NSU-Morde

Die Täter bleiben unter uns

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Dort, wo die beiden Uwes einst zusammen Kastanien sammelten bevor sie die Treppen zu ihrer kamerabewachten Wohnung aufstiegen, in der Jugendliebe Beate Zschäpe schon wartete – hey Jungs, aber Schuhe aus!, Hände waschen, gibt gleich Essen – dort sprühten am Tag des Urteils Zwickauer Bürger ein Symbol auf den rissigen Asphalt: Wohnort. Frühlingsstraße.

Am Tag des NSU-Urteils sprayten Bürger in Zwickau und Chemnitz noch vor fünf anderen Häusern ein Symbol auf den Asphalt: Wohnort. An zehn weiteren Orten ein Symbol: Raubüberfall. Sie markierten auch die Plätze, an denen Waffen übergeben worden waren, an denen die Nazis und ihre Helfer Arbeit fanden, Tatfahrzeuge mieteten, um durchs Land zu fahren und zu töten. Mindestens zehn Mal.

Es gibt ein Foto von Beate Zschäpe, wie sie auf einer Bierbank sitzt, im Park hinterm Haus. Beim Siedlerfest. Bier vom Fass, Rostbratwurst. Die Leute angezogen, als wäre in der Nähe ein C&A explodiert. Zschäpe und ihre fleißigen Mörder passten gut hierher, ihr Untergrund hieß Durchschnitt. Das Haus gibt es nicht mehr. Die Stadt Zwickau verlangt nun von Frau Zschäpe die 50.000 Euro zurück, die der Feuerwehreinsatz gekostet hat. Plus Zinsen.

Rückblick: 24 Stunden vor dem Urteil steht vor dem Zwickauer Rathaus ein großes Gerüst, an dem Porträts der Opfer hängen. Es sind ehemalige DDR-Bürgerrechtler, die das organisiert haben, die ehrenamtlich Schüler über die Taten des NSU aufklären, und heute jeden ansprechen, der hier vorbeiläuft und das möchte. Viele sind es nicht. Es nieselt. Vom Tonband laufen die Stimmen der Angehörigen. Sie fordern Aufklärung, sie wollen keinen Schlussstrich unter die Verbrechen ziehen, noch nicht, ihr eigenes Leid ist doch auch nicht vorbei, solange die Hintergründe ungeklärt bleiben, die Verwicklung des Verfassungsschutzes in die Morde, die Vertuschung durch die Politiker, die Lügen der Beamten, die unerklärlichen Patzer bei der Polizei, die Sturheit der Staatsanwaltschaft, die nur drei Täter sehen will, wo es viel mehr gegeben haben muss, die weiteren Morde und Anschläge, die nie aufgeklärt wurden. Solange das Netzwerk der Helfer weiter besteht und aktiv ist. „Sowas hätt's zu DDR-Zeiten nicht gegeben“, sagen ein paar Rentner im Vorbeilaufen.

Am Abend stehen rund 150 Bürger auf dem Hauptmarkt von Zwickau. Fast alle von ihnen haben sich in irgendeiner Weise in den vergangenen sieben Jahren aktiv gegen Rechtsextremismus engagiert. Fast alle von ihnen wurden in den vergangenen sieben Jahren von Rechtsextremen bedroht oder beschimpft oder verleumdet. „Ich habe keine Angst mehr, das habe ich überwunden“, sagt einer von ihnen. Da hat jemand gelernt, mit einer Krankheit zu leben. Viele tragen Trauer, sie halten Kerzen in den Händen, den Blick auf das Gerüst mit den Opfern, dahinter das Rathaus. Dort ist das Licht aus. Nicht symbolisch. Es ist einfach keiner mehr da. Einzelne Stadträte sind gekommen, eine Handvoll vielleicht. Die Oberbürgermeisterin war nachmittags schon mal da. Sie macht ihre eigene Gedenkveranstaltung lieber einen Tag später im Rathaus. Was die Bürger machen, das findet man in der Stadtverwaltung ein bisschen zu laut, zu plakativ. Muss doch auch mal wieder gut sein mit dem Thema. Eine junge Kurdin singt John Lennons „Imagine All The People”. Ein Träubchen weißer Luftballons steigt in den Himmel.

Zum Urteil fuhren Zwickauer Bürger dann mit einem Kleintransporter die 350 Kilometer lange Strecke nach München, vor das Oberlandesgericht und stellten dort Parkbänke aus Holz auf, auf die sie die Namen der Ermordeten geschrieben hatten. Die Bänke hatten sie in den vergangenen Jahren immer wieder in der Innenstadt von Zwickau ausgestellt. Immer nur für einige Tage, bewacht.

Als das Urteil gegen Beate Zschäpe und vier ihrer Unterstützer fällt, applaudieren die Neonazis auf der Zuschauertribüne im Münchner Oberlandesgericht. Und in den Zwickauer Schrebergärten wehen weiter die Reichskriegsflaggen.

Zwei Tage nach dem Urteil von München wird die Neonazipartei III. Weg in Zwickau ein Bürgerfest organisieren. Mit Hüpfburg und Kinderschminken. Es ist die Partei, die auch der Mitverurteilte André Eminger unterstützt. Der Mann, der Tatfahrzeuge und Wohnungen für das NSU-Trio mietete. Der bis heute überzeugter Rassist ist. Der mittlerweile schon wieder Leute mitten in Zwickau verprügelt, einem Teenager mit dem Tode drohte. Er wird wohl kommen zum Bürgerfest. Er ist jetzt erstmal wieder ein freier Mann.

Die Täter bleiben unter uns.


Redaktion: Susan Mücke. Schlussredaktion: Vera Fröhlich. Bildredaktion Martin Gommel (Aufmacherfoto: Christian Gesellmann).