Ich bewachte den Grenzzaun – und im Mittelmeer ertranken Flüchtlinge

Ich bewachte den Grenzzaun – und im Mittelmeer ertranken Flüchtlinge

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Ich hatte die „Deutsche“ an der Kette, und zwar gleich an meinem zweiten Tag an der Grenze. „Deutsche“ oder „Deutsche Nummer“ nannte man die Wache von zwei bis vier Uhr nachts, weil sie am anstrengendsten war. Kette nannte man den Grenzübergang. Eigentlich gar keine Kette, sondern eine Linie. Ein weißer Strich auf der Straße. Bis hierhin Griechenland, danach die Türkei. „Von da an ist nur noch Allah“, sagte uns der Hauptmann zur Begrüßung und zeigte auf die Minarette auf der türkischen Seite, die wie Speerspitzen über den Bäumen hervorstachen.

Evros, die nordöstlichste Region Griechenlands, wo ich meinen Militärdienst leistete, sieht eher aus wie eine brandenburgische Flusslandschaft und hat wenig von der sonnenverwöhnten Küste Griechenlands.

Flüsse, Moore und nicht enden wollende Felder bestimmen das Bild der Region. Der gleichnamige Fluss Evros (Türkisch: Meriç) markiert seit 1923 die Grenze zur Türkei, die heute auch die Außengrenze der Europäischen Union ist.

Nur auf einem kleinen Abschnitt vor der türkischen Großstadt Edirne fließt der Fluss vollständig auf türkischer Seite. Dort errichtete Griechenland 2012 einen Grenzzaun, um den Strom illegaler Migranten nach Europa zu stoppen. 6.000 Kubikmeter Beton, 800 Tonnen Stahl, 20.700 Meter Drahtgeflecht, 140.000 Meter Stacheldraht und 210.000 Meter Draht winden sich durch 10,5 Kilometer der nordgriechischen Landschaft. Diesen Zaun sollte ich jetzt bewachen.

Während vor seiner Errichtung in manchen Nächten bis zu 400 Flüchtlinge über diesen Korridor nach Griechenland kamen, ist die Zahl seither um 90 Prozent zurückgegangen. Gleichzeitig vervielfachte sich schlagartig die Zahl der Flüchtlinge, die über die Ägäis kamen.

Meine erste Nachtwache an der Grenze

Die zwei Stunden der „Deutschen Nummer“ wollten einfach nicht vergehen. Manisch blickte ich alle paar Minuten auf meine Uhr. Hinter mir schimmerte das Mondlicht auf den Stacheldrahtrollen des allgegenwärtigen Grenzzauns. Noch 15 Minuten bis zum Wachwechsel. Waffe wegsperren, pinkeln, umziehen, hinlegen, hoffen, dass der Geruch von Schweiß und nassen Socken diesmal nicht ganz so schlimm ist. Mit ein wenig Glück würde ich noch eineinhalb Stunden schlafen können, bis uns der Trompetenweckruf um 6 Uhr aus dem Bett reißen würde.

Doch plötzlich hörte ich ein Rascheln im Gras. „Halt!“, rief ich lautstark, um meine eigene Angst zu verbergen.

Unterhalb der Straße, keine zehn Meter von mir, standen auf griechischer Seite drei Männer in nassen Klamotten mit erhobenen Händen. Stumm und ängstlich blickten sie mich an.

„Du Angsthase“, lachte mich Nikos aus, der Feldwebel, mit dem ich Wache schob. „Das sind doch nur Flüchtlinge.“

„Und was, bitte, sollen wir mit ihnen machen?“, stotterte ich.

„Du sprichst doch so viele Sprachen. Rede mit ihnen.“

Die drei Männer guckten uns verdutzt an. Allesamt um die 50, mit dicken Schnurrbärten und runden, freundlichen Gesichtern. Auf Englisch bat ich sie, ihre Hände wieder runterzunehmen. Einer aus der Gruppe erklärte in derselben Sprache, sie seien Syrer und über den Fluss gekommen und durch den Wald gelaufen. Die Schleuser hätten ihnen Geld und Papiere genommen. Sie wollten gar nicht weiter, bloß zurück in die Türkei, um ihre Sachen zu holen.

„Keine Chance“, sagte Nikos. Meine Aufgabe war es, sie zu beruhigen, damit er über Funk die Grenzpolizei informieren konnte. „Lass sie nicht aus den Augen!“ Die drei dachten auch gar nicht daran davonzulaufen. Hätten sie es getan, weiß ich nicht, ob und wie wir sie hätten aufhalten können.

Unser Wachwechsel kam wenige Minuten später und mit ihm die Polizei. „Wohin werden sie gebracht?“, fragte ich besorgt, während die drei Syrer in einen Polizeibus stiegen. „Ist nicht unsere Zuständigkeit, Kleiner“, antwortete Nikos, „hast du aber gut gemacht. Willkommen in Evros.”

Lieber Militär als Callcenter

„Erscheinen Sie bitte am 13.09.2014 um 09.00 Uhr morgens im 124. Grundausbildungslager in Tripoli”, stand auf dem roten Papier, das mir ein Polizist vor meiner Haustür übergab. Es lief mir kalt den Rücken hinunter. Hätte ich nicht verweigern können? Na ja, verweigern ist in Griechenland immer noch schwer. Aber irgendeine Ausrede, um sich als untauglich einstufen zu lassen, hätte sich bestimmt finden lassen. Psychologische Probleme, Depressionen, Selbstmordgedanken. Alte, bewährte Tricks, die schon seit geraumer Zeit in solchen Fällen angewandt werden und meistens funktionieren.

Ich wäre nicht der einzige gewesen, der sich vor dem Militärdienst drückt, um sein Leben frei und unbefangen zu genießen. Nur war mein ziviles Leben zu dem Zeitpunkt nicht gerade so berauschend, dass ich unbedingt damit hätte weitermachen wollen. Um die Wahrheit zu sagen: Es war beschissen. Mein Jurastudium ging den Bach runter, und ich sehnte mich nach irgendeinem Grund, alles stehen und liegen zu lassen und neu anzufangen.

Und Freiheit? Nach knapp drei Jahren in einem Callcenter in Athen, für fünf Euro die Stunde, wusste ich nicht mehr so recht, was Freiheit war und was ich damit anfangen sollte. Andere gehen auf Weltreise oder helfen bolivianischen Quinoa-Bauern; ich ging zur griechischen Armee.

Nach einem Monat im Rekruten-Camp auf der Peloponnes, wo ich lernte, unter allen möglichen Bedingungen auf die Toilette zu gehen, und drei Wochen in der Kraftfahrgrundausbildung in Ioannina, wo meine frisch gewonnene Toleranz in Bezug auf fehlende Hygienestandards nochmal an ihre Grenzen stieß, gingen wir die lange Fahrt zu unserem Dienstort an:

Evros. Ein Fluch- und Schimpfwort in der griechischen Sprache. Ein Ort der „ewigen Verbannung“ für all diejenigen, die keine Beziehungen haben, um an einen besseren Ort versetzt zu werden; deren Eltern nicht die richtigen Leute in der Armee, in der Kirche oder in der Politik kennen und ausgestoßen werden an den Rand des Landes, an die Grenze zur Türkei, um dort ihren obligatorischen Militärdienst zu verrichten.

In der Verbannung

So sah dann auch die Stimmung in unserem Mannschaftsbus aus, der früh morgens um vier Uhr die 650 Kilometer lange Reise von Ioannina zum Regionalbezirk Evros antrat. Überall betrübte Gesichter; ein 19-jähriger schluchzte vor sich hin. Ein anderer versuchte noch am Telefon verzweifelt, seine sofortige Versetzung nach Thessaloniki zu bewirken. Die meisten blickten nur deprimiert aus dem Fenster ins ewig Graue.

Ich war einer der wenigen Nutznießer dieser Versetzung, der die Reise gewissermaßen heiter anging, da ich genau aus dieser „gottverdammten” Gegend stamme. Obwohl ich nicht mehr als einige Sommer meines Lebens dort verbracht hatte, waren meine Eltern, mittlerweile Rentner, aus Stuttgart genau dorthin zurückgezogen. Somit konnte ich mich glücklich schätzen, dass man mich in der Nähe meines Elternhauses stationiert hatte.

Dorthin kam ich jedoch so gut wie nie. Ich wurde an eine Außenstelle direkt am Grenzzaun versetzt. Vor der kleinen Kaserne lag die Straße, die das griechische Dorf Kastanies mit der Großstadt Edirne verbindet.

Zwei Wachposten auf beiden Seiten und in der Mitte die weiße Linie. 200 Meter trennten uns vom türkischen Stützpunkt. Links von der Straße ein kleiner Wald bis hin zum Fluss, der dort wieder die Grenze bildete. Rechts davon fing der Grenzzaun an; ein drei Meter hohes Stahlgittergerüst mit messerscharfen Stacheldrahtrollen. 10,5 Kilometer wälzt sich dieses Ungeheuer durch die Landschaft Thrakiens, versehen mit Infrarotkameras und Wachtürmen; bewacht von Polizei- und Armeepatrouillien.

Das größte Loch in Europas Außengrenze

Dieser Korridor wurde vor dem Bau des Grenzzauns das größte Loch in Europas Außengrenze genannt. Für seine Bewachung entsandte selbst die EU europäische Grenzschützer von Frontex in die Region. Deutsche und österreichische Polizisten patrouillierten genauso die Felder und Moore des Evros wie ihre griechischen Kollegen. Laut der griechischen Polizei hatten hier 2011 insgesamt 54.974 Flüchtlinge illegal die Grenze überquert. Allein im Juli 2012 waren es 6.914 Menschen. Dann wurde mit dem Bau des Grenzzauns begonnen. Im November, als der Zaun fertig war, kamen nur noch 71 Menschen über die Grenze.

Festnahmen illegaler Migranten, griechische Landgrenze

(Quelle: Griechische Polizei)

Dem Anschein nach hatte der Grenzzaun seine Aufgabe erfüllt. Die griechische Regierung um die konservative Nea Dimokratia konnte in einem Klima des internationalen Argwohns, das durch die Finanzkrise entstanden war, einen Sieg einfahren. Niemand konnte das Mittelmeerland jetzt noch beschuldigen, dass es seine Grenzen nicht effektiv schützte. Doch scheinbar hatte niemand damit gerechnet, was als nächstes passieren würde.

Im darauffolgenden Jahr ließ sich der genau entgegengesetzte Trend auf den Inseln Griechenlands beobachten. Auf Lesbos stieg die Zahl der Flüchtlinge von 1.417 auf 3.793. Auf Samos von 1.066 auf 3.233. Und auf Chios schoss die Zahl der Flüchtlinge von 69 auf 1.560 hoch.

Der Zaun hatte seinen Auftrag an der Landesgrenze erfüllt, gleichzeitig aber zu einer Verlagerung der Flüchtlingsströme geführt. Sie kamen nun übers Meer. Immer häufiger brachten die Schleuser die Flüchtlinge über die Ägäis, und immer häufiger kenterten Boote – Menschen ertranken. Mehr als 10.000 Menschen sind seit 2014 auf ihrer Flucht nach Europa im Mittelmeer ertrunken. Der Zaun, als defensives Bollwerk konzipiert, wurde zu einer offensiven Waffe, die Menschen das Leben kostete.

Antirassist an der Grenze

Auch Ilias Aggelakoudis war dieser Meinung. Der 33 Jahre alte Gemeinderat aus Orestiada, der nächsten griechischen Stadt am Zaun, ist Mitglied der „Generalversammlung Stop Evros Wall” und Mitbegründer des Antirassistischen Festivals der nordgriechischen Region. Während ich „treuer Soldat“ die Grenze bewachte, stand Ilias mit hunderten Demonstranten 800 Meter entfernt im kleinen Grenzort Kastanies und forderte den Abriss des Grenzzauns. Dreimal versammelten sich die Aktivisten dort und wurden jedes Mal von der Polizei davon abgehalten, vor dem Zaun zu demonstrieren.

Demonstration »stop Evros wall«

privat

„Die Menschen in der Region wollten den Zaun“, vertraut mir Ilias an, als wir uns viele Monate nach meiner Entlassung unter Freunden treffen.

„Es gab ein paar kleine kriminellen Vorfälle, bei denen die Täter Flüchtlinge waren, wie Einbrüche in verlassene Häuser, um sich vor der Kälte zu schützen. Deswegen haben sich viele Einwohner der Region überreden lassen, dass der Grenzzaun eine gute Idee sei”, sagt er voller Entsetzen über seine – unsere – Landsleute.

„Dieser Zaun war Auslöser und Ausgangspunkt für alle anderen politischen Zäune, die später in Europa gebaut wurden“, fügt er hinzu. Aber was meinte er mit „politisch”? „Politisch sind diese Bauten, weil sie einen politischen Zweck erfüllen sollen, und der ist in diesem Fall die Abschreckung der Flüchtlinge um jeden Preis. Auch wenn der Preis Tote in der Ägäis sind.“ Ob man aber wirklich den Grenzzaun für die humanitäre Krise in der Ägäis verantwortlich machen könne, frage ich. Wenn es nach Ilias geht, ist die Antwort klar: „Die Ertrunkenen sind ein direktes Resultat dieses Zauns.“

Alarm in der Silvesternacht

Die Wochen am Grenzzaun vergingen so ereignis- wie trostlos. Die nächtlichen Wachen und Patrouillen wechselten sich mit erschöpften Stunden und einem Gefühl der Ausweglosigkeit ab. Die Kälte fraß sich in unsere Socken und unsere Kampfstiefel hinein. Tagsüber durfte niemand schlafen. Unsere Augenlider fielen beim Essen oder Sprechen einfach mal zu.

An Silvester hatten wir eine Flasche Whisky in die Kaserne geschmuggelt. Niemand sollte uns vom Feiern abhalten. Wir verfluchten unsere Vorgesetzten und lachten; unsere Witze waren so obszön wie lustig. Zehn Minuten vor dem Jahreswechsel fingen einige Tapfere gerade an, die verbliebenen Tage ihres Diensts zu zählen, als das Telefon klingelte. Es war die Wache an der Kette. Ein türkischer Deserteur sei auf unsere Seite übergelaufen. „Angeloudis, nimm deine Waffe, und runter mit dir“, brüllte der Hauptmann mich an. Ich war einer der ältesten in der Kompanie und sprach am besten Englisch, man vertraute mir. „Und pass auf, dass es keine Falle ist“, rief er mir hinterher.

Auf dem Weg stellte ich mir etliche Szenarien vor, diplomatische Konflikte und internationale Krisenpräventionen wurden ausverhandelt – doch statt eines türkischen Deserteurs fand ich nur einen jungen Mann in meinem Alter, der in der Winterkälte wie ein Blatt zitterte. Sein Blick war auf den Boden gerichtet, seine Lippen ganz blau. Er hatte die Arme verschränkt und umarmte sich selbst ganz innig fest. Seine nasse, blau-beige Collegejacke tropfte auf den Asphalt.

„Türk?“ fragte ich ihn zögerlich, aber er gab keine Antwort von sich. „English?“ Er zuckte nur kurz mit den Schultern. „Deutsch?“ – es kam nichts. Seine Nase und seine hohen Wangenknochen erinnerten mich an ein persisches Wandrelief. Nach kurzem Zögern fragte ich: „Farsi?“ Plötzlich strahlten seine Augen. Das Leben kehrte in sein Gesicht zurück. „Farsi, Farsi, baleh“, sagte er erschöpft.

Ich gab ihm ein Zeichen, dass er mit mir mitkommen solle. Wir gingen die 50 Meter zur Kaserne gemeinsam. Der Hauptmann wartete bereits am Eingang: „Die Polizei ist informiert, das kann aber noch dauern. Solange muss er draußen warten. Wir können ihn nicht reinlassen.“ Die anderen Soldaten hatten sich bereits um den iranischen Flüchtling versammelt. „Der Mann ist klitschnass. Wenn wir ihn nicht reinlassen, erfriert er“, forderte einer der Soldaten. „Da kann ich nichts machen, das ist gegen die Regeln. Ein Flüchtling darf keine Armeekaserne betreten“, zischte der Hauptmann verzweifelt.

Ein 20-jähriger brachte dem Iraner eine Decke, zwei Jungs von der Kompanie gaben ihm einen Schal, eine Wollmütze und ein Paar Handschuhe, ein anderer kochte Tee. Nach einer halben Stunde gab selbst der Hauptmann nach. Der Iraner durfte in die Diele, um sich dort etwas aufzuwärmen. Still saß er da und nippte an seinem Tee. Er verlor kein Wort. Wir warfen ihm nur kurze verlegene Blicke zu. Reden wollten wir nicht mehr, nicht mit ihm, nicht unter uns. Erst zwei Stunden später kam die Polizei.

Wahlkampf am Grenzzaun

Obwohl das Jahr 2015 trübe begonnen hatte, lag Anfang Januar Aufbruchsstimmung in der Luft. Ein reges Kommen und Gehen von Kommandanten und Generälen an unserem Grenzposten signalisierte den bevorstehenden Wahlkampf. Griechenland wählte, wir mussten das Grenzlager auf Hochglanz bringen, um den griechischen Ministerpräsidenten Antonis Samaras zu empfangen. Nachdem wir ihn an der Kette begrüßten, stellte er sich vor das stolzeste Werk seiner Amtsperiode und verkündete freudig:

Ministerpräsident Antonis Samaras grüßt mich an der Kette

privat

„Das ist der Zaun, den manche abreißen möchten, weil sie meinen, dass illegale Migranten einfach einreisen sollen und wir ihnen obendrauf noch die Staatsangehörigkeit und Zugang zu unseren Versicherungskassen und unserer Gesundheitsfürsorge geben müssen. So etwas wird das griechische Volk nicht zulassen.“

Gemeint war Syriza, die linke Oppositionspartei. Dass das desolate griechische Gesundheitssystem während seiner Amtszeit bereits drei Millionen Nicht-Versicherte zählte, fiel Samaras nicht ein. Drei Wochen danach gewann Syriza die Wahl. Der Grenzzaun, den die neue griechische Regierung eigentlich ersetzen wollte, blieb stehen. Die EU mahnte: Griechenland soll seine Grenzen effektiv schützen. Aus Deutschland kamen vermehrt Stimmen, die auf einen Rauswurf des Landes aus der Schengenraum bestanden.

Wo Syriza nicht handeln wollte, handelte der mächtige Fluss Evros. Im Februar riss der überflutete Strom Löcher in das Bollwerk. Seitenflüsse verwandelten sich in reißende Ströme. Ganze Landstriche verschwanden unter dem grauen Gewässer, und selbst unser kleines Grenzlager wurde von den Wassermassen bedroht. Wir mussten unseren Grenzposten evakuieren und wurden zurück zum Stützpunkt versetzt.

Überfluteter Fluss Evros

Der Zaun wurde repariert, die Grenzposten wieder in Betrieb genommen, doch meine Zeit am Zaun war vorbei.

Ein letztes Mal zurück

Auf den extrem kalten Winter folgte ein sanfter März. Der Tag meiner Entlassung näherte sich, und obwohl ich zurück zum Stützpunkt versetzt wurde und nur noch Dienst im Büro schob, wollte ich die Grenze ein letztes Mal sehen. Ich sprang für einen Kollegen ein und fuhr mit einem Feldwebel im Geländewagen zum Zaun.

Der Wachturm lag auf einem kleinen Hügel. Darunter stand ich alleine in der warmen Nachmittagssonne. Von dieser Erhöhung aus konnte man das ganze Tal sehen. Mein Blick schweifte lange über die vor mir liegende Grenze. Ich betrachtete die Vögel, wie sie unbekümmert einmal hierhin, einmal dorthin flogen. Der Zaun in der Mitte war wie ein Spiegel. Wachturm links, Wachturm rechts, Felder links, Felder rechts.

Der große Horizont und der Sonnenschein hatten mir die trübe Stimmung der letzten Monate genommen. Wie ein Antikörper gegen mein freudloses uniformiertes Ich überfiel mich eine plötzliche Euphorie. Ich stellte mein Gewehr zur Seite und legte mich in die Sonne. Es fehlt nur noch eins, um vollkommen glücklich zu sein, dachte ich. Aus dem Lautstärker meines Handys sang Bob Dylan bis in die Türkei:

... I saw a room full of men with their hammers a-bleedin'
I saw a white ladder all covered with water
I saw ten thousand talkers whose tongues were all broken
I saw guns and sharp swords in the hands of young children
And it's a hard, and it's a hard, it's a hard, it's a hard
And it's a hard rain's a-gonna fall …

Ende März wurde ich entlassen. Da ich den Großteil meines Lebens in Deutschland verbracht hatte, musste ich nur einen verkürzten Militärdienst leisten. Nur einige Monate später, im Sommer 2015, kulminierte die Flüchtlingskrise im Mittelmeer. 876.232 Flüchtlinge kamen nach Griechenland; nur 3.713 davon über den Evros. Täglich sah ich die Bilder von Menschen in Seenot, gekenterte Boote, Leichen, die an den Stränden lagen. Oft, besonders nachts, fragte ich mich, wie ich so etwas mitverantworten konnte.

Eineinhalb Jahre später flüchtete auch ich, oder vielmehr: Ich verließ als freier Mensch die Aussichtslosigkeit meines krisengeplagten Landes. Die Schuld nahm ich mit.


Redaktion: Christian Gesellmann; Produktion: Theresa Bäuerlein; Bildredaktion Martin Gommel; Schlussredaktion: Vera Fröhlich.