Krautreporter

Der Affe und das Mädchen

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Was ist bislang geschehen?


Die Pilotfolge der Sendung Conflict Kitchen wurde zu einem großen Erfolg. Nach dem Special mit dem Iran kam eine Sendung über Nord-Korea, Kuba, Afghanistan und schließlich eine über den Islamischen Staat. Die Zuschauerzahlen stiegen kontinuierlich und das Management zeigte sich recht zufrieden. Die Koalition der Bio-Supermärkte unterstützte die Sendung, und Anahita ließ sich immer wieder beim Einkaufen in Whole Foods fotografieren. Sie unterzeichnete einen Vertrag für zwei Staffeln, während Abbas einen eigenen Tiertrainer bekam, der ihn dazu brachte, Anahita während der Sendung zu assistieren. Auch Anahita hatte nun einen ganzen Stab, der an ihr und der Sendung feilte.

Es war eine gute Rolle, Anahita erlebte zum ersten Mal so etwas wie Würdigung und finanzielle Sicherheit durch ihre Arbeit und wurde sogar ab und an auf der Straße wiedererkannt. Es kamen sowohl Säcke mit Fanbriefen als auch einzelne Morddrohungen. Die Betreiber der Conflict Kitchen in Pittsburgh drohten mit einer Klage.


Abbas wurde immer größer und brauchte mehr Platz. Er war auch nicht mehr so umgänglich wie früher. Anahita vermutete hinter seinem Verhalten die Pubertät. Mathieu fing an darauf zu beharren, Abbas durch einen kleineren und süßeren Affen zu ersetzten, doch Anahita gab nicht nach, drohte sogar, mit Abbas aus der Sendung auszusteigen.

Thomas kam nach Los Angeles geflogen, um die Krise zu entschärfen. Mathieu lenkte fürs erste ein. Anahita fand ein neues Haus, eine Villa nicht weit dem Felsen mit dem Riesenschriftzug HOLLYWOOD, mit einem Pool, der beinahe olympische Maße besaß, Holzterrassen und einer Fensterfront, die dem Hausbesitzer suggerierte, dass die ganze flimmernde Stadt ihm zu Füßen läge. Abbas bekam ein eigenes Gehege, aus dem er immer wieder ausbrach und von unschuldigen Regieassistenten wieder eingefangen werden musste.


Anahita wurde nun auf der Straße wiedererkannt, ihr Gesicht tauchte in den Klatschzeitungen auf, was Thomas als ein gutes Zeichen wertete. Für die Klatschpresse war sie die Lady mit dem Affen. Die Tierschützer machten sich zu einem Kampf gegen Anahita und ihren Fernsehsender bereit.

Auch Abbas entglitt immer mehr ihrer Kontrolle: Um ihn während der Dreharbeiten bei der Stange zu halten, hatten sie ihm heimlich immer wieder Beruhigungsmittel zugesteckt. Nun kam Abbas ohne diese nicht mehr aus – wenn sie ihn in den drehfreien Tagen entwöhnen wollte, war sein Verhalten so aggressiv, dass Anahita kurzerhand doch wieder zu den Pillen griff.


Dann fingen die Drohungen an, zuerst flatterten Postkarten ins Haus, auf denen Unbekannte Anahita aufforderten, den Affen freizulassen. „Sie kennen noch nicht mal seinen Namen“, echauffierte Anahita sich bei Thomas. Anschließend kamen die Drohanrufe, wobei man von Drohungen eigentlich kaum sprechen konnte – die Anrufer atmeten lediglich laut in den Hörer und legten nach einigen Sekunden auf. Einmal wurde Anahitas Wagenfenster eingeschlagen, und auf das Verdeck schrieb jemand mit roter Farbe „Tierquälerin“. Als die ersten Briefe eintrafen, die von Animal Liberation Front unterschrieben waren, trug Thomas ein sorgenvolles Gesicht zur Schau und gab zusammen mit Anahita eine Pressekonferenz.

Der Saal war voll, die Journalisten drängelten sich aneinander. Zu ihrer Erleichterung stellte Anahita fest, dass auch einige Vertreter der seriösen Medien anwesend waren. Thomas hatte eine Erklärung verfasst und las sie nun mit sicherer und lauter Stimme vor: Abbas war niemals geschadet worden, er sei ein durch und durch domestizierter Affe, der ohnehin in der freien Wildbahn nicht überleben würde.

Anahita sah aus ihrem Augenwinkel, wie eine Journalistin auflachte. Höhnisch, wie es ihr vorkam.

Nach der missglückten Pressekonferenz wurde überall heftige Kritik an der Show und Anahita geübt. Thomas wurde entlassen.


Anahita saß in ihrem neuen Wohnzimmer, trank kalifornischen Weißwein, der gar nicht so schlecht war, und sah zu, wie in der unter ihr weit hingebreiteten Stadt die Lichter angingen. Abbas war den ganzen Abend lang unruhig und rüttelte an den Stäben seines Käfigs. Wenig später ging Anahita zu Bett.


Sie kamen in der Nacht. Anahita hörte, wie ihre Haustür aufgebrochen wurde, doch sie dachte, es wäre ein Teil ihres Traums, drehte sich auf die andere Seite und schlief wieder ein. Im nächsten Augenblick war sie hellwach. Ihr Gesicht, gerade noch warm vom Schlaf, erstarrte. Sie trugen Masken, waren zu sechst und hatten Taschenlampen dabei. Das Licht der Taschenlampen glitt über den Fußboden, dann über ihr Bett und schließlich über ihren Körper. Erst jetzt bemerkte Anahita, dass der Strom abgestellt worden war. Einer drückte seine Hand auf ihren Mund. Sein Atem roch nach einem Pfefferminz, immerhin sind Manieren ihnen nicht ganz fremd, dachte Anahita.

„Wir sind die radikale Tierbefreiungsfront“, erklärte einer der Maskierten, der zugleich der Chef der Bande zu sein schien.

Wäre Anahitas Mund nicht mittelweile geknebelt gewesen, hätte sie laut losgelacht.
„Wir kommen, um den Affen zu befreien“, sagte derselbe Einbrecher, „du hast ihn nicht verdient.“

Anahita verdrehte ihre Augen, woraufhin der Mann, der sie festhielt, ihren Ellenbogen so drehte, dass Anahita fast vor Schmerz aufgeheult hätte.

Abbas schrie und warf sich in seinem Gehege hin und her. Eine schwarz-maskierte junge Frau näherte sich seinem Käfig, machte die Tür auf und versuchte, Abbas zu fassen, er entwischte ihr allerdings immer wieder, und als sie ihn doch schnappte, biss Abbas ihr in die linke Hand. Sie stieß einen Fluch aus und rannte mit Abbas in die dunkle Nacht hinaus. Die anderen folgten ihnen.

Anahita sah Abbas nie wieder, zwar wurde im Internet ein Bekennervideo veröffentlicht, aber die Untersuchungen der Polizei verliefen im Sande. Thomas gab Interviews, in denen er Anahita verunglimpfe, ihre Show wurde abgesagt. Abbas war nirgends aufzufinden.


Illustration: Veronika Neubauer

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