Utopie

Die Zukunft wird grandios

etwa 14 Min. Lesedauer
  • Metriken
  • Probemitglieder: 2
  • Conversion Rate: 813.5 (Gast-Aufrufe pro neuem Mitglied)
  • Aufrufe: (Gesamt: 1958, Gäste: 1627)
  • Kommentare: 22
  • Audio-Zugriffe: 0
  • Ebook-Downloads: 17
  • Zahlen aktualisiert 17. August, 23:56 Uhr
| Matomo-Analytics

Liebe Laura!

Ich kann mir vorstellen, dass du dich gerade sehr allein fühlst. Du musst unglaublich viele Fragen haben. Wie zum Beispiel: Haben die Leute von der Regierung vorhin wirklich gesagt, du wärst im Jahr 2050 gelandet? Ja, das haben sie. Und Deutschland gibt es nicht mehr? Ja, ist wirklich abgeschafft. Wirst du nun in Geheimdienstlabors untersucht und vor der Öffentlichkeit versteckt werden? Nein, das nicht.

Entschuldige, vielleicht findest du das gar nicht witzig. Ich wollte dir nur zeigen: Das hier ist zwar die Zukunft. Aber hier schreibt dir kein Computer – hier schreibt ein echter Mensch. Du brauchst keine Angst zu haben.

Diese „Zukunft“, in der du gelandet bist, und die für mich und uns, die „Leute von der Regierung“, die Gegenwart ist, sie ist besser und schöner und gerechter und sauberer, als es sich die Menschen zu deiner Zeit jemals ausgemalt hätten. Die Zukunft ist grandios!

Soweit wir wissen, hatte deine Generation aufgehört, sich etwas auszumalen, was die Zukunft betrifft. Ihr fürchtet euch stattdessen vor der Erderwärmung und dem Extremismus, vor Diktatoren und Dieselabgasen, dem Kinderkriegen und dem Altwerden, dem Internet und dem Islam, ihr habt keine Lust mehr auf Sex, seid zu einsam und nie bei euch selbst, esst zu viel Fleisch und nehmt zu viele Tabletten.

Wir wissen, da wir ja in der Zukunft leben (Oh man, sowas wollte ich schon immer mal schreiben!), dass die westlichen Gesellschaften zu deiner Zeit von einer Epidemie seelischer Erkrankungen geplagt waren, die … Entschuldige! Jetzt erzähle ich dir hier etwas über deine eigene Zeit. Dabei weißt du das alles wahrscheinlich besser als ich. Und wahrscheinlich sorgt es auch nicht gerade dafür, dass du dich besser fühlst, da, wo du nun bist: im Jahr 2050. Deshalb lass mich dir ein paar Sachen über diese „Zukunft“ erzählen.

Erstmal: Wir wissen wirklich nicht, wie genau du hier gelandet bist und ob du die Chance hast zurückzukehren, falls du das willst. Alles, was wir derzeit wissen, ist: Es gab im Jahr 2018 eine schwere Havarie in einem Kernkraftwerk in Baden-Württemberg. Es gab dabei rund 300 Tote. Und etwa genauso viele Personen aus den direkt angrenzenden Gemeinden des AKW sind vermisst gemeldet worden. Insgesamt 15 Vermisste sind seit 2018 – immer zum Jahrestag des Reaktorunfalls – in einem Waldstück in der Nähe des inzwischen abgebauten AKWs wieder aufgetaucht. So wie du glaubten sie zunächst, noch immer im Jahr 2018 zu leben und hatten keine Erinnerung an das Unglück. Die klügsten Köpfe rund um die Welt arbeiten derzeit daran, eine Erklärung dafür zu finden. Bisher wissen wir nur das Offensichtliche: Du bist durch die Zeit gereist.

Als Gouverneur der Region Baden ist es nun meine Aufgabe, dich herzlich willkommen zu heißen und dir kurz zu erklären, was sich in den vergangenen 32 Jahren so ereignet hat. Es ist fast fünf Jahre her, dass ich das zum letzten Mal tun musste, damals für einen jungen Feuerwehrmann. Und ich schaue mir diesen Brief gerade noch einmal an und kann nicht anders, als denken: Wir leben heute wirklich in einem Traum, der Wirklichkeit geworden ist!

Damals hatten die Menschen Angst vor der Zukunft und davor, was passieren könnte, wenn neue Ideen und Technologien in die Hände einer weniger fielen.
(Über das Jahr 2018)

Da ist zunächst einmal all der technologische Fortschritt. Sucht und Depressionen heilen wir heute mit Apps und Bots, die in unserem Blutkreislauf patrouillieren und verhindern, dass Krebs überhaupt erst entstehen kann. Mit lautlosen, solarbetriebenen Drohnen verschicken wir Medikamente bis in die entlegensten Winkel der Welt, ganz automatisch, genau dann, wenn sie gebraucht werden. Und das bedeutet im Jahr 2050: bevor du krank wirst. Wer lahm ist, kann wieder gehen, allein mit der Kraft seiner Gedanken.

Wir müssen auch keine Tiere mehr quälen und töten, keine Meere mehr verdrecken und leerfischen oder ganze Wälder roden, um uns zu ernähren. Heute züchten wir Steaks aus Tierzellen und essen Gemüse und Obst aus gemeinschaftlich betriebenen Gärten.

Unsere Autos fahren NICHT autonom, es gibt eh fast keine mehr, aber in Bussen und Bahnen sagen wir „Hallo!“ zu Fahrern und Fahrerinnen, die ihren Job wirklich gern machen. Unsere Schuhe kommen aus dem Drucker und nicht aus Kinderfabriken, unsere Textilien und Verpackungen sind keine Wegwerfprodukte, sondern halten ein Leben lang, wenn wir wollen, oder werden Kompost, wenn wir nicht wollen. Die meisten Unternehmen arbeiten nicht gewinn-, sondern gemeinwohlorientiert. Unsere Kunststoffe sind aus Biomasse, und nicht aus Erdöl. Wir verbrennen nichts mehr, wir verdampfen. Und dein Gesicht ist der einzige Ausweis, den du noch brauchst. Du bist auf dieser Welt immer kreditwürdig, brauchst nie wieder ein Visum und wirst überall verstanden. Männer und Frauen sind gleich, und die Würde von Tieren und Pflanzen ist geschützt.

Die Grundlagen für die meisten dieser Technologien, Ideen und Philosophien wurden schon zu deiner Zeit geschaffen.

Doch damals hatten die Menschen Angst vor der Zukunft und davor, was passieren könnte, wenn diese Technologien nur einigen wenigen Menschen zur Verfügung stünden – nämlich nur den reichsten Menschen. Oder wenn sie den Populisten und Terroristen in die Hände fielen, wenn Autokraten den technologischen Fortschritt nutzten, um aus Europa eine moderne Überwachungsdiktatur wie China oder die USA (Äh, ja – die USA haben sich auch ziemlich verändert. Google mal „Trumpistan”), zu machen.

Ein paar sehr einflussreiche Menschen glaubten sogar, die Tage der Erde seien gezählt und begannen, Siedlungen auf dem Mars zu planen. Dabei haben wir viel über den Mars gelernt, aber nur wenig über die Menschheit. Denn die hat sich tatsächlich hier in Europa ganz neu erfunden. Wir haben nämlich etwas Grundsätzliches verändert: Wie wir in unserer Gesellschaft politische Entscheidungen treffen und mit den Ressourcen unserer Erde umgehen. Wir haben die politische Ordnung vom Kopf auf die Füße gestellt. Entscheidungen werden heute dort getroffen, wo sie die Menschen am meisten betreffen und wo sie an diesen Entscheidungen auch mitwirken können und sich deshalb dafür auch verantwortlich fühlen.

Besonders der völlig verarmte Süden Europas und die von illiberalen Autokraten regierten osteuropäischen Mitgliedsstaaten stürzten nun vollends ins Chaos. In Mittel- und Westeuropa herrschten vor allem: Resignation und Depression.
(Über das Jahr 2018)

Aber um das zu erreichen, mussten wir auch einen Preis zahlen. Das will ich nicht verschweigen: Europa ist nach dem Reaktorunglück von 2018 in die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg geschlittert. Was niemand für möglich hielt, ist passiert. Es gab Tausende Tote und Verletzte, politische Häftlinge, Euthanasie. Auslöser waren Gerüchte, der Unfall im AKW sei von islamistischen Terroristen verursacht worden. Beweise gab es dafür nie. Gleichzeitig gab es auch Indizien, dass das Feuer im Reaktor von Neonazis gelegt worden sein könnte. Rechtspopulisten und -extremisten in ganz Europa nutzten den Vorfall aus, um in ihren Ländern die bereits bestehende Angst vor Terroristen und Flüchtlingen und allem Fremden noch weiter anzuheizen. Eine neue Welle des Nationalismus schwappte über den Kontinent.

Die Angst vor den Neonazis wiederum sorgte für die Radikalisierung von Teilen der Linken, auch sie fanden nun: Dieser Konflikt ist so bedeutend und unlösbar, dass Gewalt ausnahmsweise erlaubt ist. Immer denken wir, wir sind schlauer geworden. Und machen dann doch die gleichen Fehler wieder. Besonders der völlig verarmte Süden Europas und die von illiberalen Autokraten regierten osteuropäischen Mitgliedsstaaten stürzten nun vollends ins Chaos. In Mittel- und Westeuropa herrschten vor allem: Resignation und Depression.

Was aber letztlich aus der Nationalismus-Welle einen Nazi-Tsunami machte, war eine zweite, gleichzeitige Entwicklung – nämlich der Vorschlag eines „Europas der zwei Geschwindigkeiten”. Wichtigste Vertreterin dieser Idee war die damalige deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ihr Gedanke war: Die europäische Idee ist nur durch einen geordneten Rückzug zu retten. Die reicheren, westlichen Länder der Eurozone sollten noch enger zusammenarbeiten, die kriselnden Staaten hingegen sollten, solange sie kriselten, erstmal außen vor bleiben. Immerhin, Großbritannien war nun wieder mit an Bord.

Doch letztlich kam es dazu nicht, denn kurz bevor ein entsprechender neuer EU-Vertrag (genannt „EU 11+17”, in Wahrheit eher ein „EU 28 - 17”) in Warschau unterzeichnet werden sollte, kam es zu einem Attentat auf die EU-Kommission in Brüssel. Die Unterzeichnung wurde abgesagt. Alles eskalierte, Polen, Italien, Ungarn, Rumänien erklärten den Ausstieg aus der EU, weitere Länder folgten, in Deutschland gab es ein Misstrauensvotum gegen die Kanzlerin und Neuwahlen, die die EU-Gegner gewannen (ohne jedoch eine Regierung bilden zu können).

Europa war wie gelähmt. Europa wirkte erledigt. Frankreichs junger Präsident Emmanuel Macron hatte damals die rettende Idee: Wir müssen den Reset-Button drücken – Neustart. Die EU wurde erstmal auf Eis gelegt. Manchmal ist eine Beziehungspause doch ganz gut. Auch wenn sie weh tut. In diesem Fall hat sie leider sehr weh getan, aber jetzt rutsche ich schon wieder in so einen deprimierenden Ton ab.

Die Geschichte wiederholt sich: Die Menschen stimmen mit den Füßen ab.
(Über das Jahr 2022)

Denn nach dem Attentat wurde es besser. Ich habe mal eine kleine Zeitleiste erarbeitet, damit du dich besser orientieren kannst.

  • 2018: Auf Vorschlag von Emmanuel Macron entschließen sich die Institutionen der EU zu einem Moratorium – die kriselnde Union wird weitestgehend auf Eis gelegt und ein verfassungsgebender Prozess beschlossen – vier Jahre lang werden in regionalen Bürgerforen Ideen und Wünsche gesammelt und ausgewertet, die alle Bereiche des Zusammenlebens betreffen und in einer neuen politischen Ordnung für Europa münden sollen. Fast 300 Millionen Menschen nehmen an diesen Bürgerforen teil. Die Euphorie, und ein bisschen auch die Not dieser regionalen Gremien, lassen die europäische Idee wieder auferstehen.

  • Im Jahr 2022 führt die EU für die Bürger ihrer damals offiziell noch 28 Mitgliedstaaten einen europäischen Pass ein – alle EU-Bürger haben nun das unbegrenzte Recht, überall in der EU leben und arbeiten zu dürfen, zumindest formal. Vor allem aus den zerfallenden Staaten Süd- und Osteuropas suchen nun viele Menschen vor den Schikanen ihrer nationalistischen Regierungen vorübergehend Schutz in West- und Mitteleuropa. Die Geschichte wiederholt sich: Die Menschen stimmen mit den Füßen ab. Und die Steuereinnahmen der EU steigen wieder.

  • 2022 startet auch mit Mitteln der EU ein Pilotprojekt in den Regionen Baden, Niederschlesien, Toskana, Bretagne und Wallachei: Mit leicht verschiedenen Modellen wird, zunächst auf fünf Jahre befristet, ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt. Im gleichen Jahr wird die allgemeine europäische Krankenversicherung gegründet, im Jahr darauf die europäische Arbeitslosenversicherung.

  • 2025 wird die Wahlrechtsgleichheit innerhalb der EU eingeführt. Seitdem gilt das Prinzip der länderübergreifenden Listen. Das führt dazu, dass die Mandate nicht mehr an die Interessen der Nationalstaaten oder Parteizugehörigkeiten geknüpft sind, sondern allein den Sachinteressen der jeweiligen Region und ihrer Menschen. In den Staaten, die versuchen, aus der EU auszutreten, kommt es zu offenen Aggressionen gegen deutsche und französische Diplomaten im Land. Gleichzeitig formiert sich der Widerstand der Pro-Europäer, die trotz allen Hindernissen an den Wahlen zum europäischen Parlament teilnehmen – sie wählen vor allem Vertreter der marginalisierten Oppositions- und Untergrundparteien, die für Europa eintreten. Diese haben dadurch wieder mehr Möglichkeiten und Mittel, sich zu organisieren.

  • Nach Abschluss des Pilotprojektes „Bedingungsloses Grundeinkommen“ sprechen sich die Bürger der Testregionen in Referenden für die Fortführung des Modells aus. In insgesamt 200 weiteren Bundesländern, Provinzen, Staaten und Regionen fordern die Bürger für sich ebenfalls ein Grundeinkommen.

  • Im Vertrag von Florenz beschließen 18 verbleibende EU-Mitgliedsstaaten des „Kerneuropa” deshalb zwei Jahre später, ihre Sozialbudgets vollständig an die EU zu überweisen und diese die Übertragung nach einem solidarischen, regionalen Schlüssel an die Bürger aller formal noch 28 Mitgliedstaaten organisieren zu lassen. Eine neue EU-Institution entsteht: das Sozialministerium. Kontrolliert und besetzt wird es vom Europarat und dem Europäischen Parlament. Der europäische Pass wird nun um ein europäisches Bankkonto ergänzt, die Funktion Arbeitslosenversicherung entfällt. Mit jedem neu beantragten EU-Pass sinkt die Zustimmung für die Nationalisten in Europa. Bis zum Jahr 2055, so ist das Ziel, wird das bedingungslose Grundeinkommen in allen Regionen Europas gleich hoch ausfallen. Das Grundeinkommen ist unter anderem dank der Besteuerung von maschineller Arbeit so hoch, dass kein Mensch mehr auf einen Vollzeitjob angewiesen ist.

  • Im Vertrag von Brüssel 2027 wird die Eurozone unter eine gemeinsame Finanzkommission unter Aufsicht von Europarat und Europäischen Parlament gestellt.

  • Im Jahr 2030 verpflichteten sich 20 EU-Mitgliedsstaaten, ihre Armeen zu entnationalisieren und unter das Oberkommando des Europäischen Parlaments sowie des Europarats zu stellen, aus dem nun offiziell der Senat, die zweite Kammer des Europäischen Parlaments in Straßburg wird.

  • 2032 wird das wichtigste Ergebnis des von Emmanuel Macron eingeleiteten verfassungsgebenden Prozesses umgesetzt: Die Abschaffung der Nationalstaaten wird im Vertrag von Weimar 2040 durch die Mitglieder der EU 20 beschlossen – die Vereinigten Staaten von Europa bestehen zunächst aus 250 Regionen, die alle zwischen 800.000 und 1,5 Millionen Einwohner haben. Jede Region wählt einen Repräsentanten, der sie im neu geschaffenen Senat des Europäischen Parlaments vertritt. Der Senat wählt gemeinsam mit dem Europäischen Parlament die Regierung Europas. Diese regelt Grundsätzliches, wie die Verteilung der Finanzen, die Fragen der Sicherheit und Ordnung, wirtschaftliche und rechtliche Standards. Was die einzelnen Regionen mit ihrem Geld machen, welche Steuern sie von ihren Einwohnern erheben und wie sie ihre politische Vertretung organisieren, ist ihnen hingegen selbst überlassen.

  • In Südtirol, Katalonien, dem Baskenland, Schottland, Niederschlesien, Westrumänien und der griechischen Region Makedonien sagen sich nach Referenden, die teilweise von bürgerkriegsähnlichen Zuständen begleitet werden, separatistische Bewegungen von ihren Staaten los und treten als Regionen den Vereinigten Staaten von Europa bei.

  • 2035: Nach schweren Wirtschaftskrisen und massiver Abwanderung der Bevölkerung kommt es in sieben Ländern Süd- und Osteuropas zu friedlichen Revolutionen. In Referenden beschließen die Bevölkerungen die Auflösung der Nationalstaaten und den Beitritt der nun neuzugründenden Regionen zu den Vereinigten Staaten von Europa.

  • Heute, im Jahr 2050, gehören rund 550 Regionen zu den Vereinigten Staaten Europas, darunter auch freiwillig beigetretene Gebiete im ehemaligen Russland, Algerien, Marokko, Tunesien sowie der Türkei – alles Länder, in denen die soziale Ungleichheit in den 2020er- und 30er-Jahren zu Bürgerkriegen geführt hatte.

Du wirst jetzt denken: Okay, dieser Typ ist Politiker, natürlich wird der mir das Blaue vom Himmel erzählen. Und was soll das überhaupt sein, ein Gouverneur von Baden? Nun, Baden ist eine dieser 550 Regionen Europas. Als Gouverneur vertrete ich diese Region im Senat. Dort kontrolliere ich im Wesentlichen die Arbeit des Parlaments, in dem noch einmal zwei Vertreter Badens sitzen. Ist da ein Gesetzentwurf, der meiner Region schaden könnte? Oder einer, den ich nicht verstehe? Dann frage ich nach, oder lege mein Veto ein. Es ist ehrlich gesagt nicht allzu viel Arbeit. Viel reisen, viel reden, viel zuhören, viel Wein trinken.

Ich werde etwas traurig sein, wenn meine Amtszeit im Sommer vorübergeht. Man kann diesen Job nur einmal im Leben machen, und nur für fünf Jahre. Aber ich freue mich auch auf das, was danach kommt. Diese fünf Jahre haben mich verändert, und ich habe beschlossen, nicht in meinen alten Beruf als Anlageberater zurückzukehren. Ich möchte etwas Praktisches machen. Ich weiß noch nicht genau was, aber es soll etwas sein, das mir Spaß macht und einen, naja, irgendwie höheren Sinn hat. Es gibt ja das Grundeinkommen, dadurch kann ich mir die Zeit nehmen, mich auszuprobieren. Und vor allem möchte ich mir mehr Zeit für meine Eltern nehmen, die nun in einem Alter sind, wo ihnen vieles nicht mehr so leichtfällt.

Oh, noch was, das dir gefallen wird: Hier in Baden wird der Job des Gouverneurs ausgelost. Jaja. Der spinnt komplett, denkst du jetzt. Aber so wird es in vielen Regionen gehandhabt. Bei uns kann wirklich jeder theoretisch einmal der Boss sein. So wird die perfekte Balance erhalten zwischen denen, die an die Macht wollen, und denen, die Macht soweit wie möglich begrenzen wollen. Außerdem ist so der Ansporn auch enorm, dass alle Badener ungefähr gleich schlau sind. Man will sich in Brüssel ja auch nicht blamieren oder irgendwann jemanden als Gouverneur haben, der nicht rechnen kann. Deshalb kommt alle fünf Jahre jeder Bürger Badens, der mindestens 35 Jahre alt ist, in den Lostopf.

Und rate mal, wer der nächste Gouverneur wird? Das ist der Feuerwehrmann, der vor fünf Jahren in dem gleichen Waldstück gefunden wurde wie du. Die Zukunft gehört uns heute allen. Ich hoffe, auch du findest dein Glück in ihr, selbst wenn du nicht freiwillig auf die Reise hierher gegangen bist!


Redaktion: Sebastian Christ und Rico Grimm, Schlussredaktion Vera Fröhlich, Bildredaktion: Martin Gommel (Aufmacherfoto: unsplash / Yoal Desurmont.