Geflüchtete Mütter

Plötzlich gleichberechtigt

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Erzählen meine Freunde von ihrer Arbeit in der Flüchtlingshilfe, sind harte, bewegende, traurige, frustrierende und auch hoffnungsvolle Geschichten dabei. Aber fast alle haben gemeinsam, dass darin Männer die Hauptrolle spielen. Wo sind die Frauen in diesen Geschichten?

Die Frage ist wichtig, weil für die Integration von Familien mit Migrationshintergrund "die Mütter entscheidend" sind. So steht es im neuen Koalitionsvertrag. Deshalb sollen die geflüchteten Frauen ab sofort sichtbarer werden, man will sie verstärkt fördern und unterstützen. Je besser die Mütter integriert sind, desto kleiner wird der Spagat, den auch ihre Kinder zwischen zuhause und Schule schaffen müssen. Auch das BAMF schreibt den geflüchteten Müttern deshalb eine „Schlüsselfunktion in der Integration ihrer Familien“ ein.

Wenn wir Integration verstehen wollen, müssen wir viel mehr über die Geschichten der Frauen hören. Ich mache mich also gezielt auf der Suche nach geflüchteten Müttern. Ich will wissen, wie ihr Alltag aussieht, was sie sich wünschen und wie es ihnen in Deutschland geht.

Wo sind sie, die geflüchteten Mütter?

39,5 Prozent der Geflüchteten, die von Januar bis Dezember 2017 nach Deutschland kamen, sind weiblich. Das ist zwar deutlich weniger als die Hälfte, aber eigentlich genug, um sichtbar zu sein. Trotzdem ist die Studie „Female Refugee Study“ der Berliner Charité bisher die einzige umfassende und repräsentative Untersuchung dieser Bevölkerungsgruppe – und auch diese weist Widersprüche auf. Laut der Studie stammen die Frauen, die nach Deutschland geflüchtet sind, vor allem aus den drei Ländern Syrien, Afghanistan und Irak. Mehr als zwei Drittel der Frauen sind verheiratet oder leben in einer Partnerschaft. 48 Prozent der syrischen Frauen wurden auf der Flucht von ihren Ehemännern begleitet. Das heißt, dass über die Hälfte der aus Syrien geflüchteten Frauen alleine die gefährliche Flucht auf sich genommen haben. Diese Zahl überrascht mich – ich schließe daraus, dass das Klischee der „unsichtbaren Flüchtlingsfrauen“, die sich hinter ihren Männern verstecken, ihnen die Entscheidungen und die Bürokratie überlassen, nur bedingt tragfähig sein kann. Von den geflüchteten Frauen aus Afghanistan werden immerhin 67 Prozent von ihren Männern begleitet, aber was ist mit den verbleibenden 33 Prozent der afghanischen geflüchteten Frauen? Zumindest ein Teil von ihnen müsste in Deutschland quasi ein Single-Leben führen, beziehungsweise alleinerziehend sein. Oder?

Die Suche nach einer geflüchteten Mutter gestaltet sich als schwierig. Auf meinen Facebook-Aufruf taggen viele Freunde andere Freunde, aber niemand hat einen direkten Kontakt zu einer geflüchteten Mutter, oder will diesen nicht preisgeben. Unterkünfte, die ich kontaktiere, verhalten sich zunächst zögerlich – die Frauen seien sehr vorsichtig gegenüber Journalisten, und die Menge der Anfragen von Medien sei enorm. Irgendwann platzt der Knoten, bei mir meldet sich Amina Abid, Syrerin und Mutter von zwei Kindern. Amina ist mit Sohn und Tochter, aber ohne ihren Mann aus Syrien geflohen. Schon am Telefon hatte sie angekündigt, nicht viel Zeit zu haben. Ich besuche sie an einem Sonntagnachmittag in ihrer Wohnung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg.

Die anderen Frauen lästern, weil Amina allein ist

Amina, klein, rundlich, herzliches Lächeln, öffnet mir die Wohnungstür, führt mich ins Wohnzimmer und verschwindet sogleich wieder in die Küche. Ich setze mich auf das beige Ledersofa in dem perfekt aufgeräumten und etwas leer wirkenden Wohnzimmer. Im Nachbarzimmer höre ich die Kinder spielen, die Tür ist zu. Amina ist westlich gekleidet, unauffällig. Ihr Haar verbirgt sie in der Wohnung nicht mit einem Kopftuch, sondern unter einer weißen Wollmütze.

Es ist Amina sehr wichtig, ihre Identität zu verbergen: Kein Aufnahmegerät, geänderter Name, geändertes Alter. Warum, das verstehe ich nicht so richtig, respektiere es aber natürlich.

Amina ist heute 34 Jahre alt, vor zwei Jahren ist sie ohne ihren Mann nach Deutschland geflohen, zusammen mit ihrer damals achtjährigen Tochter Aylin und dem damals zweijährigen Sohn Yasin. Ihr Mann Khaled konnte nicht gleichzeitig mit seiner Familie fliehen, aus „bürokratischen Gründen“ habe er noch in Aleppo bleiben müssen, erklärt Amina. Mehr will sie aber nicht sagen. Bei der Recherche hatte ich von verschiedenen Betreuern gehört, dass es bei den Angehörigen in vielen Fällen als „haram“, also als falsch angesehen wird, wenn eine Frau ohne ihren Mann flieht. Amina sagt davon nichts. Fakt ist: Khaled hält sich aktuell in der Türkei auf, zusammen mit seinen Eltern. Durch den ausgesetzten Familiennachzug bleibt die Familie bis auf weiteres getrennt. Die Kinder vermissen ihren Vater sehr, fragen oft nach ihm. Immerhin über WhatsApp und Skype ist die Familie im ständigen Kontakt – manchmal sei es ihr sogar zu viel, sagt Amina und lacht – zum Beispiel, wenn Khaled haargenau wissen möchte, was sie an diesem Tag gemacht hat und mit wem sie sich getroffen hat.

Auch wenn laut Statistik die Hälfte aller geflüchteter Frauen wie Amina ohne ihre Männer nach Deutschland kommen, so scheint sich Amina dafür zu schämen. Denn in Syrien, erklärt Amina, hat eine Frau eher schlechte Karten, wenn sie mit Mitte dreißig keinen Mann hat. Sie habe deshalb nur wenig Kontakt zu anderen geflüchteten Frauen, weil sie immer das Gefühl habe, dass über sie gelästert werde – weil sie ohne ihren Mann hier ist. Sie vermisst Khaled aber auch und freut sich darauf, wenn er nach Deutschland kommt. „Es ist nicht gut für die Seele, von seinem Partner getrennt zu sein“, sagt Amina. Gleichzeitig berichtet sie, dass viele geflüchtete Frauen sich in Deutschland von ihren Männern trennten, weil sie ihn nicht mehr brauchen. „Der Mann hat einen sehr großen Platz in der Familie in Syrien“, meint Amina. Viele Frauen müssten bei ihrem Mann bleiben, weil sie keinerlei finanzielle Absicherung haben. Sie bräuchten das Geld für sich und ihre Kinder. „In Syrien sind viele verheiratet, aber nur sehr wenige verliebt“, erklärt Amina. Nach der Flucht nach Deutschland verstünden die Männer die Welt nicht mehr: „Warum trennt sie sich jetzt von mir, davor war sie doch glücklich mit mir?“, spielt Amina mit Männerstimme nach und lacht.

Es gibt noch keine zuverlässigen Erhebungen dazu, wie viele Scheidungen es nach der Flucht bei Geflüchteten in Deutschland gibt. Im November 2017 berichtete das Berliner Stadtmagazin Zitty einer „inoffiziellen Umfrage unter Flüchtlingshelferinnen“, nach welcher jede Flüchtlingshelferin einige Syrerinnen kannte, die sich von ihren Männern in Deutschland trennten.

In der „Female Refugee Study“ heißt es hingegen: „Entgegen den bisherigen Eindrücken konnte überraschenderweise festgehalten werden, dass 70 Prozent der Frauen ihre Beziehungssituation gut oder sehr gut einschätzen.“ An anderer Stelle berichten die Frauen in der Studie jedoch von einem starken Wunsch nach Unabhängigkeit, auch von den Ehemännern. Hierfür seien die meisten Frauen sehr motiviert, Deutsch zu lernen und eine eigene Arbeit zu finden. „Die Frauen möchten auf eigenen Beinen stehen. Es wurde viel Dankbarkeit für die Anwesenheit in Deutschland geäußert. Auf die Frage, wie sie ihre Rolle als Frauen in Deutschland wahrnehmen würden, antworteten die Teilnehmerinnen, sie fühlten sich befreit von der „unterwürfigen“ Rolle, die sie in ihrer Heimat innehatten.“

Amina macht auf mich keinen unterwürfigen Eindruck. Die Widersprüchlichkeit der Studie klingen aber auch in ihren Aussagen immer wieder durch: Denn selbst wenn die Beziehung mit dem Partner gut ist und gut war, so hinterlassen die Erfahrungen von Krieg, Flucht und Migration auch in Liebe und Partnerschaft ihre Spuren. Wie überall scheinen auch hier Gefühle nicht immer einer Logik zu folgen.

Die Flucht

Die 14-tägige Flucht mit ihren zwei Kindern verlangte Amina mehr Kraft ab, als sie jemals geglaubt hätte, in sich zu tragen. Im November 2015 stieg Amina mit Tochter Aylin und Sohn Yasin in einen Transporter. Es war unerträglich heiß und stickig, über holprige Straßen gelangten sie über den Libanon in die Türkei. Dort stiegen sie in ein Schlauchboot, welches sie nachts nach Griechenland brachte. Vier Stunden waren es. „Nur“ vier Stunden, sagt Amina, aber diese verbrachten sie, ihre Kinder und die anderen dicht aneinander gedrängten Passagiere in Todesangst. Am Horizont sahen sie im Mondlicht, wie ein anderes, überfülltes Boot kenterte. Es war zu weit weg, um zur Hilfe zu kommen, aber ihr eigenes Boot wäre ohnehin zu überladen gewesen, um weitere Passagiere aufzunehmen.

Doch nicht das Schlauchboot war das Schlimmste, auch nicht, dass sie in den Nächten kilometerweit laufen mussten, um Grenzen zu überqueren, dass sie auf offenem Feld in nassen Decken schlafen mussten. Am Schlimmsten war die Brutalität und Rücksichtslosigkeit der Schlepper, aber auch der anderen Geflüchteten, der sich Amina ausgesetzt sah: Als Frau ohne männliche Begleitung, die auf der Flucht war, musste sie ständig auf der Hut sein. Amina beschreibt eine Szene, irgendwo zwischen Griechenland und Deutschland. Ende November, bitterkalt, kauerte sie mit ihren Kindern im Schlamm auf dem Boden. Ihr kleiner Sohn, stark erkältet, erbricht sich in ihren Armen. Dann kam ein Mann auf sie zu, und er… Amina bricht ihre Erzählung ab, weint, verschwindet in der Küche.

Ich hab nicht erfahren, wie die Geschichte weiterging. Aber spätestens jetzt wird klar, dass Aminas strahlendes und starkes Auftreten wie ein Schutz ist, wie eine Ritterrüstung, die einen sehr verletzlichen Kern beschützt.

Das erste Ankommen

„Wie war es, in Deutschland anzukommen?“ frage ich und überspringe damit für uns beide die weiteren schmerzhaften Etappen der Flucht. Berliner Massenunterkunft, 1000 Menschen in einem Saal. Ihre wenigen Habseligkeiten verstaut Amina unter ihrem Feldbett. Nach wenigen Tagen sind sie weg, gestohlen. Die Kinder sind immer wieder krank, die Hygienebedingungen sehr schlecht, von Privatsphäre kann keine Rede sein. „Schlimm war, keinen Ort zu haben, um zu weinen“, meint Amina. Es sei eine zusätzliche Demütigung, wenn man in seinem Schmerz von allen beobachtet wird. Statt Unterstützung dazu das Getratsche der anderen geflüchteten Frauen: „Warum ist sie ohne Mann da?“. Den teils schamlosen Anzüglichkeiten der Männer in der Unterkunft fühlt sich Amina schutzlos ausgesetzt. Gerüchte von Vergewaltigungen machen die Runde, ihre Kinder lässt sie keine Minute aus den Augen.

Nach drei Monaten im Heim bekommt Amina endlich eine Wohnung zugeteilt. Sie kämpft sich durch die Anmeldeformulare, um ihre Tochter in der Grundschule und ihren Sohn in der Kita einzuschreiben. Eine deutsche „Freundin“, die sie im Lager kennenlernte, bietet ihr an, ihr beim Ausfüllen der Formulare zu helfen – gegen Bezahlung. Amina willigt ein. Zweieinhalb Monate später ist die kleine Familie fast angekommen: Die Wohnung ist eingerichtet, die Kinder in Kita und Schule, Amina hat einen Platz in einem Deutschkurs, weiß, wo sie einkaufen kann, mit welchen Verkehrsmitteln sie wohin kommt. Dann meldet der Vermieter Eigenbedarf an.

Beim Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) wird ihr mitgeteilt, sie müsse zurück in die Sammelunterkunft – ein Alptraum für Amina. Alle Hoffnungen brechen in sich zusammen. Amina sitzt weinend am Straßenrand, als eine fremde Frau auf sie zukommt: „Haben Sie Probleme?“ – „Ja“. Ab dann geht es bergauf. Die Frau hat gute Kontakte, sie vermittelt Amina weiter an eine ehrenamtliche Betreuerin, die sich der Familie annimmt. Mit ihrer Hilfe findet Amina auch ihre schöne Wohnung, deren Fischgrätenparkett ich jetzt bewundere.

Ich bin Arbeit, ich bin Universität

Amina schätzt sich glücklich, dass sie nun so gut untergekommen ist. Anderseits sei sie, ehrlich gesagt, schöne Wohnungen gewöhnt – in Aleppo habe sie ein großes Haus, „mit vielen elektrischen Geräten“, wie Amina betont. Voller Wehmut erinnert sie sich an die Märkte in Aleppo, wo man alles bekommt und alles aus der Region stammt. In der Erinnerung klingt Syrien sonnig warm und voller Geborgenheit. Amina kommt aus dem oberen Bildungsbürgertum, studierte Wirtschaftswissenschaften. Seit der Studienzeit ist sie es gewöhnt, dass Männer und Frauen einander auf Augenhöhe begegnen und miteinander freundschaftlich umgehen. Ihr Freundeskreis besteht aus Männern wie Frauen, Muslimen und Nicht-Muslimen. Nach dem Diplom arbeitet Amina als Finanzanalystin, geht jeden Tag ins Büro. So wie Amina arbeiteten laut der „Female Refugee Study“ 72 Prozent der nach Deutschland geflüchteten Frauen in ihren Heimatländern. „Ich bin Arbeit, ich bin Universität“, sagt Amina von sich. Trotzdem war das Arbeiten für Frauen immer ein „Nice to have“ im syrischen Bildungsbürgertum, denn „in Syrien reicht das Geld für die ganze Familie, wenn eine Person arbeitet.“ Sie hätte ihr altes Leben nie aufgeben wollen, sagt sie. Wenn da nicht der Krieg gekommen wäre.

Besonders fehlt Amina ihre große Bibliothek im Wohnzimmer. „Mein Mann und ich, wir begeistern uns für Wissenschaft: Mathematik, Biologie, Erdkunde, Astronomie – wir wollen so viel wie möglich über die Erde und das Leben lernen. Romane lesen wir nicht.“ In Syrien macht Khaled am Wochenende gerne Musik und singt, Amina nimmt Samba-Unterricht. Als die Kinder auf die Welt kommen, kann Amina Teilzeit von Zuhause aus arbeiten, Khaled unterstützt sie, kocht auch mal, wenn sie nicht dazu kommt.

Hier in Deutschland denkt Amina nicht daran, tanzen zu gehen. Nicht nur, weil sie nachts Angst hat, allein auf die Straße zu gehen. Feiern, Tanzen oder sonstiges steht einfach gerade nicht auf ihrer Liste.

In Deutschland ist die Zeit sehr klein

In Fokusgruppen fragte die „Female Refugee Study“ zusätzlich zur statistischen Erhebung nach den Wünschen, Zielen und Alltagssorgen der geflüchteten Frauen. So sollten sie unter anderem eine Einschätzung abgeben, wie sie mit der Gleichberechtigung von Männern und Frauen in Deutschland zurechtkommen. Grundsätzlich fanden die Frauen super, dass Männer und Frauen in Deutschland gleich behandelt werden – was nicht weiter überraschend ist. Viel interessanter ist jedoch, dass die Frauen über die Folgen klagen, die daraus resultieren: Sie stellen fest, dass sie in Deutschland viel mehr zu tun haben, als noch in ihrer Heimat. Ein Großteil der in den Fokusgruppen befragten Frauen war in der Heimat in erster Linie für Haushalt und Kinder zuständig gewesen. Anders als in Deutschland, so die Studie, schließe dies aber nicht Tätigkeiten wie Einkaufen, Arzttermine mit den Kindern oder Ähnliches mit ein – diesen „auswärtigen“ Aufgaben widmen sich traditionell die Männer. Die Frauen in der „Female Refugee Study“ berichten, dass die Männer in Deutschland bereitwillig Aufgaben wie Einkaufen und Elternabende abgeben würden, was aber auch zur Folge hätte, dass sie sich insgesamt überlastet fühlten.

Bei Amina stellt sich diese Frage gar nicht – sie ist schließlich ohne Mann hier. Amina erlebt den Alltagswahnsinn einer alleinerziehenden Mutter – unter den erschwerten Bedingungen einer Kriegsgeflüchteten. Morgens bringt sie ihre Kinder in die Kita und zur Schule. Vormittags geht Amina in ihren Deutschkurs, „jeden Tag, das ist sehr anstrengend“, meint sie. Direkt nach dem Kurs holt sie ihre Kinder wieder ab, macht Mittagsessen. Am Nachmittag werden Hausaufgaben gemacht, zusätzlich dazu wird Deutsch und Mathe geübt. Zwischendrin bringt Amina Tochter Aylin zum Tanz- und zum Karate-Unterricht. Beide Kinder haben außerdem einmal die Woche Gitarrenstunden. Die Tage sind voller Termine – das kannte Amina nicht in Syrien. Die Tochter Aylin besucht die dritte Klasse. „In allen Fächern hat sie eine Eins“, berichtet Amina stolz. Nur in Deutsch sei es momentan noch eine Eins minus.

Amina ist eine sehr engagierte und ehrgeizige Mutter, selbstbewusst, resolut, kraftvoll – auch, weil sie es sein muss. Wenn die Kinder im Bett sind, wenn alles aufgeräumt und für den nächsten Tag vorbereitet ist, dann lernt Amina für ihren Sprachkurs. Jeden Abend verbringt sie mit Übungsaufgaben. Ihren B1-Kurs hat sie vor kurzem erfolgreich abgeschlossen, nun hat sie mit dem B2-Kurs begonnen – vor der Prüfung hat sie etwas Angst. Dieser Kurs wird ihr dann auch das Tor in die Arbeitswelt öffnen. Der Gedanke an eine Vollzeitstelle flößt ihr dennoch Respekt ein. „Ich weiß nicht, wie deutsche Mütter das machen“, sagt Amina. „Wie schaffen sie es, für ihre Kinder, ihre Eltern, ihren Mann und Haushalt da zu sein, und gleichzeitig den ganzen Tag in einen Büro arbeiten?“ Besonders in der Buchhaltung müsse sie doch zu 100 Prozent konzentriert sein, um keine Fehler zu machen. Wie geht das als Mama? Da habe man doch so viele andere Dinge im Kopf?

Am Wochenende möchte sie eigentlich nur noch auf der Couch liegen. Dabei kommt ihr in die Quere, dass sie auch kontaktfreudig und gesellig ist. Manche deutsche Frauen ließen sich von Aminas Kopftuch abschrecken. Doch insgesamt habe sie sehr viele Freunde in Berlin gefunden, „fast zu viele“, sagt sie, 80 Prozent davon seien deutsche Frauen: „Am Wochenende laden sie mich oft zum Essen ein, wollen mich besuchen oder irgendetwas unternehmen. Oft traue ich mich nicht, abzulehnen, aber eigentlich brauche ich doch auch Ruhe und Zeit, um mich von der Woche auszuruhen.“

Die Studie „Modern Family Index 2017“ beschreibt die gedankliche Auslastung einer westlichen Mutter folgendermaßen: „Der Schultag eines Kindes besteht nicht nur aus der physischen Tätigkeit des Hinbringens und Abholens. Er erfordert eine Menge geistige Kapazität, inklusive Mitfahrgemeinschaften, Arztbesuchen, Verabredungen mit anderen Klassenkameraden, Schulausflügen, Fortbildungen, Matheolympiaden und Klassenpartys, wer bringt was mit und was wird heute gebraucht.“ Für die Studie wurden 2.082 arbeitende Mütter in den USA zu ihrer Alltagsauslastung befragt, auch im Hinblick auf die oft noch mangelhafte Ausgeglichenheit der Geschlechter bei den Haushalts- und Erziehungsaufgaben. Würden Mutter und Vater beide arbeiten, so seien es in 76 Prozent der Haushalte die Mütter, die sich in erster Linie um den reibungslosen Tagesablauf der Kinder kümmerten – zusätzlich zur gleichen Pensum erwerbstätiger Arbeit wie der Familienvater.

Auch die deutsche Frauenstudie „Working Mums 2017“ ergab, dass sich jede dritte Frau trotz Partner alleinerziehend fühlt. Darüber hinaus würden die Frauen sich selbst mit Ansprüchen als „Supermutter, Karrierefrau und sexy Liebhaberin“ in die Erschöpfung treiben.

Diese Studien sind nur zwei von vielen, die darauf hindeuten, dass Amina sich nicht zu Unrecht fragt, wie das überhaupt funktionieren soll: das Frauenbild der westlichen Welt ringt zwischen seinem hohen Anspruch und der Realität. „In Deutschland ist die Zeit sehr klein“, sagt Amina.

Kein Babysitter und keine Ausflüge ohne Kinder

Ob sie über eine Babysitterin nachgedacht hätte, frage ich sie. Amina schüttelt entrüstet den Kopf, das sei ja überhaupt nicht nötig, und sie wolle ja auch mit ihren Kindern zusammen sein. „Amina kämpft wie eine Löwin für die Bildung ihrer Kinder“, erzählt Kerstin Falk. Die Mitarbeiterin des Kiezcafé Wedding kennt Amina schon seit fast zwei Jahren. „Hilfe von außen scheinen viele der Frauen nicht annehmen zu wollen, es scheint einem Gesichtsverlust gleichzukommen“, erklärt Kerstin. „Ich habe oft den Eindruck, dass die Frauen unser individualistisches Gesellschaftsmodell etwas komisch finden.“ Kerstin ist jeden Mittwoch im Kiezcafé. Den Begegnungsort von migrierten und geflüchteten Müttern gibt es schon seit zwölf Jahren, viele Frauen sind Stammkundinnen. Sie wissen, dass Kerstin selbst zwei Kinder im Kita- und Schulalter hat. „Warum bringst Du Deine Kinder nicht mit?“ fragen sie immer wieder – dass die Mutter ihre Kinder bei Verwandten, Bekannten oder bezahltem Betreuungspersonal abgibt, um sich ehrenamtlich zu engagieren oder Hobbies nachzugehen, scheint für die geflüchteten Mütter im Kiezcafé immer wieder für Verwirrung zu stiften. Warum sollte man Hobby und Freizeit, Freundinnenbesuch und Alltag von den Kindern trennen?

Es geht auch ohne Mann

Amina lernte Kerstin und das Kiezcafé über das Angebot der Kiezpatenschaften für Flüchtlingskinder kennen. In diesem Programm übernehmen Ehrenamtliche langfristig eine Patenschaft für ein geflüchtetes Kind – sodass das Kind zusätzlich zur Familie noch einen Ansprechpartner nur für sich hat, und die Eltern entlastet werden. Aylin, Aminas damals noch achtjährige Tochter, bekam eine Patin zugeteilt, die mit ihr bastelte, spielte, Deutsch sprach und mit ihr Ausflüge unternahm. Die Patenschaft ließ sich aber nicht fortsetzen: Amina wollte bei den Treffen am liebsten immer dabei sein und brachte auch Aylins kleinen Bruder Yasin immer mit. „Wir haben immer wieder Schwierigkeiten, den geflüchteten Müttern das Konzept der Eins-zu-Eins-Betreuung zu vermitteln. Sie sind es einfach gewohnt, immer mit ihren Kindern zusammen zu sein.

„Mir fehlt die Zeit mit meinen Kindern“, meint Amina. Während sie sich – aus deutscher Perspektive – fast ununterbrochen hingebungsvoll ihren Kindern widmet, spürt Amina eine Entfernung zu ihren Kindern, weil sie so viel zu tun hat.

Kerstin vermutet, dass auch die traumatisierenden Kriegs- und Fluchterfahrungen dazu geführt haben, dass viele der geflüchteten Mütter ein starkes Bedürfnis haben, ihren Kindern möglichst nah zu sein. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend veröffentlichte im September 2017 ein Kurzgutachten, in welchem von erheblichen „Versorgungsdefiziten bei geflüchteten Familien“ die Rede ist. Insbesondere gibt es einen Mangel an psychologischer Betreuung oder Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörungen, welche viele Eltern und Kinder auf der Flucht erlitten haben. Die „Female Refugee Study“ ergab, dass 40 Prozent der geflüchteten Frauen in Deutschland sehr oft sehr traurig seien und sich Unterstützung „der Seele“ im Sinne von psychologischer Unterstützung wünschten.

„In Deutschland bin ich eine Metallfrau. Hier bin ich für alles selbst verantwortlich“, sagt Amina. „Plötzlich merke ich, dass ich viele Dinge kann. Ich kann eigentlich alles selbst machen.“ Das sei noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen. Vor meinem inneren Auge erscheint bei der Worterfindung „Metallfrau“ eine stählerne Superfrau, unschlagbar, unbesiegbar, unverletzlich – sie macht das Unmögliche möglich. Sie ist fast wie ein Roboter, kann auch einen dritten, vierten und notfalls fünften Arm ausfahren, je nachdem, wie viele Tätigkeiten sie gleichzeitig bewältigen muss.

Träume, Wünsche, Ziele

In den Fokusgruppen der „Female Refugee Study“ wurden die Frauen nach ihren Wünschen und Träumen für die Zukunft gefragt. Sehr häufig gaben sie an, dass sie sich eine gute Zukunft für ihre Kinder, Sicherheit, ein Ende des Konflikts im Heimatland und eine erfolgreiche Integration in Deutschland wünschen. Der Wunsch aber, der bei den meisten Frauen oberste Priorität hatte: Studieren, Arbeiten und eine geglückte Integration.

So ist es auch bei Amina. Ich hatte vor, mit ihr über Hobbies, Träume, Wünsche sprechen, aber ihre Ziele sind klar, schlicht und pragmatisch: Deutschlernen, Ausbildung, Studium, Arbeit, Zukunft der Kinder. Sobald Khaled in Deutschland ist, inshallah, und sie unterstützen kann, dann möchte Amina gerne ein Masterstudium in Berlin absolvieren, in Wirtschaftswissenschaften.

„Wenn ich die Frauen nach ihren Wünschen, Meinungen, Vorstellungen frage, dann scheinen sie überhaupt nicht zu wissen, worauf ich hinaus will“, erzählt Kerstin Falk aus ihrer Arbeit mit den Kiezpatenschaften und dem Begegnungscafé. „Sie scheinen es einfach nicht gewohnt zu sein, darüber nachzudenken. Wir werden in Deutschland von klein auf immer gefragt, was wir mal werden wollen, was wir uns wünschen oder wie wir etwas finden.“

Am Ende frage ich Amina noch, ob sie gerne ihr Kopftuch trägt. Sie bejaht, es sei ein schönes Gefühl, sie trägt es freiwillig und sie möchte es nicht anders haben. Währenddessen streift Amina beiläufig ihre Wollmütze ab und schüttelt ihre langen dunklen Locken aus.

Ein paar Tage später klicke mich durch WhatsApp und sehe, dass Amina ihr Profilbild geändert hat: es zeigt ein Model mit dunklen Locken – und ohne Kopftuch.


Redaktion: Esther Göbel, Sebastian Christ. Produktion: Theresa Bäuerlein. Illustration: Corinna Mayer. Fotoredaktion: Martin Gommel. Schlussredaktion: Rico Grimm.