Freiheit der Kinder

Das Ende der Stadtabenteuer

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Es war gerade einmal vier Jahre her, dass ich meine Lego-Eisenbahn abgebaut und im Keller verstaut hatte, als mir zwei Polizisten vor den Augen meiner Lehrerin Handschellen anlegten und mich aus dem Klassenraum führten. Zur gleichen Zeit durchsuchten Beamte die Wohnung meiner Eltern und brüllten meiner Mutter ins Gesicht: „Ihr Sohn hat sich durch Graffiti sein Leben ruiniert.“

Einige Wochen zuvor war ich auf einer alten Industriebrache dabei erwischt worden, wie ich die Außenwand einer baufälligen, abbruchreifen Halle besprühte. Es folgten: eine Gerichtsverhandlung, Arbeitsstunden und die Angst vor weiteren Hausdurchsuchungen. Trotzdem packte ich schon drei Tage nach der Verhandlung meine Tasche und ging weiter sprühen. Warum?

Damals hätte ich diese Frage wahrscheinlich nicht beantworten können. Heute, 25 Jahre später, kann ich es in Worte fassen: Ich wusste, dass es für mich keine andere Option gab – und dass Graffiti-Writing das einzige war, das ich wirklich gut konnte. Was ich damals auch nicht wusste, aber jetzt sehe: Ich lebte in einer Zeit, als Städte für Kinder und Jugendliche noch etwas anderes waren als heute. Sie waren ein großer, weiter Raum zum Entdecken. In der Stadt habe ich alles gelernt, was mich heute ausmacht.

Aber dieser große weite Raum ist heute verschwunden. Meine eigenen Kinder werden dort nicht mehr lernen können. Sie verlieren auf gewisse Art ihre Heimatstadt, obwohl sie mitten in ihr wohnen.

Bunte Schriftzüge füllten die Wände unserer Stadt

Ich bin in einer westdeutschen Stadt aufgewachsen. Anfang der Neunzigerjahre, ich feierte zu dieser Zeit meinen zwölften Geburtstag, veränderte sich viel in dieser Stadt. Neue Schulformen entstanden und wurden fanatisch diskutiert (der damals amtierende Bürgermeister bezeichnete alle Schüler einer gerade eröffneten Gesamtschule als „Lumpenpack“), Häuser wurden besetzt, und die Stadt kämpfte mit einer schnell wachsenden, offenen Drogenszene und der damit einhergehenden Kriminalität.

Nach der Grundschule kam ich auf eine dieser gerade neugegründeten, weiterführenden Schulen. Die Schule, die ich besuchte, lag in einem großen Schulzentrum außerhalb der Stadt – jeden morgen sammelten lange Kolonnen von Schulbussen die Schüler an Knotenpunkten der Stadt ein und spuckten sie am Nachmittag an diesen Knotenpunkten wieder aus. Die Knotenpunkte – Orte im öffentlichen Raum –, die als Transitort gedacht waren, wurden schnell zu zentralen Schauplätzen meines Lebens: Hier traf man sich, hockte im Winter gemeinsam in dunklen Fußgängerunterführungen oder kletterte im Sommer auf Parkhausdächer. Im Sommer 1992 entdeckten wir dann Graffiti-Writing, und die bunten Schriftzüge füllten die Ecken meiner Fantasie und die Wände unserer Stadt.

Graffiti-Writing basiert auf einer Ökonomie des Respekts: Je öfter und schöner man seinen eigenen Künstlernamen auf Wänden oder Zügen unterbringen konnte, desto geachteter war man in der Szene. Die Stadt entdeckte man da ganz nebenbei gleich mit.

Freiräume gibt es nicht mehr

Graffiti-Writing, nicht zu verwechseln mit Street-Art, entstand in den frühen 70er Jahren in Philadelphia und New York. Was mit kleinen, mit Markern schnell hingeschmierten Schriftzügen im Innenraum der Züge begann, entwickelte sich innerhalb weniger Jahre zu einer Kunstform – und einem komplett besprühten Metrosystem in New York. „Wild Style!“, ein vom deutschen ZDF (!) teilfinanzierter Graffiti-Film, inspirierte tausende europäische Jugendliche, an den Wänden ihrer Schule, an Autobahnbrücken oder Zügen der Deutschen Bahn die ersten eigenen Graffiti-Versuche zu unternehmen.

Heute arbeite ich selbstständig. Als Grafik-Designer arbeite ich für große Marken und Medien und unterrichte nebenher an einer Fachhochschule. Graffiti-Writing hat mein Leben nicht ruiniert – als Kultur hat es mich geprägt und hat mir die Welt gezeigt, von New York über Paris bis in den tiefsten Balkan. Doch die Freiräume, die wir damals hatten, und die mir den Platz gaben, abseits von Sportverein und Pfadfindern, meine Persönlichkeit zu entwickeln, gibt es nicht mehr.

Ich war, mit einigen anderen aus meinem Viertel, in der ganzen Stadt unterwegs, und es gab Orte, die ich kurz nach meinen ersten Graffiti-Versuchen kennenlernte. Orte, die sich in einem Zwischenzustand befanden, und die, teilweise mitten in der Stadt gelegen, einsam und manchmal auch seit langer Zeit unbetreten waren. Zum Beispiel ein alter Güterbahnhof, ein Gelände eines stillgelegten Krankenhauses oder auch das leerstehende Gebäude eines Fachbereichs der örtlichen Fachhochschule wurden zu kulturellen Zentren – ohne Struktur, Verwaltung oder einer von außen kommenden Ordnung.

Schlichen wir uns am Anfang noch auf die Gelände, so fanden dort kurze Zeit später Partys mit über 400 Menschen statt. Und selbstverständlich waren diese Gebäude komplett besprüht – am Anfang mit kleinen, schnell produzierten Bilder, bald jedoch mit großen, aufwändigen Wänden, die mehrere Meter hoch waren, und mit einer großen Anzahl an Sprühdosen, Grundierungsfarben und Leiter produziert wurden. Eine Erlaubnis dafür gab es nie. Aber es herrschte laissez faire, und oftmals kam zwar die Polizei, die Beamten waren jedoch meistens beeindruckt, dass da ein paar Kinder mit hunderten Dosen, Leitern und fachgerechter Grundierung minutiös durchgeplante Bilder an die Wand sprühten.

Clubs wichen Einkaufszentren, vom zentralen Marktplatz werden junge Menschen vertrieben

Mit 16 sprühte ich fast täglich. Jeder Pfennig floss in Sprühdosen, die wir bald direkt beim Hersteller billig einkauften. Mit dem Zug fuhren wir in andere Städte, sprühten und lernten schnell Sprüher kennen, mit denen wir per Post Fotos unserer Werke austauschten. An den Wänden, die ich in dieser Zeit besprühte, lernte ich im Laufe der Jahre, dass Menschen nicht homogen sind, wie Teams funktionieren, wie Konflikte entstehen und gelöst werden können. Ich sprühte dort mit Menschen, die später in Venedig auf der Biennale als Künstler ausstellen würden – und mit Menschen, die später einmal in Haft sitzen würden. Und ich lernte, dass sich Motivation und, so unpassend dies in diesem Kontext klingen mag, Leistung auszahlen und mich im Leben weiterbringen.

In meiner Heimatstadt gingen zuerst die Betreiber von Restaurants und Geschäfteinhaber gemeinsam mit dem Ordnungsamt gegen Jugendliche vor, die sich über fast drei Jahrzehnte abends auf dem zentralen historischen Marktplatz getroffen hatten. Über viele Jahre diente dieser Ort, gerade im Sommer, als analoges Facebook: Hier lernte ich Menschen kennen und, ergatterte ich einen Platz auf den Rathaustreppen, erfuhr vieles über die vorbeiflanierenden Gleichaltrigen, grüßte, küsste, so wie man heute Likes in seiner Timeline hier und da hinterlässt.

Zwei ansässige Wirte störten sich schließlich an den Mikroökonomien, die um Bier, Pfandflaschen und Straßenmusik entstanden waren. Das Ordnungsamt verhängte Platzverbote und setzte sie auch strikt durch. Seit zehn Jahren sitzen nun im Sommer einige dutzend Menschen im Außenbereich einiger weniger Lokale rund um den gähnend leeren Platz.

Auch alle anderen Orte verschwanden oder die Anwesenheit von Jugendlichen wurde untersagt. Der Spielplatz, auf dessen Wänden wir jahrelang gesprüht hatten, liegt immer noch brach – wird jedoch streng von Ordnungsamt und Polizei kontrolliert. Clubs wichen Shopping-Centern, ehemalige Industrieflächen in der Innenstadt wurden zu Grünanlagen.

Jeder Ort, der verschwand, verschwand zu Recht, wenn man sich mit der Lage der Anwohner und der Geschichte der jeweiligen Orte beschäftigt. Aber, wenn man die Stadt als Ganzes betrachtet, blieb kaum Platz übrig, der kreative Individualität abseits von Großraumdiskotheken und Freibad mit patrouillierenden Sicherheitsdienst zulässt. In Kneipen und Clubs gibt es strenge Ausweiskontrollen, in Parks und auf öffentlichen Plätzen werden die Möglichkeiten, sich zu treffen, immer weiter eingeschränkt.

Kneipenbesitzer haben Angst um den Ruf ihres Lokals

Ein Bekannter hat mir erzählt, dass seine Tochter ihren 18. Geburtstag in einer Kneipe feiern und dafür Tische reservieren wollte. Sie wurde in jeder Kneipe der Stadt abgewiesen: zu groß die Sorge, dass das Image des Lokals leidet, wenn dort zu viele junge Menschen, die vielleicht auch etwas lauter sind, die kaufkräftigeren Gäste stören würden. Die Tochter meines Bekannten feierte schließlich zu Hause.

Zu Hause, dies ist in vielen Fällen der Ort, der Kindern und Jugendlichen bleibt. Da in ihrer Stadt selbst immer weniger Platz für sie ist. Und sie haben keine Lobby – denn sie haben keine oder nur geringe Kaufkraft und Interessen, die oftmals von Menschen in den entscheidenden Positionen übersehen werden.

Die Autorin Katrin Hörnlein schrieb 2015 in der Zeit, dass sich Kinder und Jugendliche in Deutschland in den Sechzigerjahren in einem Radius von mehreren Kilometern frei bewegen konnten. Heute kommen sie allein kaum noch 500 Meter vom eigenen Zimmer weg. „Verinselte Kindheit“ nennen Soziologen diese Entwicklung. Verantwortlich dafür sind oft Eltern, die eine oftmals sehr irrationale Angst vor Unfällen und Kriminalität umtreibt, und die deswegen die Bewegungsfreiheit ihrer Kinder einschränken. Aber selbst, wenn diese Eltern ihre (jugendlichen) Kinder loslassen würden: Es gibt immer weniger Orte, an denen diese sich (unkontrolliert) aufhalten können.

Paris hat wieder Plätze für Straßenfußball geschaffen

Eine Stadt, die dieser Entwicklung zumindest ansatzweise entgegenwirkt, ist Paris. Die dortige Stadtverwaltung baut seit einigen Jahren Straßenfußballplätze, auch in vielen der Pariser Vorstädte. Die bei deutschen Erwachsenen so gut wie unbekannte Szene wächst seitdem rasant, gerade in den Vorstädten von Paris. Die Plätze wurden zum sozialen und auch kulturellen Mittelpunkt vieler Vorstädte – an dem Wissen zwischen verschiedenen Kulturen und Altersgruppen weitergegeben wird, wo Konflikte ausgetragen werden, Niederlagen und Erfolge erlebt werden. Und wo neue Vorbilder auftauchen – etwa wie die 19-jährige Fußballerin Lisa Zimouche, die bei Instagram weit über 1,5 Millionen Follower hat, und spätestens seit ihrem Auftritt in der Kabine von Paris Saint Germain bekannt ist, oder der Soccer-Afro-Trap rund um den Rapper MHD.

https://youtu.be/zi1D0MKWHU0

Schaut man sich die Videos von MHD an, der längst ein Megastar in Frankreich ist, stellt man fest, dass man diese großen Gruppen von bis zu 50 jungen Menschen nicht kontrollieren kann – vielleicht sollte man es aber auch gar nicht erst versuchen. Denn oftmals sind gerade die Dinge, die nicht kontrollierbar sind, jene, aus denen die tollsten Kulturen und Bewegungen entstehen.

Auch Graffiti-Writing hat sich verändert und hat sich teilweise zu einem urbanen Sport entwickelt, bei dem es darum geht, Sicherheitssysteme von Abstellbahnhöfen zu umgehen – und diese Umgehungen zu dokumentieren. Die bekanntesten Vertreter dieser Entwicklung sind das Paar „Utah und Ether“, die seit mehreren Jahren die Welt bereisen, U- und S-Bahnen besprühen und dies für zehntausende Zuschauer bei Youtube dokumentieren.

Aber das Phänomenen der „verinselten Kindheit“ hat auch die Graffiti-Szene erreicht. Der New Yorker Sprüher Katsu experimentiert mit ferngesteuerten Drohnen. Bei einem ersten Test, besprühte eine von ihm gesteuerte Drohne ein großflächiges Plakat in Houston – während er zu Hause saß:

https://youtu.be/We12p6yvNW0


Redaktion: Rico Grimm. Schlussredaktion: Vera Fröhlich. Bildredaktion: Martin Grimm (Alle Fotos stammen aus dem Buch „Aix Vandals – Graffiti-Writing und Street-Art in Aachen, 1988–2018“, Herausgeber: Thomas Weyres, Robert Kaltenhäuser und Myriam Kroll).