Marvin Brooks

„Wen nennst du hier weiß?“

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„Mein Leben ist ein Film“, sagt Marvin und lacht. Der 30-Jährige wirkt ausgeglichen und positiv. „Ich laufe durch die Gegend und lächele“, sagt er. Das war aber nicht immer so.

Marvins Mutter reist Anfang der Achtzigerjahre für einen medizinischen Eingriff aus Ghana nach Deutschland – und bleibt. Sie lernt einen deutschen Mann kennen, mit dem sie einen Sohn bekommt: Marvin Alexander. Sie benennen ihn nach zwei afroamerikanischen Soulsängern: Marvin Gaye und Alexander O’Neal. Doch leider währt das gemeinsame Glück der kleinen Familie nur kurz. Die Mutter trennt sich vom Vater, als Marvin fünf Jahre alt ist.

„Meine Mutter hat wie ein Gangster Cash besorgt“

„Als meine Oma gestorben ist, hat sich mein Vater voll in der Partywelt verloren", sagt Marvin. Schnell war er von Kokain abhängig. „Irgendwann hat jemand bei uns angerufen und gesagt, dass mein Vater Schulden hätte. Meine Mutter hat wie ein Gangster Cash besorgt, es ihm vor die Füße geschmissen und gesagt: Du machst jetzt einen Entzug oder du bist hier raus.“

Doch sein Vater schafft es nicht, seine Drogenabhängigkeit in den Griff zu kriegen. Die Eltern trennen sich. Marvin hält den Kontakt zu seinem Vater, der ihn früh zur Musik bringt.

„Ich bin von Afrikanern großgezogen worden“

Beide Eltern bereiten Marvin darauf vor, dass er es nicht leicht haben wird als „Halb-Halb“. Für die Weißen ist er schwarz, für die Schwarzen weiß. Er selbst sieht sich als Schwarzen. „Ich bin von Afrikanern groß gezogen worden.“ Unterschwelligen und direkten Rassismus lernt er sowohl von der ghanaischen als auch von der deutschen Seite kennen. Das ist bis heute so.

„Ich habe die Diskussion jedes Jahr, wenn ich nach Ghana fahre und jemand fragt: ‚Wer ist denn der Weiße da?‘ Dann bin ich so: Wen nennst du hier weiß? Komm mal kurz ran.“

In Schöneberg lernt er als Kind das Multikulti-Umfeld Berlins kennen, in Ghana ist er mit seiner helleren Hautfarbe eine Attraktion für andere. Vorbilder findet er in jungen Jahren in Deutschland nur wenige, viel eher kann er sich mit afroamerikanischen Rappern identifizieren.

Sein Glück ist, dass die Schule sein musikalisches Talent fördert. Schon früh feiert er erste Erfolge in der Musikszene. „D’Jaa“ heißt seine erste Band. Als er von seinem ersten Fernseh-Gig – die McDonalds Chartshow – zurück nach Hause kommt, wartet eine schreckliche Nachricht auf ihn.

„Meine Mutter hat mir gesagt, dass sich mein Vater den goldenen Schuss gegeben hat. Denn aus Kokain wurde Heroin. Er hat seinen Job und Geld verloren. Es wurde immer schlimmer. Ich habe in den Jahren eigentlich die ganze Zeit auf den Anruf gewartet.“

„Musik ist meine Therapie“

Marvin macht weiter Musik, spielt American Football, um Aggressionen abzubauen. „Mit 16 bist du wütend.“ Doch in der Musik läuft es. Mit seiner späteren Rap-Formation „am2pm“ mit seinem Kumpel Adesse bekommt er einen Plattenvertrag. Sie treten als Vorgruppe von 50 Cent und Justin Timberlake in großen Arenen auf. Ihm wird ein BMW vor die Tür gestellt, er reist viel und spielt vor Tausenden von Zuschauern.

Doch wieder ist es der frühe Tod eines geliebten Menschen, der ihn zurückwirft. Seine Managerin, zu der er ein enges Verhältnis hat, stirbt an Krebs. „Der Tod war sehr präsent in meinem Leben“, sagt Marvin. Trotz oder gerade wegen des extremen Auf und Abs, findet er immer mehr heraus, was er wirklich will und was nicht. Er entdeckt das Singen wieder für sich.

„Ich liebe die Bühne. Das ist das, was ich für immer machen will: Ich singe! So drücke ich mein Gefühl besser aus als nur mit Worten. Musik ist Therapie für mich. Immer wenn es mir schlecht geht, gehe ich weiter in die Musik rein.“

https://www.youtube.com/watch?v=kdZ8kc_zlwQ&feature=youtu.be

„Ich will nach Ghana ziehen“

Marvin, der mit Nachnamen eigentlich „Kucklack“ heißt, ist von seinem musikalischen Durchbruch überzeugt. 2013 veröffentlicht er seine erste EP. Auf Europa-Tour mit Ryan Leslie geht er das erste Mal als Sänger, nicht als Rapper, auf eine große Bühne – in Paris.

„Ausverkauft. Keiner kannte mich. Und Pariser Publikum ist real! Alter Schwede: Ich habe mir in die Hose gemacht vor Aufregung. Backstage hin und her gelaufen. Bin dann raus: Tunnelblick. Ich schwöre: Ich habe zwei Töne gesungen und ich wusste: You’re good. Das hat mir mehr bedeutet als der Auftritt mit 50 Cent, weil ich als Sänger da stand, als ich.“

2016 bringt Marvin sein erstes Album heraus: „The Strongest survive”. Im April 2018 ist er auf Tour. Er hat einen Sohn, der zu einem Viertel deutscher Abstammung ist. „Ich rede mit ihm viel über Afrika.“ Marvins Wunsch ist es, auf lange Sicht nach Ghana zu ziehen. „Ich möchte ein Haus mit Garten, wo ich selbst Gemüse und Obst anbauen kann. Darüber hinaus geht es nur um meinen Sohn – und: helfen. Ich möchte helfen.“


Der Halbe-Katoffl-Podcast ist eine Gesprächsreihe mit Deutschen, die nicht-deutsche Wurzeln haben. Moderator ist der Berliner Journalist Frank Joung, dessen Eltern aus Korea kommen. Es geht um Themen wie Integration (gähn), Identität (ach ja) und Stereotypisierungen (oha) – aber eben lustig, unterhaltsam und kurzweilig. Anekdoten aus dem Leben statt Theorien aus dem Lehrbuch.

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