Kurzgeschichte

Der Affe und das Mädchen

etwa 4 Min. Lesedauer

Wie hat alles begonnen?
Teil I der Geschichte


Als Anahita Abbas mit Babybrei aus dem Glas fütterte, rief ihr Agent an. Es war das erste Mal, dass sie mit ihm sprach, seitdem sie in Los Angeles gestrandet war. In den letzten Wochen hatte Thomas, so hieß der Agent, sich stets verleugnen lassen. Er war von kleiner, gedrungener Statur und hatte volles, graues Haar, das er sorgfältig nach hinten gekämmt trug.

„Ich weiß, die letzten Wochen waren eine Durststrecke für dich. Aber ich glaube, nun habe ich was für dich“, sagte Thomas, seine Stimme klang nicht im mindesten entschuldigend, sondern selbstbewusst und ein wenig vorwurfsvoll.

Abbas schrie nach mehr Brei und versuchte, Anahita das Telefon aus der Hand zu schlagen.

„Ist es der Fernseher im Hintergrund, oder hast du dir etwa ein Kind zugelegt?“

„Es ist ein Affe.“

„Ist so was überhaupt erlaubt?“

„Nicht so wichtig.“

Abbas schrie immer lauter. Anahita meinte, in seiner Stimme leise Eifersucht zu hören.

„Hör zu, was ich dir jetzt anbiete, ist eine einmalige Chance.“

„So wie Los Angeles, wie du es mir damals versprochen hast und dann noch nicht mal meine Anrufe beantwortet hast?“

„Lassen wir das“, sagte Thomas: „Es geht um Reality-TV.“

„Thomas, ich bin Schauspielerin“, seufzte Anahita.

Thomas ließ sich nicht beirren und sprach weiter: „Es ist eine Kochsendung.“

Anahita legte auf.


Thomas' Sekretärin mailte Anahita dennoch den Zeitpunkt und den Ort des Castings. Das Konzept der Kochshow bestand darin, Gerichte aus den mit den USA verfeindeten Ländern zu präsentieren. Anahita, als gebürtige Iranerin und frisch in die USA Immigrierte, wäre für diese Rolle wie geschaffen. Thomas' Sekretärin fragte, ob Anahita nicht zufällig sich im Land illegal aufhalte – das wäre womöglich ein Plus, um mögliche mexikanische Konkurrenz auszuschalten.

Die Idee zur Sendung war von einem Restaurant in Pittsburgh geklaut, das sich Conflict Kitchen nannte und ausschließlich die Gerichte der Länder servierte, die sich mit den USA im Krieg befanden. Als das Lokal jedoch nach Nordkorea, dem Iran und Afghanistan auch Gaza auf seine Liste setzte, bekamen die Eigentümer Morddrohungen und mussten schließen.
Ein wenig später blinkte auf Anahitas Handy die folgende Kurznachricht von Thomas auf: „Wenn du nicht hingehst, werden wir dich nicht länger vertreten. Dein Rückflugticket wird nicht erstattet.“


Zum ersten Mal in ihrem Leben fing Anahita an, sich Kochshows anzuschauen. Manche gefielen ihr sogar. Sie verstand schnell, dass es bei keiner einzigen die tatsächlich zubereiteten Mahlzeiten einen Rolle spielten, es ging vor allem darum ein Life-Style-Konzept und darum, die eigene Person zu verkaufen. Die meisten Nischen waren allerdings bereits besetzt. Bis auf wenige Ausnahmen waren die meisten Köche Männer und wohnten in England. Anahita hatte ausgerechnet, dass ihr größter Konkurrent Yotam Ottolenghi sein würde. Ein schwuler Israeli, der mit einem schwulen Palästinenser in London zusammenarbeitete würde schwer zu überbieten sein und an diesem Punkt realisierte Anahita auch, dass sie niemals das Leben führen würde, dass sie sich erträumt hatte. Auf das sie sich vorbereitet hatte.

Abbas krabbelte zu ihren Füßen und zerstörte Bauklötze. Anahita würde wieder seine Windel wechseln müssen, sie hatte es noch immer nicht geschafft, ihn der Windeln zu entwöhnen. Aber wohin sollte er auch pinkeln? Ihr Klo würde er sicherlich nicht benutzen.

Ottolenghi kochte vor allem Gemüse und stand symbolisch nicht nur für den Weltfrieden ein, sondern auch noch für die gesamte orientalische Küche. Dann gab es noch Jamie Oliver, aber er war kaum noch im Geschäft, genauso wie Nigella Lawson, die einstige „Domestic Goddess“, Staatskanzlertochter und Ex-Frau eines der berühmtesten Kunsthändlers – sie musste letztes Jahr eine öffentliche Drogenbeichte ablegen. Nigel Slater war auch etwas für schwule Männer mit Hochschulabschlüssen in Geisteswissenschaften und mit doppelten Einkommen.

Die Frauenrollen waren vor allem durch Julia Child und Martha Steward geprägt, zumindest bis Martha Steward wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis kam und Julia Child starb. Inna Garten war auch sehr gut im Geschäft, allerdings stark übergewichtig. Anahita folgerte daraus, dass sie eine Chance haben könnte, wenn sie eine Kreuzung zwischen Mutter und Geliebte verkörpern könnte.


Das erste Casting für die Show schaffte Anahita zu ihrer Überraschung spielend, wobei sie überhaupt nicht mehr damit gerechnet hatte, in dieser Stadt jemals einen Callback zu bekommen: Anahita kam zugute, dass sie sich schon im zweiten Semester damit abgefunden hatte, nach ihrem 35. Lebensjahr ausschließlich die Amme bei Shakespeares Romeo und Julia spielen zu können. Natürlich hoffte sie noch immer darauf, Julia spielen zu können, aber aus reinem Pragmatismus heraus hatte sie sich insgeheim darauf vorbereitet, sämtliche Mutter-Rollen in ihr Repertoire aufzunehmen. Nur mussten selbst die Mütter heute hot sein.

Auch bei der nächsten Runde kam sie weiter, und die dritte bestand aus einem Probekochen und weiteren Testaufnahmen. Man würde sie anrufen.


Teil I der Geschichte
Teil II der Geschichte (dieser Beitrag)
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Teil IV der Geschichte
Teil V der Geschichte
Illustration: Veronika Neubauer