Bildungssystem

Was jeder guten Idee für unsere Schulen im Weg steht

etwa 11 Min. Lesedauer
  • Metriken
  • Probemitglieder: 3
  • Conversion Rate: 335.3333 (Gast-Aufrufe pro neuem Mitglied)
  • Aufrufe: (Gesamt: 1781, Gäste: 1006)
  • Kommentare: 19
  • Audio-Zugriffe: 95
  • Ebook-Downloads: 31
  • Sharewall submit count: 1
  • Sharewall skip count: 40
  • Zahlen aktualisiert 10. Dezember, 09:25 Uhr
| Matomo-Analytics

Kurz nachdem ich die Grundschule verlassen hatte, baute die Stadt ein neues Gebäude hinzu, einen Spielplatz und großzügige Werkräume. Nur ein Jahr nach dem Abitur wurde mein Gymnasium mit einer modernen Mensa ausgestattet, Chemie- und Physikräume gab es noch oben drauf. Und auch die Schule, in der ich kürzlich als Vertretungslehrer gearbeitet habe, ersetzt nach und nach alle Tafeln durch Smartboards. Deutsche Schulen werden ganz schön aufgerüstet – oder?

Mein Text darüber, warum der Lehrerjob so anstrengend ist, hat viele Leser bestätigt. „Du hast völlig recht!” oder „Danke, so ist es!”, war oft die Reaktion. Gleichzeitig haben mir viele beschrieben, was sich ihrer Meinung nach in den Schulen ändern muss: Der Frontalunterricht sollte abgeschafft werden, und die Noten, ganze Schulfächer gleich mit – stattdessen sollten Programmiersprachen unterrichtet werden, Demokratie vermittelt und Künstliche Intelligenz mit einbezogen werden.

Wunderbar, dachte ich mir. Um diese Frage möchte ich mich bei KR kümmern: Wie sieht eine Schule aus, in der Kinder gerne lernen und Lehrer nicht erschöpft das Handtuch werfen? Ich erzählte einer Freundin, die Lehrerin ist, ziemlich euphorisch von den vielen Ideen unserer Leser. Ihr Kommentar: „Träum weiter. In zehn Jahren haben wir so wenig Lehrer und so veraltete Schulen, dass wir uns freuen, wenn die Kinder überhaupt unterrichtet werden.”

Oh. Das war's mit der Euphorie. Stimmt das? Sind die Schulen in meiner Heimatstadt nur die Ausnahme? Ist das deutsche Schulsystem wirklich so kaputt, dass sich jede Diskussion über das Wie und Was in den Schulen eigentlich erübrigt, weil das Ob noch gar nicht geklärt ist?

Problem 1: Es gibt viel zu wenig Personal

Natürlich hatte meine Freundin recht: Wir haben zu wenig Lehrer und Lehrerinnen. Schon heute sind tausende Stellen unbesetzt. Und es wird noch schlimmer, wie eine Bertelsmann-Studie zeigt: Bis 2025 fehlen rund 35.000 Lehrkräfte allein in den Grundschulen, schreiben die Autoren.

Okay, das ist erstmal nur eine Prognose, und wenn wir eines in den vergangenen Jahren gelernt haben, dann: Prognosen können falsch sein. Aber es spricht einiges dafür, dass es tatsächlich so kommt. Christian Piwarz, Staatsminister für Kultus in Sachsen, wo bis 2027 rund 15.000 Lehrer in Rente gehen werden, kommentiert das so: „Es ist fünf nach zwölf.”

Christian Piwarz

Wie kommt es zu einer so düsteren Prognose? Ein Grund: Die Geburtenrate ist heute so hoch wie seit 1973 nicht mehr. In sieben Jahren besuchen diese Kinder alle – genau – die Grundschule. Weitere Gründe: Zuzug von Geflüchteten sowie Ausweitung der Ganztagsbetreuung und der inklusiven Angebote. Zusammengenommen heißt das: Wir brauchen in sieben Jahren noch mehr Lehrer, als uns heute ohnehin schon fehlen.

Allein in Nordrhein-Westfalen fehlten zum Schuljahresbeginn 2.139 Lehrkräfte, wie die Süddeutsche Zeitung herausgefunden hat. Der Lehrermangel führt dazu, dass Leute wie ich – ohne jegliche pädagogische Erfahrung – als Vertretungslehrkraft eingestellt werden. Und er hat auch zur Folge, dass es immer mehr Seiteneinsteiger gibt. In Sachsen wurden zum zweiten Halbjahr immerhin 622 der 660 freien Stellen besetzt, 62 Prozent von ihnen allerdings „nur” mit Seiteneinsteigern.

Die Seiteneinsteiger können mitunter durchaus positive Impulse setzen, Erfahrungen aus anderen Berufen, der freien Wirtschaft mit einbringen, sie werden aber nicht alle Lücken stopfen, und vor allem sind sie: keine Pädagogen. Zuletzt diskutierte die Regierung in Sachsen sogar darüber, zum Schuljahr 2019/2020 einfach weniger zu unterrichten. Ist ja logisch, dann braucht man auch weniger Lehrer.

Warum ist es so wichtig, den Lehrermangel auszugleichen? Ein Grund liegt auf der Hand: Ohne Lehrer können Kinder und Jugendliche nicht unterrichtet werden. Aber es gibt noch einen weiteren Grund, der eine der wichtigsten und grundlegendsten Entscheidungen in der Bildungskultur der letzten Jahrzehnte betrifft:

Fehlt uns das Personal, wird das Großprojekt Inklusion scheitern.

Inklusion, was war das nochmal?

Inklusion bedeutet erstmal: Jeder gehört dazu, egal, welche Hautfarbe er hat oder welche Sprache er spricht. 2006 wurde eine UN-Konvention verabschiedet, die die gleichberechtigte Teilhabe aller Menschen am gesellschaftlichen Leben fordert. Seitdem lernen Kinder mit und ohne Behinderung in Deutschland vielerorts gemeinsam in den Schulen.

Fehlt das Geld, scheitert die Teilhabe.

iStock / FatCamera

Denn seitdem wir vielerorts in Deutschland inklusiv unterrichten, brauchen wir noch mehr Personal. Und hier wird auch klar, dass nicht nur Lehrkräfte fehlen. Für erfolgreiche Inklusion brauchen wir auch: Sonderpädagogen, Schulsozialarbeiter, Erzieher, Schulpsychologen und Schulbegleiter oder Inklusionshelfer. Denn kein Lehrer und keine Lehrerin schafft es in einer Gruppe von 30 Kindern, in der die Niveaus zwischen Förderschule und Gymnasium schwanken, auf jedes Kind einzugehen. In der Realität steht der Lehrer aber oft allein vor seiner Klasse – aus Mangel an Personal.

Problem 2: Unsere Schulen sind marode

Die oben erwähnte Freundin ist Lehrerin auf einem renommierten Gymnasium in Hamburg, oft benutzt sie dort Overheadprojektor statt Smartboard. Bei manchen von ihnen kann sie nur ein Viertel der Folie bedrucken – der Rest wird nicht mehr abgebildet. Die Projektoren können nicht mehr, zu lange schon werfen sie stündlich Bilder an die Wände, regelmäßig brennen ihre Lampen durch.

Vielleicht ist das ein Extrembeispiel. Aber in vielen deutschen Schulen ist die Ausstattung veraltet, manche Schulen sind marode. Nicht alle: Ob eine Schule gut ausgestattet ist oder nicht, hängt auch davon ab, wo sie steht – nicht wenige Schulen bröckeln, wanken, stinken. Wie marode unsere Schulen wirklich sind, hat Krautreporter Sebastian Esser in diesem Text beantwortet.

Meistens geht es in der Öffentlichkeit – ob in Zeitungen oder Reden von Politikern – um den Unterricht, die Inhalte, die Schulformen. Nur selten geht es um verschimmelte Wände, Baustellen und Brandschutzbestimmungen. Welchen Stellenwert Bildung bisher wirklich hat, sieht man daran, wie die Schulen aussehen und wie schleppend die Sanierungen und die Digitalisierung vorangehen. Immerhin: Im neuen Koalitionsvertrag steht, dass die Bundesregierung fünf Milliarden Euro in digitale Schulen investieren möchte.

https://www.facebook.com/Bundesregierung/photos/a.769938079764597.1073741828.768905426534529/1681121471979582/?type=3&theater

Jetzt kann man sich darüber freuen, dass endlich investiert wird. Oder sich fragen, welchen Berechnungen zufolge fünf Milliarden Euro für alle Schulen reichen sollen.

Laut Berechnung der – staatlichen – Förderbank KfW sind 32,8 Milliarden Euro nötig, um die deutschen Schulen zu sanieren. Auf dieser Summe bleiben diejenigen sitzen, die offiziell für den Ausbau der Schulen zuständig sind: Städte und Gemeinden – jede Dritte von ihnen ist verschuldet.

Wir möchten, dass gute Akademiker Lehrer werden, eigentlich sollten sich die Besten der Besten um unsere Kinder kümmern. Also sollten wir dafür sorgen, dass Schulen zu einem Arbeitsplatz werden, an dem man gerne arbeitet. Und natürlich haben auch Kinder mehr Spaß am Lernen, wenn es um sie herum nicht schimmelt und bröckelt.

Außerdem: Auch kaputte Schulen, zu kleine Räume und schlechte Ausstattung gefährden die Inklusion. Damit Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden können, müssen die Schulen barrierefrei sein. Wer auf vielen verschiedenen Niveaus unterrichten möchte, muss auch mal mit einzelnen Schülern oder Gruppen den Klassenraum verlassen können.

Schiefertafel 3.0

unsplash / Kelly Sikkema

Ein Projekt wie die Inklusion darf nicht am Mangel an Ressourcen scheitern. Hat die neue Bundesregierung diese Dringlichkeit auf dem Zettel? Im Kapitel „Allgemeine Bildung und Schulen” des Koalitionsvertrags kommt das Wort „Inklusion” kein einziges Mal vor. Dafür liegt der Fokus auf der versäumten Digitalisierung, obwohl hier viele Fragen ungeklärt sind:

  • Müssen Grundschulen digitalisiert werden?
  • Brauchen Kinder in diesem Alter schon Tablets, Smartboards, Computer?
  • Wie werden die Lehrer eigentlich in diesem Bereich weitergebildet?
  • Welchen Einfluss sollte die Digitalindustrie mit ihren Lehrmaterialien und Fortbildungsmaßnahmen nehmen dürfen?

Klar ist aber: Ab einem gewissen Alter wäre es rücksichtslos, darauf zu verzichten, Jugendlichen den richtigen Umgang mit Tablet & Co. beizubringen. Schüler, die zu Hause kein Smartphone oder Tablet nutzen können, wären später benachteiligt – Chancengleichheit ist hier das Stichwort. Das bringt uns zum dritten Problem:

Problem 3: Das Schulsystem ist unfair

  • Sind deine Eltern Deutsche?
  • Bist du deutsch?
  • Sind deine Eltern gebildet?
  • Engagieren sich deine Eltern, kümmern sie sich um dich?
  • Haben sie ein regelmäßiges, ausreichendes Einkommen?

Die Antworten auf diese Fragen können deine Schullaufbahn in Deutschland entscheidend beeinflussen.

Ich hatte es denkbar einfach: Meine Eltern sind deutsch, Akademiker, ich habe ältere Geschwister, wir hatten nie große Geldsorgen, die nächste Grundschule war 50 Meter entfernt, das nächste Gymnasium 300. Optimale Voraussetzungen, um in Deutschland Abitur zu machen. Aber nicht jedes Kind hat es so einfach wie ich. Wer das behauptet, übersieht, welche Hürden Kinder von Migranten überwinden müssen oder wie oft es auf den sozialen Hintergrund der Eltern ankommt, ob ein Kind aufs Gymnasium geschickt wird oder nicht.

In den vergangenen Jahren ist der Anteil der Schüler, die aus einer eher bildungsfernen Familie stammen und gute schulische Leistungen zeigen, trotzdem gestiegen: von 25 Prozent im Jahr 2006 auf 32,3 Prozent im Jahr 2015. Das zumindest schreibt die OECD – also die Organisation, die auch die PISA-Tests durchführt. Ob man diesen Tests glauben kann, ist die eine Frage. Die andere lautet: Selbst wenn die Zahlen stimmen und Deutschland in den letzten Jahren tatsächlich ein bisschen fairer geworden ist – reicht uns das? Ist das unser Anspruch?

In welchem Zustand die Schule deines Kindes ist und wie gut es betreut wird, hängt auch davon ab, in welchem Bundesland du wohnst, denn: Bildung ist Ländersache. Diese Analyse des Bildungsmonitors 2017 zeigt, wie groß die Unterschiede sind. Jedes Bundesland hat seine eigenen Baustellen: In Schleswig-Holstein mangelt es an Ganztagsangeboten, in Berlin brechen besonders viele Schüler die Schule ab. In Nordrhein-Westfalen wird unterdurchschnittlich viel Geld pro Schüler ausgegeben, in Bremen schneiden die Schüler besonders schlecht im Lesen ab.

Ich definiere mich als Europäer und es ärgert mich, dass es innerhalb der EU in Sachen Bildung einen so großen Unterschied macht, ob du in Frankreich oder Bulgarien aufwächst. Dass es selbst innerhalb Deutschlands große Unterschiede gibt, finde ich: peinlich. Peinlich, weil wir es uns leisten könnten, allen Kindern die gleichen Chancen zu geben, egal wo sie aufwachsen.

Chancengleichheit hat idealistische Gründe: Natürlich muss es unser Anspruch sein, dass alle Kinder in Deutschland die gleichen Chancen haben – egal, woher sie kommen, wie reich ihre Eltern sind oder in welcher Groß- oder Kleinstadt sie aufwachsen. Aber es gibt auch ganz praktische Gründe, denn Bildung ist entscheidend dafür, wie Deutschland sich wirtschaftlich entwickeln wird.

Bei Kindern, die ohne Schulabschluss die Schule verlassen, ist die Wahrscheinlichkeit extrem viel höher, später arbeitslos zu sein. Das kostet den Staat einiges an Geld. Die Digitalisierung wird dafür sorgen, dass viele Jobs wegfallen, weil auch Roboter sie übernehmen können. Um später Arbeit zu finden, brauchen unsere Kinder also eine gute Ausbildung. Und um wirtschaftlich mithalten zu können, brauchen wir in Deutschland möglichst viele Kinder mit guter Ausbildung – schon heute lesen wir alle paar Wochen, wie groß der Fachkräftemangel ist.

Wir können es uns nicht leisten, dass sich die Herkunft unserer Kinder so stark auf ihre Chancen auswirkt: Schon heute sind 3,7 Millionen Minderjährige sozial benachteiligt oder von Armut bedroht.

Was muss sich verändern?

Konkrete Handlungsvorschläge an die Politik werde ich jetzt nicht machen – dafür bräuchte man 16 verschiedene Texte. Konzentrieren wir uns stattdessen auf die Ziele:

  • Wir brauchen mehr Lehrer, Sonderpädagogen und Schulsozialarbeiter, mehr Schulpsychologen und Erzieher. Seiteneinsteiger sind hier – zurzeit – ein wichtiges Instrument, damit wir den Unterricht nicht kürzen müssen. Langfristig müssen wir mehr Personal ausbilden.

  • Die Jobs in der Schule müssen wieder attraktiver werden.

  • Schulen, die es nötig haben, müssen saniert werden; Schulen, bei denen wir es für nötig halten, mit moderner Technologie ausgestattet werden.

  • Lehrern muss erklärt werden, wie sie Tablet & Co. sinnvoll einsetzen.

  • Schulen müssen barrierefrei sein. Inklusion findet zwar zu einem großen Teil im Kopf statt – aber eben nicht nur.

  • Es darf keinen Unterschied machen, welche Sprache du sprichst, woher deine Eltern kommen oder in welchem Teil Deutschlands du aufwächst.

Damit all das funktioniert, muss der Bund reichlich Geld in die Hand nehmen – ja, der Bund. Denn würde das föderale System wirklich funktionieren, wäre dieser Text ein gutes Stück kürzer. Schulen werden zwar nicht von heute auf morgen saniert, Lehrer nicht innerhalb von zwei Wochen ausgebildet. Aber vielleicht kommen wir irgendwann an einen Punkt, an dem nicht in jeder Diskussion über das Wie und Was ein pessimistisches Ob dazwischen grätscht.


Ich möchte mich künftig intensiver um das Thema Schule kümmern und du kannst mir dabei helfen. Welche Frage stellst du dir zum Umfeld Schule? Welche Aspekte soll ich mir mal genauer anschauen, wo soll ich Schwerpunkte setzen? Mach mit bei meiner Umfrage:

Hier kannst du unsere Autoren-Newsletter abonnieren – ab sofort kannst du dich dort auch für meinen eintragen. In unregelmäßigen Abständen werde ich dort über meine Recherchen berichten, wenn ein neuer Text von mir erscheint, erfährst du es dort!

Redaktion Christian Gesellmann, Produktion Vera Fröhlich, Bildredaktion Martin Gommel (Illustration: iStock / zaricm.).