Tschüs, ihr alten Gockel!

Die #MeToo-Frauen haben die Nobelpreis-Akademie gesprengt

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„Die MeToo-Frauen haben die Schwedische Akademie gesprengt“, sagt Elin Ahldén. Sie ist in Stockholm am Telefon und klingt putzmunter. Vor einem halben Jahr hat sie mir den sagenhaft breiten Aufstand in ihrem Land gegen Sexismus vor allem am Arbeitsplatz, vom Bau bis zur Bühne, erklärt. Elin gehört zu den Initiatorinnen.

Jetzt also macht sie ihre selbstbewusste Ansage zu einer Absage, die um die Welt gegangen ist: Ein paar Tage vor meinem Anruf hatten die Juroren der Schwedischen Akademie erklärt, 2018 werde kein Literaturnobelpreis vergeben – die Verleihung soll aber ein Jahr später nachgeholt werden. Wegen „verminderten Vertrauens“ in eine „geschwächte Akademie“, formulierte die Jury, aus der schon acht von 18 Mitgliedern das Weite gesucht haben. Über MeToo verloren die noch aktiven acht Männer und zwei Frauen kein einziges Wort. „Wir Jungs reden doch über sowas nicht“, sagte ihr Wortführer.

Für ihn seien die Vorwürfe, einer seiner engsten Freunde aus dem Akademie-Umfeld habe jahrzehntelang junge Frauen sexuell missbraucht, nie ein Thema gewesen. Der 69-jährige Engdahl, der zehn Jahre auch Akademie-Chef war, sieht stattdessen „Hass auf Kultur“ als Ursache dafür, dass der andere „Junge“, Jean-Claude Arnault (71), mit ziemlich denselben Anklagen wie in Hollywood Harvey Weinstein und in Deutschland Dieter Wedel „zum logischen Angriffsziel für die MeToo-Bewegung geworden ist“.

Die eine Generation jüngere Elin Ahldén kommentiert nüchtern: „Engdahl lebt immer noch im Patriarchat. Die Akademie ist im Gefolge von MeToo als total korruptes System entlarvt worden, das Vergewaltiger beschützt.“ Arnault selbst ist kein Akademiemitglied, aber seine Frau. Insgesamt 18 Frauen haben ihm sexuelle Belästigung sowie Missbrauch und Gewalt vorgeworfen. Er bestreitet alle Vorwürfe, und noch ist kein einziges Gerichtsverfahren anhängig.

Zum weltberühmten Literaturpreis gehören barocke Rituale

Der schwedische Frauen-Aufstand hat mit mehr als 100.000 Unterschriften unter 65 Branchenaufrufen gegen sexuelle Gewalt, mit Massendemos und anhaltender Topplatzierung auf der politischen Tagesordnung ganz andere Dimensionen erreicht als in Deutschland. Skandinavien wird – wie andere Regionen auch – immer stärker von klaustrophobischem Populismus Richtung Vergangenheit gedrängt. MeToo habe ich als befreiende Frischluftzufuhr erlebt.

Dass diese Bewegung jetzt mit den Nobeljuroren der Schwedischen Akademie zusammenkracht, einer altehrwürdigen und zugleich mächtigen Kulturinstitutionen, fasziniert mich auch aus einem persönlichen Grund: Der Hype um den berühmtesten Literaturpreis der Welt einschließlich allerlei barocker Rituale ist drei Jahrzehnte wichtiger Teil meines Reporterdaseins gewesen. Mit professionellem Ehrgeiz habe ich hin und wieder durchaus erfolgreich die geradezu besessene Heimlichtuerei um bevorstehende Preisvergaben mitgeknackt. Und mich für Nobelfeiern in einen Dienstfrack gezwängt. Das war Sport mit Operette, es hat eine Menge Spaß gebracht.

Thomas Borchert im Dienstfrack.

privat

Kurz vor der Jahrtausendwende habe ich bestaunt, wie Günter Grass den Literaturnobelpreis ergriffen, vor allem von sich, mit einem ganz tiefen Diener vor Schwedens König in Empfang nahm. Warum „Deutschland sich nicht einfach mal freuen kann“, blaffte er danach uns Schreiberlinge an. Ein paar Berichte waren dem weltberühmten 71-Jährigen zu mäkelig ausgefallen. Zehn Jahre später sagte Herta Müller, erst 56, längst nicht so bekannt und gegen die Regeln quarzend in einer kleinen Kammer der Schwedischen Akademie auf die Interviewerfrage zu etwaiger Ergriffenheit: „Nein, für mich ist der Nobelpreis ein Job.“

Eine Frau setzte der gockelhaften Kumpanei ein Ende

Dieser Gender-Kontrast ist mir noch ein Jahrzehnt später als Déjà-vu wieder eingefallen: Mit Sara Danius (56) hat sich die Schwedische Akademie 2015 auch eine ausgeprägt nüchtern und uneitel agierende „Ständige Sekretärin“ an ihre Spitze gewählt, die erste Frau seit der Gründung 1786. Nie und nimmer würde sie wie ihr Vorvorgänger Engdahl öffentlich beklagen, dass die eigene Gattung der zu einem Diskurs auf hohem kulturellen Niveau fähigen Schweden leider vom Aussterben bedroht sei.

Der gockelhaften Kumpanei unter einflussreichen „Jungs“ mit Freude an den Reizen sowie der Abhängigkeit junger Frauen hat Danius sofort nach Bekanntwerden der Missbrauchs-Vorwürfe ein Ende gesetzt. Sie ordnete eine externe Untersuchung über die Verwicklung des eigenen Hauses an und stoppte den Geldfluss zu Arnaults von der Akademie gesponsertem „Kulturforum“.

Nie habe es seit der Gründung 1786 einen schlechteren, erfolgloseren Sekretär gegeben als Danius, giftete Ex-Sekretär Engdahl in einem Zeitungsbeitrag. Der Gockel griff plötzlich an. Auch bat er den König als „unseren hohen Beschützer“ um Rettung, um dann aber doch schon mal selbst mit der hinter ihm stehenden Mehrheit der Akademie-Mitglieder die ungeliebte Sekretärin zum Rücktritt zu zwingen. Als „Gegenleistung“ sollte die Lyrikerin Katarina Frostenson, Ehefrau von Arnault, ihre Mitarbeit in der Akademie einstellen. Offiziell nicht als Sippenhaft für vermutete Vergehen ihres Mannes, sondern weil sie Geheimhaltungspflichten und finanzielle Vorschriften verletzt hatte.

Die Lyrikerin Katarina Frostenson, Ehefrau von Arnault.

Aber für praktisch alle in Schweden – wie auch für mich – sah es so aus: Die alten Männer in der Akademie retten sich aus einem MeToo-Skandal, indem sie ausgerechnet zwei Frauen opfern. Das ist heute aber nicht mehr so leicht: Zack – standen 3.000 Schwedinnen protestierend vor dem Akademie-Domizil in Stockholms Altstadt. Künstler samt Wissenschaftler unterschrieben massenhaft empörte Aufrufe mit der Forderung nach Zwangsauflösung des seltsamen Gremiums. Ministerinnen mit sicherem Gespür für die aktuelle politische Stimmungslage demonstrierten ihre Solidarität mittels passender Hashtags und Kleidung im speziellen Danius-Stil.

Der Hof brachte ebenfalls nicht die erhoffte Rettung, nachdem ruchbar geworden war, dass Arnault Kronprinzessin Victoria mal ans Hinterteil gegrapscht haben soll. Ausgerechnet Engdahls Ex-Ehefrau Ebba Witt-Brattström plauderte es als eine von mehreren Augenzeugen aus. Die Professorin für Literaturgeschichte sowie Genuswissenschaftlerin fügte genüsslich an, der damalige Akademie-Sekretär habe im königlichen Auftrag von da an Sorge zu tragen gehabt, dass sich Schwedens Thronfolgerin nie wieder mit Arnault in einem Raum allein wiederfinden würde.

Die meisten kennen diesen einen scheußlichen Augenblick der Erkenntnis, dass man total falsch gelegen hat und die Sache unwiderruflich verloren ist. Kapitän und Steuermann auf der Titanic haben ihn durchgemacht, und dasselbe könnte man von der Rest-Crew der bis vor Kurzem auch als unsinkbar geltenden Schwedischen Akademie vermuten. Bei der Kollision, als 18 Frauen im letzten November zum ersten Mal von ihren negativen Erfahrungen mit Arnault berichteten, hatte dieser Eisberg namens „MeToo“ vielleicht gar nicht so lebensgefährlich ausgeschaut.

Doch jetzt, ein halbes Jahr später, meint Elin Ahldén, dass auch die allseitigen Forderungen nach kompletter Auswechslung der Schwedischen Akademie zeigen, „wie stark MeToo die Normen verschoben hat, was man sich erlauben kann und was nicht“. Arbeitgeber und Gewerkschaften würden darüber heute im Gefolge der Protestwelle überall verhandeln.

„Aber es ist längst nicht ausgemacht, dass die Zeit von Horace Engdahl wirklich vorbei ist“, fügt sie an. Tatsächlich sind durchaus gewichtige schwedische Stimmen mit Attacken gegen MeToo zu vernehmen: Die Bewegung sei populistischer Mainstream mit Zwang zur Unterwerfung. Der Rest-Mehrheit in der Akademie liegt wohl die Erkenntnis einer endgültigen Niederlage auch noch fern: Sie will erstmal drei neue Mitglieder nachwählen und dann 2019 gleich zwei Literaturnobelpreise auf einmal austeilen. Bis dahin sei ja das Vertrauen wieder hergestellt, ganz bestimmt.


Redaktion Susan Mücke und Vera Fröhlich, Bildredaktion Martin Gommel (Aufmacherfoto zeigt Elin Ahlden Lennox, Fotograf: John Guthed).