Die ganze Wahrheit

Wie ich eine Woche radikal ehrlich war – Folge 1

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Die Macht der Lüge schlägt zu um 09.16 Uhr.
„Hey, na, wie geht's?“, fragt die Nachbarin im Treppenhaus. „Super, alles gut, kann nicht klagen!“, antworte ich.

Lüge Nummer eins.

„Geht auch Sojamilch statt normaler Milch?“, fragt die Verkäuferin, bei der ich fünf Minuten später meinen Kaffee kaufe, „die andere ist aus.“ „Ja klar, ich schmecke sowieso keinen Unterschied“, antworte ich.

Lüge Nummer zwei.

„Esther, kannst du den Produktionsdienst übernehmen?“, fragt der Kollege mich später im Büro wegen akuter Erkältungswelle. „Ja, das geht, ich habe gerade eh nicht so viel Stress!“, sage ich.

Lüge Nummer drei.

Es ist noch nicht einmal 12 Uhr mittags und ich habe heute schon drei Mal gelogen.

Dieser Text und die zwei folgenden werden weh tun. Ich sage es besser gleich vorab. Nicht, dass mir später jemand vorwirft, ich hätte nicht die Wahrheit gesagt. Denn genau darum soll es hier gehen: Um die pure, blanke, brutale und manchmal schmerzhafte Wahrheit, die Erwachsene zigmal am Tag zur Seite schieben, damit dieser Wahnsinn namens Leben überhaupt hinhaut. Damit man die Kollegen aushält und sie einen auch, damit der Partner einem nicht schneller abhandenkommt, als man das Wort „Wahrheit“ aussprechen kann, damit die beste Freundin nicht verletzt ist, obwohl ihr Zuspätkommen einen so sehr nervt, dass man ihr bei ihrer Ankunft nur noch ins Gesicht brüllen will. Und überhaupt, dieser Typ, wegen dem sie sich nächtelang den Kopf zerbricht und jede WhatsApp-Nachricht bis zum letzten Buchstaben ausdeutet auf die Frage hin, ob er sie nun will oder nicht. Ja, Süße, er will dich, er hat nur sehr wenig Zeit und sehr viel Arbeit, sage ich.

Von wegen. Schon wieder gelogen.

Die Wahrheit ist: Er wird nie seine Familie verlassen. Glaub's mir, Süße. Aber wer ist schon gewappnet für die Wahrheit?

Geht das überhaupt, immer ehrlich seine Gefühle und Gedanken zu teilen?

Ein anderes Wort für Lüge ist Euphemismus. Und dieses Wort ist gleich eine doppelte Lüge, weil nicht nur seine Bedeutung, sondern auch sein fremdartiger Klang verschleiert, was es eigentlich tut: beschönigen. Wir lügen, um Dinge weicher zu zeichnen. Damit die Welt nicht mehr ganz so hart ist, damit Beziehungen funktionieren, Familien, Gesellschaften und Staatengemeinschaften. Ohne Diplomatie herrschte ständig Krieg. Denn Lügen heißt manchmal auch: dem gemeinsamen Miteinander zuliebe nicht die ganze Wahrheit sagen. Oder sie diplomatisch formulieren. Jeder weiß das (außer Donald Trump und Kleinkinder bis zu drei Jahren).

Was aber, wenn wir alle immer die Wahrheit sagen würden? Wenn wir aufhören würden, anderen etwas vorzumachen – und uns selbst? Wenn ich jedes Mal, wenn ich meinen Mund aufmachte, tatsächlich sagen würde, was ich in diesem Moment denke und fühle? Ganz ohne Weichzeichner, frei heraus.

Als ich den Gedanken zum ersten Mal denke, lache ich kurz hysterisch auf. Aber nur im Stillen. Logisch. Soll ja keiner der Kollegen im Großraumbüro mitkriegen, welche Gedanken ich wirklich denke. Doch nachdem ich das hysterische Lachen in meinem Kopf beendet habe, frage ich mich noch einmal: Was, wenn ich all die Alltagslügen nicht mehr benutzen würde? Wenn ich ehrlicher wäre – radikal ehrlich?

Der Gedanke fasziniert mich. Ich beginne zu googeln. Und finde heraus, dass ich nicht die einzige Person bin, die sich diese Frage schon gestellt hat. Es gibt tatsächlich ein Konzept, das sich genau um diese Frage dreht. Oder vielmehr eine ganze Bewegung, die sich rund um den Begriff radical honesty formiert hat. Sie geht auf die Initiative des amerikanischen Psychotherapeuten Brad Blanton zurück, der in den Neunzigern einen Bestseller über radical honesty schrieb und seitdem mit seinen Workshops um die Welt tingelt. „Radikale Ehrlichkeit ist ein Instrument auf dem Weg zu einem empathischeren Leben. Weil Empathie bedeutet, etwas über die Ähnlichkeiten zwischen dir und deinem Gegenüber herauszufinden“, sagt Blanton.

Aha. Interessant, denke ich. Aber, ganz ehrlich: Klingt auch ziemlich bekloppt.

Ich bin ein ängstlicher Mensch. Ich wäre gern anders, unabhängiger – vor allem unabhängiger von meinem Kopf. Aber: Es ist mir wichtig, was andere über mich denken. Ich habe zwar als Journalistin kein Problem damit, meine Meinung zu sagen. Auch nicht, beharrlich an einer Story festzuhängen oder Protagonisten zu nerven, bis sie mit mir reden. Aber als Privatmensch hasse ich es, mit jemandem im Streit zu sein oder in einer Konfliktsituation. Lieber stelle ich meine eigenen Gedanken und Gefühle zurück und verkneife mir die Wahrheit. Und ich bin meistens: nett. Wieso auch nicht? Die Welt ist schon unfreundlich genug. Meinem Gegenüber ständig unverblümt zu sagen, was ich wirklich denke, klingt für mich ähnlich herausfordernd wie, sagen wir: einen Marathon zu laufen. An sich keine schlechte Idee – aber warum sollte ich mir diese Quälerei antun?

Ob ich nach einer Woche, in der ich radikal ehrlich wäre und den Wahrheits-Marathon angehen würde, noch einen Partner hätte? Meinen Job? Und meine Freude?

Natürlich sehr hypothetisch, solche Gedanken. Es hilft also nichts: Um wirklich Antworten zu finden, muss ich es ausprobieren. Ich werde eine Woche lang stets sagen, was ich denke und fühle. Ohne Filter. Und ohne meine Freunde, meinen Partner und meine Kollegen einzuweihen. Gott steh mir bei! (Und den Menschen in meinem Umkreis!)

Wie reagiert meine Freundin, wenn ich ihr die Wahrheit sage?

Die erste Gelegenheit zum Üben ergibt sich Montagabend. Ich bin bei einer Freundin eingeladen, sie hat Geburtstag. Wir sitzen mit ihrem 13-jährigen Sohn in der Küche. Es klingelt an der Tür, die Nachbarin bringt ein Paket vorbei, das der Bote bei ihr zwischengeparkt hat. „Oh ja!“, sagt die Freundin aufgeregt, stellt das Paket ab und beginnt ungeduldig, das Klebeband an den Rändern mit einem Küchenmesser aufzureißen.

„Das hab ich mir selbst zum Geburtstag geschenkt, war richtig teuer, aber ich wollte ihn unbedingt haben!“, sagt sie aufgeregt, ein Strahlen im Gesicht. Sie legt das Messer weg, klappt den Karton auf und zieht einen grauen Sweater heraus.
„Was heißt richtig teuer?“, frage ich skeptisch.
„Naja, 100 Euro“, sagt meine Freundin.

Ich starre erst sie an, dann den grauen Pulli in ihren Händen. Ich finde ihn hässlich, beliebig. Nie würde ich für einen solchen Sweater so viel Geld ausgegeben. Aber sie hat sich den Pulli selbst gegönnt. Und es ist ihr Geburtstag! Also will ich etwas sagen, worüber sie sich freut, einen Satz, der ihr ein gutes Gefühl schenkt, etwas wie: „Ah ja, doch, ich kann schon erkennen, warum du den Pullover so gut findest“ – obwohl ich in Wirklichkeit denke: „Echt jetzt? DAS Teil war so teuer?! Aber es sieht doch aus wie ein oller Pulli von der Stange!“

Doch ich bin ja im Übungsmodus. Also hole ich einmal tief Luft und richte mich in meinem Stuhl etwas auf. Dann höre ich mich sagen:

„Der Pulli sieht aus wie ein 20-Euro-Teil!“

Ich halte den Atem an.

Aber meine Freundin schaut noch nicht mal in meine Richtung. Sie nestelt an dem Pulli herum, streicht ihn glatt, sie hat ihn sich mittlerweile übergezogen. Dann sagt sie bloß: „Ja, aber der ist ja auch eine Nummer zu groß. Im Netz hat er mir so gut gefallen. Ich schicke ihn zurück und bestelle ihn kleiner.“

Mehr sagt sie nicht. Sie blafft mich nicht an, sie ist nicht beleidigt – sie bleibt ganz ruhig. Wow, denke ich. Das war ja einfach!

Ermutigt von diesem Abend starte ich am nächsten Morgen den zweiten Versuch, diesmal im Büro. Ich will den nächsten Ehrlichkeits-Kick. Josa, der neue und stets so freundliche junge Kollege, dessen Text ich als Redakteurin betreue, muss dran glauben. Er hat mir seinen Artikel in unserem Redaktionschat geschickt. Ich soll überprüfen, ob er den nötigen Fokus hat, die Szenen und Argumente in einer logischen Abfolge angeordnet sind, ob die Sprache sitzt, der Aufbau passt, auch Grammatik und Rechtschreibung scanne ich. Es ist der zweite Text, den ich von Josa betreue. Schon im ersten war mir aufgefallen: Josa setzt die Anführungszeichen nicht so, wie sie sein müssen. Er setzt sie zum Beginn eines Zitats oben statt unten. Und Gedankenstriche benutzt er auch nicht richtig. Es sind nur Kleinigkeiten – aber sie nerven mich. Denn für mich bedeuteten diese Kleinigkeiten nun: mehr Arbeit. Ich muss alle falschen Satzzeichen in Josas Text in richtige umwandeln.

Endlich ehrlich sein im Büro: Der neue Kollege ist mein Opfer

Normalerweise fluche ich als Redakteurin in solchen Momenten kurz in mich hinein, ärgere mich, korrigiere, bleibe freundlich – und sage: nichts. Doch „normalerweise“ war vorgestern.

Also schreibt mein neues, radikal ehrliches Ich: „Josa, ich finde es richtig scheiße, dass du die Anführungszeichen am Satzanfang immer nach oben setzt, obwohl sie nach unten gehören, und ich das dann ändern muss. Das ärgert mich.“ Es kostet mich Überwindung, diesen Satz zu tippen. Ist er nicht vielleicht zu unfreundlich? Vor allem, weil Josa doch immer so nett ist und ich bis dato sehr gut mit ihm zusammengearbeitet habe?

Ich atme aus, der Satz steht fertig in meinem Chatfenster. Ich muss nur noch „Enter“ drücken, damit er auch bei Josa ankommt. Ich zögere. Lese noch einmal. Zögere weiter. Stelle mir vor, wie Josa irritiert vor seinem Rechner sitzt, wenn er diese Worte liest. Wie er danach wütend wird. Unsicher. Und zum Gegenangriff übergeht.

Oh Gott! Wie wird der neue Kollege reagieren? Richtig wohl ist mir nicht bei meinem Ehrlichkeits-Experiment.

Ich ändere das Wort „scheiße“ in „blöd“. Dann drücke ich die Enter-Taste. Die Uhr im Chat zeigt 11.33 an. Mein Puls geht schneller.

Doch Josa antwortet nicht. Ich werde mit jeder Minute nervöser. Wieso schreibt er nicht zurück? Ist er sauer? Oder vielleicht nur auf der Toilette? Oder in der Küche? Oder schnell zur Post? Oder er telefoniert? Vielleicht muss er gerade seine Mutter anrufen, irgendein Notfall? Oder er macht Mittagspause? Mampft gerade Nudeln mit Soße?

Meine Gedanken rasen.

Um 11.46 Uhr hat Josa noch immer nicht geantwortet. Also schieße ich nach, ich bin jetzt „on fire“. Um 11.47 Uhr schreibe ich: „Ich bin als Redakteurin nicht dafür da, die Anführungszeichen und Gedankenstriche richtig zu setzen – das sollte ein Autor schon selbst machen.“

Uiuiui. Jetzt bekomme ein schlechtes Gewissen. Am liebsten will ich die versendeten Worte wieder zurücknehmen. Denn dass Josa sich durch eine zu harsche Kritik mies fühlen könnte, das will ich nicht. Aber es ist zu spät. Ich kann die Worte aus dem Chat nicht mehr löschen. Und genau das ist das Problem mit der ganzen Wahrheit: Ist sie erstmal raus, ist es zu spät. Alles, was danach kommt, ist nur noch: Schadensbegrenzung.

Was ist der Unterschied zwischen Ehrlichkeit und Wahrheit?

Josa meldet sich noch immer nicht. Ich rutsche auf meinem Stuhl hin und her. Und komme ins Grübeln. Um 11.33 Uhr waren meine ehrlichen Worte, Josa solle sich gefälligst selbst um seine Satzzeichen kümmern. Basta. Aber jetzt, 14 Minuten später, tun mir diese Worte leid. Ich würde sie so nicht wiederholen. Wenn ich das nun ehrlich zu Josa sagte, mich also entschuldigen und meine ehemaligen Worte negieren würde, hätte ich meine Auflage erfüllt: Ich wäre in beiden Momenten radikal ehrlich gewesen. Aber auf eine vollkommen widersprüchliche Weise. Wie soll mein Gegenüber damit klarkommen, ohne verwirrt zu sein?

Es ist 11.50 Uhr. Noch immer keine Antwort.

Ich überlege weiter: Was bedeutet das Wort Ehrlichkeit eigentlich? Ist der Ansatz, es gäbe eine radikale Ehrlichkeit, nicht naiv? Weil Ehrlichkeit eben nicht statisch ist, sondern fluide, und sich von Moment zu Moment ändern kann? Wo würde es beispielsweise hinführen, wenn ich meinem Freund heute sagte „Ich liebe dich!“ und morgen, wenn ich genervt von ihm wäre wegen irgendeiner Kleinigkeit: „Ich will gerade, dass du ausziehst! Liebe? Fühle ich jetzt nicht!“ Beide Male wäre ich ehrlich, allein mir und dem jeweiligen Moment verpflichtet – aber kein Mensch könnte ein solches Pendeln zwischen den Polen aushalten. Gibt es die eine radikale Ehrlichkeit folglich überhaupt? Und wo liegt der Unterschied zwischen Ehrlichkeit und Wahrheit, diesem gerade in der heutigen Zeit so ramponierten, abgenutzten Wort? Eine Aussage kann ehrlich sein – aber deswegen noch lange nicht wahr. Wer entscheidet dann darüber, welche „Wahrheit“ am Ende zählt?

Es ist 11.52 Uhr. Noch immer keine Nachricht von Josa.

Was macht er bloß? Er ist sauer, ich bin mir sicher. Und beschließe: Ich muss mehr wissen zum Konzept radikale Ehrlichkeit. Ich brauche das Wissen von Experten. Und klare Handlungsanweisungen. Ich google. Nach wenigen Minuten finde ich einen Workshop in München. „Radikale Ehrlichkeit – Offener Gemeinschaftstag und Intro“ heißt er. Das ist es! Dort werde ich hinfahren!

Gerade, als ich mir ein Zugticket buchen will, macht es „bling!“ – im Redaktionschat ist eine Nachricht für mich eingegangen.

Es ist 11.58 Uhr. Antwort von Josa.

Wie reagiert mein Kollege auf ehrliche Kritik? Und wieso muss ich mich beim Workshop in München von einem wildfremden Mann anbrüllen und beleidigen lassen? Das könnt ihr im zweiten Teil meiner Serie „Die ganze Wahrheit“ lesen.


Redaktion: Theresa Bäuerlein; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion und Porträts: Martin Gommel.