Planning Mathilda

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Co-Parenting bedeutet im Grunde nichts anderes, als ein Kind nicht in einer Paarbeziehung zu zeugen und aufzuziehen, sondern, wie in deinem Fall, mit einem Freund ein Elternpaar zu bilden. Meinst du, dass das in ein paar Jahren ebenso „normal” ist, wie das klassische Familienbild?

Hätte ich eine Familie im klassischen Sinn haben können, wäre Co-Parenting für mich gar nicht in Frage gekommen. Die letzten Jahre hätte jeder meiner Partner sagen können: Ich will ein Kind. Ich hätte mich gefreut. Irgendwie wartet man doch immer auf den Moment, wenn alle Schicksalsfäden zusammenlaufen und plötzlich der Traumprinz dasteht.

Aber mal ganz ehrlich, wie oft läuft das denn so? Ich finde es gut, dass Frauen jetzt die Möglichkeit haben zu bestimmen, ob und wann und welche Art Familie sie wollen. Dabei sage ich nicht, dass das klassische Modell schlecht ist und man keine Männer mehr braucht. Bei mir hat es eben nicht funktioniert – hätte ich deshalb auf meinen Herzenswunsch nach einem Kind verzichten sollen? Die Voraussetzungen stimmen ja. Ich stehe finanziell gut genug da, dass ich uns zur Not auch alleine gut versorgen kann.

Erzähle am besten mal von Anfang an. Du hast mir eben schon gesagt, dass du dich kurz nach deiner letzten Trennung das erste Mal ernsthaft mit Alternativen auseinandergesetzt hast. Woran ist die Beziehung denn gescheitert?

Ich wollte gern in absehbarer Zeit ein Kind, und er wusste noch nicht mal, ob er das überhaupt will. Mir war das nicht genug. Und dann die Ungewissheit, als ich wieder Single war. Dann musst du einen Partner finden, ihr müsst euch kennenlernen, dann die Zeitspanne, bis es mit der Schwangerschaft klappt. Nach meiner Rechnung wäre ich dann Ende 30 gewesen. Mir war das zu risikobehaftet.

Und ein Leben ohne Kind wäre für dich gar nicht infrage gekommen?

Ich wollte immer, immer Kinder haben. Es wäre für mich ganz schlimm gewesen, wenn es nicht geklappt hätte. Und dann habe ich ja das Glück gehabt, dass dieses Konzept mit Co-Vater und allem gleich zu mir kam.

Erzähl mal, wie war das denn? Auf deinem Blog habe ich gelesen, dass du über eine Kollegin auf das Konzept gestoßen bist.

Genau. Wir waren aus und ich habe von meiner Trennung gesprochen und dass alles gerade doof ist. Sie hat dann erzählt, dass sie ein Kind mit einem Freund hat und wie das bei ihr funktioniert. Sie lebt in einer lesbischen Beziehung, und ihr Co-Partner ist schwul. Über sie habe ich dann auch den Papa meiner Tochter kennengelernt.

Jennifers Co-Partner ist 45 Jahre alt und arbeitet als Flugbegleiter bei derselben Airline wie sie. Auf ihrem Blog nennt Jennifer ihn nur „den Papa”, um seine Privatsphäre zu schützen. Er möchte auch in diesem Interview nicht namentlich genannt werden, weiß aber, dass wir über ihn sprechen.

Was waren denn seine Gründe, Co-Vater werden zu wollen?

Wie bei mir hat es bei ihm mit Beziehungen nicht funktioniert. Dabei wollte er auch schon immer Kinder und ist so ein bisschen der gute Onkel in seinem Freundeskreis. Als ich ihn kennengelernt habe, hat sich schnell gezeigt, dass er sich viel kümmert, das war schon mal ein gutes Zeichen. Wie man sich das so für einen Vater wünschen würde. Für ihn war es dann natürlich auch eine Chance, dass ich so direkt auf ihn zugekommen bin. Er hätte auch gern schon zehn Jahre früher mit der Familienplanung angefangen. Jetzt sind wir halt alte Eltern.

Moment, du bist 35, oder? Fühlst du dich damit schon als alte Mutter?

Nein! Die Krankenkasse findet das alt und hat mich als Risikopatientin eingestuft. Aber es ist schon gut so, wie es gelaufen ist. Ich bin jetzt auch entspannter, als ich es zum Beispiel mit 25 gewesen wäre. Da hatte ich zwar auch schon den Wunsch nach einem Kind, aber da hat man ja noch keine Uhr, die tickt. Wenn es dich dann richtig erwischt, ist es so ein richtig körperliches Gefühl. Das ist zum Beispiel wie das Verlangen nach dem Kaffee am Morgen oder nach einem Glas Wasser, wenn man richtig durstig ist.

Was wäre für dich die Alternative gewesen, wenn das mit dem Co-Parenting nicht geklappt hätte?

Von Co-Parenting hatte ich bis zum Gespräch mit meiner Kollegin noch nichts gehört. Ich habe nach der Trennung begonnen, mich umzuschauen und bin schnell beim Thema Samenspende gelandet. Ich fands aber schwierig, weil ich als Flugbegleiterin keinen Nine-to-five-Job habe und Fremdbetreuung für mich nicht infrage kommt. Und von meiner Mutter wollte ich nicht verlangen, dass sie sich drei bis vier Tage die Woche ums Enkelkind kümmert, auch wenn sie das mir zuliebe sicher gemacht hätte. Von daher war dann das Co-Parenting-Konzept perfekt.

Wie viel Zeit ist vergangen, bis du dich entschieden hast, mit dem Freund deiner Kollegin, also deinem jetzigen Co-Partner, in Kontakt zu treten?

So zwei, drei Tage, nachdem sie uns über Facebook verbunden hatte. Ich wollte mir das mal angucken. Ich wollte auch diese Wut nach der Trennung und diese Energie, die man da hat, nutzen. Statt in meinem Tränental zu sitzen, wollte ich selbst aktiv werden. Also habe ich mir gesagt: Ich lass mich jetzt nicht mehr finden, und ich lass auch nicht mehr den Mann den Zeitpunkt bestimmen.

Und dann ging das Schlag auf Schlag. Sagen wir es mal so: Hätte ich ihn nicht schon vorausgewählt durch die Kollegin, dann hätte ich mir auch mehr Zeit gelassen. Aber er arbeitet beim selben Arbeitgeber wie ich. Ich weiß, was bei ihm finanziell so los ist, ich weiß, was er für einen Arbeitsvertrag hat, was für Kriterien an uns gestellt werden. So waren die Umstände recht schnell klar und wir haben gesagt, okay. Dann machen wir das jetzt so.

Erinnerst du dich noch an euer erstes Date zurück? Wie war das für dich?

Wir haben uns nachmittags in einem Café getroffen und gleich bis abends verquatscht. Sympathisch waren wir uns sofort und sind dann auch relativ schnell in das Thema eingestiegen. Ich hatte doch schon sehr genaue Vorstellungen und ... was mir immer vorgeworfen wird, die unverhandelbaren Punkte. Also Sachen, die mir einfach unfassbar wichtig sind. Wenn er da nicht mitgemacht hätte, dann hätte ich mir wen anders suchen müssen.

Was waren das für Punkte? Einmal sollte das Kind deinen Namen tragen, das habe ich gelesen. Und weiter?

Genau. Der Nachname war für mich ganz wichtig, der Vorname war auch mehr oder weniger schon gesetzt, aber da waren wir uns auch ganz schnell einig. Und dann ging es für mich darum, dass er Unterhalt zahlt. Nicht, um mir damit ein schönes Leben zu machen, sondern weil ich Teilzeit arbeiten wollte, um für das Kind da zu sein. Ab Juni arbeite ich 50 Prozent, und das bedeutet auch, dass ich nur 50 Prozent Gehalt bekomme. Der Unterhalt ist im Endeffekt ein Ausgleich. Laufende Kosten, Windeln und so weiter, teilen wir.

Klappt es denn, dass ihr eure Pläne so richtet, dass ihr euch gegenseitig auffangt?

Ja. Das ist auch tatsächlich bei vielen Fliegerpaaren so. Im Zweifel sehen wir uns halt gar nicht. Das ist dann bei einem Paar ein Problem. Die geben dann nur die Kinder hin und her und haben keine Zeit mehr für sich. Wenn wir uns eine Weile nicht sehen, stört uns das nicht. Von daher ist das natürlich auch ein Riesenvorteil.

Das hat also gepasst. Wie seid ihr dann vorgegangen, als es ernst wurde?

Wir haben uns für die Bechermethode entschieden, weil wir unser Verhältnis nicht mit Sex belasten wollten. Urinbecher und Spritze gibt es in der Apotheke. Der Mann füllt den Becher und gibt ihn dir zurück. Es ist natürlich auch so ein bisschen eine verschämte Sache. Sexy find ich das auch nicht, aber man muss halt drüber reden. Das Sperma kommt also in die Spritze, man wartet ein bisschen, bis es ein wenig flüssiger geworden ist. Die Frau legt sich dann auf den Rücken und führt die Spritze ein.

Das Handy auf dem Tisch vor Jennifer brummt. Ihre Tochter verbringt heute den ersten Tag alleine bei ihrem Vater.

Ah, guck mal. Alles unproblematisch. Das Kind hat auch schon gegessen. Wo waren wir – ach ja. Also, wie gesagt: Sexy ist die Bechermethode jetzt nicht, aber es hilft natürlich auch ganz vielen Frauen. Ich bekomme auch zu meinem Blog ganz viele E-Mails mit Nachfragen. Bei uns war es auch gleich erfolgreich, wir haben es nur sieben Mal gemacht.

Also sieben Monate?

Nein, sieben Versuche um den Eisprung rum. Und eine Trockenübung.

Wie lange, sagt man, können sich Spermien halten? Drei Tage?

Fünf. Das sind dann die ganzen Überraschungskinder, die ganzen fünf Tage alten Spermien. Wir hatten das natürlich großartig geplant, also ich hatte Ovulationstests und über Monate so eine App geführt, die dann irgendwann den Eisprung voraussagt. Wir waren zusammen im Urlaub und ich bin extra einige Tage vor dem Eisprung angereist, weil wir vorlegen wollten. Das ist jetzt nicht wissenschaftlich erwiesen, aber man sagt, dass es dann wahrscheinlicher ist, ein Mädchen zu bekommen. Ich kam am Mittag an und abends war der Ovulationstest positiv, was bedeutet, dass der Eisprung innerhalb der nächsten 24 Stunden ist. Schade, so viel zum Plan. Hat dann aber trotzdem direkt geklappt.

Wie präsent war dein Co-Papa während der Schwangerschaft?

Wir haben uns etwa einmal die Woche getroffen und uns noch weiter kennengelernt. Dann habe ich auch seine Freunde und irgendwann seine Familie getroffen. Er hat ein paar Monate gewartet, bis er es seinen Eltern erzählt hat.

Wie ist denn das Verhältnis zu seinen Eltern?

Die wohnen relativ weit weg, aber wir telefonieren ab und zu. Wir kennen uns und mögen uns auch, aber wir sind nicht gezwungen, ein gutes Verhältnis aufzubauen. Das letzte Mal waren sie beim Geburtstag der Kleinen da, und da habe ich gesagt: Ganz ehrlich, zieht euch doch gerne mit dem Kind und dem Papa zurück und macht euer Großelternding. Kein Zwang, mit mir Smalltalk zu halten.

Also bei dir kein Bestreben eine Patchworkfamilie aufzubauen?

Wäre seine Familie jetzt hier, wäre das nochmal was anderes, dann wäre der Kontakt auch enger. Vor ein paar Wochen habe ich eine Freundin besucht in NRW. Da war ich auch eine Nacht bei ihnen, auch ohne Papa. Das dann schon. Tendenziell ist es gerade zwar eher getrennt, aber manchmal besucht er auch meine Eltern mit mir. Während der Geburt hat meine Mama auch seine Betreuung übernommen.

Wie habt ihr die Geburt erlebt?

Ich war aufgeregt und hatte Angst. Er war einfach völlig aufgelöst. Das war ja für ihn, wie für mich, die Erfüllung eines Lebenstraums. Er hat natürlich den dicken Bauch gesehen und auch schon mal einen Tritt gefühlt, aber er ist erst wirklich Papa geworden, als das Kind da war. Ich war in einem ganz anderen Film, bis meine Tochter irgendwann nach der Geburt zu mir hochgeguckt hat: Dann hatte ich das Gefühl: Mein Baby ist da. Sie sieht natürlich auch genau aus wie er. Da brauchts keinen Vaterschaftstest.

Und wie war das für dich? Er ist ja am Anfang immer in deine Wohnung gekommen. Wie hast du dich gefühlt, wenn er so selbstverständlich auch in deinem privaten Raum war?

Das war komisch am Anfang, so gut kannten wir uns ja noch gar nicht. Aber dann kommt das Kind und stellt sowieso alles auf den Kopf, und er gehörte eben dazu. Er war auch super. Wenn ich gesagt hab: Geht alle weg, dann sind auch alle weggegangen. Im Endeffekt hat er mir auch Freizeit verschafft. Am Anfang hat er immer das Mittagsschläfchen übernommen. In der Zeit habe ich vorgekocht und den Haushalt gemacht. Das war für mich immer positive Freizeit. Mittlerweile freut die Kleine sich immer tierisch, wenn er kommt. Sie liebt ihn über alles. Morgens macht sie die Augen auf und ihr erstes Wort ist „Papa”.

Wie habt ihr euer Verhältnis rechtlich geregelt?

Er hat das Kind ja schon während der Schwangerschaft anerkannt. Ein Ehemann hat keine anderen Rechte als jemand, der die Vaterschaft anerkannt hat. Vor dem Gesetz ist es egal, ob du ein Paar bist oder nicht.

Wie habt ihr das mit dem Sorgerecht entschieden?

Wir haben das geteilte Sorgerecht. Das war auch seine einzige Bedingung, was ich auch verstehen kann. Das ist seine einzige rechtliche Absicherung. Hätte er die Vaterschaft anerkannt und ich das alleinige Sorgerecht bekommen, hätte ich schalten und walten können, wie ich wollte. Das wäre natürlich nichts gewesen. An seiner Stelle hätte ich das auch nicht gemacht.

Das heißt, wenn du jetzt entscheidest: Ich möchte nach Singapur ziehen mit dem Kind, dann hätte er Mitspracherecht?

Jap, das ginge nicht. Da ist man schon aneinander gebunden, darüber muss man sich im Klaren sein. Also, wir könnten jetzt natürlich alle zusammen nach Singapur ziehen, oder wir lassen es eben.

Und wie wäre das, wenn ihr beide neue Partner hättet?

Wir haben uns versprochen, dass wir nur Partner auswählen, die damit auch klarkommen. Warum sollten sie auch nicht? Es war ja nie etwas Romantisches zwischen uns. Er ist ein sehr präsenter Vater, damit müsste ein neuer Partner leben können. Ansonsten wäre er auch kein Mensch für mich. Meine Kriterien haben sich da verschoben, das Kind steht an erster Stelle.

Wäre dein Leben ein Hollywood-Film, würdest du am Ende bestimmt mit dem Vater deines Kindes zusammenkommen.

Das haben viele meiner Bekannten auch erwartet. Mir war eigentlich relativ schnell klar, dass das nicht passieren wird. Einfach, weil wir eben sehr unterschiedlich sind. Das macht uns aber, finde ich, zu einem guten Elternpaar. Ich gebe gern die Richtung vor und habe gern einen Plan. Er lässt sich gerne treiben. Mir wird manchmal vorgeworfen, dass ich mein Ding so durchziehe und er quasi spenden und zahlen durfte und sonst nichts. Das stimmt natürlich überhaupt nicht.

Ich war jetzt einen Abend nicht da, und da hat er mich gebeten, ihm eine Liste zu schreiben und mein Telefon anzulassen. Ich weiß dann auch, dass er sich daran hält. Das gibt mir Sicherheit. Als Partner hätte ich dann aber doch lieber jemanden, der aktiver ist und mir auch mal eine Ansage macht. Und ich wäre ihm bestimmt zu anstrengend.

Und kannst du dir noch ein zweites Kind vorstellen mit deinem Co-Vater?

Ich glaube nicht. Er ist mit einem Kind auch zufrieden. Ich hätte gerne noch mehr Kinder, aber ich glaube, dann schon auch lieber in der klassischen Konstellation.

Warum?

Jetzt noch einen zweiten Co-Papa dazu zu holen, das wäre mir zu wild. Dann wären wir wirklich beim Thema Patchworkfamilie. Ich hätte aber gern noch weitere Kinder, wenn die Kleine größer ist und dann bei mir noch alles funktioniert.

Diese Vorstellung von der romantischen Partnerschaft mit Kindern ist also schon noch drin bei dir? Oder wie stehst du dazu?

Ich hätte gern wieder einen Partner. Aber es muss jetzt nicht mehr sein, weil ich dieses Kind haben will. Ich kann da ganz anders rangehen. Es ist wesentlich druckloser. Natürlich auch nicht einfacher, denn mit einem Baby vor die Brust geschnallt zu flirten, ist auch Schwierigkeitsstufe drei.

Machst du dir manchmal Gedanken darüber, was andere über dein Familien-Modell denken?

Wenn du sagst, dass du keine Kinder willst, sagen alle: „Ach, warte mal ab. Das kommt schon noch, wenn da mal die Uhr tickt.” Wenn du dann fünf Kinder hast, heißt es: „Ach, die kriegt ja auch den Hals nicht voll. Muss das denn sein?” Und wenn du dann auch noch sagst, dass du die Entscheidung, Mutter zu werden, bereust, halten dich alle für eine Rabenmutter. Egal was du machst, es ist sowieso falsch. Von daher kann man sich auch entspannen.


Redaktion Christian Gesellmann; Bildredaktion Martin Gommel (Aufmacherfoto: Instagram), Schlussredaktion Vera Fröhlich.