Auszug aus dem Buch „Still leben“

Alle lassen mich ungefragt wissen: „Stillen ist Mutterpflicht“

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Stillen ist ein schönes Wort. Durst, Hunger, Schmerzen, Traurigkeit, Angst, Alleinsein, jedes Bedürfnis, das das Baby hat, versorgen, stillen, das Baby still machen. Der Anfang des Wortes klingt, als würde man „Shht“ machen, also wie jener Laut, mit dem man versucht, Menschen zu beruhigen, wenn sie weinen.

Davon wusste ich vorher nicht viel. Denn genauso, wie ich fest entschlossen war, alleine in den Urlaub zu fahren, wenn das Baby drei Monate alt sein würde (und es nicht tat), hatte ich die Option nicht zu stillen immer betont, mir selbst gegenüber, aber insbesondere gegenüber meinem Umfeld, das mir mit seiner nicht verhandelbaren Stillforderung auf die Nerven ging.

Mein Plan war schließlich, einfach zu warten, was passieren würde.

Und dann ging es. Es schmerzte, aber es ging. Und ich war froh darüber. Weil es schön war. Weil ich alles richtig machen wollte. Weil ich richtig sein wollte, wie eine richtige Mutter aus dem Internet. Eine Mutter, die für ihr Kind alles tut und nichts unversucht lässt. Dieser Imperativ spielte eine Rolle, aber auch diese totale Sorge um das Baby, was bedeutet, dass ich wollte, wirklich wollte, aber nicht genau hätte sagen können, wie freiwillig ich wollte. Es ist müßig und letztlich unmöglich, das Außen (den Imperativ) vom Innen (meinem Willen) zu trennen, denn natürlich bedingt sich beides wechselseitig, immer. Und auch wenn diese Beobachtung ein bisschen trivial und langweilig ist, ist sie es in diesem Zusammenhang möglicherweise doch nicht. Weil eben genau die Mischung aus Sorge, Unsicherheit und Imperativ benutzt und damit sehr viel Geld verdient wird – mit der Sorge der Mütter und dem öffentlich produzierten Bild der idealen Mutter, die alle möglichen Dinge anschaffen und tun muss, um ihrem Kind ein ideales Leben zu bieten. Denn was würde es bedeuten, wenn sie nicht bereit wäre, in Naturtextilien aus Seide und Schurwolle zu investieren, die besonders haut-freundlich sind (womit umrissen sein dürfte, um welches Mütterklientel es geht). Und – God forbid – was wäre gar mit jener akademischen Mittelstandsmutter los, wenn sie nicht stillen wollte? Ist ihr das Kind nicht wichtig? Stimmt etwas nicht mir ihr? Ist sie egoistisch, kalt? Ist sie verrückt? Das alles will die ideale Mutter nicht sein. Sie will ideal sein, sie ist deswegen bereit, enorm viel Geld auszugeben und auch sonst alles Mögliche und mehr zu tun.

Sie griffen nach meinen Brüsten, als gehörten sie nicht mehr mir

Gut, ich wollte. Aber hätte ich nicht gewollt, wäre ich
damals im Krankenhaus mit Sicherheit vor einem Stilltribunal gelandet. Denn an meinem Krankenbett patrouillierte eine Art Armee, die immerfort „Anlegen, Anlegen, Anlegen“ skandierte. Niemals hätte ich gewagt, da zu widersprechen. Ich war geschwächt, wund und unsicher. Wenn ich um Hilfe bat, weil das Baby schrie und sich nicht beruhigen ließ, waren sie sofort zur Stelle. Sie nahmen meine Brüste in die Hand, als wären sie Gebrauchsgegenstände – beherzt wäre die richtige Vokabel, wenn sie nicht so kaputt wäre, aber sie trifft es in ihrer Maurer-Fleischer-Art ziemlich genau –, sie griffen nach meinen Brüsten, als gehörten sie nicht mehr mir. Erstaunt sah ich ihnen dabei zu. Dankbar für die Hilfe einerseits, aber genauso entsetzt über diese plötzliche Enteignung, auf die ich nicht vorbereitet war (und auf die man sich mit Sicherheit auch nicht vorbereiten kann). Ich meine, ich hatte sowieso nicht mehr viel zu sagen über diesen Körper, der tat, was er für richtig hielt, und mich mit riesigen Brüsten konfrontierte, aus denen Milch kam (Milch. What? Milch gab es im Supermarkt, und auf den Verpackungen waren extrem dumm lächelnde Kühe abgebildet, die auf einer Wiese herumstanden, obwohl sie in Wahrheit in irgendwelchen perversen Ställen gemolken wurden – Kühe also, die man in mehrfacher Hinsicht komplett verarschte). Ich bin kein Tier, dachte ich. Oder vielleicht doch. Egal. Denn das Baby hatte Hunger. Es saugte, Milch und Blut spielten eine Rolle, die Farben weiß und rot, Feuchtigkeit und Hitze, es war alles sehr dringend. Ich sah mir dabei zu, wie mir passierte, was „natürlich“ genannt wurde. Für mich aber war daran gar nichts natürlich. Für mich war es natürlich, dass meine Brüste verpackt waren und dass aus ihnen keine Milch kam. Nun kann man sich darüber beschweren, dass ich irgendwie völlig von mir, meinem Körper und der Natur entfremdet bin, und dann wäre man mit ein paar Sätzen auch ziemlich sofort bei der egoistischen Frau, die es verlernt hat, Mutter zu sein, was wir hier natürlich auf keinen Fall wollen, abgesehen davon, dass es zu nichts führt außer dieser recht beschränkten und misogynen Feststellung. Denn man kann ja nicht hinter das eigene gewordene Bewusstsein zurück, jedenfalls nicht so schnell, wie die Milch einschießt.

Ich sah mir also dabei zu, wie ich zu dieser sogenannten Natur gezwungen war, die mir suspekt war. Alles andere hätte ich aber auch verwunderlich gefunden, denn was ist heute der Plan für so ein Erwachsenenleben? Kontrolle und Beherrschung. Körperlosigkeit bei gleichzeitiger Fixierung auf die Domestizierung und Pflege des Körpers, der gesund, fit und ästhetisch sein sollte. Die Antwort auf den kontrollierten Körper ist die gegenwärtig superpräsente Entspannungsbewegung (Yoga-Retreats, Körperentdeckungsseminare sowie die Idee, das einfache Landleben zu erforschen und dort alles Mögliche selber herzustellen und zu craften), wobei der ehrgeizige Wille zum Loslassen und Entspannen natürlich ebenfalls einen stark kontrollierenden Aspekt hat, der einmal mehr zeigt, wie ein Körper heute sein sollte, nämlich kontrolliert.

Muttermilch gilt als Verkörperung der Mutterliebe schlechthin

Die Autorin Hanna Rosin hat ein Experiment gemacht und darüber in der amerikanischen Zeitschrift The Atlantic geschrieben. In dem Text „The Case against Breast-Feeding“ beschreibt sie, wie sie ihren Freundinnen erzählte, dass sie ihr damals einmonatiges Baby abstillen würde. Damit, so Rosin, sei sie in ihrem Umfeld in einer „neuen Klasse“ gelandet. Ihre Freundinnen seien irritiert bis entsetzt gewesen. Ähnliches kann man in Mütter-Foren und auf den circa 24.000 Stillblogs beobachten. „(O)b das Baby die Brust bekommen soll oder nicht“, so war im Mai 2017 in einem Text auf Zeit online zu lesen, „ist hierzulande keine Frage, die jede Frau für sich beantworten darf.“ Muttermilch gelte als die Verkörperung der Mutterliebe schlechthin. Und das bedeutet: Nichtstillen ist unmöglich, es ist kriminell, es ist, als würde man in einem Gottesdienst anfangen, Satan zu beschwören.

Woher aber kommt diese Empörung mit ihrer quasi-religiösen Geschlossenheit? Woher der Glaube, das Entsetzen sei rechtschaffen?
Tatsächlich bedeutet das Stillen im Vergleich zur Flaschenfütterung für das Baby gesundheitliche Vorteile, wie auch Hanna Rosin, nachdem sie die vorhandene Fachliteratur intensiv geprüft hatte, schreibt (sie spricht von „kleinen gesundheitlichen Vorteilen“). In dem akademischen, dem Selbstverständnis nach aufgeklärten Milieu, das statistisch gesehen eher und länger stillt als Frauen aus ärmeren Milieus mit weniger Bildung, ist Stillen eine Glaubensfrage. Wer nicht stillt, spinnt. Bedenkt man nun, dass Flaschenbabys sich genauso gut entwickeln können, bedenkt man, wie sehr manche Frauen beim Stillen leiden, dann kann man nur zu dem Ergebnis kommen, dass das aufgeklärte Milieu doch nicht so aufgeklärt ist. Oder dass es dabei auch um etwas ganz anderes geht.

Möglichkeit eins: Die Mütter, die andere Mütter verurteilen, sind müde, kaputt und frustriert. Muttersein ist ein hartes Life, Mütter geben alles und bekommen dafür wenig Anerkennung. Mütter sind einer konstanten Beurteilungsmaschine ausgesetzt, vor allem ihrer eigenen. Das macht aggressiv. Insbesondere wenn Frauen andere Frauen sehen, die es wagen, Dinge anders zu machen als sie selbst, die sich, in ihrer Logik, nicht so hart aufopfern wie sie. Diese Frauen müssen bestraft werden, die Wut muss irgendwohin.

Möglichkeit zwei: Betrifft ebenfalls Mütter, die andere Mütter verurteilen. Viele Mütter sind unsicher und suchen deswegen Schutz in einem Heer, indem sie alles so machen, wie das Heer es macht. Das Verurteilen anderer hebt die Truppenmoral, festigt ihre Identität und mindert das eigene Gefühl der Unsicherheit.

Jeder bezieht zum Thema Stillen Stellung

Die beiden beschriebenen Ansätze beschränken sich auf Dynamiken, die ich unter Müttern und bei mir selbst beobachtet habe beziehungsweise vermute. Die Sache ist aber, dass literally jeder zum Thema Stillen Stellung bezieht, zumindest erschien es mir so, wenn Männer wie Frauen jeden Alters sich, wenn wir einander begegneten, darüber versicherten, dass ich stille. Du stillst, oder? Für dich Wasser, Tee, Saft? Klappt es mit dem Stillen? Dann, wenn ich bejahte, zufriedenes Nicken und: Stillen ist das Beste für das Kind. Selbst von Männern, mit denen ich früher immer nur über Musik und die Clubs des letzten Wochenendes geredet hatte, wurde ich darüber aufgeklärt, dass Stillen das Beste für das Kind sei. Und so war es, als gehörten meine Brüste und was ich mit ihnen machte plötzlich Deutschland.

Frage ich mich, woher diese Verbissenheit und Strenge kommt, wenn es um das Thema Stillen geht, muss ich immer sofort an die Nazis denken. Vielleicht liegt das an der Härte, mit der Frauen zum Stillappell gerufen werden, am von den Nazis gepflegten Naturfetisch und daran, dass eben diese Versessenheit auf die sich aufopfernde Mutter, die das Volk an ihrem Busen nährt, darauf verweist, dass es um den Erhalt und die möglichst gesunde Aufzucht einer Nation geht. Das würde auch erklären, warum fremde Menschen sich angesprochen fühlen, wenn fremde Babys mit der Flasche ernährt werden. Weil dieses Baby auch ein bisschen ihr Baby ist, weil es zu diesem Land gehört. Und in diesem Land hat der Muttermythos nun mal eine lange und nicht so schöne Tradition, hervorragend nachzulesen übrigens in dem von der Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken verfassten Buch „Die deutsche Mutter“.

Darin wird auch die Nazicheferzieherin Johanna Haarer erwähnt, die in ihrem 1934 erschienenen Buch „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ beschrieb, wie mit einem Säugling umzugehen sei, damit es ein deutscher Säugling werde, der sich später perfekt in den Volkskörper einfügt. Die dazugehörige Mutter sollte nach Haarers Vorstellung natürlich sein, erdverbunden und frei von französisch-dekadentem Quatsch (Make-up zum Beispiel). Sie sollte stark sein, sportlich und gesund. Ihr Wirkungsbereich war das Heim, ihr Job ( Job, weil es sich um eine von den Nazis reglementierte und funktionsorientierte Tätigkeit handelte) war das Gebären und Aufziehen der Kinder, und insofern wurde dieser deutschen Mutter bei den Nazis eine sehr zentrale Funktion zugewiesen, die religionsartig überhöht wurde. Die deutsche Mutter sollte sich aufopfern, indem sie stetig für Nachschub an Deutschen und insbesondere deutschen Jungen sorgte. Und vor diesem Hintergrund ist es natürlich überhaupt keine Überraschung, dass die Art der Erziehung dieses deutschen Nachschubs durch die Zuchtbeauftragten, also die Mütter, streng überwacht wurde, zumal die zentrale Funktion, die ihnen zu- gewiesen wurde, und ihre Überhöhung ja auch eine Auszeichnung waren.

Das antisemitische, frauen-, kinder- und also vollkommen menschenfeindliche Buch von Johanna Haarer war während der Nazizeit ein Bestseller. Es wurde aber auch danach weiter verkauft, ein bisschen vom Nazivokabular und den brutalsten Forderungen befreit, versteht sich (die Mutter kämpft mit dem Baby eine Art Schlacht, bei der sie die Oberhand gewinnen muss, deswegen: hart sein, nicht trösten, überhaupt schreien lassen, denn Schreien stärkt die Lungen). Der Ratgeber (die Handlungsanweisung, muss man korrekterweise sagen) hieß dann nur noch „Die Mutter und ihr erstes Kind“ und war bis in die 70er-Jahre in vielen Haushalten in Westdeutschland zu finden. Zum letzten Mal wurde das Buch 1996 im Carl Gerber Verlag in einer „völlig neu bearbeiteten und erweiterten Auflage“ verlegt.

Flaschenmilch gilt heute als persönliches Problem

Diese Johanna Haarer jedenfalls war ein großer Fan des Stillens, was angesichts der Natur- und Reinheitsbesessenheit der Nazis ebenfalls keine Überraschung ist und sich in die ziemlich verrückte Idee eines romantisch-deutschen Naturkreislaufs einfügt. Die deutsche Mutter isst Kartoffeln aus der deutschen Erde, die in ihrer Brust zu Milch werden, die sie ihrem deutschen Säugling verabreicht, der schließlich in den Krieg zieht, bis er stirbt, und dann wieder zu Erde wird, zu deutscher Erde, auf der wieder Kartoffeln angebaut beziehungsweise herumgetollt werden kann, durch deutsche Kinder, versteht sich. Natürlich, das ist jetzt mit Absicht ein bisschen absurd formuliert, aber es zeigt dennoch die Idee eines reinen und ausschließlich deutschen völkischen Kreislaufs, der in seinem Deutschsein nicht unterbrochen wird. Die in der Nazivorstellung kranke, sich selbst zersetzende, dekadente und viel zu vielgestaltige Moderne sollte durch die Reinhaltung des deutschen Bluts, durch Naturverbundenheit, durch Zucht und Ordnung kuriert werden. Die deutsche Mutter, so Haarer also, müsse stillen, nur dann sei sie eine richtige deutsche Mutter, nur dann erfülle sie ihre Pflicht. Abgesehen von der Betonung von „deutsch“ entspricht das leider ziemlich exakt der heute verbreiteten Stillideologie. Der bereits erwähnte Zeit-online-Text „Stillen ist Liebe, Fläschengeben auch“ berichtet von Hebammen, die das Stillen als Menschenrecht für Babys bezeichnen und sich wünschen, dass es Pulvermilch nur noch auf Rezept in der Apotheke gibt. Wenn auch nicht immer explizit, so geht es bei diesem Stillappell noch immer um Pflicht und Aufopferung, um den unerhörten Verdacht, die betreffende Mutter stille möglicherweise nicht, weil sie zu faul sei oder gar an sich denke. War in den 60er- und 70er-Jahren Flaschenmilch zeitweise ungeheuer angesagt, so ist sie heute ein Makel, persönliches Versagen, ein Problem. Denn offenbar besteht weiterhin das Bedürfnis, jenen Bereich, aus dem später dieses sogenannte Volk hervorgeht, zu überwachen und zu reglementieren.

Die Mehrheit der Frauen stillt. Vermutlich deswegen, weil die Vorteile evident und in zwei Sekunden dargelegt sind (gesund, fördert Nähe, praktisch). Es geht hier jedoch nicht darum, das Stillen zu bewerten, sondern den dogmatischen Umgang damit. Dieser Umgang nämlich erzählt nicht nur eine Menge über die Gegenwart und ihr Verhältnis zu Frauen, er sagt darüber hinaus auch etwas über die in dieser Gegenwart virulenten Ängste.

Im Gespräch mit Freundinnen, in Wartezimmern und im Internet auf der Suche nach Lösungen für Stillprobleme fiel mir auf, dass es bestimmte Menschen sind, die das Stillen besonders hart verteidigen, und dass diese Menschen in Kombination damit häufig ein bestimmtes Set von Ansichten pflegen.

Die Menschen jedenfalls, die ich meine, wollen aus ideologischen Gründen auch sonst zurück zur Natur. Eher Großstadt, aber keine Lust mehr auf die Großstadt. Urlaub auf Bauernhöfen, Naturheilkunde, Homöopathie, Naturkosmetik, Naturtextilien, selbst geschlachtete Schweine, selbst gebackenes Brot, selbst gestrickte Kleider, große Angst vor giftigen Stoffen in Plastikflaschen, überhaupt Angst vor Gift, also das Gefühl, von diesem Leben, wie es ist, vergiftet zu werden. Durch den Elektrosmog, das Handy, die Abgase. Deswegen: Detox-Tees. Angst vorm Impfen, weil die Pharmaindustrie da sowieso irgendwelche kriminellen Deals am Laufen hat mit Deutschland und den Ärzten. Globalisierungskritisch, kapitalismuskritisch. Angst, verarscht zu werden, Angst, nicht „die ganze Wahrheit zu erfahren“, grundsätzlich große Angst, vielleicht sogar große Angst vor Chemtrails? Angst vor einer undurchsichtigen Welt voller Widersprüche, der man misstraut und die man zu bezwingen versucht, indem man sich auf die vermeintlich reine Natur besinnt und somit versucht, Kontrolle zu gewinnen.

Eine Hebamme verteidigt das Stillen in Kampfhundmanier

Die eben beschriebenen Ängste und Verhaltensweisen findet man in unterschiedlichen Milieus und in unterschiedlicher Ausprägung. Man findet sie bei den bedauerlicherweise sogenannten Prenzlauer-Berg-Müttern, die ihre Kinder und sich selbst in Filz einwickeln, also in einem eher akademischen, tendenziell gut situierten Milieu, das jedoch darum kämpfen muss, gut situiert zu bleiben, und unter einem hohen wirtschaftlichen Druck steht. Man findet sie aber auch in ostdeutschen Akademikerhaushalten, die damit rechnen, dass „das System“ jeden Moment zusammenbrechen wird, und die nur zu resigniert waren, um bei Pegida mitzumachen. Und in Nichtakademikerhaushalten natürlich. Und im Westen auch. Unter Rechten wie unter Linken. Auf Anti-Impfblogs, die auf Verschwörungsblogs verlinken. Oder man geht zu einem Geburtsvorbereitungskurs und trifft dort eine Hebamme, die das Stillen verteidigt wie ein Kampfhund (Why? Denn mehr als neunzig Prozent der Mütter wollen es doch), die Flaschennahrung als „Gift“ bezeichnet und die außerdem darauf hinweist, dass der Tag der Geburt der schönste Tag im Leben einer Frau sein müsse. Andernfalls würde das Baby das spüren und „wir“ (die Anwesenden im Geburtsvorbereitungskurs) „wollen ja nicht, dass es ein böser Reptilienmensch wird“. Ein Freund, der mit seiner Freundin diesen Kurs besuchte, erzählte mir von diesem in mehrfacher Hinsicht unglaublichen Tipp, der Naturbezogenheit und Verschwörungstheorie mischt: Demnach sind „die Eliten“ in Wahrheit, ja, Reptilienmenschen, hochintelligente Wesen, die Menschengestalt annehmen können und die entweder von Reptilien oder von Außerirdischen abstammen, und wie wir alle wissen, bestehen „die Eliten“ überwiegend aus Juden, weswegen diese Verschwörungsidee nicht nur vollkommen abstrus, sondern auch antisemitisch ist.

Das ist nun ein extremes Beispiel. Aber tatsächlich trifft man im Berufsstand der Hebammen neben vielen klugen, differenzierten Frauen, die eine großartige Arbeit machen, auch solche, die stark naturinspiriert sind, die das Impfen kritisch sehen, genauso wie die Gabe von Schmerzmitteln etwa beim Zahnen, weil dieser Schmerz ein natürlicher ist, was selbstverständlich auch für die Geburt an sich gilt. Geburt, Mutterschaft und Babys werden als Opposition verstanden und aufgebaut gegen die kalte, entfremdete und böse Welt da draußen.

Mütter wollen alles richtig machen

Was sich an diesem Back-to-nature-Trend ablesen lässt, ist eine in diesem Land anwesende Angst vor der sogenannten Moderne und der Möglichkeit, in ihr unterzugehen, die mitunter rassistische und antisemitische Züge hat. Das eigene Leben soll von schädlichen Einflüssen befreit werden. Es soll wieder verständlich werden. Es soll gut sein und wenigstens ein bisschen wie früher. Und da das Leben bei den Babys anfängt und sie der Inbegriff des Reinen sind, soll hier auf Reinheit eben besonders großen Wert gelegt werden. Das heißt im Idealfall: eine Geburt ohne Medikamente. Stillen of course. Selbst gestrickte Kleidung für das Baby, selbst gekochte Breis für das Baby – genau wie Johanna Haarer das vor über achtzig Jahren empfohlen hat.

Wie schon geschrieben, ist der Wunsch nach dem einfachen, überschaubaren Leben, frei von Giftstoffen, eine Tendenz, die in unterschiedlichen Milieus in unterschiedlicher Ausprägung zu finden sind. Es ist schwer, diese Tendenz mit Fakten zu beweisen, man kann sie eigentlich nur durch Beobachtungen beschreiben. Ich will nicht sagen, dass eine gebildete Frau sich bei ihrer Stillentscheidung bewusst von Naziideologie oder Verschwörungstheorien leiten lässt, denn das kann ich nicht wissen, und abgesehen davon halte ich es eher für unwahrscheinlich. Ich will darauf hinaus, dass eine gegenwärtig virulente kapitalismus-kritische, globalisierungsskeptische Haltung, die sich nach Sicherheit sehnt, durch die genannten ideologischen Versatzstücke sehr passend beantwortet wird, möglicherweise ohne dass jener hypothetischen Frau, von der ich hier schreibe, wirklich bewusst wäre, woher diese Antworten kommen. Ein anderer wichtiger Aspekt der Naturbegeisterung ist sicher auch der Wunsch von Müttern, unbedingt alles richtig zu machen und ihren Job zu beherrschen. Sie wollen ihrem Kind auf keinen Fall schaden, und Natur, so die Logik, kann niemals schaden. Und deswegen hat diese Natur gerade dann Konjunktur, wenn es tatsächlich darum geht, das eigene Leben zu kontrollieren.


Antonia Baum, geboren 1984, studierte Literaturwissenschaft, Geschichte und Kulturwissenschaft. Sie hat verschiedene Kurzgeschichten veröffentlicht und erhielt große Medienresonanz für ihre erschienenen Romane „Vollkommen leblos, bestenfalls tot“ (2011) und „Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“ (2015) und „Tony Soprano darf nicht sterben“ (2016). Seit Februar 2012 ist sie Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Redaktion: Theresa Bäuerlein; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel (Aufmacher: Andreas Hornoff)