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Wiedergeburt

Erinnern wir uns an unsere früheren Leben? Ein Versuch

von Hanna  Gerwig
etwa 15 Min. Lesedauer

Besonders gut ist die Aufnahme nicht, die ich mir gerade anhöre. Der Ton klingt blechern, und im Hintergrund rauscht etwas. Die Stimmen auf dem Band sind nur schwer zu verstehen. „Ich sitze vor einem Klavier ... nein, vor einer Orgel. Vor mir sind schwarze und weiße Tasten. Neben mir sitzt mein Opa. Er sagt, dass ich immer nur eine auf einmal drücken soll.“

Die Stimme der jungen Frau, die da spricht, klingt irgendwie weit weg und außerdem müde, als müsse sie sich bemühen, vor dem Einschlafen noch etwas Wichtiges zu sagen. „Gut machst du das“, hört man eine zweite, etwas ältere Frau. Sie spricht beruhigend, fast wie zu einem Kind. „Und jetzt gehen wir noch weiter zurück, in die Zeit vor deiner Geburt. Lass alles los, alles zurück – auch die Person, die du in diesem Leben bist. Nimm dir Zeit, schau dich um. Wo bist du jetzt?“

Die erste Stimme auf der Aufnahme ist meine. Die zweite gehört meiner Bekannten Petra, die als Reinkarnations-Therapeutin arbeitet. Das heißt, sie glaubt nicht nur an das Konzept der Wiedergeburt, sondern ist auch noch überzeugt davon, dass Menschen mit ihren früheren Leben, ihren früheren Ichs, in Verbindung treten können. Petra sagt, dass sie Ihren Klienten dabei hilft, einen Blick in ein früheres Dasein zu werfen – und dass sie so ganz konkrete Probleme aus dem Hier und Jetzt bewältigen können. Klingt erst mal unglaublich, zumindest für mich. Und trotzdem liege ich heute in Petras Therapiesessel, um mich von ihr in Trance versetzen zu lassen.

„Die beste Erkenntnis aus meiner Rückführung? Diesmal bin ich lebend aus meiner Beziehung rausgekommen.“

Kennengelernt habe ich Petra, eine herzliche Frau Mitte 40, in Portugal auf einem Jakobsweg. Auf mich wirkte sie von Anfang an sehr bodenständig und, während sie über ihr Leben auf dem Land und ihren Büroalltag plaudert, fast ein bisschen spießig. Meine Vorurteile flogen mir allerdings recht schnell um die Ohren. Spätestens, als sie mir bei einer Flasche Wein am Strand von ihrer Nebentätigkeit als Reinkarnations-Therapeutin und ihren eigenen früheren Leben berichtete.

„Dass ich mit meinem Ex-Mann Frieden schließen konnte, war eine der schönsten Erfahrungen, die ich dabei gemacht habe“, erzählte Petra. Beide hatten die Therapeuten-Ausbildung zusammen gemacht. „Seinetwegen bin ich in vielen Leben gestorben, verhungert, ertrunken und verbrannt. Bei unserer Trennung waren wir beide froh, dass ich diesmal lebend aus der Sache herausgekommen bin. Und dass wir beide wissen, dass wir trotz allem immer verbunden bleiben.”

Ich bin skeptisch – kann man sein früheres Ich kennenlernen?

Meine Reaktion auf Petras Erzählungen war erstmal ein ungläubiger Blick. Trotzdem bin ich danach auch sehr neugierig. Zwar zweifle ich daran, dass Petra tatsächlich die Tür in vergangene Leben öffnen kann – und dass es diese überhaupt gibt. Auf der anderen Seite bin ich mir auch sicher, dass sie irgendetwas wirklich erlebt hat. Was hatte diese Bilder und Gefühle in ihr hervorgerufen? Was passierte da während der Therapiesitzungen, dass ein derart im Leben stehender Mensch wie Petra davon überzeugt sein konnte, in die Zeit vor der eigenen Geburt zurückreisen zu können?

Und dann ist da noch diese kleine Stimme in mir, die sich fragt: Oder geht das tatsächlich?

Petra sagt, dass vor allem die Details der Erinnerungen sie in Staunen versetzen, wenn sie als Therapeutin eine Rückführung begleitet. Erinnerungen etwa an Alltagshandlungen aus vergangenen Zeiten, wie das Anzünden einer Öllampe, so präzise beschrieben, dass es sich unmöglich um pure Einbildung handeln könne. „Die Menschen erzählen plötzlich ganz ausführlich von Dingen, mit denen sie in ihrem jetzigen Leben keinerlei Berührungspunkte haben“, sagt sie. „Diese Einzelheiten kann man sich nicht ausdenken.“

Ich überlege, ob ich wohl eine Öllampe anzünden könnte. Dank Film und Fernsehen würde ich mir das wohl zutrauen. „So richtig wissen kannst du aber nicht, ob dein Klient seine Geschichte gerade erfindet, oder?“ „Man merkt das schon, aber eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht“, gibt Petra zu. „Genauso wenig kannst du aber sagen, dass die Erfahrungen nicht echt sind.“ Stimmt, denke ich. Für etwas, das nicht beweisbar ist, kann ich auch keinen Gegenbeweis erbringen. „Wenn es dich tatsächlich interessiert – warum versuchst du es dann nicht selbst einmal?“, fragt Petra.

Monate später, die Jakobsweg-Blasen an meinen Füßen sind längst verheilt, erinnere ich mich an ihr Angebot. Ich bin immer noch neugierig und will wissen, ob ich mich vielleicht wirklich an mein früheres Ich erinnern kann. Was natürlich die Frage aufwirft, wer ich wohl mal gewesen bin. Der charmanteste Vorschlag, „ein Pestopfer im Dreißigjährigen Krieg“, kommt dabei von meinem jüngeren Bruder.

„Es ist gar nicht Sinn und Zweck der Sitzungen herauszufinden, welche konkrete Person man war oder sein wird“, sagt Petra mir am Telefon, als wir einen Termin ausmachen. Die meisten Menschen kämen mit Symptomen zu ihr, wie etwa Beziehungsangst oder Furcht vor dem Ertrinken, für die sie in ihrem jetzigen Leben keine Ursache finden. Den Grund für diese Probleme auszumachen und diese dann zu lösen, sei der eigentliche Anspruch der Reinkarnationstherapie. Ein solch konkretes Anliegen habe ich nicht. Deshalb sei es besonders wichtig, so offen wie möglich an die Sache heranzugehen, sagt Petra.

Das möchte ich versuchen und beschränke daher meine Recherche im Vorhinein auf ein Minimum. Ganz leicht fällt mir das nicht. Ohnehin gibt es aber nur wenige als wissenschaftlich zu bezeichnende Forschungsanstrengungen, die sich mit Wiedergeburt auseinandersetzen. Populär auf dem Gebiet der Reinkarnationsforschung ist die Fakultät für Psychiatrie an der Universität in Virginia, die sich eingehend mit Wiedergeburtserinnerungen von Kindern auseinandersetzt.

Wo Menschen an Wiedergeburt glauben, zeichnen sie auch Erinnerungen auf

Über Jahrzehnte hat ein Forschungsteam – zunächst um den mittlerweile verstorbenen Dr. Ian Stevenson, dann um seinen Nachfolger, den Neurowissenschaftler Jim Tucker – Fälle von Kindern zusammengetragen, die behaupten, sich an zurückliegende Leben erinnern zu können. Viele dieser Kinder suchten die Forscher bei ihren Familien auf, um ihre Aussagen auf deren Wahrheitsgehalt zu überprüfen und im besten Falle Verbindungen zu realen, verstorbenen Personen herzustellen. Die dabei in mehreren populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen gesammelten Geschichten klingen in der Tat erstaunlich. Etwa die des kleinen Patrick, der mit vier Jahren beginnt, über das Leben seines 20 Jahre zuvor verstorbenen Halbbruders Kevin zu sprechen und sich mit ihm zu identifizieren.

Die Forscher der Virginia-University behaupten nicht, dass sie den Beweis für Wiedergeburt gefunden haben. Auch räumen sie ein, dass unbewusste Suggestion durch Familienmitglieder, ebenso wie der Wunsch nach Beachtung, in manchen Fällen Einfluss haben können. In ihren Veröffentlichungen stellen sie dennoch einige interessante Behauptungen auf. So könnten sich hauptsächlich Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren an frühere Leben erinnern – in einem Zeitraum, in dem sie noch dabei sind, das eigene Bewusstsein zu entwickeln.

Außerdem spiele auch eine kulturelle Komponente eine Rolle: Fälle von Wiedergeburtserinnerungen würden in jenen Ländern häufiger auftreten, in denen der Glaube daran allgemein akzeptierter sei. Außerdem hätten einige der Kinder Muttermale oder andere Geburtsmale an Stellen, die sie mit ihrem „früheren Leben“ verbänden. So etwa bei Patrick, der laut den Aufzeichnungen von Jim Tucker seit frühester Kindheit hinkt – mit dem Bein, das bei seinem verstorbenen Bruder mit einem Tumor befallen war.

Diese ungewöhnlichen Geschichten räumen der Existenz von Wiedergeburten zumindest eine Chance ein. Erfahrungen aus Reinkarnationstherapien haben die Wissenschaftler aus Virginia allerdings nicht in ihre Forschung einbezogen. Zu suggestiv, lautet die Begründung. In Deutschland ist die Methode weder rechtlich noch wissenschaftlich anerkannt.

Populär ist sie dagegen schon – allein für Berlin spuckt eine Suchanfrage im Internet dutzende Anbieter aus.120 bis 190 Euro kosten die Sitzungen im Schnitt. Unterschieden wird dabei zwischen einmaligen Rückführungen ohne therapeutischen Anspruch und der Methode der Regressionshypnose, die Traumata, die einem vergangenen Leben anhaften, lösen soll und mehrere Sitzungen erfordert. Letzteres bietet Petra an. Sie will übrigens kein Geld von mir.

Der Erfolg der Sitzung hängt auch davon ab, was ich erwarte – und glaube

Ich bin nervös, als ich schließlich für das Vorgespräch in ihrer Wohnung in Kleve sitze. Die Rückführung soll in ihrem Wohnzimmer stattfinden, das nun so gar nicht so aussieht, wie ich mir einen Ort für eine solche Gelegenheit vorgestellt hätte. Keine schweren Vorhänge, keine Pendel oder Traumfänger, keine Kerzen. Stattdessen ein heller, großer Raum mit Blick über die umliegenden Felder, ein Sofa, ein paar Bücherregale und ein langer Esstisch, auf dem Petra mir selbstgebackenen Schokoladenkuchen serviert. Ich picke umständlich ein paar Krümel von meinem Teller, während sie mir einige persönliche Fragen stellt.

Ob ich Ängste habe, möchte sie etwa wissen, und was für mich einschneidende Erlebnisse in meinem Leben waren. Meine Antworten notiert sie sich auf einem kleinen, gelben Zettel. Auch nach wichtigen Personen in meinem Leben fragt sie mich – um sie wiederzuerkennen, falls ich ihnen während der Rückführung in einem anderen Leben zufällig begegne. „Nicht alle Menschen aus unserem momentanen Dasein spielen auch darüber hinaus eine Rolle für uns“, sagt sie. Dann wieder gäbe es diese besondere Verbundenheit zu „Seelengefährten“, wie sie sagt. Ihren Exmann und ihre Tochter habe sie bereits mehrfach in vergangenen Leben wiedergetroffen.

Kurz erklärt sie mir, was gleich passieren wird. Dass sie mich zwar nicht in Hypnose, aber in Trance versetzen werde. Dass ein Teil von mir aber weiterhin präsent sein werde, so dass ich jederzeit „Stopp“ sagen könne. Trotzdem, sagt sie, könne es sein, dass es irgendwann nicht mehr ich, Hanna, sei, mit der sie während der Sitzung spreche, sondern eine andere, möglicherweise auch männliche Person.

Und obwohl ich im Grunde nicht daran glaube, löst die Aussicht, derart die Kontrolle über mich abzugeben, ein unbehagliches Gefühl aus. Petra merkt das und schlägt vor, die Erklärungen zu beenden und anzufangen. Nur eines noch, sagt sie. Ab jetzt solle ich versuchen, nur noch intuitiv zu antworten – und aufhören zu denken.

Es sei wichtig, wie ich an die Sache rangehe, das hat mir Petra schon am Telefon klar gemacht. Denn davon hänge ab, ob die Sitzung Erfolg haben würde oder nicht. In gewisser Hinsicht hat sie damit recht.

Wie groß der Effekt ist, den allein unsere Einstellung haben kann, zeigen schon der Placebo-, und sein kleiner mieser Bruder, der Nocebo-Effekt. Denn während ersterer die positiven Auswirkungen einer nur scheinbar erfolgten Behandlung beschreibt, tut der zweite das genaue Gegenteil: Er erzeugt negative Effekte, die eigentlich nicht da sein dürften. Ein Beispiel hierfür ist eine Studie mit männlichen Hypertonie-Patienten, die in Gruppen unterteilt und mit Betablockern behandelt wurden. Der ersten Gruppe wurde der Name des Medikaments, Metoprolol, mitgeteilt. Auch erhielt sie die Information, dass der Wirkstoff erektile Dysfunktion hervorrufen könne. Der zweiten Gruppe teilte man dagegen nur den Namen des Medikaments mit, während die dritte Gruppe auch darüber im dunklen gelassen wurde. Das Ergebnis war deutlich: In der dritten Gruppe litten nur acht Prozent der Teilnehmer unter Erektionsstörungen. In der zweiten waren es 13, in der ersten Gruppe 32 Prozent. Das beweist, wie machtvoll unsere Einbildung sein kann.

Übertragen auf die Rückführung ist es wohl eine Pattsituation. Wenn es nicht funktioniert, kann immer die Skepsis des Klienten dafür verantwortlich gemacht werden. Falls es aber klappt, kann auch das Wunschdenken des Betroffenen der Grund dafür sein.

Hör auf zu denken, denke ich deshalb, als ich auf dem nach hinten gekippten Therapiesessel liege und die Augen schließe. Mein Handy muss ich auf lautlos schalten, darf es aber als Aufnahmegerät neben dem Sessel liegen lassen. Petra gibt mir eine Augenmaske und deckt mich, obwohl es in der Wohnung warm ist, mit einer flauschigen Decke zu. Ich fühle mich wie in einem Kokon und merke, wie ich mich endlich etwas entspanne. Dazu kommt die Musik, die ich aus den Ruhephasen im Yoga-Unterricht kenne. Tiefe, vibrierende Töne, dazu Trommeln und eine Panflöte.

Ich werde langsam müde und bin schon fast weggedöst, als Petra schließlich zu sprechen beginnt. „Wir werden jetzt langsam in deinem Leben zurückgehen“, sagt sie. „Antworte bitte intuitiv, sag einfach, was dir in den Kopf kommt und beschreibe es mir. Du bist jetzt wieder 24. Wo bist du?“

Wir Menschen sind Meister in der Manipulation unserer eigenen Erinnerung

Und ich erzähle. Als ich die Aufnahme später anhöre, ist das ein wenig gruselig. In Kombination mit der Musik klingt meine Stimme fremd. Ich erzähle, wie ich mit 20 in Nicaragua am Hafen sitze und Bananenmilch trinke. Ich höre mich sagen, wie ich mit 13 mit meinen Freundinnen in der großen Pause das zu Blöcken gefrorene Schulessen durch ein Fenster beobachte, um herauszufinden, was es sein soll. Wie ich im Alter von sechs Jahren meiner Mutter mit voller Absicht ein Märchenbuch auf den Fuß werfe, weil ich eifersüchtig auf meinen kleinen Bruder bin. Und wie ich mit meinem Großvater als Zweijährige am Klavier sitze und er versucht, mir zu erklären, dass ich nicht auf alle Tasten gleichzeitig hauen soll.

Diese Erinnerung ist für mich sehr präsent, wenn ich an meine Kindheit denke – dabei bin ich mir noch nicht mal sicher, ob sie tatsächlich echt ist. Als mein Opa starb war ich zweieinhalb, also in einem Alter, an das sich Erwachsene meist nicht zurückerinnern. Meine Mutter schwört darüber hinaus, dass unsere Familienorgel erst nach seinem Tod in unserem Wohnzimmer stand. Woher kommen also diese Bilder? Aus Erzählungen vielleicht?

Ungewöhnlich wäre das nicht. Wir Menschen sind Meister darin, unsere eigene Erinnerung anzupassen und zu manipulieren. Darin liegt auch ein Argument der Kritiker der Regressionstherapie. Denn: Wenn unser Gedächtnis so fehlbar ist – kann uns dann ein Therapeut nicht nur dazu bringen, verschüttete Erinnerungen wieder wachzurufen, sondern uns auch neue in den Kopf schreiben?

Einige solcher Fälle sind in den 1990er Jahren in den USA dokumentiert worden. Regressionstherapeuten hatten ihren Klienten unabsichtlich suggeriert, von Familienangehörigen sexuell missbraucht worden zu sein, obwohl das nicht der Wahrheit entsprach. Die so entstandenen Bilder und Erinnerungen wurden nicht auf ihre „Echtheit“ überprüft, so dass sich die Neurosen der Klienten im Endeffekt noch verstärkten. Auf der anderen Seite finden sich im Internet, meist auf den Seiten der Anbieter oder in Reinkarnationsforen, massenhaft Erfahrungsberichte von Menschen, denen die Therapie geholfen hat. Wirklich valide Studien dazu habe ich nicht gefunden.

Niemals ist die Frau in meiner Erinnerung älter als ich

Um mich herum baut sich langsam ein Bild auf. Ich bin unter Wasser und schwimme, es ist warm, über mir spiegelt sich die Sonne. „Wie fühlst du dich?“, fragt Petra. „Hast du Angst?“ Nein, sage ich, es ist angenehm. Ich fühle mich ein bisschen wie auf einer Traum- oder Entspannungsreise, nur, dass mir hier niemand vorgibt, was ich mir vorstellen soll. Aber das stört mich nicht, eine starke visuelle Vorstellungskraft hatte ich schon immer. Und ich habe die Musik, die meine Unter-Wasser-Szene mit rauschenden Geräuschen unterstreicht. Petra will wissen: Siehst du dich? Wie ist die Sicht auf dich, wie siehst du aus? Ich beschreibe eine Frau, etwa in meinem Alter, etwa mit meinem Aussehen.

„Ich fühle mich ein bisschen wie auf einer Traum- oder Entspannungsreise, nur, dass mir hier niemand vorgibt, was ich mir vorstellen soll.“

So geht es weiter, Petra fragt, ich antworte. Erzähle von einem Strand, schweren, grünen Blättern, die sich unter dem Regen beugen und einer Höhle mit einem See darin. Ab und an erwähne ich auch andere Personen – habe aber kein Gefühl dafür, wie diese zu mir stehen. Meine Grundstimmung bleibt über die gesamte Zeit dieselbe. Ich bin entspannt und ruhig. Außerdem fällt mir auf: Wenn Petra mich bittet, mir die Frau am Strand in einer anderen Lebensphase vorzustellen, dann gelingt mir das. Kein einziges Mal aber ist sie älter als ich heute.

Irgendwann kommen Petras Fragen mir drängender vor, sie will wissen, welche Beziehung ich zu den Menschen um mich herum habe und wie die Person heißt, die ich gerade bin. Als ich das nicht beantworten kann, fragt sie nach dem ersten Buchstaben, der mir in den Sinn kommt. Das ist ein A. Schließlich kommen keine neuen Bilder mehr. An diesem Punkt habe ich das Gefühl, dass ich alles weitere wirklich aktiv erfinden würde.

Zum Abschluss soll ich mir vorstellen, dass mein früheres und mein jetziges Ich uns gegenüberstehen. Hat sie mir etwas zu sagen? Habe ich Fragen? Nein. Dann darf ich die Schlafmaske wieder abnehmen.

Zugegeben: Überrascht bin ich von diesem Ergebnis nicht. Denn so sehr ich mich bemüht habe: Ganz einlassen konnte ich mich auf die Sitzung mit Petra wohl nicht. Was ich gesehen habe, habe ich umgehend zu interpretieren versucht: als Reaktion auf den Klang der Musik, Petras Stimme und meine eigenen Erinnerungen (die Strand-Szenen sehen meiner Reise in die Karibik vor einigen Jahren recht ähnlich). Ob es bei mir deshalb nicht funktioniert hat, oder weil Rückführungen generell nicht möglich sind – wer weiß? Für mich war es trotzdem eine spannende Erfahrung.

Petra dagegen wirkt fast ein bisschen enttäuscht: „Das war sehr wenig emotional bei dir. Dabei hätte ich eigentlich gedacht, dass du offen dafür bist.“ Immerhin sagt sie mir hinterher, dass mein früheres Ich sich schon gemeldet hätte, wenn es mir etwas Dringendes hätte mitteilen müssen. Na dann!


Redaktion Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion Vera Fröhlich, Bildredaktion Martin Gommel (Aufmacherbild: Unsplash / Annie Spratt; Kind am Klavier: iStock / Sam Edwards)