Das größte besetzte Gebiet Europas

Ganz Frankreich? Nein!

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Die Straße zum Bauernhof La Rolandière ist mit Barrikaden versperrt. Zu Fuß geht es auf improvisierten Brücken an teils meterhohen Bauten vorbei. Auf der gesamten Breite der Straße stehen die Gebilde, die aus mit Graffiti beschmierten Autoreifen, verwitterten Holzbrettern und Metallteilen bestehen, manchmal ist ein ausgebranntes Auto verbaut. Einige Barrikaden sind durch Gräben oder Verteidigungswälle aus angespitzten Ästen geschützt.

Bei einer Zigarettenpause lerne ich Luc kennen, der sich direkt an meinem Tabak bedient. „Es ist Krieg“, sagt er, während der Rauch der Zigarette sein halb vermummtes Gesicht umspielt. Hinter ihm steht ein Krankenwagen, dessen offizielle Kennzeichnung abgekratzt wurde. Eine Krankentrage, Verbandszeug und einige wenige Medikamente sind das einzige, was die Ambulanz geladen hat. „Allein hier haben wir über 60 Verletzte behandelt“, sagt Luc und lässt den Blick über Hof schweifen, in dem die Besetzer in der Sonne sitzen, rauchen und essen. „Viele hatten Granatsplitter im Körper, ein Mensch hat eine Hand verloren. Es ist Krieg.“ Sein letzter Satz ist der, den ich heute am meisten höre.

Ich bin in der Zone à défendre – zu verteidigende Zone oder kurz ZAD – in Notre-Dame-des-Landes, der größten besetzten Zone Europas. Seit Anfang April geht die Polizei mit Räumpanzern, Tränengas und Splittergranaten gegen die Bewohner, die Zadistes, vor. Ich will herausfinden, für was die Menschen hier kämpfen, was ihre Träume sind und wie sie diese umsetzen – denn die Zone ist weitgehend autonom und basisdemokratisch organisiert. Was in Deutschland höchstens aus kleinen anarchistischen Squats bekannt ist, funktioniert im Nordwesten Frankreichs in einem größeren Maßstab. Oder funktioniert eben nicht.

Als ich vor dem ehemaligen Bauernhof auf einer Bank sitze, setzt sich Julie zu mir. Ihre Stimme bebt, immer wieder schwingt sie sich zu wütenden Schimpftiraden auf Englisch und Französisch auf. Sie hat den Eindruck, viele Zadistes seien nur in der Zone, um gegen die Polizei zu kämpfen. Als Marxistin verstehe sie diesen Kampf nicht: „Warum sollen Proletarier gegen andere Proletarier kämpfen? Die Polizei gehört doch auch zur Arbeiterklasse. Der wahre Feind sind die Pharma- und Chemiewaffenunternehmen. Am Krieg verdienen die gut mit!“

Die Besetzer kämpfen schon seit 50 Jahren

Auf dem 16 Quadratkilometer großen Gebiet, das etwa 25 Kilometer nordwestlich von Nantes liegt, wollte der französische Staat seit 1967 einen Großflughafen bauen, der den Aéroport Charles de Gaulle in Paris entlasten sollte. Die Regierung machte den ansässigen Bauern das Angebot, ihr Land an den Staat zu verkaufen – und zu gehen. Einige nahmen das Angebot an, andere blieben und protestierten. Sie forderten den Stopp des Großprojekts und hatten zunächst Erfolg. Der Baubeginn wurde ins neue Jahrtausend verschoben.

2008 veränderte sich die Lage in dem damals noch namenlosen Gebiet am Westrand der Bretagne. Im August weihten die Zadistes das erste besetzte Haus ein, im Dezember folgte das erste autonome Zentrum, das schnell zum Treffpunkt von Anarchisten und Umweltaktivisten aus ganz Frankreich wurde. Sie besetzten weitere verlassene Häuser und richteten eine vegane Gemeinschaftsküche, ein Pressezentrum und mehrere Gratisläden ein. Sie begannen auch damit, selbst Landwirtschaft zu betreiben. Solche Bauern hatte es noch nie gegeben.

Dort, wo eigentlich ein Flughafen entstehen sollte, erschufen wenige Menschen ihre eigene Vision einer Parallelgesellschaft. Anstelle eines kapitalistischen Wirtschaftsmodells, praktizieren sie die Verteilung von Gütern nach Bedarf – ähnlich, wie in den israelischen Kibbuzim. Die Zone wurde basisdemokratisch organisiert, es gibt bis heute regelmäßige Versammlungen, bei denen gemeinsam über die Zukunft der Zadistes diskutiert wird. So entstand die größte autonome Zone Europas.

Im Jahr 2010 entdeckte die französische Regierung unter Nicolas Sarkozy das Flughafen-Projekt plötzlich wieder für sich. Seitdem versucht der französische Staat immer wieder, die Zone durch große Polizeieinsätze zurückzuerobern. Diese Räumungen haben seit Beginn des Jahres 2018, als der Flughafenbau endgültig ad acta gelegt wurde, deutlich zugenommen. Bislang halten die Zadistes der militärisch ausgerüsteten Gendarmerie stand.

„Macron wird's schon richten“

Ich will das Leben in der Zone erleben und herausfinden, was die Zadistes zum militanten Kampf gegen den Staat antreibt. Und was an den Gerüchten dran ist, dass die Polizei diesen Kampf auch mit Waffen und Mitteln führt, die weit über das hinausgehen, was erlaubt und gerechtfertigt ist.

Als ich tags zuvor am Flughafen in Nantes gelandet war, erklärt mir eine freundliche Mitarbeiterin der Nahverkehrsbetriebe, sonntags würden keine Busse nach Vigneux-de-Bretagne fahren. Außerdem sei Bahnstreik, und ohnehin müsste ich vom nächsten Bahnhof aus noch etwa zehn Kilometer laufen. Also nehme ich mir zähneknirschend ein Taxi. Meinen Fahrer interessiert der ganze Konflikt in der ZAD nicht. „Macron wird’s schon richten“, sagt er.

Politikverdrossenheit ist in Frankreich laut einer Studie der Deutschen Forschungsgemeinschaft ein noch größeres Problem als in Deutschland: Über 60 Prozent der französischen Befragten fühlen sich von der Politik schlecht oder sehr schlecht vertreten. Die Motivation, sich selbst in politische Entscheidungen einzubringen, ist gering.

Die „Zone“ ist etwa zwei Kilometer von meinem Hotel entfernt. Ich mache mich auf den Weg. Nach ein paar Minuten Fußmarsch sehe ich den ersten Polizeihubschrauber kreisen und halte mein Handy hoch, um ein Foto zu machen. Eine lange Polizeikolonne fährt an mir vorbei, zehn Motorräder, 40 Mannschaftswagen der Gendarmerie. Bis zu 2.500 Polizisten haben den Auftrag bekommen, die Bewohner aller nicht-landwirtschaftlichen Projekte aus der ZAD zu vertreiben und ihre Häuser zu zerstören. Auf Twitter lese ich von großen Räumungen am Nachmittag, heute Abend ist aber alles ruhig.

Barrikadenbau auf Französisch.

Tobias Eßer

Durchs Unterholz in die Zone

Ruhig beginnt auch der nächste Morgen. Laut einer Karte von der offiziellen Website der Zadistes gibt es auf dem Weg zwei Kontrollpunkte der Gendarmerie. Der erste besteht nur aus einem Auto, vor dem zwei Polizisten stehen, die sich unterhalten und den Blick in die hügelige Landschaft der Bretagne schweifen lassen, und etwas gelangweilt wirken. Am zweiten Checkpoint kommen selbst Journalisten nicht immer in die Zone. Deshalb bahne ich mir kurz vor der Absperrung einen Weg durch das bretonische Unterholz.

Zwischen Kuhweiden und Feuchtwiesen stoße ich auf die ersten Barrikaden. Ich klettere einfach drüber. Hinter dem Gerippe eines ausgebrannten Renault Clio steht ein etwa zwei Meter hohes Tipi, das aus langen Ästen zusammengestellt und mit einem Seil an der Spitze fixiert wurde. Über den Ästen liegt eine Plane in Camouflage, die das Zelt im Wald besser vor neugierigen Blicken verbergen soll. Vor dem Tipi steht ein Mann mit Megafon und Wikingerhelm und grinst mich an.

Ein Wikinger in der Bretagne

Tobias Eßer

Unter dem Helm baumelt ein mit einem Walkie-Talkie verbundenes Headset, darunter eine Gasmaske. Der Wikinger hat sich ein blaues Batiktuch um seine Schultern gebunden, öffnet zur Begrüßung ein Bier und stellt sich als Eric vor. Er lädt mich zum Frühstück in sein Tipi ein. Neben selbstgebackenem Brot gibt es Bärlauchpesto und Käse. Eric erklärt, was die Zadistes seiner Meinung nach so stark macht.

„Die Menschen hier haben ein Ziel, deshalb halten sie zusammen“, erzählt der Mann mit dem Helm. „Außerdem haben wir Zeit und stehen nicht unter dem Druck, regelmäßig Geld verdienen zu müssen – im Gegensatz zu den Cops!“ Schließlich gebe es noch die Dorfbewohner, die die Zadistes mit allem versorgen, was nicht in der Zone produziert werden könne. Ohne sie wäre das Überleben nicht möglich.

Auf dem Weg zum Presse- und Sanitätszentrum der Zone im Bauernhof La Rolandière komme ich am ehemaligen Bauernhof La Wardine vorbei. Dort gibt es eine vegane Küche, einen Gratisladen, Duschen und Schlafplätze. Die Häuser sehen so aus, als hätten sie schon bessere Zeiten gesehen. Ich den Dächern klaffen Löcher, hier und da wurden Holzplanken aus den Wänden herausgerissen, und doch spenden die Häuser Schatten für etwa 70 Bewohner der ZAD, die sich auf einer großen Freifläche zwischen Scheune und Bauernhaus zum gemeinsamen Mittagessen hingesetzt haben.

Ich nähere mich einer Gruppe junger Anarchisten. Die vier Männer sitzen auf einer aus Baumscheiben und Ästen zusammengezimmerten Bank und haben ihre Mahlzeit scheinbar gerade beendet. Einer von ihnen, ein sehniger Kerl mit Sidecut und Vollbart, blickt auf meinen Pressehelm. Als ich mich vorstellen will, steht er auf. Er spricht schnell und mit bretonischem Dialekt. Die Worte „Keine Presse“ und „Verpiss dich“ kommen allerdings bei mir an, und so gehe ich weiter nach La Rolandière.

Der Polizeieinsatz kostet 300.000 Euro am Tag

Dort begegne ich Julie. Die junge Marxistin, die den Kampf gegen die Polizei so kritisch sieht. Sie zeigt mir ihre Hand, deren Farbe sich von der ihrer restlichen Haut deutlich unterscheidet. Am Tag zuvor habe sie gesehen, wie Polizisten Zelte und den umliegenden Boden mit einer Flüssigkeit besprüht hätten. Sie habe daraufhin ihre Sachen genommen und sei weitergezogen. Nach einigen Stunden habe sich ihre Haut grau verfärbt, und die Fingernägel lösten sich von vorne auf. Ihre Hand sieht so aus, als müsse sie dringend im Krankenhaus behandelt werden. Die junge Frau sträubt sich allerdings dagegen, zu groß sei die Gefahr, auf dem Weg festgenommen zu werden.

Ich weiß nicht, womit sie in Berührung gekommen ist, und so schreibe ich Horst Thiermann, dem Leiter des Institutes für Pharmakologie und Toxokologie der Bundeswehr. Er will keine Ferndiagnose basierend auf Fotos stellen und empfiehlt mir, mich an die französischen Gesundheitsbehörden zu wenden. Abgesehen davon könne er sich nicht vorstellen, dass chemische Kampfstoffe in Frankreich eingesetzt würden.

Jolies Arm, ein Mysterium in zwei Farben.

Tobias Eßer

Laut verschiedenen Medienberichten kostet der Einsatz in der ZAD pro Tag zwischen 300.000 und 400.000 Euro. Dieser Wert setzt sich aus den Kosten für die Polizeihubschrauber, Sold der Polizisten, Unterkunft und Verpflegung für 25 Hundertschaften der Polizei und sieben Kompanien der Militärsicherheit zusammen. Die französische Website Actu17 errechnete, dass der Staat somit bisher etwa 30.000 Euro pro vertriebenem Zadist ausgegeben hat.

Der Ostteil der Zone ist sozusagen die Frontlinie, hier hört man minütlich die Explosionen der Splitter-, Blend- und Tränengasgranaten. Als ich an einem Feld vorbeilaufe, auf dem Zadistes vor wenigen Minuten gegen Polizisten gekämpft haben, steigt mir ein bittersüßer Geruch in die Nase, dessen Aroma schnell meine gesamte Mundhöhle erfasst. Ich muss würgen, und mir schießen Tränen in die zu Schlitzen zusammengezogenen Augen. Meine Gasmaske, im Prinzip nur eine Atemmaske mit Filterfunktion, hilft mir nicht wirklich, und so stolpere ich einige Meter weiter, nur um mir anschließend den Inhalt meiner Wasserflasche übers Gesicht zu gießen.

In der Nähe liegt Fasses Noire, ein weiteres Versorgungszentrum. Als ich dort ankomme, erwartet mich eine Szenerie wie aus „The Walking Dead“. Eine heruntergekommene Scheune und ebenso gebraucht aussehende Häuser. Aus einer Küche kommt beißender schwarzer Rauch, und auf den umliegenden Dächern sitzen Menschen, die Wache halten. Die Anweisungen an den Wänden verbieten, Fotos zu machen, und da mich die Zadistes hier eh schon kritisch beäugen, füge ich mich dem Verbot und mache mich auf den Rückweg ins Hotel.

Die Ruhe vor dem Sturm

Am nächsten Tag steht eine Verhandlungsrunde zwischen Zadistes und der Präfektur Nantes an. In der Nacht und am Morgen gab es Räumungen im Osten der Zone, bei denen die Gendarmerie zum Teil Panzer eingesetzt hat. Auf dem Weg nach La Rolandière muss ich drei Polizeicheckpoints passieren – jeder nimmt etwa zehn Minuten in Anspruch, weil die Gendarmen sowohl Presse- als auch Personalausweis an jeder Straßensperre telefonisch überprüfen.

Gasmaske, Pressehelm und Karte – fast alles, was man in der ZAD braucht.

Tobias Eßer

Die letzte Hälfte des Weges ist von Mannschaftswagen der Gendarmerie gesäumt, ich zähle 50 dunkelblaue Busse. Auf einem Feld neben der zentralen Straßenkreuzung in der ZAD stehen sich Zadistes und Polizei gegenüber, die Aktivisten blenden die Gendarmen mit Steinen und Holzbrettern, auf die sie Spiegelfolie geklebt haben. Die Stimmung ist angespannt, und als ich in La Rolandière ankomme, bezeichnet eine Krankenschwester dort die Situation als „Ruhe vor dem Sturm“.

Im Pressezentrum sind heute viele Zadistes, entweder um das weitere Vorgehen zu besprechen oder um sich von den Sanitätern behandeln zu lassen. Wieder will niemand mit mir reden. Wegen der frustrierenden Interviewsituation komme ich mit zwei Kollegen eines französischen Privatsenders ins Gespräch, die eine landwirtschaftliche Kommune besuchen wollen. Zwei Männer einer privaten Sicherheitsfirma begleiten die Journalisten beim Dreh ihrer Reportage. Sie sollen die Pressevertreter beschützen – ob vor der Polizei oder den Zadistes, bleibt offen. Die Gruppe hat kein Problem damit, mich mitzunehmen, und so machen wir uns auf den Weg nach La Riottière. Nach einem kurzen Fußweg mit einigen Ausweiskontrollen kommen wir an der Farm an, wo uns François empfängt.

„Man zwingt uns zu verhandeln“

Er ist komplett in Schwarz gekleidet, nur auf seiner Arbeitshose finden sich einige braune Schlammflecken. François bewirtschaftet den Bauernhof mit etwa zehn anderen Zadistes. Einige leben in selbstgebauten Hütten in der Nähe der Gewächshäuser von La Riottière, andere haben sich in einem alten Bauernhaus abseits der Hauptstraße niedergelassen.

Der Bauernhof ist eines der Projekte, das die französische Regierung registrieren und vertraglich reglementieren möchte. Gehören würde den Zadistes das Land damit jedoch nicht, der französische Staat würde landwirtschaftliche Projekte allenfalls dulden. Neben verschiedenen Gemüsesorten, Kartoffeln und Kräutern, die auf dem Hof angebaut werden, leben in La Riottière auch einige Tiere: Hühner, Schafe und Esel. François führt uns über das Gelände und erzählt, was hier genau angebaut wird. Die Farm ist groß, von der Hauptstraße sind es sicher drei- bis vierhundert Meter bis zum letzten Gebäude. Die von den Zadistes errichteten Häuser sind zwar klein, aber gemütlich. In einer Hütte stehen ein Ofen, eine Couch, ein Bett und ein Tisch auf maximal fünf bis sechs Quadratmeter, eine Kaffeekanne steht neben halb gerauchten Drehzigaretten.

In La Riottière bekommt man vom „Krieg“ etwa einen Kilometer weiter nichts mit. Die Bewohner liegen in der Sonne oder gehen ihrer Arbeit nach. Alles wirkt friedlich. François sagt, dass das gesamte Schicksal der ZAD über dem der einzelnen Projekte stehen muss: „Wir werden uns weigern, individuelle Verträge über den Verbleib abzuschließen. Anstelle dessen werden wir für eine ganzheitliche Mietvereinbarung kämpfen, die alle Gebiete der ZAD umfasst.“

François auf der Schafweide in La Riottière.

Tobias Eßer

Die Verhandlungsbereitschaft der französischen Regierung halte er für eine Farce, sagt François. „Wir sind Besetzer ohne Rechte und Titel. Als wir der Präfektur eine Vereinbarung vorgeschlagen haben, um die Situation vor dem Beginn der Zwangsräumung zu regeln, blieb das unbeantwortet. Der Staat hat die Polizei zu uns geschickt, anstatt mit uns zu sprechen, obwohl wir bereit gewesen wären zu verhandeln. Aber man setzt uns die Pistole auf die Brust.” Die Angst vor Verletzten und Toten in den Reihen der Zadistes sei omnipräsent, jedoch wolle man sich von der Taktik der Gendarmerie nicht einschüchtern lassen.

François‘ Meinung fügt sich in die Eindrücke ein, die ich aus den Gesprächen mit verschiedenen Zadistes gewinnen konnte. Wirklich kämpfen wollen nur wenige, ein Großteil der Menschen in der Zone will den Traum einer Utopie ohne Autorität und Kapitalismus leben. In La Riottière ist das ein Stück weit Wirklichkeit geworden. Der Hof funktioniert komplett autonom, kaum ein Bauteil kommt nicht aus der Zone.

Der Wiederaufbau ist im Gange

Als ich am nächsten Tag das letzte Mal den Weg von meinem Hotel bis nach La Rolandière laufe, sehe ich kein einziges Polizeiauto mehr. Auf der Straße arbeiten nur Zadistes, die die tags zuvor zerstörten Barrikaden reparieren oder neue Straßensperren errichten. Überall herrscht geschäftiges Treiben. Ich betrete die ZAD wieder über den Feldweg, den ich am ersten Tag gegangen bin. Am Tipi treffe ich jedoch diesmal nicht Eric mit dem Wikingerhelm, sondern zwei junge Männer, die mir ein Bier anbieten. Sie sind erst seit Sonntag in der ZAD. Einer von ihnen kommt aus Belgien und erzählt, er betreibe in der Heimat ein autonomes landwirtschaftliches Projekt und sei nach Frankreich gekommen, um etwas über den Aufbau von Organisationsstrukturen zu lernen. Beide wollen konstruktive Arbeit leisten, jedoch wurde ihnen vom Plenum der Wachplatz am Tipi zugewiesen. Aus Langeweile haben sie deshalb eine überraschend stabile Plattform in den Bäumen gebaut, auf der zwei Menschen schlafen können.

In La Rolandière liegt Pierre auf einer Bank in der Sonne, liest in der Zeitung und raucht Kette. Er kommt aus Caen und ist ebenfalls erst wenige Tage in der Zone. Er hat vom Kampf der Zadistes und von der Möglichkeit, dort jenseits einer kapitalistischen Gesellschaftsform leben zu können, gehört und bezeichnet das Lebensgefühl in der ZAD als „therapeutisch“, weil er dort nicht den Leistungsdruck empfindet, der ihn in seinem „normalen“ Leben plagt. Ich will wissen, wie lange er in der ZAD bleiben möchte. „Ich habe meinen Job gekündigt und schaue jetzt erstmal, was ich hier tun kann“ antwortet Pierre.

Die Besetzer schauen in eine ungewisse Zukunft

Ich wollte etwas über die verschiedenen Gruppen in der ZAD herausfinden, über ihr Leben und ihre Ansichten. Doch verschiedene Fraktionen scheint es nicht zu geben, stattdessen lebt jeder Zadist nach eigenen Vorstellungen – es gibt viele Anarchisten. Hier sind Umweltaktivisten, deren Hauptziel die Erhaltung der von Wäldern und Feldern geprägten Landschaft in der Westbretagne ist. Dann gibt es noch die Landwirte, deren Hauptziel der Erhalt ihrer Lebensgrundlage ist und die sich nicht mit den Angeboten der französischen Regierung und der Präfektur Nantes zufriedengeben wollen.

Am Tag meiner Abreise lehnten die Zadistes das Angebot der Präfektur Nantes ab – die Registrierung aller landwirtschaftlichen Projekte und deren vertragliche Legitimierung. Alle anderen Projekte sollen geräumt werden.

Ein paar Tage später lief das Ultimatum der Präfektur ab. Bis zu dieser Frist konnten sich landwirtschaftliche Projekte in der ZAD für eine Rechtmäßigkeitsprüfung bewerben. Wie die Präfektin Nicole Klein mitteilte, sind 28 Bewerbungen der Zadistes eingegangen, 15 davon seien sofort in ihrer Rechtmäßigkeit bestätigt worden. Nun werden die restlichen Projekte bis Ende Mai von der Landwirtschaftskammer der Präfektur geprüft. Am 6. Juni soll sich dann der Lenkungsausschuss der Präfektur mit der Zukunft der ZAD und ihrer Bewohner befassen.

Der ortsansässige Bauer Marcel Thébault mahnt beide Konfliktparteien zur Deeskalation: „Lasst uns gelassen leben und arbeiten. Der Vorschlag ist eine Botschaft an die radikalen Zadistes, die Barrikaden abzubauen und die Straßen freizugeben. Er ist aber auch ein Aufruf an den Staat, die Gendarmen zurückzuziehen.“


Danke an Leserin Sarah Berger für die Übersetzung des Interviews mit François. Ein weiteres Merci geht raus an Jeremie Paire vom Sender BFMTV, der mich mit nach La Riottière genommen hat und das Interview mit François geführt hat.

Redaktion Christian Gesellmann, Bildredaktion Martin Gommel, das Aufmacherfoto hat Rico Grimm ausgesucht (Aufmacherbild: Flickr / CC BY 2.0.).