Altersvorsorge

Deine Altersvorsorge – Folge 1: So machst du deine Psyche zur Verbündeten

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Alle Folgen unserer Altersvorsorge-Serie:

Folge 1: So machst du deine Psyche zur Verbündeten
Folge 2: Dieser Text hilft dir, den Überblick zu bekommen
Folge 3: Aktien, verständlich erklärt
Folge 4: Soll ich eine Immobilie kaufen?
Folge 5: Das kannst du für die Rente tun, wenn du nicht mehr jung bist
Folge 6: So könnten wir die Probleme des Rentensystems lösen


Ich denke an Scrat, das Säbelzahn-Eichhörnchen aus Ice Age. Scrat hat etwas, das vielen von uns fehlt in der Altersvorsorge: ein klares Ziel. Eine Eichel, die er haben und behalten will. Für diese Eichel nimmt er alle Entbehrungen und Strapazen auf sich. Er rettet sie vor herabfallenden Eisbrocken und verhindert, dass sie von einem Mammut zertreten wird. Wenn Scrat seine Eichel verliert, dann sucht er sie.

Wenn wir alle ein bisschen mehr wie Scrat wären, wäre Altersvorsorge viel einfacher. Die Versuchung, Geld auszugeben ist groß. Sparen ist nicht einfach. Nehmen wir an, wir sind ganz zufrieden mit unserem jetzigen Lebensstandard. Stellen wir uns vor, wir sind Scrat. Unser Lebensstandard ist unsere Eichel, und wenn wir ihn behalten wollen, sollten wir etwas dafür tun.

Dieser Text ist der erste Teil meiner Serie zur Altersvorsorge und zur Rente. Ich möchte euch mitnehmen und herausfinden, wie wir uns fürs Alter absichern können. Ich steige gerade in den Beruf ein, die Rente ist noch sehr weit weg. Ich weiß nicht, wie viel Rente ich bekommen werde, und bisher lege ich nichts zur Seite. Damit bin ich wie 27 Prozent der Deutschen.

INGDiBa hat in einer Umfrage das Sparverhalten der Deutschen untersucht.

Trotzdem finde ich es wichtig, sich früh mit dem Thema zu beschäftigen. Schon allein, damit es nicht mehr wie eine große Unbekannte im Alltag schwebt. In der Serie wird es um die gesetzliche Rentenversicherung gehen, um private Versicherungen, die Börse, Immobilien, eine Reform des Rentensystems. In diesem ersten Teil widme ich mich vor allem unserer Psyche. Denn die ist der Endgegner bei der Altersvorsorge – und kommt perfiderweise gleich zu Beginn. Aber mit ein paar Tricks können wir unsere Psyche zu unserer Verbündeten machen.

Wir müssen gar nichts

Ein Leser hat geschrieben: „Ich habe wenig Ahnung vom Thema, nur großen Trotz in mir.” Ich bin sicher, damit ist er nicht allein. Deshalb schreibe ich nicht: „Wir müssen etwas für die Altersvorsorge tun!” Wir müssen gar nichts. Wir können uns auf den Staat verlassen. Wir können hoffen, dass es ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt, wenn wir in Rente gehen. Wir können beschließen, dass uns Geld nicht wichtig ist und zu Selbstversorgern werden. Aber wir sollten uns dessen bewusst sein. Wir sollten uns einmal damit auseinandergesetzt haben und uns fragen: „Will ich dieses Risiko wirklich eingehen?”

Vielleicht hat der Trotz gar nichts zu tun mit der Altersvorsorge, sondern damit, wie sie verpackt ist. Denn die Rhetorik bei der Altersvorsorge ist Teil des Problems. „In Vorsorge steckt Sorge drin”, sagt der Finanzpsychologe Guido Kiell. Wenn sich jüngere Menschen das Altern ausmalen, dann nicht unbedingt positiv. Wir hören immer wieder Warnungen vor Altersarmut. Das ist wichtig, aber trägt nicht dazu bei, dass wir uns lieber mit dem Thema beschäftigen. Kiell schlägt vor, nicht zu sparen, um sich vor Altersarmut zu schützen. Sondern zu sparen, um einen Alterswohlstand zu erreichen. Dieses Umdenken macht es uns leichter, Sparen als etwas Positives anzusehen.

Wenn ich alt bin, gehe ich jedes Wochenende klettern

Helfen kann uns eine Übung. Das nächste Mal, wenn wir auf dem Fahrrad sitzen oder unter der Dusche stehen, einfach mal darüber nachdenken: Wie stelle ich mir mein Leben vor, wenn ich 70 bin? Wahrscheinlich werden wir dann noch ziemlich fit sein, und vielleicht arbeiten wir nicht mehr und haben viel Zeit. Wir brauchen ein konkretes Bild. Vielleicht, wie wir in der Hängematte liegen und unser Lieblingsbuch lesen. Oder, wie wir mit Freunden in die Berge fahren, um klettern zu gehen. Mit diesem positiven Bild können wir anfangen, unseren Alterswohlstand zu planen.

Wenn wir dann das nächste Mal spazieren gehen oder durch einen See schwimmen, können wir noch über etwas anderes nachdenken: Welche Einstellung habe ich eigentlich zu Geld? Wenn mir materielle Dinge nicht viel bedeuten, ist mir Geld vielleicht gar nicht so wichtig. Habe ich lieber einen Job, den ich als sinnstiftend empfinde, als einen, der viel Geld einbringt? Ist es mir wichtiger, Zeit für mich zu haben, als möglichst viel zu arbeiten und zu verdienen?

Wenn das so ist, fällt es uns vielleicht besonders schwer, uns mit unseren Finanzen zu beschäftigen. Aber wir können unser mentales Bild nutzen. Beim Alterswohlstand geht es nicht darum, möglichst viel Geld zu horten. Sondern darum, dass wir auch im Alter die Dinge tun können, die uns Freude machen.

Eine positive Einstellung zur Altersvorsorge zu haben, ist wichtig, denn es wird uns nicht leicht gemacht: Wir hören immer wieder, dass wir uns nicht genug für die Altersvorsorge interessieren. „Studien, die das zum Ergebnis haben, kommen oft von den Anbietern: von Banken, Fonds oder Versicherungen”, sagt Andreas Oehler, Professor für Finanzwirtschaft. Das stimme so aber nicht. Oehler sagt, sowohl junge als auch ältere Leute hätten ein großes Interesse an Altersvorsorge.

Andreas Oehler hat 2011 für den WDR eine Studie begleitet. Sie untersuchte das Interesse an Finanzthemen und das Finanzwissen junger Menschen zwischen 14 und 29 Jahren in Nordrhein-Westfalen und verglich die Ergebnisse mit den Einstellungen der Gesamtbevölkerung in NRW. Daraus konnte man auch Trends für alle Menschen in Deutschland ableiten. Hier geht es zur Mitteilung des Presseportals.

Wenn uns ständig vorgeworfen wird, wir interessierten uns nicht genug für ein Thema, haben wir vielleicht wirklich weniger Lust, uns konkret damit zu beschäftigen.

Es wäre schade, den Moment zu verpassen, wenn Geld übrig ist

Viele von uns haben gerade nicht genug Geld, um etwas zur Seite zu legen. Oehler schätzt, dass nur ein Drittel der Arbeitnehmer Geld übrig hat, um zusätzlich vorzusorgen. Etwa ein Drittel habe einen zu niedrigen Lohn und ein weiteres Drittel steige gerade erst in die Lebensphasen Beruf oder Familie ein.

Wenn wir also erst anfangen zu arbeiten, schließen wir erst einmal die Versicherungen ab, die wir brauchen, und schaffen uns eine Notreserve. Trotzdem ist es gut, schon jetzt darüber nachzudenken, wie wir unser Geld anlegen wollen. Dann können wir ein- bis zweimal im Jahr unsere finanzielle Situation prüfen. Und verpassen nicht den Moment, wenn wir etwas übrig haben. Wenn wir bewusst jeden Tag Geld für einen Kaffee beim Bäcker ausgeben, ist das gut so. Aber es wäre doch blöd, wenn wir in fünf Jahren zurück schauen und denken: Mist, Filterkaffee von zu Hause hätte es auch getan. Und das Geld hätte ich anlegen können. Schon kleine Summen machen einen großen Unterschied.

Wenn wir Geld übrig haben – und uns mit der Altersvorsorge beschäftigen wollen–, haben wir es immer noch schwer. Altersvorsorge ist viel komplizierter, als sie sein müsste. Für Anlageprodukte von Banken und Versicherungen gibt es Informationsblätter. Die sind schwer zu verstehen und untereinander nicht vergleichbar, kritisiert Andreas Oehler. „Risiken und Kosten werden oft in Prozent dargestellt, nicht in Euro.” Dazu kommt, dass es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, sein Geld anzulegen. Welche das sind und wie das geht, haben wir leider nicht in der Schule gelernt. Es ist also völlig normal, wenn wir uns überfordert fühlen. Davon brauchen wir uns aber nicht abschrecken lassen. Wir können es als Herausforderung sehen, die wir gerne meistern wollen.

Scrat würde sich nicht auf den Staat verlassen

Gehen wir aber nochmal einen Schritt zurück und gucken auf die gesetzliche Rente. Die sollte ja eigentlich unseren Alterswohlstand gewährleisten. Kleiner Tipp: Scrat würde sich nicht auf den Staat verlassen, wenn es darum geht, seine Eichel zu verteidigen. Und auch für uns wäre es riskant, einfach zu glauben, dass der Staat das schon regeln wird. Unser Rentensystem beruht auf dem Umlageverfahren. Das heißt: Alle, die gerade arbeiten, finanzieren die Rente derjenigen, die im Ruhestand sind. Früher hat das sehr gut funktioniert, weil es mehr junge als alte Menschen gab. Das ändert sich aber schon seit einer Weile.

Laut einer Prognose der OECD, einer internationalen Organisation, in der vor allem reichere Länder sitzen, werden im Jahr 2050 auf hundert Menschen im Berufsalter (20 – 64) in Deutschland etwa 60 Menschen ab 65 Jahre kommen. Fast doppelt so viele wie 2015. Klar kann man argumentieren, dass wir 2050 nicht mehr mit 65 in Rente gehen werden. Aber viele fangen auch nicht mehr mit 20 an zu arbeiten.

Die Statistik der OECD findest du auf Seite 19 dieses Berichts zur Rente.

Gerade berät eine Rentenkommission darüber, wie wir unser Rentensystem reformieren können. Der Knackpunkt ist: Wir können nicht wissen, wie das Rentensystem aussehen wird, wenn wir darauf angewiesen sind. Wenn wir uns nur darauf verlassen, hängen wir unsere Hängematte möglicherweise an einen sehr dünnen Ast. 2016 waren 11 Prozent der Menschen über 65 Jahre armutsgefährdet. Der Anteil ist in den vergangenen Jahren gestiegen, und Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaftslehre, Sozialpolitik und Sozialwissenschaften geht davon aus, dass er weiter steigen wird, wenn wir unser Rentensystem nicht grundlegend reformieren.

Ein Anzeichen für Armut ist die sogenannte Armutsgefährdungsquote. Sie ist definiert als der Anteil der Menschen, die weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens der Bevölkerung verdienen. Der Median: Wenn man alle Einkommen nebeneinander aufschreiben würde, wäre der Median das Einkommen, das genau in der Mitte liegt. Im Gegensatz zum Durchschnitt wird der Median also nicht durch besonders große oder besonders kleine Einkommen verzerrt. Konkret heißt das für das Jahr 2016: Wer weniger als 969 Euro zur Verfügung hatte, galt als armutsgefährdet.

Von 2005 bis 2016 ist die Armutsgefährdungsquote bei den Menschen ab 65 von 11 Prozent auf 14,8 Prozent gestiegen. Im gleichen Zeitraum ist auch die Armutsgefährdungsquote in Deutschland insgesamt gestiegen - allerdings nur um einen Prozentpunkt von 14,7 auf 15,7. Das heißt der Anteil der Menschen, die als arm gelten, ist in der alten Bevölkerungsgruppe stärker gestiegen als in der Gesamtbevölkerung.

Wer sich weiter mit Statistiken auseinandersetzen möchte und damit, wie sie instrumentalisiert werden, dem sei dieser Artikel des Ökonomen Stefan Sell empfohlen. Er analysiert ausführlich und gut verständlich, wie Altersarmut auf der einen Seite dramatisiert, auf der anderen Seite aber auch relativiert wird.

Drei Schritte zum Alterswohlstand

Jetzt aber weg von der Altersarmut und hin zum Alterswohlstand. Guido Kiell, der Finanzpsychologe, sieht drei wichtige Schritte. Wenn wir die Tipps in diesem Text bis hierher befolgen, haben wir schon zwei davon geschafft. Schritt eins war: Wir machen uns bewusst, dass wir etwas tun sollten, wenn wir im Alter unseren Lebensstandard halten wollen. Scrat muss sich auch ordentlich ins Zeug legen, um seine Eichel zu behalten.

Schritt zwei: das positive Bild. Wir denken an die Hängematte oder die Kletterroute und verdeutlichen uns, dass die Altersvorsorge etwas Positives ist und nichts Negatives. Auch, wenn in dem Wort nun einmal Sorge drinsteckt. Wir können auch ein neues Wort dafür finden, das uns besser gefällt. Am besten eines, das mit unserem mentalen Bild zu tun hat. Vielleicht ist es unser Kletterpolster, der Büchergroschen oder Wanderpfennig.

Nun kommt Schritt drei: Selbst wenn wir sparen wollen und sogar Geld übrig haben, ist ein Gegner immer noch da: unsere eigene Psyche. Was wir uns jetzt kaufen, spricht unser Belohnungszentrum an. Und das ist viel stärker als unser Verstand, der theoretisch weiß, dass wir sparen wollen.

Wir können unserem Verstand aber helfen. Zunächst können wir uns darüber bewusst werden, für was wir Geld ausgeben. Wir können ein Haushaltsbuch führen und alles, was wir kaufen, dort eintragen. Erst einmal ohne zu bewerten. Wir nehmen uns ein Heft, sammeln tagsüber Kassenzettel und merken uns den Rest. Abends schreiben wir auf, was wir ausgegeben haben. Nicht zu detailliert, sonst hält man das nicht lange durch. Nach drei Monaten sehen wir uns das Haushaltsbuch an, und vielleicht haben wir für bestimmte Dinge besonders viel Geld ausgegeben, ohne es zu wissen und ohne es zu wollen. Wenn wir uns dessen bewusst sind, ist es leichter, gegen das Belohnungszentrum anzukommen.

Um der Versuchung aus dem Weg zu gehen, können wir auch eine Regel finden, mit der wir uns selbst binden. Guido Kiell vergleicht das mit Odysseus, der sich an den Mast seines Schiffes binden lässt, um dem Gesang der Sirenen zu widerstehen. Zum Glück sind wir nicht Odysseus. Wir brauchen uns nicht an einen Mast fesseln lassen, wir brauchen einen Plan. Wir könnten zum Beispiel einen Dauerauftrag machen und jeden Monat direkt am Anfang einen bestimmten Betrag auf ein anderes Konto überweisen.

Das lohnt sich wirklich: Wenn wir 30 Jahre lang jeden Tag 5 Euro sparen und das Geld an der Börse anlegen, bekommen wir bei einer realistischen Rendite von vier Prozent nach Steuern und Inflation am Ende etwa 100.000 Euro. Gespart haben wir 54.000 Euro. Den Rest bekommen wir oben drauf. Garantiert ist das natürlich nicht. Wer weiß schon, was in 30 Jahren ist? Deshalb bauen wir unsere Vorsorge auf verschiedenen Säulen auf.

Wenn wir jeden Monat etwa 84 Euro freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen, haben wir pro Jahr Beitragszahlung rund 4,40 Euro mehr Rente im Monat.

Das klingt erstmal nicht viel. Wenn wir das aber zehn Jahre lang machen, sind es pro Monat schon 44 Euro mehr. Wenn wir uns heute entscheiden, ein Haus zu kaufen, müssen wir im Alter keine Miete zahlen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, und wir alle können die Kombination finden, die für uns passt.

Fazit

  • Ich denke nicht an Altersarmut, sondern an Alterswohlstand.
  • Ich suche ein mentales Bild für mein Leben mit 70.
  • Ich finde ein positives Wort für die Altersvorsorge.
  • Ich mache mir bewusst, wofür ich Geld ausgebe.

Eine Übersicht gibt es in der nächsten Folge. Danach sehen wir uns gemeinsam die Börse an, beschäftigen uns mit Immobilien und finden heraus, wie eine Reform des Rentensystems aussehen könnte.


Im Krautreporter Podcast Verstehe die Zusammenhänge spricht Martin Gommel mit Katharina Mau über ihren Artikel:

Altersvorsorge klingt doof, findet Martin Gommel. Er winkt innerlich ab, wenn er das Wort hört, weiß aber, dass er sich irgendwann einmal damit auseinandersetzen muss. In diesem Podcast spricht er mit Katharina Mau, die sich in das Thema eingearbeitet hat und Martin sämtliche Fragen von Rentenversicherung, über Aktien bishin zur Immobilienblase beantwortet.



Vielen Dank an die vielen KR-Leser, die mir ihre Fragen geschickt haben. Und danke an Henning, Daniel, Martin und Benjamin für eure Unterstützung.

Redaktion: Rico Grimm. Schlussredaktion: Vera Fröhlich. Bildredaktion: Martin Gommel. Aufmachergrafik: Peter Gericke.