Statistik für Feinschmecker

Wie ein schwachsinniger Essenstrend entsteht – und du darauf reinfällst

etwa 21 Min. Lesedauer

In der Offline-Welt da draußen, aber auch im Netz selbst gibt es zahlreiche journalistische und wissenschaftliche Perlen, die wir gerne entdecken möchten. Im KR-Buchklub empfehlen Leser und Redakteure ihre Lieblingsbücher, Vorträge, Essays oder Reportagen. Wir veröffentlichen einen Auszug daraus und laden euch ein, in den Kommentaren darüber zu diskutieren.


Wir sind nicht besonders gut darin, ein Risiko einzuschätzen. Das Hauptproblem dabei ist, dass wir uns leicht manipulieren lassen. Schlagzeilen, Bilder, soziale Medien und unser Umfeld haben alle einen Einfluss darauf, wie wir Gefahr wahrnehmen. Die bahnbrechenden Arbeiten von Amos Tversky und Daniel Kahneman in den 1960er- und 1970er-Jahren zeigten, dass Menschen ein Risiko nicht aufgrund einer sorgfältigen Einschätzung beurteilen, sondern dass sie nur aufgrund der begrenzten Informationen, die ihnen zur Verfügung stehen, agieren.

Dieses Phänomen ist als „Verfügbarkeitsheuristik“ bekannt. Es bedeutet, dass uns, wenn die Zeitungen voller mächtiger und emotionaler Geschichten über Terroranschläge sind, diese Bilder sofort zur Verfügung stehen, wenn wir über Risiken nachdenken. Deshalb werden wir höchstwahrscheinlich die Gefahr, von solch einem Ereignis betroffen zu werden, überschätzen. Das Ergebnis ist, dass wir uns vielleicht entscheiden, Auto zu fahren statt zu fliegen, obwohl die Chance eines Autounfalls viel größer ist als die eines Flugzeugunglücks – aber wir haben einfach den Terror einer Geiselnahme im Flugzeug viel deutlicher vor Augen.

Wir tendieren außerdem dazu, Angst mit Empörung zu verwechseln. Obwohl viele Menschen im Straßenverkehr sterben, sind das meistens nur Einzelfälle – schrecklich und beängstigend natürlich, aber eher unüblich. Dasselbe gilt für Unfalltote und chronische Krankheiten – sie fallen unter die Kategorie „schreckliche Dinge passieren eben“ – etwas, das sich schlecht mit unserer Vorliebe für Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge verträgt. Wenn aber ein Todesfall mit etwas in Verbindung steht, das wir moralisch inakzeptabel finden – wie etwa Terrorismus, Kindesentführung, chemische Unfälle, Umweltzerstörung oder unternehmerische Gier –, dann drückt sich unsere Empörung in größerer Furcht aus. Wenn wir dann Risiken abwägen, rücken solche Beispiele in unserem Geist in den Vordergrund. Obwohl diese moralisch inakzeptablen Risiken meistenteils statistisch weniger ins Gewicht fallen, leben Leute oft so, dass sie diesen Risiken mehr Aufmerksamkeit einräumen als tatsächlich vorhandenen, größeren Risiken in anderen Bereichen.

Die Welt der Lebensmittel hat einige ähnliche Probleme. Die Zeitungen sind voller Geschichten, die das Risiko des Konsums bestimmter Nahrungsmittel beschreiben, oft mit sensationsheischenden Anekdoten. Damit etwas in die Medien kommt, muss es ungewöhnlich sein, das heißt unsere Risikowahrnehmung wird von kontroversen Meinungen und Ideen verdreht. Über den alten, langweiligen wissenschaftlichen Konsens wird selten berichtet, sie überlassen das Rampenlicht der Medien den selbst ernannten Querdenkern, die ein Buch zu verkaufen haben.

Wir haben bis hierher schon eine Reihe solcher Beispiele gesehen, etwa Zucker, der als Gift enthüllt wurde, gesättigte Fette, die als Superfood gelten, Hühnchen, das unseren Körper angeblich sauer macht, und Gluten, das für alle ungesund sein soll. Das alles sind Nischenüberzeugungen, die von wissenschaftlichen Kreisen meist nicht geteilt werden. Aber weil sie in den Nachrichten sind, sind sie für die meisten von uns stärker verfügbar und leiten so unsere Entscheidungen, wenn es um Gesundheit und Lebensmittel geht.

Empörung spielt bei den Beispielen, über die ich bereits geschrieben habe, ebenfalls eine große Rolle. Nichts eignet sich besser für Schlagzeilen als eine Verschwörung oder eine Vertuschung, bei der die geheimen Kräfte des Big Business mit Experten gemeinsame Sache machen, um der Öffentlichkeit zu schaden. Die Empörung, die wir angesichts der Vorstellung über kontaminierte Lebensmittel oder korrupte Wissenschaftler verspüren, die falsche Ernährungsratschläge geben, um Unternehmen Profite zu verschaffen, drückt sich in Angst aus und die beeinflusst unsere Entscheidungen unverhältnismäßig.

Die Wissenschaft steht also vor einem schwierigen Dilemma. Wenn sie sich mit denen anlegt, die falsche Vorstellungen haben, dann bringt das diese Vorstellungen in die Diskussion und lenkt die Aufmerksamkeit auf sie. Sie aber zu ignorieren, wenn sie oft in den Medien erscheinen, bedeutet, dass diese Unwahrheiten oft die einzigen spärlichen Informationen sind, die den Menschen als Grundlage für ihre Entscheidungen zur Verfügung stehen.

Ähnlich ist es mit Buch-Bestsellern, die einen neuen Ansatz im Bereich Ernährung, Gesundheit oder Abnehmen vorstellen. Sie sorgen dafür, dass dieses spezielle Konzept von Risiko oder Nutzen ganz präsent bei uns ist und verleihen ihm so eine ungerechtfertigte Wichtigkeit. Die Bestsellerlisten sind voller dramatischer und sensationsheischender Titel, die erklären, warum Gluten böse ist, oder warum Zucker Ihr Gehirn vergiftet. Nur selten werden Sie etwas finden, das den wissenschaftlichen Konsens wiederholt, denn die wissenschaftlichen Ansichten sind nicht so reißerisch:

  • „Verhindern Sie langfristige Gewichtszunahme, indem sie nicht so viel essen.“
  • „Vermeiden Sie den Schaden, den Sie durch zu hohen Zuckerkonsum anrichten, indem Sie weniger Zucker essen (vorausgesetzt, Sie essen momentan zu viel Zucker – falls nicht, machen Sie weiter wie bisher).“
  • „Die bescheidenen langfristigen Vorteile, die mit dem begrenzten Konsum von gesättigten Fettsäuren einhergehen.“

Wir überlassen das Abwägen von Statistiken den Experten

Berücksichtigt man das gesamte Potenzial für Verwirrung, wäre es verrückt, wenn man von den Menschen erwarten würde, wohlüberlegt alle statistischen Risiken abzuwägen und sich dann zu entscheiden. Wie wir bereits diskutiert haben, glauben wir normalerweise der Sorte von Informationen, die wir sowieso bevorzugen, besonders, wenn sie von Leuten verkündet werden, denen wir vertrauen. Das sind einfache Abkürzungen, die wir benutzen, um uns in der Welt zurechtzufinden.

Besonders im Bereich Ernährung und Gesundheit ist das sehr verständlich, wenn man an die Komplexität der Informationen denkt, mit denen wir uns konfrontiert sehen. Obwohl wir immer erst mal nachdenken und nach Belegen suchen sollten, wo wir können, ist es für beinahe alle von uns nahezu unmöglich, die Qualität jeder relevanten wissenschaftlichen Studie einzuschätzen. Wissenschaftliche Forschung, und besonders die komplexen epidemiologischen Studien rund um Ernährung und Gesundheit, sind – außer für wenige Menschen – undurchschaubar, und wir müssen uns alle auf Experten verlassen, die sie interpretieren und wichtige Erkenntnisse nach außen kommunizieren.

Das ist mit einer Reihe von Problemen verbunden, wie David Spiegelhalter ausführt:

Obwohl es für Menschen unmöglich ist, Entscheidungen auf der Grundlage des Abwägens von Wahrscheinlichkeiten zu treffen, sind sie ziemlich gut darin, Risiken zu verstehen. Das Problem ist, dass sie oft von den Leuten enttäuscht werden, die sie kommunizieren. Ihnen werden schlecht verpackte Statements zugemutet, von Leuten verfasst, die sie manipulieren wollen. Es gibt bestimmte Arten, um Informationen zu formulieren, wovon Leute Gebrauch machen, die die Öffentlichkeit erschrecken oder beruhigen wollen.

In der Welt der Pseudowissenschaft rund um die Ernährung gibt es eindeutig Leute, die ein Eigeninteresse daran haben, uns zu erschrecken oder zu beruhigen – und die Informationen werden oft so verpackt, dass sie in eine bestimmte Agenda passen. Doch in der Welt der Wissenschaften sind manchmal subtilere Gründe für diese Art der Fehlkommunikation im Spiel.

Gäbe es eine effektivere Wissenschaftskommunikation, wäre es für die Pseudowissenschaften viel schwieriger, sich durchzusetzen, es ist also sehr wichtig, diese Problematik zu verstehen. Wie wir bereits diskutiert haben, gibt es viele Gründe, warum Wissenschaft schlecht kommuniziert wird, und viele Gruppen (Forscher, Pressestellen von Universitäten, Journalisten, Stiftungen, Aktivisten), die ein eigenes Interesse daran haben, Behauptungen aufzustellen und Werbung zu machen. Aber wenn die Wissenschaft harte Fakten herausgibt, dürfte es doch nur ein bestimmtes Maß an Fehlinterpretationen geben, oder?

Der folgenschwere Unterschied zwischen einem Prozent und einem Prozentpunkt

Oh, ich glaube, jetzt kommen ein paar Statistiken.

Der Schlüssel zum Verständnis dafür, warum einige ernährungswissenschaftliche Forschungen schlecht kommuniziert werden, ist das Konzept vom relativen und absoluten Risiko. Wenn komplexe epidemiologische Studien zu Ernährung und Gesundheit durchgeführt werden, dann sagt das Ergebnis meist etwas über ein relatives Risiko aus. Die Studien untersuchen die unterschiedlichen Risikostufen zwischen zwei Gruppen und erforschen, wie bestimmte Verhaltensweisen die Ergebnisse beeinflussen.

Hä?

Ich gebe ein Beispiel. Eine öffentlich gut bekannte Studie zeigte vor einigen Jahren, dass der Verzehr von Speck ein Risikofaktor für Darmkrebs sei.

Oh nein, nicht Speck. Ich liebe Speck.

Doch, tut mir leid. Ich vereinfache hier aus Gründen der Anschaulichkeit die Zahlen, aber die Studie kam zu dem Ergebnis, dass der Verzehr von gepökeltem, industriell hergestelltem Fleisch das Risiko für diese schreckliche Krankheit signifikant erhöht. Studien innerhalb der Bevölkerung zeigten, dass Gruppen, die im Durchschnitt 50 Gramm Speck pro Tag konsumierten, im Verlauf ihres Lebens eine um 18 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit aufwiesen, an Darmkrebs zu erkranken als Gruppen, die das nicht taten.

18 Prozent!!! Das macht mir Angst. Ich werde nie wieder Speck essen.

Moment, ich weiß, ich versuche ja die ganze Zeit, Ihnen Korrelation, Kausalität und potenzielle Störfaktoren einzubläuen, und ich bin sicher, Sie können sich vorstellen, dass die Sorte Mensch, die wirklich jeden Tag 50 Gramm Speck isst, nicht gerade die gesündeste ist. Aber die Studie nutzte einige schlaue Techniken, um sicherzustellen, dass die Korrelation auch echt ist. Darmkrebs ist eine sehr ernste, extrem schlimme Krankheit, und es gibt tatsächlich sehr gute Nachweise, dass Speck, Schinken und anderes gepökeltes, industriell verarbeitetes Fleisch eng mit dem Vorkommen dieser Krankheit verbunden ist. Für Speck sieht die Lage nicht gut aus. Auch wenn er köstlich schmeckt, ist es das wirklich wert, sein Krebsrisiko um 18 Prozent zu erhöhen?

Der Anstieg um 18 Prozent ist ein Maßstab für das relative Risiko, und wie ich schon sagte, ist dies das Ergebnis für die meisten epidemiologischen Studien. Ein starker Verzehr von verarbeitetem Fleisch erhöht das Krebsrisiko um 18 Prozent. Das ist aus relativer Sicht der Fall, wenn man es mit Gruppen vergleicht, die weniger verarbeitetes Fleisch essen (und bei denen potenzielle Störfaktoren so gut wie möglich ausgeschlossen wurden). Aber was bedeutet diese Zahl tatsächlich?

Für jeden, der dieses Buch liest, egal ob Sie Speck essen oder nicht, liegt das Risiko, irgendwann in seinem Leben an Darmkrebs zu erkranken, ziemlich hoch, bei etwa 6 Prozent. Wenn Sie jeden Tag 50 Gramm Speck essen (was viel ist – eine fünfköpfige Familie, die so viel Speck isst, würde jede Woche 1,75 Kilogramm verzehren), steigt dieses Risiko auf etwa 7 Prozent. Diese Zahl, die Zunahme von 6 auf 7 Prozent, nennt man absolutes Risiko. Das ist insgesamt ein Anstieg von nur 1 Prozent, aber wenn man es mit dem ursprünglichen Risiko vergleicht, wird es um 18 Prozent größer. Es gibt definitiv eine Verbindung zwischen Darmkrebs und Speck und das relative Risiko steigt um 18 Prozent, aber in der Realität zeigt die Studie, dass Leute, die täglich viel Speck essen, ihr absolutes Risiko um 1 Prozent in die Höhe treiben, was sich – auch wenn das ernst zu nehmen ist – nicht ganz so schlimm anhört. Man sieht sofort, dass das relative Risiko die Leute mehr besorgt als das absolute Risiko.

Die Experten können uns die Risiken unterschiedlich verpacken

Es gibt auch noch andere Wege, um ein und dieselbe Information unterschiedlich zu verpacken, sodass sie unsere Entscheidungen beeinflusst. Wenn ich sage, dass Speckkonsum Ihr Risiko für Darmkrebs um 1 Prozent erhöht, dann klingt das für nur ein einzelnes Nahrungsmittel immer noch wie eine erhebliche Zunahme. Aber wenn ich sage, dass die Chance, Darmkrebs zu verhindern, für Leute, die keinen Speck essen, bei 94 Prozent liegt und bei 93 Prozent für Leute, die täglich große Mengen verzehren, dann klingen die Quoten definitiv besser. Und wenn ich sage, dass in einer Gruppe von hundert Leuten, die von jetzt an bis ans Ende ihres Lebens alle jeden Tag ein riesiges Speck-Sandwich essen, einer Darmkrebs bekommen wird, dann scheint das Risiko vielleicht noch weniger signifikant zu sein.

Yeah! Speck ist gut!

Nein, Speck ist nicht gut. Es gibt deutliche Anzeichen dafür, dass der Verzehr von viel Speck Ihr Risiko für Darmkrebs erhöht, eine ernsthafte Krankheit, an der viele Leute sterben. Aber es wird klar, dass die Art, wie man das präsentiert, verändert, wie wir das Risiko einschätzen.

Was stimmt denn nun? Ich bin verwirrt. Vorher ging es mir besser, da hatte ich wenigstens nur Angst.

Alles stimmt. Aber viele psychologische Studien haben gezeigt, dass das absolute Risiko die beste Möglichkeit ist, die Ergebnisse zu kommunizieren, wenn die Öffentlichkeit sie verstehen soll.

Risiko, in Ihrem Leben an Darmkrebs zu erkranken

KR-Mitglied Moritz Lell hat in einem Kommentar völlig zu Recht darauf hingewiesen, dass wir Leser mit dieser Grafik manipuliert werden: Sie beginnt nämlich nicht bei null, sondern bei fünf Prozent. Dadurch sieht es optisch so aus, als wären sieben Prozent doppelt so viel wie sechs Prozent.

Chance, in Ihrem Leben Darmkrebs zu vermeiden

Aha, gut. Alle verwenden also die Kategorie „absolutes Risiko“.

Nein, leider nicht. Obwohl es bekannt ist, dass das absolute Risiko die beste Art ist, so etwas zu vermitteln, wird es selten benutzt. Vielleicht, weil man damit nicht in die Schlagzeilen kommt. Die Verbindung zwischen Darmkrebs und Speck wurde weltweit als dramatischer Anstieg des relativen Risikos kommuniziert. Obwohl die Forschung maßgeblich war, würden es viele vielleicht als unfair erachten, dass sie auf eine Art kommuniziert wurde, die die Öffentlichkeit verwirrte und unnötige Angst verursachte.

Warum wird das so gemacht?

Vielleicht liegt der Hauptgrund darin, dass das relative Risiko das Endergebnis der meisten epidemiologischen Untersuchungen ist. Forscher liefern selten Informationen über absolute Risiken, denn das ist nicht die Absicht ihrer Arbeit. Es ist nicht die Aufgabe der Forscher, das, was sie tun, für die Öffentlichkeit verständlich zu übersetzen – also wird das auch nur selten getan. Man könnte sagen, das wäre der Job von Wissenschaftsjournalisten, aber meist liegt das außerhalb ihrer Fähigkeiten.

Vielleicht sollte es die Aufgabe von Pressestellen der Universitäten sein. Genau ihnen wurde die Schuld an der irreführenden Wissenschaftsberichterstattung in einem Papier zugeschrieben, das kürzlich in der Fachzeitschrift British Medical Journal erschien. Doch tatsächlich wird die komplexe Aufgabe, wissenschaftliche Ergebnisse in Zahlen des absoluten Risikos zu übersetzen, die die Öffentlichkeit auch versteht, auch die Kapazitäten der Pressestellen übersteigen.

David Spiegelhalter erklärt das so:

Die Öffentlichkeit wird oft schlecht versorgt und erhält eine stark übertriebene Sicht auf die Bedeutung einzelner Dinge. Wissenschaft wird nicht für die Öffentlichkeit geschrieben, und sie in gute Informationen zu verwandeln, ist nicht die Aufgabe eines Wissenschaftlers. Wissenschaftler, Pressestellen und Journalisten wollen alle eine Geschichte und sie haben alle die Tendenz, sich in übertriebenen oder irreführenden Behauptungen zu ergehen. Jeder hat eine Motivation dafür, sich nicht das Gesamtbild anzusehen.

Zum Glück gibt es Quellen, wo man gute Auskünfte erhalten kann und ein paar Menschen (wie Professor Spiegelhalter), die versuchen, diese Problematik zu thematisieren. In Großbritannien arbeiten Einrichtungen wie das Science Media Centre, das sich um unabhängige Pressearbeit bemüht, die interaktiven Webseiten Understanding Health Research, NHS Choices sowie die Seite der britischen Stiftung zur Krebsforschung Cancer Research UK alle hart daran, Mythen zu zerstreuen. Sie bieten Informationen, die der Öffentlichkeit helfen, Risiken zu verstehen und sachkundig Entscheidungen zu treffen. Doch die vernünftigen Stimmen sind eben nicht die lautesten.

Wenn Wissenschaft schlecht kommuniziert wird, mit Mitteln, die bekannt dafür sind, dass sie die Öffentlichkeit in die Irre führen und darin münden, dass Menschen schlechte Entscheidungen treffen, dann überrascht es kaum, dass Schwierigkeiten und Verwirrung entstehen. Es braucht einen stärkeren Konsens darüber, wie Risiko kommuniziert wird und mehr Verantwortung auf allen Seiten, wenn Forschungsergebnisse präsentiert werden. Bis es soweit ist, sollten Sie das relative Risiko erkennen, wenn Sie es sehen, und wachsam gegenüber seinem Einfluss auf Ihre Entscheidungen sein.

Die Risiken von Speck

Obwohl einige Aktivisten die Verbindung zwischen gepökeltem Fleisch und Darmkrebs als Nachweis für die Gefahren von Nitraten in verarbeitetem Fleisch verwendet haben, gibt es keine kausale Verbindung zwischen diesen beiden Punkten. Nitrate werden ergänzt, um das Auftauchen tödlicher Mikroorganismen zu verhindern – und ohne sie wäre Speck kein Speck (sie machen ihn rosa) – und ich persönlich halte ihre Verteufelung nicht für gerechtfertigt. Verarbeitetes Fleisch enthält neben Nitraten noch viel mehr Stoffe, und eine einzelne Chemikalie zu beschuldigen, ist ein unwissenschaftlicher Gedankensprung, der gut in das praktische „Chemikalien-sind-schlecht“-Narrativ passt. Es gibt verschiedene Theorien, und vielleicht werde ich eines Tages widerlegt, aber solange es noch keinen überzeugenden Beweis gibt, ist dieser Gedankensprung inakzeptabel.

Manchmal müssen wir Risiken auch akzeptieren. Nitrate werden Speck zugesetzt, um das Wachstum von Clostridium botulinum zu verhindern, ein Bakterium, das ein tödliches Nervengift produziert. Wir können nicht immer jegliches Risiko aus unserm Leben ausschließen, und manchmal müssen wir entscheiden, welches Risiko wir eingehen wollen. In vielen Fällen ist das einfach, zum Beispiel Speck versus Botulismus, oder Fliegen versus Fahren, aber das Wichtigste dabei ist, dass das Risiko manchmal gegen den Spaß abgewogen werden muss. Auch wenn manche Leute das anders sehen mögen, aber Specksandwiches sind prinzipiell nicht lebenswichtig. Sie können zwar ein paar flüchtige Momente großen Genusses bringen, aber das heißt, der Genuss muss gegen langfristige Risiken abgewogen werden.

Sollten wir jeden Tag Speck essen? Wahrscheinlich nicht. Wenn wir eine abwechslungsreiche Ernährung haben wollen, sollten wir wahrscheinlich kein Nahrungsmittel JEDEN TAG essen. Können wir es uns erlauben, ab und an sonntags mal ein Specksandwich zu essen? Mit ein bisschen Butter und brauner Sauce? Ich weiß, was ich darüber denke.

Riskante Aussichten

Selbst wenn wir uns der Risiken vollkommen bewusst sind, gibt es manchmal immer noch Probleme. Wir nähern uns dem Teil des Buches, wo diese Probleme besonders überhandnehmen, denn es geht hier um die schlimmsten Aspekte der Pseudowissenschaft.

Oh. Das klingt ernst.

Manches ist ernst. Deshalb sollten wir, bevor wir anfangen, noch ein wenig über Risiko und Entscheidungsfindung unter Stress sprechen.

Mehr Statistiken?

Nein, diesmal nicht. Wir werden ein Spiel spielen.

Hurra! Ich mag Spiele. Was spielen wir?

Ich gebe dir zwei Optionen, und du musst eine auswählen. Bereit?

Jau.

Okay. Die erste Wahl ist ein Spiel, bei dem du mir 500 Euro geben musst. Das war’s.

Was? So ein Quatsch. Das ist ein doofes Spiel. Da mach ich nicht mit. Was ist das andere Spiel?

Das zweite Spiel ist eins, wo du würfelst. Wenn du eine Sechs würfelst, musst du mir nichts geben. Würfelst du eine andere Zahl, musst du mir 700 Euro geben.

Das mit dem Würfel, schätze ich. Dann habe ich zumindest eine Chance.

Okay, gut. Willst du noch mal?

Wie noch mal?

Willst du zwei andere Optionen, zwischen denen du wählen kannst?

Okay. Ich hoffe, die sind jetzt besser.

Ich denke, sie werden dir ein bisschen besser gefallen. In der ersten Option gebe ich dir 500 Euro. Und das war’s wieder.

Yeah! Das klingt nach Spaß. Ich bekomme gerne 500 Euro. Was ist dieses Mal die zweite Option?

Im zweiten Spiel würfelst du. Wenn du eine Sechs würfelst, bekommst du nichts. Wenn du irgendetwas anderes würfelst, gewinnst du 700 Euro.

Oh. Das ist auch gut. Aber mir gefällt das erste Spiel besser. Da bekomme ich auf jeden Fall 500 Euro. Und ein paar Luxuskekse. Die, die einzeln in Folie verpackt sind.

Gut. Danke, Instinkt-Gehirn. Du hast ein gutes Beispiel dafür gegeben, wie die meisten Leute über Risiko denken.

1979 veröffentlichten Kahneman und Tversky ein Papier mit dem Titel „Prospect Theory – an Analysis of Decision Under Risk“ (Neue Erwartungstheorie – eine Analyse von Entscheidungen unter Unsicherheit). Sie wurde eine der einflussreichsten und bedeutendsten Arbeiten ihrer Zeit und hat zur Begründung der Verhaltensökonomie beigetragen. Vereinfacht gesagt, beschreibt diese Erwartungstheorie die Art, wie Menschen Entscheidungen treffen, die mit einem Risiko behaftet sind, und sie legt besonderes Augenmerk darauf, dass diese Entscheidungen oft unlogisch erscheinen.

Je nachdem, ob ein Ergebnis positiv oder negativ formuliert wird, verhalten sich Menschen anders. In Spielen wie in dem, das wir gerade mit dem Instinkt-Gehirn gespielt haben, scheinen die Menschen, wenn sie ein negatives Ergebnis in Aussicht haben, viel stärker dazu zu neigen, das Risiko einzugehen, noch mehr zu verlieren. Wenn aber alle Ergebnisse positiv sind, besonders, wenn ein Spiel einen sicheren Gewinn verspricht, dann nehmen wir eher kein Risiko auf uns, obwohl es um dieselbe Summe Geld geht. Es war sogar so, dass 92 Prozent der Menschen sich dafür entschieden „zu würfeln“, wenn sie sich mit Verlusten konfrontiert sahen, während sich für diese Option nur zwanzig Prozent der Leute entscheiden, wenn sie Gewinne vor Augen haben.

Wenn wir uns die Wahlmöglichkeiten ansehen, scheint das offensichtlich zu sein. Wenn wir definitiv 500 Euro verlieren werden, ist es das Risiko wert, die 200 Euro zusätzlich zu verlieren. Man ist schon ein Verlierer, also macht es nicht viel aus, ein noch etwas größerer Verlierer zu werden. Wer A sagt, muss auch B sagen. Aber wenn wir schon 500 Euro gewonnen haben, ist die Aussicht, die zusätzlichen 200 Euro auch noch zu gewinnen, nicht so verlockend, und es ist das Risiko nicht wert. In diesem Fall ist der Spatz in der Hand mehr wert als die etwas größere Taube auf dem Dach.

Im Kontext der Gewinne scheinen die zusätzlichen 200 Euro das Risiko nicht wert zu sein, aber wenn es um Verluste geht, scheint das Risiko, genau dieselbe Summe zu verlieren, irgendwie in Ordnung zu sein. Es hätte dieselbe Auswirkung auf das Geld, das wir in der Tasche haben, aber wir würden es emotional nicht so stark spüren. Die Erwartungstheorie steckt voller solcher Rätsel, Dinge, die unserem Instinkt-Gehirn als absolut sinnvoll erscheinen, aber für Ökonomen völlig unsinnig sind. Die Erkenntnis ist die Tatsache, dass wir risikofreudiger sind, wenn all unsere Optionen negativ sind. (...)

Vieles von dem, was wir bisher besprochen haben, betrifft die Beeinflussbarkeit von Leuten durch falsche Überzeugungen, die mit vagen New-Age-Ausdrücken verbunden sind, wie „ganzheitliches Wohlbefinden erreichen“ oder „den Glanz bekommen“. In manchen Fällen werden schlecht definierte und schwer zu diagnostizierende Syndrome wie chronische Müdigkeit oder vielfache Chemikalienunverträglichkeit ausgenutzt, weil es hierfür keine konventionelle Therapie gibt und weil die Einschätzung der Symptome auf Selbsteinschätzungen beruht, die unzuverlässig sind. Aber wahre Quacksalberei hat eine noch dunklere Seite. Die schlimmsten Beispiele schöpfen aus diesem Aspekt der Erwartungstheorie. Sie nutzen das Wissen aus, dass Menschen, die in schwierigen Situationen stecken, wenn alle möglichen Wege tückisch aussehen, eher dazu neigen, Risiken auf sich nehmen.

Das Leben hat die Angewohnheit, uns manchmal ziemlich schlechte Karten zu geben. Wenn tollen Menschen schlimme Dinge zustoßen, dann läuft das dem gesunden Menschenverstand zuwider. Ernsthafte, schlimme Krankheiten wie Krebs, Aids, die Motoneuron-Erkrankung oder Alzheimer treffen jedes Jahr Millionen von Menschen. Kaum etwas verändert unsere Wahrnehmung von Risiken so sehr, wie solch eine katastrophale, lebensverändernde Diagnose. Wenn es hart auf hart kommt, tendieren wir dazu, immer größere Risiken einzugehen und setzen unsere Hoffnungen auf Vorgehensweisen, an die wir in positiveren Zeiten nie denken würden.

Es bedarf einer ganz besonderen Bösartigkeit, Kranken und Verletzlichen falsche Hoffnungen zu machen. Es liegt jenseits meiner Vorstellungskraft, wie jemand unsere Tendenz, in finsteren Zeiten ein höheres Risiko einzugehen, für seinen finanziellen Profit ausnutzen kann. Aber wenn man sich diese dunkelste aller Welten anschaut, wird klar, dass die Realität selten so eindeutig ist. Obwohl es zweifellos einige böswillige Scharlatane gibt, so gibt es viel mehr, die irrtümlich glauben, anderen zu helfen. Leute, die glauben, dass die Optionen, die sie bereithalten, irgendwie freundlicher, sanfter, weiser oder ungefährlicher sind als die, die sie ersetzen. Das ist vielleicht das Tragischste daran. Viele, die anderen Leuten falsche Hoffnungen machen, sind genauso einer Täuschung zum Opfer gefallen wie die, die ihnen folgen. Manche sind von dem Unsinn, den sie predigen, dermaßen überzeugt, dass sie die größten Risiken eingehen.


Anthony Warner entlarvt in seinem Buch pseudowissenschaftliche Ernährungstipps. Er bringt ein paar Irrtümer zu Esstrends ans Licht und untersucht, warum die Leute beim Thema Ernährung solche seltsamen
Sachen glauben. Über schwachsinnige Trends und Lügen rund um das Thema Essen geht es auch in Warners Blog „The Angry Chef“.

Redaktion: Theresa Bäuerlein. Schlussredaktion: Vera Fröhlich. Bildredaktion: Martin Gommel (Aufmacherbild: Unsplash / Filip Mroz).