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Raumfahrt

Die Hürden auf dem Weg zum Mars, die überhaupt nichts mit Technik zu tun haben

von Andrew Maynard, Arizona State University
etwa 8 Min. Lesedauer

Elon Musk hat einen Plan: Er gibt sich nicht damit zufrieden, auf unserem blassblauen Planeten zu leben. Musk und seine Firma SpaceX wollen so schnell wie möglich den Mars bewohnbar machen. Sie haben angekündigt, innerhalb von fünf Jahren zwei Versorgungsraumschiffe auf den roten Planeten zu schicken. Im Jahr 2024 sollen die ersten Menschen folgen. Musk hat Visionen vom Bau eines Raumfahrt-Stützpunktes und einer Stadt. Entstehen soll ein Planet, der mit technischen Mitteln so einladend wie die Erde gemacht wird.

Sollte ihm das gelingen, könnte Musk das Sonnensystem für uns öffnen und eine neue Generation von Wissenschaftlern und Ingenieuren begeistern. Aber bis sie Erfolg haben, müssen Musk und SpaceX enorme Risiken ausräumen.

Viele davon sind technischer Natur. Die Rakete, die Musks Siedler zum Mars bringen wird (mit dem Code-Namen „BFR” – das steht für Big Fucking Rocket – verdammt große Rakete), ist noch nicht einmal gebaut. Niemand weiß, welche versteckten Probleme auftauchen können, wenn die Tests beginnen. Aber Musk hat Erfahrung darin, komplexe technische Herausforderungen zu bewältigen. Trotz der gewaltigen Probleme, vor denen SpaceX steht, kann das Projekt durchaus erfolgreich sein.

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Als Wissenschaftler im Bereich Risikoinnovation bin ich mir aber nicht sicher, wie SpaceX einige der weniger offensichtlichen Hürden nehmen wird: Das Unternehmen wird auch mit sozialen und politischen Problemen konfrontiert. Um Elon Musk einen kleinen Vorsprung zu verschaffen, liste ich hier schon einmal einige der Hindernisse auf, die er meiner Meinung nach auf seiner Checkliste für die Marsmission haben sollte.

Schutz der Planeten

Stellt euch vor, es hätte einmal Leben auf dem Mars gegeben. Aber in der Hektik, uns dort niederzulassen, verwischen wir jede Spur von dessen Existenz. Oder stellt euch vor, dass es auf dem Mars Schadorganismen gibt, die von Raumschiffen versehentlich zur Erde zurückgebracht werden.

Das sind Szenarien, die Astrobiologen und Planetenschutzspezialisten schlaflose Nächte bereiten. Diese Gefahren sind die Ursache für unglaublich stringente internationale Regeln, wenn es darum geht, was bei staatlich finanzierten Weltraummissionen gemacht werden kann und was nicht.

Doch Musk könnte mit seinen Plänen das Regelwerk zum Planetenschutz beiseite wischen. Als privates Unternehmen ist SpaceX nicht direkt an internationale Richtlinien zum Schutz der Planeten gebunden. Und obwohl einige Regierungen das Unternehmen mit Weltraumbürokratie überziehen könnten, wird es trotzdem schwer für sie werden, Musk so das Stöckchen hinzuhalten wie seinerzeit der NASA.

Es ist denkbar (wenn auch äußerst unwahrscheinlich), dass eine Laissez-faire-Haltung gegenüber interplanetarer Kontamination dazu führen könnte, dass Ungeziefer vom Mars auf die Erde gelangt. Das größere Risiko besteht darin, dass wir unsere Chancen zunichtemachen, jemals herauszufinden, ob es auf dem Mars Leben gab, bevor der Mensch und seine schmutzigen Mikroorganismen dort angekommen sind. Und das Letzte, was Musk braucht, ist eine ganze Schar verärgerter Astrobiologen, die nach seinem Blut lechzen, während er über ihr Territorium trampelt und sie ihrer Träume beraubt.

Ökoterrorismus

Musks Langzeitvision ist es, den unseren Nachbarplaneten Mars zu einem „schönen Ort zum Leben” umzugestalten und aus dem Menschen eine Spezies zu machen, die auf vielen Planeten lebt. Klingt fantastisch – aber nicht für jeden. Ich würde wetten, dass es einige Leute gibt, die von der Idee so entsetzt sind, dass sie beschließen, sogar zu illegalen Maßnahmen zu greifen, um das zu verhindern.

Die Mythen, die den Ökoterrorismus umranken, machen es schwer, genau festzulegen, wie viel davon tatsächlich stattfindet. Aber es gibt sicherlich Einzelpersonen und Gruppen wie die Earth Liberation Front, die bereit sind, das Gesetz zu missachten, weil sie die unberührte Wildnis erhalten wollen. Ich wette darauf, dass es auch Menschen gibt, die bereit sind, zu drastischen Maßnahmen greifen, um zu verhindern, dass die unberührte Wildnis des Mars vom Menschen geschändet wird.

Wie das aussehen könnte, ist ungewiss. Science-Fiction-Romane wie Kim Stanley Robinsons „Mars-Trilogie” geben einen interessanten Einblick, was passieren könnte, wenn wir es erst einmal zum Mars geschafft haben. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass SpaceX vor Saboteuren auf der Hut sein muss, die den Betrieb lahmlegen, bevor sie die Erde verlassen.

Raumfahrtpolitik

Bevor private Unternehmen Raketen in den Weltraum schicken durften, wurde in internationalen Abkommen festgelegt, wer was außerhalb der Erdatmosphäre tun darf. Im Rahmen des Übereinkommens der Vereinten Nationen über Grundsätze für die Aktivitäten von Staaten bei der Erforschung und Nutzung des Weltraums, einschließlich des Mondes und anderer Himmelskörper haben sich die Staaten beispielsweise darauf geeinigt, den Weltraum zum Wohle der gesamten Menschheit zu erforschen, keine Massenvernichtungswaffen auf Himmelskörpern zu installieren und schädliche Verunreinigungen zu vermeiden.

Das war 1967, vier Jahre vor der Geburt von Elon Musk. Mit dem Aufkommen ehrgeiziger privater Raumfahrtfirmen wie SpaceX, Blue Origin und anderen ist es jedoch weniger klar, wer was im Sonnensystem tun darf. Das sind gute Nachrichten für Unternehmen wie SpaceX – zumindest kurzfristig. Aber diese Ungewissheit wird sich schließlich in durchsetzbarer Raumfahrtpolitik, in Gesetzen und Vorschriften, die für alle gelten, niederschlagen. Und wenn es dazu kommt, muss Musk sicherstellen, dass er nicht außen vor bleibt.

Das ist natürlich Politik und noch keine Gesetzgebung. Aber es gibt auf dem Gebiet der globalen Raumfahrtpolitik mächtige Akteure. Wenn sie in die falsche Richtung driften, sind es die Politiker, die bestimmen, wie sich welche Richtlinien auf SpaceX auswirken.

Klimawandel

Die vielleicht größte Gefahr besteht darin, dass Musks Vision, den Mars zu kolonisieren, zu sehr einer Wegwerf-Philosophie für die Erde ähnelt – wir haben diesen Planeten versaut, also ist es an der Zeit weiterzuziehen. Diese Idee mag keiner von Musks Beweggründen sein. Aber in der Welt des Klimaschutzes und der Anpassung an den Klimawandel spielt die Wahrnehmung eine Rolle. Die Aussicht, auf einen neuen Planeten zu ziehen, um dem Chaos zu entkommen, das wir hier angerichtet haben. Dieses Szenario wird nicht allzu viel Freunde unter denjenigen finden, die versuchen, die Erde bewohnbar zu halten. Und diese Gruppen verfügen über beträchtliche soziale und wirtschaftliche Macht – genug, um SpaceX Probleme zu bereiten.

Auch hier gibt es noch ein weiteres Risiko, dank der vorgeschlagenen terrestrischen Nutzung der BFR von SpaceX als hyperschnelles Transportmittel zwischen Städten auf der Erde. Musk hat vor Kurzem Technikbegeisterte die Idee präsentiert, mit kommerziellen Raketenflügen jede Stadt auf der Erde in weniger als einer Stunde zu erreichen. Dies ist Teil eines größeren Plans, um die BFR rentabel zu machen und die Kosten für die Planetenerkundung zu decken. Es ist eine verrückte Idee – es könnte nichtsdestotrotz klappen. Aber was ist mit den Auswirkungen auf die Umwelt?

Auch wenn die BFR Tonnen des Treibhausgases Kohlendioxid ausspucken wird, sind die Auswirkungen nicht viel größer als der gegenwärtige weltweite Flugverkehr (je nachdem, wie viele Flüge am Ende stattfinden). Und es gibt immerhin den Traum, den Brennstoff – Methan und Sauerstoff – mit Hilfe von Sonnenenergie und den Gasen der Atmosphäre zu erzeugen. Die BFR könnte sogar eines Tages klimaneutral sein.

Aber in einer Zeit, in der die Menschheit alles in ihrer Macht Stehende tun sollte, um den Kohlendioxidausstoß zu reduzieren, ist die Begeisterung nicht allzu groß. Und das könnte zu einem schädlichen Rückschlag führen, bevor die Raumschifffahrt überhaupt in Gang kommt.

Inspirierend – oder aufwühlend?

Vor 60 Jahren startete die Sowjetunion Sputnik, den ersten künstlichen Satelliten der Welt – und veränderte die Welt. Es war der Beginn des Weltraumzeitalters, das die Nationen zwang, ihre technischen Ausbildungsprogramme zu überdenken und eine neue Generation von Wissenschaftlern und Ingenieuren zu fördern.

Möglicherweise stehen wir an einem ähnlichen Wendepunkt, wenn es Forschern gelingt, Visionen und Technologien zu entwickeln, die die Menschheit hinaus in das Sonnensystem bringen könnten. Aber damit dies der Sputnik-Moment einer neuen Generation wird, müssen wir so schlau sein, die vielen sozialen und politischen Hindernisse zu überwinden – zwischen dem, wo wir jetzt stehen, und dem, und wo wir sein könnten.

Mars Colonization and Tourism Assoc.

Flickr / Official SpaceX Photos / Public Domain

Diese nicht-technischen Hindernisse rühren daher, dass die Gesellschaft große finanzielle Mittel zur Verfügung stellt, um SpaceX und Elon Musk die Freiheit zu geben, mutig dorthin zu gehen, wo niemand zuvor hingegangen ist. Es ist verlockend, an planetarischen Unternehmergeist zu denken, indem man einfach die Technologie richtig einsetzt und einen Weg findet, sie zu bezahlen. Aber wenn genügend Leute das Gefühl haben, dass SpaceX das bedroht, was sie schätzen (wie zum Beispiel die Umwelt – hier oder dort), oder sie in irgendeiner Weise benachteiligt (zum Beispiel, indem sie reichen Leuten erlauben, auf einen anderen Planeten zu ziehen und den Rest von uns hierzulassen), werden sie dem Unternehmen Steine in den Weg legen.

Hier müssen Musk und SpaceX ebenso gesellschaftlich versiert wie technisch begabt sein. Wenn man diese versteckten Hürden außer Acht lässt, könnte dies auf lange Sicht eine Katastrophe für Elon Musks Mars-Mission bedeuten. Wenn wir sie im Voraus ausräumen, dann könnte passieren, dass noch in meiner Lebenszeit die ersten Menschen auf einem anderen Planeten leben und es ihnen dort gutgeht.


Diesen Artikel hat auf Englisch The Conversation veröffentlicht. Hier könnt ihr den Originalartikel lesen. Übersetzung und Produktion: Vera Fröhlich, Schlussredaktion: Rico Grimm.

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