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Neun Monate auf der Flüchtlingsinsel

Am Tiefpunkt

von Steffi Fetz und Lisa Altmeier
etwa 22 Min. Lesedauer

Ende November erreicht uns um Mitternacht in Athen eine Whatsapp-Nachricht von Mozghan. Wir sind zufällig wach. „Hier bricht gerade ein Feuer aus im Bereich für Frauen und Kinder.“ Sie schickt uns ein Video. Darauf zu sehen sind brennende Zelte und ein etwa elfjähriger Junge, der Steine auf Polizisten schmeißt. „Ich kann jetzt nicht mehr schreiben“, vermeldet sie dann. „Ich habe Tränengas ins Auge bekommen.“

Mozghan ist eine junge Afghanin, die im Winter 2017 über die Türkei auf die griechische Insel Lesbos geflohen ist. Ein schmales Mädchen, mit hohen Wangenknochen und einer roten Brille mit nur einem Bügel. Wir haben sie, ihre Freundin Sarah und ihre beiden Schwestern dort kennengelernt als wir ein paar Wochen zuvor recherchierten, wie sich die Insel Lesbos durch den EU-Türkei-Deal verändert hat. Damals waren wir entsetzt über die Zustände im Camp Moria: In dem Lager leben mehrere tausend Menschen zu viel, ständig gibt es Krawalle, besonders Frauen und Kinder sind dort nicht sicher. Sie müssen auf der Insel bleiben, bis über ihren Asylantrag entschieden wird. Gerade im Winter kann es in Moria lebensgefährlich werden, weil die Ausstattung nicht auf Minusgrade ausgerichtet ist: Im Winter 2017 wurden innerhalb von einer Woche drei Tote aus den Zelten gezogen. Mozghan und ihre beiden Schwestern sind jetzt schon seit fünf Wochen dort und haben keine Ahnung, wie lange sie bleiben müssen. Und jetzt ist offensichtlich wieder einmal ein Krawall ausgebrochen. Über das Handy sind wir quasi live dabei.

Wie im Krieg

„Moria not good! Not good!“, brüllen die Frauen in dem Video, das uns Mozghan schickt. Sie rütteln an einem Zaun, wollen in einen Bereich des Camps vordringen, zu dem sie anscheinend keinen Zugang haben. Ein Sicherheitsmann versucht, sie abzuwehren, hält mit aller Kraft das Tor zu. In einer anderen Ecke des Camps rennen Kinder schreiend vor dem Feuer davon. Polizisten stürmen rein, schießen mit Tränengas. Hätte uns jemand ohne Kontext das Video gezeigt und gefragt, was das ist, hätten wir vermutlich gesagt: ein Krieg. Wir rufen die Mädchen an, um herauszufinden, ob es ihnen gut geht, aber es kommt keine Verbindung zustande.

Am nächsten Tag schreibt uns Mozghan, dass alles okay sei. Soweit eben alles okay sein kann, wenn man als Flüchtling in Lesbos gestrandet ist. Danach hören wir nichts mehr von ihr, unsere Nachrichten bleiben ungelesen, Anrufe kommen nicht durch. Am meisten beunruhigt uns die kurze Szene mit dem kleinen Steinewerfer. Er schmeißt seine Steine nicht auf irgendwen, sondern auf Polizisten, die offensichtlich kaum über Autorität verfügen und eigentlich für die Sicherheit im Camp sorgen sollen.

Kinder in Flip-Flops

Im Februar fliegen wir zum zweiten Mal nach Lesbos, Mozghans Handy ist tot geblieben. Wir haben nur ein Wochenende, aber wir wollen unbedingt in Erfahrung bringen, wie die Situation auf der Insel im Winter ist. In Deutschland interessiert sich kaum jemand für Lesbos. Erzählen wir von unserer Recherche, reagieren die Leute überrascht bis müde: „Ach, da kommen immer noch Flüchtlinge an? Wusste ich gar nicht. Ich dachte, das wäre jetzt alles geregelt.“ Denn bei uns daheim gilt der EU-Türkei-Deal als Erfolgskonzept. Angela Merkel hat wieder einmal klug gehandelt, hat sich mit dem türkischen Präsidenten Erdogan verbündet, um die Migranten am Kommen zu hindern. Und jetzt kommt doch eigentlich kaum noch jemand an – und mit den paar, die es doch herschaffen, kommen wir schon klar, oder?

Mit uns im Flieger sind nur Griechen, mehrere Leute sprechen uns an: Was wollt ihr auf Lesbos? Um die Zeit ist es da doch ungemütlich. Um die fünf Grad ist es kalt, als wir am Hafen von Mytilini ankommen, durch den Wind fühlt es sich aber deutlich kälter an. Herrschte hier im November noch dezentes griechisches Urlaubsflair, ist die Innenstadt jetzt verlassen. Auch die Protestcamps der Flüchtlinge sind vom Marktplatz verschwunden.

Schon von Weitem sehen wir die weißen Zelte vom Flüchtlingscamp Moria.

Mit dem Bus fahren wir zurück zum Camp Moria, das auf einem Hügel am Waldrand liegt. Beim letzten Mal wuselten Kinder in Flip-Flops mit ihren Müttern vor dem Eingang herum, die kleinen Stände, an denen man sich für wenig Geld einen Kaffee im Plastikbecher kaufen konnte, waren gut besucht. Jetzt ist es deutlich leerer. Die Kinder, die wir sehen, tragen immer noch Flip-Flops. Wir dagegen sind in Mäntel gehüllt und froh darüber. Auch hier oben pfeift der Wind, inzwischen regnet es leicht. Ungemütlicher wirkt es auch durch den blauen Polizeibus und die Männer der Bereitschaftspolizei, die vor dem Camp patrouillieren. Sie sollen wohl die Großkrawalle eindämmen, für die Moria weltweit berüchtigt ist. Bei unseren letzten Besuchen konnten wir keine paar Meter gehen, ohne angequatscht zu werden. Jetzt ist das anders, niemand spricht uns an.

„Ich rufe jetzt die Polizei“

Also gehen wir auf Menschen zu, fragen, ob jemand mit uns über die Situation im Camp sprechen will. Wir hatten uns das irgendwie einfacher vorgestellt: „Haut ab!“, ist die erste Antwort, die wir kriegen, von einem etwa 40-Jährigen Mann, der vor dem Zelthügel, dem sogenannten Olivenhain steht. Die Zahl der Menschen in diesem Olivenhain, in dem all diejenigen Platz finden, die in das Camp nicht mehr reinpassen, ist seit November beträchtlich gewachsen. Wir zählen mindestens 20 Zelte mehr, davon einige Großzelte. Und das bei Temperaturen, die nur ein paar Grad über dem Gefrierpunkt liegen. Außerdem entdecken wir ein paar Feuerstellen im Camp. Die Leute versuchen wohl, sich warm zu halten.

Ursprünglich war der Hügel mit den Zelten komplett unbefestigt, die Zelte waren von Gras umgeben. Jetzt schieben Arbeiter vom Roten Kreuz Schubkarren herum, pflastern den vom Regen durchmatschten Weg mit Steinen. Es sieht aus, als solle aus dem Provisorium eine Dauereinrichtung werden. Bislang ist in diesem Winter hier niemand gestorben, was man für Moria-Verhältnisse schon als Erfolg verbuchen kann. Das liegt aber nicht an der guten Ausstattung, sondern an den milden Temperaturen.

„Was macht ihr hier?“ Zwei grimmig blickende Männer der Bereitschaftspolizei sprechen uns auf Englisch an, als wir die Kamera auf die Zelte richten. Mist! Das kann nur Ärger bedeuten. „Eine Doku über Lesbos für unseren Blog“, sagen wir. „Habt ihr eine Genehmigung?“, fragt uns der jüngere und stämmigere der beiden. „Nein, aber wir befinden uns hier auf einer öffentlichen Straße und brauchen als Journalisten keine Genehmigung.“ Natürlich hätten wir gerne eine erworben, leider reagiert die Pressestelle des Camps seit Monaten nicht auf unsere Anfragen. Deshalb stehen wir ja auch auf der Straße vor dem Camp und kommen nicht rein, genau wie viele andere Journalisten. Etwa einmal im Jahr dürfen auserlesene Journalisten unter Aufsicht ins Lager und werden laut unseren griechischen Kollegen „nur in die passablen Ecken gelassen“, der Rest muss draußen bleiben. Und weder die griechische Regierung noch die EU äußern sich zur humanitären Situation. Der ältere Uniformierte zückt sein Handy: „Ich rufe jetzt die Polizei.“

Das Gesetz des Stärkeren

Zehn Minuten später kommen zwei Polizisten in dunkelblauen Uniformen. Wieder sollen wir erzählen, was wir hier machen, wieder erklären wir es, wieder schütteln sie missbilligend die Köpfe. Wenn das so weitergeht, werden wir hier heute nicht mehr viel in Erfahrung bringen. „Was habt ihr bislang aufgenommen?“ – „Noch fast nichts, wir sind ja eben erst hergekommen.“ Sie telefonieren mit ihrem Chef: „Ihr müsst mit aufs Revier im Camp“, befehlen sie dann. Wir werden also entlang der gefängnisartigen Moria-Mauern eskortiert, vorbei am „Welcome to prison“-Graffiti, vorbei an Stacheldraht und auf die Straße führende Abflussrohren. Was passiert mit unserem gedrehten Material? Wie lange werden sie uns hier behalten? Eigentlich sind wir im Recht, aber Moria wirkt auf uns nicht wie ein Ort, an dem das Recht viel zählt. Wenn hier ein Gesetz gilt, dann das des Stärkeren, und die Stärkeren sind im Moment ganz sicher nicht wir beide.

„Wo kommt ihr her?“, fragt der ältere Polizist mit einem Grinsen. „Köln.“ Kennt er: „Big church, great river!“ Trotz des lockeren Small Talks, beobachtet er uns unentwegt, so dass wir keine Möglichkeit haben, uns abzusprechen.

Dann betreten wir das Camp, und trotz der seltsamen Situation ist es so etwas wie ein kleiner Triumph. Seit Monaten versuchen wir, hier auf legalem Weg hineinzugelangen. Und heute ist es soweit. Wir sind in Moria, dem wohl schlimmsten Flüchtlingscamp Europas. Wir passieren eine Sicherheitsschleuse, durchsucht werden wir nicht, die Polizisten erklären nur kurz, wer wir sind. Drinnen sehen wir Zäune, an denen Kleidungsstücke hängen, Sommerkleidung. Kinder laufen über den matschigen Erdboden. Wenn du von innen aus dem Lager hinausguckst, wirken die Zäune noch höher als von außen. Die beiden Polizisten führen uns in den Sicherheitsbereich; gewissermaßen ein Hochsicherheitstrakt im Hochsicherheitstrakt. Wir haben ihn schon einmal gesehen, in dem Video von Mozghan, hier stand der Wärter, der versuchte, das Tor zuzuhalten, während Kinder ihn mit Steinen attackierten und Erwachsene an den Zäunen rüttelten.

Heute geht das Tor auf und wir landen in dem Polizeirevier, das in einem Container untergebracht ist. An der Wand hängen Heiligenbildchen und Schwarz-Weiß-Fotografien, die nach Kämpfen im Camp aussehen: Rauchschwaden, aufgereihte Männer in Uniform, schreiende Bewohner. Eine Aufnahme zeigt drei Sicherheitskräfte von unten, aus der Froschperspektive wirken sie riesig und mächtig. Ein großer dürrer Polizist tippt unsere Personalien in seinen Computer. Dann will er unsere Kameraaufnahmen sehen, um „zu untersuchen, ob ihr etwas Illegales getan habt“.

Wer hat hier die dicksten Eier?

Wir zeigen ihnen die Aufnahmen, ein paar harmlose Clips mit ein paar Sekunden Länge. Schließlich haben wir noch niemanden interviewt, zu sehen sind nur wir und ein paar Zelte. „Ihr seht super aus, tolle Figur“, sagt der Polizist am Rechner, während vor seinen Augen das erste Video abläuft. „Wahnsinns Ausstrahlung!“, fügt er hinzu und mustert uns von oben bis unten. „Ihr macht euch sehr gut vor der Kamera.“ Die Angst um unser Material, der schmierige Sexismus des Polizisten und dass wir kostbare Recherchezeit verlieren, das alles ärgert uns. Zwar war es vollkommen legal, dass wir vor dem Camp gedreht haben. Aber was nützt uns dieses Wissen, wenn die Polizisten uns hier stundenlang festhalten können und damit die komplette Recherche versauen.

„Diese Aufnahme müsst ihr löschen“, sagt er dann. Es ist die Aufnahme von der Schubkarrenfahrt über den Olivenhain. „Da sieht man einen Mitarbeiter des Roten Kreuzes von hinten.“ Ein Witz, eine Machtdemonstration, eine Schikane, um den kleinen Reporterinnen zu zeigen, wer hier die dicksten Eier hat, falls wir das immer noch nicht begriffen haben. Wir löschen die Aufnahme vor seinen Augen: „Danke, die hübschen Damen!“ Glücklicherweise hat der Polizist kein großes technisches Know-how und weiß nichts von dem Backup, auf dem alle Szenen gespiegelt sind. „Okay, dann dürft ihr jetzt gehen.“ – „Gut, also wir gehen dann. Und wenn wir jetzt weiterdrehen, lassen Sie uns dann in Ruhe arbeiten oder müssen wir damit rechnen, dass Sie oder Ihre Kollegen uns in einer Stunde wieder abführen?“ – „Keine Angst, Ladys. Wenn wir mitkriegen, dass hier zwei attraktive junge Frauen vorm Camp herumlaufen, wissen wir ja jetzt Bescheid.“

Wir sind erleichtert, als wir das Camp Moria wieder von außen betrachten können. Aber auch erschöpft. Die Zermürbungstaktik hat funktioniert. Die Polizisten gehen vermutlich davon aus, dass wir jetzt nicht mehr so unbefangen vor dem Camp auf- und ablaufen wie zuvor, dass wir vorsichtiger werden und uns beobachtet vorkommen. Und ja, wir kommen uns tatsächlich beobachtet vor, als wir weitermachen.

Ali, 18 Jahre alt, aus Afghanistan.

Keine Regeln, keine Verbote

Etwa hundert Meter vom Camp entfernt entdecken wir eine Lagerhalle, in der Menschen Kleiderspenden sortieren. Wieder einmal haben Flüchtlingshelfer eine neue Institution aus dem Boden gestampft. Einer der jungen Männer, die dort mitsortieren, ist der 18-jährige Ali aus Afghanistan. Er spricht fließend Englisch und lebt seit Monaten in Moria. Ein schlaksiger Junge mit Undercut und dunkelblauem Stirnband, auf dessen Kapuzenpulli Hirschköpfe im Emoji-Stil gedruckt sind. Jung, fast kindlich wirkt er. Ali erzählt uns, dass immer noch viele Menschen in Zelten leben, aber es seien inzwischen weniger Kinder und Familien da. Im Vergleich zu ein paar Wochen zuvor leben jetzt auch mehr Menschen in Containern. Seit November wurden 4.400 Leute aus Lesbos aufs Festland gebracht, bestätigen die UNHCR-Helfer. Im Camp Moria wohnen inzwischen etwa 3.000 Leute weniger als noch im November. Das sind zwar immer noch etwa 2.000 Menschen zu viel, aber trotzdem ist das eine Verbesserung. Dass bislang niemand gestorben ist, liegt wohl am milden Winter. Es hat (noch) nicht geschneit. Sollte das doch noch passieren, wird aber jeder, der hier in einem Zelt lebt, ein großes Problem haben.

Und die Ausschreitungen? „Die machen mir Angst! In meinem Land gibt es Krieg, ich bin hierher gekommen, um Frieden und Ruhe zu finden, weißt du, was ich meine?“ Wie viele Flüchtlinge hatte Ali ein anderes Bild von der EU, als er sich auf den Weg hierher gemacht hat. Er erwartete eine Gemeinschaft, in der Menschenrechte gelten und Schwachen geholfen wird. Eine Gemeinschaft, die dem Image der EU entspricht.

Stattdessen fand er hier Zustände vor, die ihn an seine Heimat Afghanistan erinnern. „Es gibt hier keine Regeln, keine Verbote. Betrunkene belästigen Frauen, und ich glaube unter den Leuten, die hier Kämpfe anzetteln, sind Leute vom IS oder der Taliban. Viele Menschen haben psychische Probleme oder trinken zu viel Alkohol.“ Ali hofft, dass er in zwei Monaten von hier aufs griechische Festland verschwinden kann.

Weniger Frauen und Kinder

Wir hätten ja gerne mit ein paar Frauen gesprochen, aber tatsächlich sehen wir kaum welche. Und die, die wir sehen, möchten nichts sagen. Bisher durften hauptsächlich Frauen und Kinder die Insel verlassen. Die Verbliebenen sind angespannt. Sie haben Angst vor der Polizei und, Angst, dass sie beim Asylverfahren benachteiligt werden, wenn sie mit der Presse sprechen. Denn das Verfahren ist so intransparent, dass sich darum inzwischen allerhand Mythen und Gerüchte ranken.

Immerhin gelingt es uns, mit einem weiteren jungen Mann ins Gespräch zu kommen, Mustafa aus Gambia. Seine Haut ist tiefschwarz, auf der Oberlippe liegt ein zarter Flaum und auf dem Kopf sitzt eine rot-weiße Mütze, die ein wenig an den Weihnachtsmann erinnert. „Hier im Winter zu leben, ist Selbstmord“, sagt er mit tiefer, brüchiger Stimme. – „Was meinst du damit?“ – „Es ist nicht einfach im Camp in Moria. Hier wohnen so viele Leute zusammen aus so vielen verschiedenen Ländern. Und einige haben ziemlich viel Hass aufeinander, und diese Leute in einen Käfig zu sperren wie hier – damit treibt man die Leute in den Selbstmord. Zwischen den Flüchtlingen ist es nicht einfach. Viele Verwundete, Blut, jeden Tag. Manchmal kämpfen die Leute um eine Heizung, weil es so kalt ist.“

Seit drei Monaten ist er jetzt hier und er befürchtet, dass bis zu einer Entscheidung Jahre vergehen könnten. Aber egal, wie es ausgeht, Hauptsache, es gibt bald eine Entscheidung, sagt er. Denn das Schlimmste sei das Rumhängen an einem Ort wie diesem. Und er fühle sich benachteiligt: „Frauen und Kinder haben ihre eigene Essensausgabe, die können sich einfach in einer Reihe anstellen. Wir jungen Männer nicht, wir müssen kämpfen. Alleinstehende Männer haben es am schwersten. Jeder weint. Es ist so hart, hier alleine zu sein.“

Nach unserem ersten Besuch hat die NGO Ärzte ohne Grenzen begonnen, medizinische Versorgung für Kinder und gynäkologische Betreuung für Frauen in Moria anzubieten. Für die übrigen Bewohner ist es immer noch schwer, einen Arzt zu finden, der sie behandelt. Das Krankenhaus in Mytilini ist überfüllt.

Trotz kaltem Winter müssen die Bewohner des Flüchtlingscamps in Zelten leben.

Niemals Teil des Systems werden

Als wir abends durch die Hafenstadt laufen, sitzen mehr Menschen in den Cafés als tagsüber. Einige von ihnen erkennen und grüßen uns. Mytilini ist klein und die Flüchtlingshelfer-Community eingeschworen. Da ist der etwas pummelige junge Helfer aus der Schweiz, den wir bei unserem letzten Besuch kennengelernt haben, als er Spenden an Camp-Bewohner verteilte. Er hat gerade Besuch von seinem Vater, der sich ansehen will, wieso sein Sohn auf einer griechischen Insel hängengeblieben ist. Und da ist die 16-jährige Brasilianerin mit dem entschlossenen Blick, die eigentlich nur vier Wochen Volunteering betreiben wollte, inzwischen aber seit zwei Jahren auf der Insel ist. Schulabschluss hat sie keinen: „Was ich hier lerne, ist wichtiger.“ Und warum bist du ursprünglich hergekommen? – „Weil geholfen werden muss.“ Von den Leuten, mit denen sie am Anfang hier zusammengearbeitet hat, ist inzwischen kaum noch jemand übrig.

Die EU hat entschieden, dass ihre Gelder direkt an die griechische Regierung fließen sollen und nicht mehr an NGOs. Seitdem haben vom griechischen Staat finanzierte Firmen viele Aufgaben übernommen, die vor dem EU-Türkei-Deal in den Händen von Nichregierungs-Organisationen lagen. Also zogen viele NGO-Mitarbeiter mit jahrelanger Erfahrung von der Insel ab. Auch das ist einer der Gründe dafür, dass in Moria Chaos herrscht: Die professionellen Krisenmanager sind weg. Übrig gebliebenen sind überforderte staatliche Agenturen und hartgesottene Ehrenamtliche. Sie sind Helfer aus Leidenschaft, die ohne Geld und ohne Sicherheit weitermachen und darüber vergessen, dass sie mal so etwas wie ein Privatleben hatten. Wer zu einer staatlichen oder internationalen Organisation wie zum Beispiel dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen wechselt, um von seiner Arbeit leben zu können, gilt in diesen Kreisen als Verräter. Man darf niemals Teils dieses Systems werden, so das Credo der Helfer.

Die Erfahrungen auf der Insel haben sich in ihre Seelen gebrannt und bei einigen sogar in die Körper: Eine junge Griechin, die Sprachkurse für Kinder organisiert, hat sich hinter das Ohr das Wort „MORIA“ tätowiert. Schwarz und schnörkellos. Sie will für immer daran erinnert werden, was auf Lesbos passiert. Und auch die anderen Helfer wollen weder wegsehen noch vergessen. Deshalb kommen sie nicht mehr weg von der Insel und müssen immer weitermachen. Weiter und weiter und weiter.

So geht es auch Aris, der im früheren Leben schwerreicher Broker war und den wir im November als gut gekleideten Zyniker kennengelernt haben. Als wir ihn am nächsten Tag vor einem kleinen Lokal in den Bergen wieder treffen, wirkt er viel kleiner als beim letzten Mal. Sein silbergraues Haar ist gewachsen und hängt jetzt fast zottelig an seinem Gesicht herunter, ein Fleece-Pulli schützt ihn vor dem Küstenwind. Natürlich nimmt er sich Zeit für ein Gespräch, auch wenn Wochenende ist. Auf Lesbos ist jeder Tag Arbeitstag, weil jeden Tag Flüchtlinge kommen.

Wir essen mit ihm typisch griechisch zu Mittag: Griechischer Salat, Tzatziki, Brot, Fisch, Fleisch und natürlich Saganaki-Käse, eine Spezialität aus Lesbos. „Ich mache mir Sorgen um die Finanzierung der Attika“, erzählt er uns. Die Attika ist das Warenlager, das er gegründet hat, um die Bewohner von Moria mit Decken, Babymilch und allerhand anderen Dingen zu versorgen. Aber ein Geldgeber ist gerade abgesprungen und die Kalkulation war vorher schon knapp. Während des Essens ist er unkonzentriert, ständig klingelt die Flüchtlingshelfer-Seenotrettungs-Whatsapp-Gruppe. Denn in diesem Winter kommen viel mehr Flüchtlinge an als im Jahr zuvor. 899 Menschen haben allein im Januar die Insel übers Meer erreicht. Das sind zwar deutlich weniger als vor dem EU-Türkei-Deal, aber fast doppelt so viele wie 2017.

Bei der Rettung zählt jede Sekunde, das Meer ist im Winter gefährlicher. Denn um diese Jahreszeit sind die Winde stärker, die Wellen höher und die Sicht schlechter. Die Helfer müssen die Leute also schneller an Land holen, damit sie nicht ertrinken. In dieser Februarwoche sind schon 300 Leute angekommen, erzählt Aris uns. Und er glaubt nicht, dass es in nächster Zeit weniger werden.

Das Denken wird radikaler

Im Winter stößt Aris ehrenamtliche Arbeit an natürliche Grenzen. Denn dann brauchen die Menschen in Moria etwas, das er ihnen mit seinem Hilfsprojekt Attika nicht geben kann. Etwas, das noch viel Grundsätzlicher ist als Klamotten und Decken: ein Dach über dem Kopf. In einem Winter mit schlechtem Wetter endet auf Lesbos die Macht der Solidarität Einzelner.

Was sich in Moria verändert habe, wollen wir von ihm wissen. „Inzwischen gibt es mehr Ärzte, die sich um die Bewohner kümmern. Ansonsten ist alles beim Alten geblieben.“ Aus seiner Sicht war Lesbos nicht auf einen schlechten Winter vorbereitet. „Was wäre passiert, wenn wir minus zehn Grad gehabt hätten? Da wären Leute gestorben. So wie letztes Jahr. Also es war im Grunde einfach nur pures Glück, dass nicht mehr passiert ist.“

„Winter is Coming“ – das haben wir oft gehört, als wir im Herbst zum ersten Mal da waren. Griechische Journalisten und Mitarbeiter der NGOs haben mit diesem Zitat aus der Serie Game of Thrones zynisch darauf hingewiesen, dass, ähnlich wie im Serienwinter, wahrscheinlich einige Menschen sterben werden. Doch es kam anders. Der befürchtete Game of Thrones-Winter ist ausgeblieben.

Zu freuen scheint das Aris nicht. Er wirkt nicht nur äußerlich verändert, auch sein Ton ist frustrierter und seine Gedanken sind radikaler geworden. Inzwischen ist er der Meinung, dass sich eigentlich nur dann etwas ändern könne, wenn sich sämtliche Flüchtlingshelfer aus Lesbos zurückzögen: „Keine Hilfe mehr! Nichts mehr! Und dann schauen wir mal, was passiert. Meiner Meinung gäbe es große Aufstände, vielleicht würden Menschen sterben. Dann müsste die Regierung sich endlich kümmern.“

Das ist die Theorie, in der Praxis läuft es natürlich umgekehrt: Die einzelnen Helfer leisten immer mehr. Inzwischen gibt es ein Krisentelefon, und zwar nicht für die Flüchtlinge, sondern für traumatisierte und depressive Ehrenamtliche auf Lesbos. Eine US-Amerikanerin hat es eingerichtet, bei ihr können die Helfer ihren Kummer über den Kreislauf des Ewiggleichen ablassen, in dem sie auf der Insel gefangen sind. Das Erstaunliche aber: Trotz ihres Frusts versprühen viele Flüchtlingshelfer auf Lesbos eine faszinierende Herzlichkeit, ein Gefühl von: „Hier ist jeder willkommen.“ Selbst der deprimierte Aris strahlt diese Herzlichkeit noch aus. Und auch Nikos und Katharina, deren kleine Taverne „One Home“ er uns zum Abschluss unseres Treffens noch zeigt.

Einmal in Ruhe essen

Katharina begrüßt uns mit einem breiten Lachen, während sie hinter einem riesigen Topf aus der offenen Küche herausschaut. Sie trägt ein schwarzes enges Kleid, um den Hals hat sie einen schmalen bordeauxfarbenen Schal geschlungen. Ihr Mann Nikos hat kleine Augen und ein stoppliges Kinn, im Vergleich zur eleganten Katharina wirkt er in seinem grau-blauen Pullover unauffällig. Die beiden waren unter den Ersten, die geholfen haben, und sie tun es bis heute. Vor vier Jahren haben sie ankommende Flüchtlinge am Strand abgepasst, ihnen Decken und Essensboxen in die Hand gedrückt. Inzwischen empfangen sie die Gestrandeten in einem kleinen Restaurant, statt Nahrung aus der Plastikbox kriegen sie jetzt eine richtige Mahlzeit. Die Idee des griechischen Paares ist sehr einfach: Ein Essen in Würde. „Manche haben seit sechs Monaten nicht mehr mit Messer und Gabel gegessen“, sagt Nikos, „das muss man sich mal vorstellen!“ Im Camp prügeln sich die Bewohner häufig erst um das Essen und verspeisen es dann von der Hand in den Mund, auf dem steinigen Boden sitzend.

Als wir ankommen, klimpert ein syrischer Junge gerade auf einer Gitarre griechische Volkslieder. Die hat er im Gitarrenkurs bei Nikos gelernt. An einem Tisch sitzen junge Frauen und quatschen, sie wirken gelöst. Hier gibt es auch manchmal Mahlzeiten nur für Schwangere und Kinder. „Die Schwangerschaften resultieren häufig aus Vergewaltigungen auf der Flucht oder im Camp“, erklärt Katharina. „Wenn die Frauen zum ersten Mal herkommen, sind sie angespannt, du siehst richtig, wie sie mit dem Kopf immer noch in Moria sind. Dann kommt das Essen und sie entspannen. Sie können runterkommen, weil sie in Ruhe essen dürfen. Und am Ende lachen sie oft sogar.“ Wir denken an die jungen Afghaninnen, die wir beim letzten Besuch getroffen haben und an Mozghans Video von dem Kampf im Camp. Wie geht es den Mädchen wohl inzwischen? Ob sie auf dem Festland sind?

Bevor wir abreisen, rufen wir noch bei „Bashira“ an. Denn wie wir inzwischen erfahren haben ist das die kleine Organisation, von der uns die jungen Frauen bei unserer ersten Begegnung erzählt haben. Der Ort, an dem Camp-Bewohnerinnen einmal in der Woche duschen können. Vielleicht wissen die Leute dort ja, was aus Sarah, Mozghan und den anderen geworden ist. Leider hat dort niemand Zeit für uns, erklärt uns eine Frau namens Sonia am Telefon: „Aber kommt doch einfach beim nächsten Mal hier vorbei, dann zeige ich euch alles und wir können darüber sprechen, wie es mit den Menschen weitergeht, die Lesbos verlassen.“

Eines der Videos, das uns Mozghan aus Moria geschickt hat, zeigt das Camp am Tag nach dem Brand: verkohlte Zelte neben Wärmefolien umgeben von Müll, Kleidung, ein großes Durcheinander. „Hey girls, how are you now?“, fragten wir. „Hi. Fine“, war das Letzte, was wir von ihr gehört haben.

Ein paar Wochen später werden wir zurück in Deutschland von rechtsextremen Angriffen auf die Flüchtlinge von Lesbos lesen und von Islamisten, die tausend Kurden und Jesiden zu einer Massenflucht aus dem Camp Moria trieben.


In der dritten Folge der Serie wollen wir wissen, was in Moria passiert ist und wie es Mozghan und den anderen inzwischen geht. Wir beschließen, dass wir noch einmal auf die Insel müssen, um es herauszufinden.

Lisa Altmeier und Steffi Fetz recherchieren als „Crowdspondent – Deine Reporter“ die Themenvorschläge der Crowd. Dieser Text entstand bei ihrer Recherche über die Frage „Wie geht es Griechenland heute?“ Mehr zu dem Projekt und alle anderen Texte und Videos der beiden gibt es auf ihrem Blog und auf ihrem YouTube-Channel.

Redaktion: Theresa Bäuerlein; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel; Fotos: Crowdspondent.