Mutter mit Babyblues

Die Geburt meines Sohnes war die schönste und traurigste Nacht meines Lebens

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„Ihr werdet bluten, ihr werdet weinen. Und die Milch wird laufen.” Die Worte der Hebamme aus dem Geburtsvorbereitungskurs haben sich eingebrannt. „Alles wird fließen”, hat sie über die ersten Tage nach der Geburt gesagt. Vom sogenannten Babyblues war die Rede und davon, dass das ganz normal sei. Sofern man in so einer Situation von „normal” überhaupt sprechen kann. Sie hatte recht. Mit allem, was sie sagte.

Am zweiten Tag nach der Entbindung traf mich ihre Prophezeiung wie ein Schlag ins Gesicht. Das Adrenalin und die Endorphine schwächten langsam ab. Die Erschöpfung breitete sich in meinem Körper aus, wie ein dunkler Schatten, der auch vor meiner Seele nicht haltmachte. Und ich war einfach nur traurig.

Die wenigsten sind nach der Geburt sofort ins Kind verliebt

Babyblues, klar, das Wort hatte ich schon mal gehört – aber was es genau bedeutete, wusste ich selbst in jenem Moment nicht, als er mich traf. Es ist ein hübscher Ausdruck für das Symptom der Dysphorie, auch „Wochenbettdepression“ oder einfach „Heultage“ genannt: Nach der Geburt fallen die Hormone ab, das Enzym Monoamin-Oxidase A baut den Glück-Botenstoff Serotonin ab. Die junge Mutter gerät für etwa eine Woche in einen Zustand der depressiven Verstimmung, Reizbarkeit, Ängstlichkeit, Traurigkeit und Stimmungsschwankungen inklusive.

In meinem Fall, glaube ich, war die Geburtssituation mit ausschlaggebend, denn jenes rosa-rote Geburtserlebnis, das man als Schwangere im Kopf hat, also Kind kommt auf die Brust, Mutter und Baby lernen sich kennen und sind sofort verliebt, gab es bei mir nicht.

Tatsächlich passiert diese Situation auch viel seltener, als sie eigentlich passieren sollte. Mein Baby und ich, wir gehörten zu denen, die nicht mit einer solchen Bilderbuch-Geburt gesegnet waren. Der Sohnemann hat nicht geschrien, als er das Licht der Welt erblickte.

Heute wissen wir, dass er sich die Dinge gern erst einmal in Ruhe anschaut, bevor er reagiert. Damals, im Kreissaal hatten wir Angst.

Während ich bei der Geburt vor Schmerz, Adrenalin und Aufregung alles nur noch verschwommen wahrnahm, riefen die Schwestern immer wieder: „Bei der nächsten Wehe muss es raus! Jetzt muss er raus!“ Ich dachte mir: Was meinen die? Wieso „muss“? Sie sagten mir natürlich in diesem Moment nicht, dass sie zwischenzeitlich den Herzschlag meines Babys nicht mehr hören konnten. Später erfuhren wir, dass sich die Nabelschnur kurzzeitig um seinen Hals gewickelt hatte. Als das Baby nach der Geburt nicht schrie, nahmen es die Ärzte sofort mit zur Untersuchung.

Eine Ärztin blieb bei mir. Sie hatte mein T-Shirt schon hochgeschoben und gesagt: „Da legen wir gleich ihr Kind hin.“ Das T-Shirt blieb so, aber das Kind kam nicht. Die Ärztin plauderte, um mich abzulenken. Ich dachte mir immer nur so: „Wo ist mein Kind?“

Als am Morgen nach der Geburt klar wurde, dass der Zustand meines Sohnes stabil war, fragte mich der Arzt, ob ich nun zu meinem Kind auf die Kinderintensivstation ziehen wollte. Ich sagte natürlich ja. Ich glaube, jede Frau der Welt hätte in diesem Moment ja gesagt. Wenn ich nochmal in der gleichen Situation wäre, würde ich mir vielleicht noch eine Nacht Zeit geben, um zu Kräften zu kommen, ein bisschen Schlaf zu finden. Aber so dachte ich natürlich nicht in diesem Moment. Ich wollte zu meinem Kind.

Also zog ich wenige Stunden nach der Geburt um: von der Wöchnerinnenstation auf die Kinderintensivstation. Was mir jedoch niemand sagte: Meine Betreuung als Wöchnerin fiel damit nicht mehr in den Aufgabenbereich des Krankenhauses.

Es war ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte

Die erste gemeinsame Nacht als Mama-und-Sohn-Duo war ganz anders, als ich mir es vorgestellt hatte. Mein Baby war verkabelt, mit Sauerstoffmaske und Sensoren an den kleinen Füßchen, um den Puls zu kontrollieren. Und auch alles andere war natürlich neu. Ich versuchte vorsichtig, trotz all dieser Schläuche die Windeln richtig zu wechseln. Die Sensoren lösten in dieser Nacht zwölfmal Alarm aus. Bis ich verstanden hatte, dass sie hypersensibel eingestellt waren, hatte ich jedes Mal große Angst und machte mir sinnlose Vorwürfe.

Und dann war da noch dieses neue, andere Gefühl, das ich noch nie zuvor empfunden hatte: eine sehr große Sorge, die Angst um dein eigenes Kind. Dieses krasse Gefühl der Verantwortung. Dieses schlechte Gewissen, wenn irgendwas – Wickeln, Füttern, Abpumpen – nicht gleich funktioniert und niemand da ist, um dir zu sagen, dass das normal ist. Aber auch für meine gesundheitliche Versorgung fühlte sich niemand zuständig: Eigentlich hatte der Arzt verordnet, dass ich nur unter Begleitung zur Toilette gehen durfte, weil ich so viel Blut verloren hatte. Da niemand da war, ging ich allein – auf dem Weg wurde ich ohnmächtig.

Das Schlimmste ist das schlechte Gewissen

Aber das Schlimmste und Verwirrendste war das schlechte Gewissen darüber, dass ich mich nicht so richtig glücklich fühlte.

Ich habe nur gespürt: Ich bin eigentlich erschöpft, ich kann gerade nicht so, wie ich möchte. Ich habe mich ohnmächtig gefühlt, und mein Körper kam mir vor wie eine offene Wunde. Eigentlich hätte ich selbst noch Hilfe gebraucht. Stattdessen spürte ich erstmals, dass ich ab jetzt an zweiter Stelle stand. Es war ein Gefühl der Ernüchterung: „Krass. So geht das jetzt weiter. Das ist jetzt mein neues Leben.“ Vor der Geburt war ich voller Neugierde, dann voller Adrenalin während der Geburt und voller Endorphine, als ich mein Kind erstmals im Arm hielt. Nach der ersten Aufregung fallen die Hormone jedoch ab. Das war der Moment, in dem sich dieser dunkle Schatten über mich legte.

Die aufregendste Nacht in meinem Leben

Nach der ersten Nacht mit Baby schrieb ich meiner Mutter eine SMS: „Das war die aufregendste, schönste und traurigste Nacht meines Lebens.” Anschließend schaute ich einige Stunden nicht mehr aufs Handy und bemerkte daher nicht, dass meine Mutter fast durchdrehte vor Sorge: „Wieso traurig, was ist passiert?!“

Viele Leute verstehen nicht, warum eine Frau nach der Geburt eines Kindes traurig ist. Spreche ich offen darüber, wie es mir damals ging, dann kommen Gegenfragen wie: „Aber wieso, du hattest dich doch bewusst für ein Kind entschieden?“ Es fällt mir schwer, dieses Gefühl zu beschreiben, auch, weil keine konkreten Gedanken damit zusammenhingen. Die große Verantwortung, die mit einem Kind einhergeht, realisierte ich wie eine Art Schock. Sie kam mir so groß vor – überfordernd groß. Ich fühlte mich in diesem Moment damit allein gelassen.

Ich versuche vergeblich zu erklären, was eigentlich los ist

Umso erleichterter war ich, als endlich mein Mann im Krankenhaus eintraf. Der hatte nämlich nicht bei uns im Krankenhaus bleiben dürfen über Nacht. Er fand mich weinend und strahlend und wieder weinend im Bett sitzen. Die Situation war sozusagen eine verschärfte Version des Männer-Frauen-Dings: Ich habe vergeblich versucht zu erklären, was eigentlich los war. Noch dazu blutete ich auch sehr stark, hatte keine Binden, doch niemand hatte sich bisher um mich gekümmert. Und gegessen hatte ich auch schon lange nichts mehr. Mein Mann übernahm die Versorgung des Kleinen und schickte mich umgehend auf die Wöchnerinnenstation – dorthin, wo die frischgebackenen Mütter normalerweise liegen, wenn es bei der Geburt keine Komplikationen gab.

Und hier stand ich nun. An einem hohen Tresen, dahinter eine kompetente, aber sehr beschäftigte Schwester. Ich hatte einen kleinen Zettel dabei, auf dem ich mir in der Nacht notiert hatte, was ich brauchte. Sie sah mich an und sagte: „Es tut mir sehr leid, aber ich darf Ihnen gar nichts geben. Sie haben sich doch gestern selbst von der Station entlassen. Sie gelten jetzt als Begleitperson.”

Ihre Worte hallten dumpf in meinem Kopf, dann war da nur noch ein großes Rauschen und ich spürte, wie es mir die Kehle zuschnürte. Es war dieser Moment der Ohnmacht, in dem sich die Welt in Watte hüllt. Watte auf den Augen, auf den Ohren, auf dem Mund, Watte, die mich plötzlich von der normalen Welt trennte. Zu groß und unbegreiflich waren diese neuen Gefühle, die mich als Mama überrollten. Diese tiefe Liebe, die zermürbende Sorge, die scheinbar unendlich große Verantwortung, die jetzt auf meinen Schultern lag. Dazu mein geschwächter Körper, der an seine Grenzen gelangte – und niemand, der sich dafür zu interessieren schien.

Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, ich heule auch bei einer Merci-Werbung. Mit einer offenen Wunde in der Mitte des Körpers war das allerdings etwas anderes. Ich fühlte mich so verletzlich wie noch nie zuvor und wünschte mir dringend jemanden, der sich um mich kümmern würde.

„Wir kriegen das alles hin“

Ich sagte der Krankenschwester stotternd, dass es mir leid tun würde und mir nicht bewusst gewesen war, dass ich mich quasi selbst von der Wöchnerinnen-Station entlassen hatte. Meine Beine wurden weich. Die Schwester bemerkte meine Rat- und Hilflosigkeit und fragte, was ich denn am dringendsten brauchen würde. Ich schluchzte: „Ein paar Binden wären vielleicht nicht schlecht.” Mitten im Satz brach meine Stimme.

Doch zum Glück gibt es sie da draußen, die guten Menschen. Die Krankenschwester war einer davon. In Sekundenschnelle packte sie mich und zog mich in einen Nebenraum. „So, Liebchen. Wir kriegen das alles hin. Ich finde das ja auch total unmenschlich, diese Regelung. Gib mal her.” Sie schnappte sich meinen kleinen, zerknitterten Zettel und schaffte es tatsächlich, meine Notizen zu entziffern. Dann versorgte sie mich – heimlich und entgegen der Vorschriften – blitzschnell mit allen Dingen, die ich brauchte. Ich weiß nicht mehr genau, was ich in dieser Situation gemacht habe. Aber ich denke, ich habe die Schwester die ganze Zeit mit großen Augen und offenem Mund angestarrt. Zum Schluss fragte sie mich noch, ob ich etwas gegen den Babyblues haben möchte. Ich lehnte ab und kroch dankbar davon.

Wenn man sich wohlfühlt, funktioniert der Körper automatisch

Als wir nach vier Tagen nach Hause kamen, erzählte ich der Hebamme von meiner Erfahrung mit der Krankenhausbürokratie und meinem Gefühlchaos. Sie schob mich sofort ins Schlafzimmer und verordnete mir 14 Tage Bettruhe, ohne Widerrede. Dafür war ich sehr dankbar. Ab dann lief plötzlich alles ganz einfach: Ich konnte schlafen, ich konnte stillen, alles war schön. Alle waren glücklich und fühlten sich wohl. Wenn man sich sicher und verstanden fühlt, funktioniert der Körper automatisch.

Wenn ich heute über die ganze Situation im Krankenhaus und meiner damaligen Gefühlswelt nachdenke, fühle ich sofort die Leere, die sie in mir ausgelöst hat. Für einen kurzen Moment hatte ich mich komplett verloren. Mit ein wenig Abstand betrachtet, wäre es auch kein Problem gewesen, all die Dinge unten in der Krankenhausapotheke zu erstehen. Aber auf die Idee bin ich gar nicht gekommen. Ich befand mich im Ausnahmezustand und musste funktionieren.

Alles, was ich brauchte, waren ein paar Eisentabletten, Binden und diese furchtbar praktischen Netzschlüpfer. Umso erbärmlicher erschien es mir, sogar darum noch bitten zu müssen. Eine Grundversorgung mit Arznei und Hygieneartikeln war schließlich das Mindeste, was ich als frisch gebackene Mama vom Krankenhaus meiner Wahl erwartete. Es gibt tausend Dinge, um die man sich sorgt. Zuletzt um sich selbst.

Nicht nur das Kind wird geboren, sondern auch die Mama

So dankbar ich auch bin, dass wir ein Krankenhaus mit Kinderstation ausgesucht hatten, auf der unser kleiner Neuankömmling wirklich professionell umsorgt wurde, so erschüttert bin ich über das System dahinter, das fernab jeder Logik kaum Menschlichkeit zulässt. Als Tochter einer Pflegekraft kenne ich theoretisch diese kaum tragbaren Zustände und weiß, wie sehr das Personal darunter leidet. Zu wenige Hebammen wollen noch im Kreissaal arbeiten. Zu viele Hebammen müssen dort Aufgaben übernehmen, die sie von ihrer eigentlichen Bestimmung abhalten und sie sogar zwingen, entgegen ihrer Überzeugungen zu handeln.

Ich bin davon überzeugt, dass es mir besser gegangen wäre, wenn dieses System nicht nur „gerade so” funktionieren würde, sondern den Pflegekräften Arbeitsbedingungen schafft, unter denen sie – neben der medizinischen Versorgung – auch auf Mutter und Kind eingehen können. Damit wäre allen Seiten geholfen. Nicht nur das Kind wird geboren, sondern auch die Mama.

Nach der Geburt braucht man auch als Frau weiter Unterstützung. Es hilft ungemein, wenn jemand nachfragt, wie es der Mutter geht. Und nicht nur: „Wie geht's dem Baby?“ Eine einfühlsame Betreuung kann eine riesengroße Bedeutung einnehmen. Wir reden hier über die Entstehung von Leben. Und „nur”, weil es ja schon unzählige Frauen vorher „überlebt” haben, heißt das nicht, dass wir kein Recht darauf haben, human behandelt zu werden – im wohl größten Ausnahmezustand unseres Lebens, in dem wir auf liebevolle Unterstützung angewiesen sind.


Wer mehr von Luise lesen will: Sie schreibt den Blog Konfettiherz. Dort ist dieser Text in einer kürzeren Version erschienen.

Dieser Text ist Teil der Serie „Was ich wirklich denke“ von Theresa Bäuerlein. Darin lässt sie Menschen zu Wort kommen, die interessante Berufe haben oder in herausfordernden oder besonderen Lebenssituation stecken. Trifft das auf dich zu und willst du davon erzählen? Dann melde dich unter: theresa@krautreporter.de

Corinna Mayer hat den Text bearbeitet, Esther Göbel hat ihn gegengelesen. Bildredaktion Martin Gommel (Aufmacherfoto: iStock / lolostock), Schlussredaktion Vera Fröhlich.