Krause und die Kanzlerin

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Pfarrer Christoph Krause führt in zackigen Schritten durch Bad Schmiedeberg und will beweisen, dass die Uhren seiner Stadt nicht stehengeblieben sind. Jedenfalls nicht mehr.

Vor einer Woche sah das noch anders aus: Erst die Uhr an der Volksbank, dann die berühmte Monduhr, eingelassen in einen Torbogen, schließlich die große Kirchturmuhr. Sie alle waren stehengeblieben, auf zwölf oder auf kurz vor zwölf. Es stand also kurz vor zwölf in Bad Schmiedeberg. Der prächtige Kurort, im Süden Sachsen-Anhalts, geriet zum Kalauer. Und das wenige Tage vor dem Besuch der Bundeskanzlerin.

Pfarrer Krause aus Bad Schmiedeberg.

Dass sie jetzt wieder ticken, daran ist auch Christoph Krause schuld. Stolz läuft er die Uhren seiner Stadt ab. Dann sitzt er, 65 und seit 1984 Pfarrer, im hochgekrempelten Hemd und ausgelatschten Sandalen im wilden Garten seines Pfarrhauses, das auch als rustikaler Landsitz irgendwo in der Lombardei durchgehen würde.

Und nur wenige hundert Meter entfernt wird bald die Kanzlerin sitzen, bei ihrer Konferenz mit den Ministerpräsidenten des Ostens. Jedes Jahr kommt sie an einen anderen Ort, um die Länderchefs anzuhören, die ihr sagen sollen, woran es in Ostdeutschland fehlt. Die Länderchefs hoffen im Gegenzug auf Hilfe aus der obersten Etage, auf einen neuen Masterplan.

Der Pfarrer schreibt einen offenen Brief

Diesmal setzt noch jemand Hoffnungen in den Besuch der Kanzlerin: Pfarrer Krause. Eigentlich ist er vor drei Monaten in Ruhestand gegangen, aber er kommt nicht zur Ruhe. Der Grund ist sein Brief, den die Mitteldeutsche Zeitung veröffentlicht hat. Ein Brief, zu dem in Bad Schmiedeberg jeder eine Meinung hat.

Er habe völlig übertrieben, sagen die einen. Endlich sagt es mal einer, meinen die anderen. Eine Person sagte sogar, der Pfarrer hätte ruhig noch eine Schippe drauflegen können. Krause selbst findet, dass der Brief bitter nötig war.

Nun ja, dachte sich Krause, wenn nun einmal die Bundeskanzlerin durch sein Bad Schmiedeberg fährt, dann wird sie auch die kaputten Uhren sehen. An ihnen, so glaubt er, könne man ablesen, woran es in ostdeutschen Kleinstädten fehlt. Denn so eine historische Uhr sei doch „mehr als nur eine Zeitansage“, meint Krause, sie sei „Kultur“. Ostdeutschen Kleinstädten allgemein fehle es an Kultur.

Also schrieb er den Hinweis für Angela Merkel an die Zeitung, mit Bitte um Veröffentlichung: „Wie es um Bad Schmiedeberg wirklich steht und was die Stunde tatsächlich geschlagen hat, könnte im wahrsten Sinne ein Blick auf die Uhren der Kommune zeigen: Da steht es schon seit Monaten auf Punkt 12.“

Für Merkel gibt es eine „Protokollstrecke“

Nur war da bereits klar, dass Merkel die Uhren nie sehen würde. Denn die Kanzlerin wollte nicht durch Bad Schmiedeberg fahren. Die Konferenz sollte auch nicht im Rathaus, im Zentrum der Stadt stattfinden, sondern im vorgelagerten Kurhaus, einem ziemlich vorzeigbaren Anwesen im Jugendstil, dem ganzen Stolz der Stadt.

„In der DDR nannte man so was Protokollstrecke“, sagt Krause. Tatsächlich legte man zu DDR-Zeiten bei hohem Besuch oft eine bestimmte Strecke fest, deren verfallene Häuser dann genau so weit Anstrich bekamen, wie man aus dem Auto rausgucken konnte. Oben drüber blieb es Ruine. Man wollte den Staatschef von damals vor allem: gefallen. Heute ist es genau umgekehrt, man will nichts lieber, als den Verantwortlichen endlich mal mitteilen, woran es fehlt. Pfarrer Krause will das.

Der Besuch der Kanzlerin sei demnach „genau das falsche Signal“, schrieb Krause in seinen Brief. Da guckt einmal ganz Deutschland auf seine kleine Stadt, und die Botschaft lautet: „Schaut, wie gut es uns doch geht!“ Dieser Ärger war es, dem er in seinem Brief Luft machen musste. Weil aus seiner Hoffnung nur Verdruss geworden war.

Jetzt tickt sie wieder richtig, die Uhr.

Naja, bis auf eines: Wenige Tage nach dem Brief fingen die Uhren plötzlich wieder an zu laufen. Kurz vor dem Besuch der Kanzlerin schien Bad Schmiedeberg wieder intakt. „Ein Wunder“, meint Krause – und das durchaus ironisch, denn geredet habe niemand mit ihm. „Hier passieren auch die guten Dinge im Verborgenen. Wir müssen mehr miteinander reden“, sagt er.

Dabei liebt der Pfarrer sein Bad Schmiedeberg. Er liebt es so sehr, dass er mit dem Gedanken spielt, sogar noch seinen Ruhestand hier zu verbringen. Und nicht, wie die meisten anderen Pfarrer vom Land, in die Stadt zu ziehen, nach Halle oder Leipzig. „Zur Belohnung“, wie Krause sagt. Und Bad Schmiedeberg kann nur hoffen, dass Krause auf die Belohnung verzichtet. Denn er hält, das merkt man bald, diese Stadt gewissermaßen zusammen.

Ohne Krause läuft hier fast nichts

Ohne ihn, das hieße dann auch: Ohne die 63 Konzerte im Jahr, die Krause hinter seinem Pfarrhaus veranstaltet. Das hieße, ohne die Kinoabende im Gemeindehaus. Und schließlich hieße es auch: Ohne Krause, dem Seelsorger im Dauerdienst, dem die Menschen hier ihre Probleme und Hoffnungen anvertrauen. „Über Jesus wird da am wenigsten geredet“, sagt er, „eher über Lebensfragen“.

Und diese gute Seele einer Stadt prangert nun in einem Brief an, dass hier die Uhren stillstehen? Eine Stadt, die – seit man hier um 1878 ein heilendes Moor entdeckte – deutschlandweit als Kurort bekannt ist. In den vergangenen Jahren wurde das Kurhaus für 168 Millionen Euro renoviert und auf 700 Betten aufgestockt. Gäste aus der ganzen Republik spülen gut 400.000 Euro Kurtaxe pro Jahr in die Stadtkasse.

Herr Krause, was läuft denn bitte so schief in Bad Schmiedeberg?

Bad Schmiedeberg von oben.

Man muss den Pfarrer, der seine Stadt so liebt, schon überreden, dass er es einem noch mal genau vor Augen führt, woran es in dem Kurort fehlen soll. Was seiner Meinung nach auch viele andere ostdeutsche Kleinstädte betrifft. Und was somit sehenswert wäre, für Minister- und Bundeskanzlerinnen-Augen. Und so geht es hoch auf den Kirchturm, wo die Uhr wieder tickt, wo sich die Zeiger bewegen, und von wo aus man schnell die ganze Stadt im Blick hat.

Jetzt ist alles schick, aber menschenleer

Krause weist dann Richtung Nordwesten auf den Marktplatz. Einer jener typisch durchsanierten ostdeutschen Marktplätze. Zwar absolut makellos, aber eben auch eine Spur zu sorgenfrei. „Wahnsinn, was sie aus diesem Ort gemacht haben“, sagt Krause und zeigt, wo früher die dicken Kastanienbäume standen, die man einfach abgesägt hatte. „Jetzt ist alles schick, aber ohne Menschen.“

Er zeigt in Richtung des alten Schwimmbades, das „Basso“, 1993 das erste Spaßbad Ostdeutschlands, das jedoch bald pleiteging und heute ungenutzt verwahrlost. Außerdem ist es Grund für die etwa 20 Millionen Euro Schulden, die Bad Schmiedeberg noch abzutragen hat. Und er zeigt auf die Straße, die sich vom Kurhaus aus S-förmig durch die Stadt schlängelt. Und von der manche munkeln, sie werde nur so weit instand gehalten, wie die Kurgäste bei einem durchschnittlichen Spaziergang kommen. Die Protokollstrecke, gewissermaßen, für zahlende Kurgäste.

Und dann zeigt Krause noch einmal auf die große Uhr direkt über ihm. Das Anzeigen der Zeit ist verwaltungsmäßig eine „freiwillige Aufgabe” der Stadt. Das heißt: Sie darf die Uhr instand halten, muss es aber nicht. Krause sieht das anders. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich der engagierte Pfarrer von der lösungsorientierten Politik unterscheidet. Von einer Politik, die Marktplätze so glattrenoviert, dass keine Menschen mehr dorthin wollen. Die nicht nach Bad Schmiedeberg gekommen ist, um die ostdeutschen Bürger zu sprechen, sondern um sich ihre eigenen Fragen zu beantworten.

Also dann, worüber würde ein Christoph Krause reden mit – sagen wir: Angela Merkel? Da nennt er ein Wort: Gestaltungsspielraum. Die Idee des Aufbaus Ost setze sich heute in Form von EU-Förderungen fort, sagt er. Denn ja, man bekomme schon Geld. Aber nur für jene Projekte, die der Geldgeber einem vorschreibt. Krause hat das an seiner Kirche selbst so erlebt: Einen edlen Zaun bekam der Pfarrer aus EU-Töpfen finanziert. Aber die so viel wichtigere Renovierung des hohen Kirchturms musste er selbst bezahlen.

Wie er das tat, erklärt er beim Hinuntereilen der 180 Kirchturmstufen in Richtung Konferenz. 180 Kirchturmstufen, von denen jede eine Messingplatte trägt, seit Krause vor drei Jahren Patenschaften für die Stufen verkaufte. 250 Euro pro Patenschaft, das machte 45.000 Euro für eben jene Sanierung des Kirchturms. Ja, das ist sie: Problemlösung, unter Einbezug von Menschen.

Pfarrer Krause redet mit jedem.

Aber nicht nur die Leute in Bad Schmiedeberg diskutieren im Verborgenen, wenn überhaupt – auch die große Politik tut dies bei ihrem Besuch. Dabei sein, wenn die Länderchefs der Kanzlerin berichten, dürfen die Bad Schmiedeberger nicht. Gar eigene Impulse setzen? Fragen stellen? Auch Fehlanzeige. Und so wird nicht mit ihnen gesprochen – sondern, wieder einmal, nur über sie. Ihre Stadt, ihr prächtiges Kurhaus dient nur als Kulisse. Als Symbol für den aufgeblühten Osten.

Die Bürger bleiben außen vor

Über den Vormittag haben die Landeschefs dann vereinbart, welche Probleme sie der Kanzlerin, die später eintrifft, vortragen wollen. Und so stellen sich die Bad Schmiedeberger, genau wie ihr alter Pfarrer Krause, an das schwarze Absperrband und hoffen, wenigstens einen Blick zu erhaschen. Und die Politiker? Sie treten heraus und geben dem Mitteldeutschen Rundfunk Interviews, andere winken oder schütteln zumindest Bewohnerhände.

Drei Länderchefs: Kretschmer (Sachsen), Haseloff (Sachsen-Anhalt), Müller (Berlin)

Da ist Reiner Haseloff (CDU), der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, der sich bestimmt und sicher gibt, wie es sich für einen Gastgeber gehört. Und Michael Kretschmer (CDU), der neue Sachsen-Chef, verhuscht aber freundlich und mit leiser, fast heiserer Stimme. Und weil sich Haseloff und Christoph Krause aus Zeiten kennen, als Haseloff noch Wirtschaftsminister war und ein Projekt zur Arbeitsbeschaffung realisierte, das in Bad Schmiedeberg besonders gut angenommen wurde, kommt Haseloff nun zum Absperrband, also zu Pfarrer Krause, herüber. Im Schlepptau hat er Kretschmer. Zwischen den Dreien entspinnt sich ein Gespräch, das ein echter Austausch hätte werden können – das aber vielmehr zeigt, wie routiniert Politiker und Bürger aneinander vorbeireden können.

Pfarrer Krause mit Ministerpräsident Kretschmer.

Haseloff ruft: „Pfarrer Krause! Ich habe heute beim Mittagessen ‚eine gesegnete Mahlzeit‘ gewünscht, und das, weil ich an Sie gedacht habe.“

„Ich hoffe, Sie haben auch über uns geredet. Wir würden unsere Stadt nämlich gerne selbst gestalten, das heißt: nach unseren Vorstellungen – und realistisch!“, antwortet Krause.

Kretschmer schaltet sich ein: „Dass wir realistisch sind, wissen Sie ja. (Pause) Und schönes Wetter haben Sie hier.“

Krause: „Und Sie hatten hoffentlich schöne Gespräche?" Kretschmer: „Wir sind uns in fast allen Punkten einig.“

Die Politiker hätten auch in Berlin bleiben können

Dann ein Hubschraubergeräusch. Haseloff knetet feierlich die Hände: „Die Kanzlerin ist gelandet!“

Ein paar Mal spielt Krause noch auf die Uhren an, doch keiner der Ministerpräsidenten hat Lust, darauf einzugehen. Der Hinweis auf das Symbol, das heute wie eine Steilvorlage für ein Gespräch über den maroden ländlichen Osten genutzt werden könnte – und dieser steht schließlich auf dem Programm der Konferenz – verpufft, einfach so.

Am Ende verziehen sich die Politiker wieder nach drinnen und die Bad Schmiedeberger zurück in ihre Stadt. Und man ahnt, woher der Vorwurf vieler Ostdeutschen kommt, die große Politik würde ihre Deals in Berliner Hinterzimmern ausknobeln und nicht gemeinsam mit den Bürgern: Diese Konferenz, sie hätte auch in Berlin stattfinden können. Das letzte, was Christoph Krause, zurück im wilden Pfarrhaus-Garten, von der großen Politik in seiner Stadt mitbekommt, ist das Rotorengeräusch der im Hubschrauber davon schwirrenden Bundeskanzlerin.

Pfarrer Krause zu Hause.

Redaktion Esther Göbel, Schlussredaktion Vera Fröhlich, Bildredaktion Martin Gommel – alle Fotos hat der Autor selbst gemacht.