Abtreibung in Polen

„Manche Frauen schieben sich einen Draht in die Gebärmutter“

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Herr Doktor Rudzinski, man kann Sie persönlich unter einer Handy-Hotline erreichen, deren Nummer im Internet zu finden ist – wie viele Anrufe von Frauen aus Polen haben Sie in den letzten vier Tagen erhalten?

Ich schätze so 50 bis 60, allein heute dürften es 30 bis 40 gewesen sein. Ich bin gar nicht imstande, zeitlich alle Anfragen zu bedienen, wir führen in unserer Klinik, abgesehen von Abtreibungen, ja auch noch alle anderen gynäkologischen Operationen durch, dazu plastische Eingriffe wie Brustvergrößerungen und -verkleinerungen, oder onkologische Operationen. Ich kann in einer Woche vielleicht 20 Schwangerschaftsabbrüche vornehmen – aber allein heute waren 22 Frauen aus Polen zu einem Termin da. Neun davon wegen einer Abtreibung.

Puh, das ist viel. Wieso kommen all diese Frauen zu Ihnen?

Vielleicht spielt meine Herkunft eine Rolle. Ich stamme ja selbst auch aus Polen. Die Frauen haben deswegen vielleicht von Anfang an mehr Vertrauen zu mir. Die Anzahl derer, die aus Polen rüberkommen, um eine Abtreibung machen zu lassen, ist aber nicht erst in den vergangenen Jahren so stark angewachsen, also seit die Stimmung im Land und auch die Regierung immer konservativer wurden.

Wann darf man laut des Abtreibungsgesetztes in Polen einen Abbruch vornehmen lassen?

Eigentlich gar nicht, eine Abtreibung aus sozialen Gründen ist verboten. Es gibt nur drei Ausnahmen, wann ein Abbruch erlaubt ist: Wenn pränatale Untersuchungen eine unheilbare Krankheit oder schwere und unumkehrbare fetale Behinderungen zeigen, wenn eine Frau durch eine Vergewaltigung schwanger geworden ist, oder wenn das Leben der Frau durch die Schwangerschaft bedroht wird.

Aber viele Ärzte wollen auch unter diesen Umständen keinen Abbruch durchführen. Sie haben Angst. Weil die, die es machen, in der Öffentlichkeit als Mörder diffamiert und manche sogar physisch angegriffen werden. Und weil sie strafrechtlich belangt werden können. Manche Ärzte weigern sich auch, die Pille als Verhütungsmittel zu verschreiben, oder die „Pille danach“.

Wurden Sie schon einmal öffentlich diffamiert oder angegriffen?

Nein, mir persönlich ist das noch nicht passiert. Aber gegen mich hat mal jemand Strafanzeige gestellt, Günter Annen aus Weinheim, ein Abtreibungsgegner, der die Initiative „Nie wieder! e.V.“ leitet. Weil ich angeblich Werbung für Abtreibungen machen würde. Was natürlich nicht stimmt. Das Verfahren wurde eingestellt. Aber dieser Verein organisiert auch Mahnwachen vor Praxen und Krankenhäusern, Annen betreibt die Homepage „babycaust.de“ – auf der er abtreibende Frauen als Mörderinnen diffamiert und Abtreibungen tatsächlich mit dem Holocaust gleichsetzt werden.

„Wenn eine Polin kein Geld hat für eine Abtreibung, macht sie es selbst”

Bleiben wir lieber bei den Frauen selbst: Was macht eine Polin, die schwanger ist und das Kind aus ganz persönlichen Gründen nicht möchte? Eigentlich bleiben ihr doch nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie geht ins Ausland, um abzutreiben – oder sie macht es illegal.

Ich schätze, drei Viertel aller Eingriffe in Polen werden illegal gemacht. Natürlich sind die Preise angestiegen, seit die Ärzte so viel Angst haben. In einer Kleinstadt in Polen kostet eine Abtreibung auf dem Schwarzmarkt etwa 5.000 Zloty, das sind rund 1.200 Euro. In Warschau 10.000 bis 15.000. Viele Frauen fahren nach Deutschland, aber auch in die Slowakei oder nach Holland, weil eine Frau dort bis zur 17. Woche oder sogar noch in der 21. Woche abtreiben darf.

Was, wenn ich kein Geld habe, um in die Niederlande zu fahren oder nach Deutschland? Und in Polen keinen Arzt finde, der einen Abbruch durchführen will. Wer macht es dann?

Dann müssen die Frauen es selbst machen.

Und wie machen sie das?

Die Frauen benutzen mechanische Mittel. Oder sie bestellen im Internet Medikamente, die eigentlich zur Behandlung von Magengeschwüren verwendet werden. Als Nebenwirkungen entstehen starke Gebärmutterkontraktionen, die dann zu einer Abtreibung führen können. Ich schätze, drei Viertel der Patientinnen, die für eine operative Abtreibung zu uns kommen, haben vorher schon diese Pillen genommen, aber der Fötus ist nicht abgegangen. Manche Frauen denken das jedoch, weil sie starke Blutungen in Folge der Tabletten bekommen. Und dann stellen sie in der 18. oder 20. Woche fest, dass sie noch immer schwanger sind. Manche fahren dann noch nach Holland, weil in solch einem späten Stadium eine Abtreibung auch in Deutschland nicht mehr erlaubt ist. Aber nicht alle Frauen machen das. Für sie ist es dann zu spät.

Welche neurologischen Schäden von den Tabletten bei dem Kind zurückbleiben werden, wissen sie nicht. Ich gehe davon aus, dass in der Zukunft viele Kinder in Polen mit einer neurologischen Behinderung auf die Welt kommen werden. Ohne einen Arm oder ein Bein kann man im Zweifel leben, aber ein Baby, das einen neurologischen Schaden davongetragen hat, wird möglichweise niemals Mama oder Papa kennenlernen.

Nehmen wir an, eine Frau hat früh genug gemerkt, dass sie ungewollt schwanger geworden ist, entscheidet sich für einen Abbruch, möchte das auf einem sicheren Weg tun und kann sich das auch leisten. Sagen wir also, sie möchte zu Ihnen nach Prenzlau kommen. Wie läuft das Prozedere dann ab?

Sie können nicht einfach vorbeikommen, man braucht einen Bescheid, der belegt, dass man eine psychologische Beratung in Deutschland durchlaufen hat. Die Frauen können bei uns anrufen, und wir helfen dabei, einen Beratungstermin zu bekommen. Dann müssen die Frauen hinfahren und das Angebot wahrnehmen. Danach können sie sich mit dem Schein wieder bei uns melden und bekommen natürlich einen Termin für eine operative Entfernung. Wenn es aber noch sehr früh ist in der Schwangerschaft, können wir auch eine pharmakologische Abtreibung durchführen.

„Ich hatte auch schon polnische Regierungsmitarbeiterinnen in der Klinik”

Welche Frauen kommen zu ihnen? Ist das eine bestimmte Klientel oder quer durch alle Schichten?

Ganz verschiedene Frauen, von der Verkäuferin bis zur Schauspielerin, von der jungen Frau bis zur mehrfachen Mutter, die einfach kein weiteres Kind mehr möchte. Wir hatten aber auch schon polnische Regierungsvertreterinnen hier. Oder Frauen, die bereits Mütter waren und sich in einer solch ausweglosen Situation wiederfanden, dass sie das Kindergeld, das sie vom Staat bekommen haben – 500 Zloty pro Monat – letztlich benutzten, um die Abtreibung eines weiteren Kindes mitzufinanzieren. Nicht, weil sie das so geplant hatten – sondern weil sie sich die Abtreibung sonst nicht hätten leisten können.

Die Frauen bezahlen ihre Abtreibung im Ausland mit dem Geld, das die Regierung ihnen gegeben hat, um einen Anreiz für mehr Kinder zu schaffen und große Familien zu unterstützen?

Ja, genau.

Das klingt wie ein Witz! Die Regierung bezahlt die Abtreibung, die sie doch unbedingt verhindern will.

Es ist aber wahr. Das ist ein Kollateralschaden.

Gibt es auch Frauen, bei denen sie eine Abtreibung verweigern?

Wenn eine Frau mit ihrer Schwangerschaft noch innerhalb der Zwölf-Wochen-Grenze liegt, sich bewusst und sicher für eine Abtreibung entschieden hat und jenen Schein vorzeigen kann, der das psychologische Beratungsgespräch bezeugt – wieso sollte ich dann einen Abbruch verweigern? Ich fühle mich verpflichtet. Die Frauen erwarten diese Hilfe. Und wenn man sie ihnen verweigert, finden sie eben einen anderen Weg, der aber oft lebensbedrohlich sein kann.

Ich verstehe mich auch als Frauenrechtler, der gegen die starke Einschränkung von Frauenrechten in Polen kämpft; ich habe selbst zwei erwachsene Töchter. Alle kommunalen Krankenhäuser in Deutschland führen Abtreibungen durch, trotzdem wird öffentlich selten darüber gesprochen. Ich stehe zu dem, was ich tue.

Gibt es Kollegen, die zu Ihnen sagen: „Ich verstehe einfach nicht, wieso du das machst!“

Eigentlich nicht. In Deutschland wurde ich von Kollegen noch nicht angegriffen. Aber wir haben ein neues Problem: Einige junge Ärzte aus Polen, die wegen der besseren Löhne lieber in Deutschland als in Polen arbeiten wollen – und die die Haltung der polnischen Konservativen vertreten und diese gerne nach Deutschland importieren würden. Die sind dann generell gegen die Pille, gegen Sex vor der Ehe, gegen einen Schwangerschaftsabbruch. Sie weigern sich, eine Narkose für einen operativen Abbruch zu geben und arbeiten dann in anderen Fachbereichen als Anästhesisten. Aber das geht natürlich nicht.

Wenn ich mir das alles so anhöre, wirkt es auf mich, als würde es für Polinnen immer schwieriger, frei und selbstbestimmt zu entscheiden. Es ist ja die eine Sache, wenn ein Arzt eine Abtreibung verweigert. Aber es ist nochmal etwas ganz anderes, wenn auch eine Verhütung verweigert wird, also beispielsweise die Pille.

Manche polnischen Ärzte geben noch nicht einmal die nötigen Informationen von Ärzten oder Kliniken im Ausland weiter, wo die Frauen einen Abbruch durchführen lassen können. Denn würden sie einer Patientin zum Beispiel meine Nummer aufschreiben, könnte die Frau mit diesem handgeschriebenen Zettel zur Staatsanwaltschaft laufen – und der Arzt hätte sich strafbar gemacht. Wenn die Frauen in einer solchen Situation Glück haben, zeigt der Arzt ihnen in der Praxis eine ausländische Adresse oder Telefonnummer im Internet – und drückt ihnen einen Stift in die Hand, so dass sie die Nummer selbst aufschreiben können.

„Gott ist weit weg und barmherzig – der Priester ist es nicht”

Wie groß ist die Angst der Frauen, dass andere von einer Abtreibung erfahren könnten?

Bei manchen ist die Angst schon sehr groß. Die katholische Kirche hat einen sehr starken Einfluss in Polen. Manchmal frage ich die Frauen, die zu mir kommen: „Haben Sie Angst vorm Priester?“ „Ja!“, sagen sie dann. Und wenn ich weiter frage: „Haben Sie denn keine Angst vor Gott?“, dann sagen die Frauen: „Ach, Gott ist weit weg und barmherzig, außerdem weiß man nicht, ob er existiert. Aber der Priester ist da – und er ist nicht barmherzig."

Wenn der Einfluss der katholischen Kirche so groß ist, wie sieht es dann bei dem Thema sexuelle Aufklärung aus? Das wäre ja vielleicht ein Weg, um unerwünschte Schwangerschaften bei sehr jungen Frauen zu verhindern.

Es gibt kaum sexuelle Aufklärung. Stattdessen wird Sex vor der Ehe verteufelt und Enthaltsamkeit gepredigt.

2016 gab es in Polen eine Initiative, die nochmals eine Verschärfung des sowieso schon strengen Abtreibungsgesetzes forderte, die Abtreibungen nämlich gänzlich verbieten wollte ...

Die wurde ja dann nicht umgesetzt. Aber man weiß nicht, ob diese Verschärfung nicht doch eines Tages noch durchgeht. Im Sejm, einer der beiden Kammern der polnischen Nationalversammlung, wurde erst am 14. Januar, also vor ein paar Tagen, ein Gesetzesentwurf eingebracht, der fordert, eine Abtreibung auch bei den drei genannten Ausnahmen zu verbieten. Polen hat ein Problem mit seiner Rechtstaatlichkeit, das ist ja bekannt. Vielleicht ist es aber auch so, dass das Sanktionsverfahren der EU gegen Polen abschreckend wirkt.

Warten Sie, das heißt, wenn dieser Gesetzesentwurf durchgeht, ist eine Abtreibung überhaupt nicht mehr erlaubt?

Ja, genau.

Was denken Sie darüber?

Das ist eine Katastrophe! Wie im Mittelalter!

Offenbar sehen das aber nicht alle in der polnischen Bevölkerung so. Die Initiative zur Verschärfung des Gesetzes, die ich eben ansprach, kam nämlich eben nicht von der Regierung – sondern aus dem Volk. Mehrere Hunderttausend Menschen unterschrieben eine Petition. Das ist doch verwunderlich. Wie kann das sein?

Das ist die katholische Kirche! Die machen ordentlich Stimmung, zum Beispiel ja auch gegen Migranten. Seit 1990 ist der Einfluss der Kirche sehr stark gewachsen. Als ich anfing, als Gynäkologe zu arbeiten, war das noch anders. Da wurden ganz normal Abtreibungen durchgeführt, die waren ziemlich häufig. Da wurde gar nicht lange diskutiert.

Sie arbeiten schon seit Jahrzehnten als Gynäkologe – gibt es einen Fall, der ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Vor einem Jahr etwa rief mich eine Frau aus Polen an und sagte, sie habe gerade unheimliche Bauchschmerzen und fast 40 Grad Fieber. Sie sei schwanger und habe sich einen Draht in die Gebärmutter geschoben, um einen Abbruch durchzuführen. Ich sagte ihr, sie müsse sofort ins Krankenhaus fahren, dass sie sonst sterben könnte, weil sie vielleicht eine Infektion hat. Ich weiß aber nicht, wie die Geschichte ausgegangen ist. Ich habe nie mehr von der Frau gehört.


Doktor Janusz Rudzinski arbeitet seit 52 Jahren als Gynäkologe. Er könnte längst im Ruhestand sein, bleibt seinem Beruf aber aus Leidenschaft treu. Seit 2007 ist er Leiter der Abteilung Gynäkologische Onkologie, Spezielle operative Gynäkologie und Ästhetische Chirurgie des Krankenhauses Prenzlau in Brandenburg.

Produktion: Susan Mücke; Redaktion: Theresa Bäuerlein; Fotoredaktion: Martin Gommel (Aufmacherbild: unsplash / Fischer Twins); Schlussredaktion: Vera Fröhlich.