen haben. Der Aufstand mit den Kurden sei nichts Besonders gewesen. Die Bedingungen im Camp seien schuld daran, ganz einfach. Von radikalen Muslimen im Camp wüssten sie nichts. Und natürlich war auch keiner der Helfer vor Ort, als es die Auseinandersetzungen mit den Rechtsradikalen gab. Für uns klingt das nicht besonders glaubwürdig. Wir haben jetzt schon fünf Leute getrennt voneinander befragt, und alle antworten nahezu wortgleich.

Die Helfer scheinen Angst zu haben, dass negative Informationen über die Camp-Bewohner nach außen dringen könnten. Aber macht es die Situation besser, wenn sie ignorieren, dass die EU-Politik nicht das einzige Problem auf Lesbos ist? In Moria finden Islamisten schließlich optimale Bedingungen zum Anwerben neuer Mitglieder vor: Ein Haufen verzweifelter Menschen, die meisten davon junge Männer, die Polizei ist überfordert, Gesetze zählen nichts und der Rest der Welt interessiert sich null. Aber mit den Flüchtlingshelfern können wir darüber nicht reden.

Der 24-Stunden-Mann

Aris sieht ein ganz anderes Problem: Immer mehr Flüchtlinge, die von Lesbos aufs Festland geschickt wurden, kehren inzwischen zurück. Sie wollen lieber wieder in Moria leben, weil sie sich in Athen verloren fühlen: „1.500 der Flüchtlinge hier haben einen sogenannten schwarzen Stempel, das heißt, sie dürfen sich überall in Griechenland frei bewegen. Aber sie wollen am liebsten hier auf Lesbos leben. Und das ist ein Problem.“ Schließlich sei die Insel so schon überfordert genug.

Während Aris mit uns redet, kommt einer seiner Bekannten vorbei, ein Moria-Bewohner in Shorts und T-Shirt, der vermutlich als Freiwilliger anderen Flüchtlingen hilft. Er begrüßt Aris mit Handschlag. Dann lehnt er sich an unseren Tisch. „Wie geht’s?“, fragt Aris. – „Meiner Frau geht’s nicht gut, sie ist ja schwanger mit Zwillingen. Und bei der Hitze und dem Ramadan ist das natürlich nicht gut. Heute Mittag ist sie in Ohnmacht gefallen und wir mussten zum Arzt gehen“, gibt er zurück. – „Isst sie nicht?“, erkundigt sich Aris. – „Ich sage ihr immer, dass sie essen soll, aber sie will unbedingt fasten, obwohl sie es ja gar nicht muss. Ich sage immer: Iss! Iss!“

Sein Ton wird ernster. Auch Aris klingt nun streng: „Sie muss essen!“ – „Ich glaube nicht, dass sie essen wird. Ich glaube aber sowieso nicht, dass wir die Kinder behalten werden. Ich meine, wir haben ja schon zwei Kinder. Und wie soll das gehen, als Kind in Moria aufzuwachsen, das kann nicht richtig sein. Sie hätte gar nicht schwanger werden dürfen.“ – „Tja, dafür bist du ja mitverantwortlich.“ Aris hat nie Feierabend, erst recht nicht, wenn er in der Taverne sitzt. Denn jeder weiß: Wenn ich ein Problem habe, gehe ich zu Aris, dem 24-Stunden-Mann.

Freunde verloren

„Hattest du dein Arbeitstelefon während der Hochzeit eigentlich angeschaltet, Aris?“, fragen wir. – „Ja.“ – „Aber deine eigenen Batterien müssen doch irgendwann auch mal geladen werden!“ – „Ja, aber wie? Die Arbeit erfordert 100 Prozent meiner Kraft!“ Aris finanzielle Probleme haben sich verschärft, seit vier Jahren lebt er von dem Vermögen, dass er während seiner Zeit als Broker angehäuft hat. Lange wird es nicht mehr reichen.

Und für sein Warenhaus sieht es ebenfalls nicht gut aus. Im Sommer kommen besonders viele Menschen auf Lesbos an, aber im Sommer ist es auch besonders schwierig, Spenden einzusammeln, das hat uns auch Sonia von Bashira erzählt. Wieso eigentlich? Aris zuckt mit den Schultern: „Weil Leute, die normalerweise spenden, zu dieser Zeit an ihren nächsten Cocktail am Strand denken und nicht an die Schwierigkeiten auf dieser Welt. Und die haben total recht, ich verurteile sie nicht dafür.“

Selbst wenn Aris sich ernsthaft vornehmen würde, mal auszuspannen, kann das schon alleine deshalb nicht funktionieren, weil er außerhalb seiner Helferblase kaum noch Kontakte hat: „Mit meinen alten Freunden kann ich mich fast nicht mehr unterhalten. Die verstehen das hier nicht!“ Wir können das nachvollziehen. Auch wir haben nach jeder Lesbos-Reise das Gefühl, dass wir uns schlechter mit unseren Freunden unterhalten können. Sie verstehen Moria nicht. Vielleicht erklären wir es auch zu schlecht. Vielleicht muss man einfach selbst da gewesen sein, um zu begreifen. Lesbos ist eine eigene Realität, eine Parallelwelt, zu der Fremde keinen Zugang haben. Unsere Freunde sagen „Oh, wie schlimm“ und dann vergessen sie es. Wir können das nicht. Wir denken oft an Lesbos. Wir fühlen uns verpflichtet, immer wieder herzukommen. Die Wahrheit ist doch: Wir sind selbst schon halb wie Aris.

„Mein vorheriges Leben war komplett anders“, sagt Aris. „Viel Geld, viele oberflächliche Beziehungen.“ – „Und hast du jetzt ein besseres Leben?“ – „Ja, definitiv.“ Jetzt strahlt er wieder: „Auch wenn ich gestresst bin, geht es mir hier besser. Weil die Leute um mich herum mir sehr viel näher sind. Diese Insel ist die wunderschönste Hölle auf Erden. Sie ist wie eine Droge, von der du nie mehr loskommst.“

Wir dürfen Lesbos nicht alleine lassen

Wir sind nach Lesbos gekommen, um etwas über Solidarität zu lernen. Natürlich haben wir Dinge erfahren, die wir in Deutschland uns von den Griechen abschauen können: Es ist immer besser, Flüchtlingen nicht abgekapselt vom Rest der Bevölkerung zu helfen, sondern Menschen zusammenzubringen. So wie das im Pikpa Camp mit dem internationalen Kindergarten passiert, oder in der Attika, wo auch griechische Bürger sich Kleidung abholen dürfen.

Im Prinzip haben wir aber sieben Monate und 60.000 Zeichen Text gebraucht, um etwas anderes, etwas ganz Simples zu lernen: Solidarität heißt erst mal: Augen auf. Heißt: Wahrnehmen, was überhaupt passiert, in dieser Europäischen Union. Heißt: Darüber sprechen, auch wenn's nervt, auch wenn's keiner mehr hören kann, auch wenn es doch angeblich so viel wichtigere Dinge gibt, als diese Flüchtlinge. Die Wahrheit ist: Das stimmt nicht. Auf Lesbos kommen jeden Tag Menschen an. Es werden immer mehr. Nicht so viele, dass ihre Zahlen es in die Schlagzeilen schaffen, sondern schleichend. Die Wahrheit ist auch: Das Lager Moria ist ein beschissener Ort. Aber auch ein beschissener Ort kann zum Zuhause werden, und in einer sich bewegenden Welt ist das, was du kennst, manchmal das Beste, was du kriegen kannst. Auch wenn du das vielleicht nie geglaubt hättest.

Und eine weitere Wahrheit ist: Die Solidarität der griechischen Flüchtlingshelfer ist eine tolle Sache, aber sie ist nichts, worauf wir anderen Europäer bauen können. Wenn diese Europäische Union halten soll, dann müssen wir alle ran und zwar nicht erst dann, wenn das Ganze explodiert. Wir können diesen Ort nicht sich selbst überlassen. Natürlich sind die vielen kleinen Hilfsorganisationen auf Lesbos wichtig, gerade in akuten Notsituationen. Aber das kalkulierte Chaos, das die EU und die griechische Regierung auf Lesbos zulassen, um Flüchtlinge abzuschrecken, nutzen bereits jetzt Gruppen wie der Islamische Staat aus, die langfristig uns allen schaden werden.

Wir brauchen eine Politik, die das große Ganze im Blick hat, wir brauchen Regeln, wie wir mit Flüchtlingen umgehen, wie wir unsere Solidarität definieren und ja, auch wo sie an ihre Grenzen kommt. Das alles müssen wir als Europäer gemeinsam erarbeiten, wenn diese EU weiter eine Daseinsberechtigung haben will.


Lisa Altmeier und Steffi Fetz recherchieren als „Crowdspondent – Deine Reporter“ die Themenvorschläge der Crowd. Dieser Text entstand bei ihrer Recherche über die Frage „Wie geht es Griechenland heute?“ Mehr zu dem Projekt und alle anderen Texte und Videos der beiden gibt es auf ihrem Blog und auf ihrem YouTube-Channel.

Redaktion: Theresa Bäuerlein; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel; Fotos: Crowdspondent.

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