Die Sterbebegleiterin

„Der Tod ist wie eine Geburt in die andere Richtung”

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Eine Leiche zu sehen, das ist für viele Menschen eine Horrorvorstellung. Für mich war das früher auch so. Gleichzeitig habe ich mich immer für den Tod interessiert, weil ich Antworten wollte. Weil ich weder meinen Mann sehen durfte, als er starb, noch meinen Vater, noch meinen Opa oder meine Oma. Es gab nie einen Abschied. Ich wollte wissen: Wie ist das, wenn jemand stirbt? Wie sieht der Tod aus?

Mein Mann ist bei einem Arbeitsunfall umgekommen, als ich Anfang zwanzig war, das war noch in der DDR. Er starb in der Notaufnahme im Krankenhaus, man hat mich nicht mehr zu ihm gelassen. Ein paar Jahre früher hatte mein Vater sich das Leben genommen. Als ich davon erfuhr, lag er schon im Beerdigungsinstitut hinter verschlossenen Türen. Eine Aufbahrung hätte sich damals niemand getraut. Von meinem Vater sah ich also nur noch die Urne. Als meine Großeltern starben, war ich in einer anderen Stadt. Meine Mutter hatte schon die Beerdigung organisiert, als ich ankam.

Ich habe mich nie verabschieden können, habe wichtige Menschen verloren, aber keinen einzigen Toten gesehen. Bis ich begonnen habe, im Hospiz zu arbeiten.

Kein Job für Menschen mit Helfersyndrom

Es fing damit an, dass ich im Fernsehen eine Sendung über ein Kinderhospiz sah. Eigentlich ein sehr trauriges Thema, aber etwas an der Atmosphäre, die der Beitrag einfing, erwischte mich. Das Hospiz war kein Krankenhaus, sondern ein schöner Ort, der seltsamerweise sehr heil zu sein schien. Da wusste ich, dass ich das auch machen will, Sterbebegleitung. Nicht mit Kindern, das würde ich nicht aushalten. Aber dieser Film hat mich richtig aufgewühlt. Sofort am nächsten Tag rief ich beim staatlichen Hospizverein an und sagte, dass ich ehrenamtlich als Sterbebegleiterin arbeiten wollte.

Der Einstieg war einfach: Erst gab es einen Termin mit einer Koordinatorin, die prüfte, ob ich emotional geeignet sei für diesen Job. Als nächstes habe ich über vier Wochenenden einen Grundkurs gemacht. Dabei wurden wir darüber aufgeklärt, wie Sterbeprozesse ablaufen, welche Symptome dabei auftauchen. Viele Sterbende atmen zum Beispiel unruhig, ganz typisch ist auch das Lungenbrodeln. Das hört sich an, wie wenn ein Topf kocht. Das ist ganz normal in den letzten Stunden, aber wenn man nicht weiß, was das ist, kriegt man Angst. Wir haben auch gelernt, wie man mit Sterbenden überhaupt umgeht.

Du sollst die Patienten, die im Hospiz „Gäste" heißen, nicht um jeden Preis noch zum Tun bewegen, zum Basteln oder Liedersingen oder reden. Du sollst auch nicht auf die Sterbenden runtergucken, sondern dich hinsetzen, wenn du mit ihnen redest. Ganz einfache Dinge also, die man aber wissen muss. Als ich mit dem Kurs fertig war, begleitete mich die Koordinatorin ins Hospiz und führte mich in die Arbeit ein.

Trotz der Ausbildung hatte ich total Angst, dass ich etwas falsch machen könnte. Ich scheute mich vor den Sterbenden und wusste ja auch nicht, was mich genau erwarten würde.

Es gibt ja Sterbende, die sehen ganz normal aus, aber andere sind bis aufs Skelett abgemagert oder haben offene Tumore im Gesicht. Mein erster Fall war ein älterer Herr, dessen Sterbeprozess schon sehr fortgeschritten war. Nierenkrebs im Endstadium. Aufstehen konnte er nicht mehr, aber geistig war er noch wach. Ich war sehr nervös, als ich in sein Zimmer kam. „Ich bin Frau S. vom Ehrenamt, möchten sie Gesellschaft?", fragte ich. Ich hatte gelernt, dass man sofort rausgehen muss, wenn jemand dann „Nein” sagt. Man muss überhaupt sehr viel Respekt vor den Wünschen der Sterbenden haben und sein eigenes Ego dabei komplett zurückfahren.

Sterbende wollen nicht über den Tod reden

Dieser erste Herr war aber dankbar, dass ich da war, er wollte nicht alleine sein. Wir haben eine Stunde geredet, einfach über dies und das, nichts Tiefes. Das habe ich später immer wieder erfahren: Die meisten Sterbenden wollen über alles reden, nur nicht über den Tod. Sie verdrängen es bis zur letzten Minute und sprechen bis zum Ende nicht darüber. Dabei weiß jeder, der ins Hospiz kommt, dass er stirbt. Aber Sterbebegleiter sind zum Zuhören da, nicht zum Missionieren. Wir dürfen keine Ratschläge erteilen, außer wir werden gefragt. Es geht darum, dass wir dem Sterbenden schlicht das geben, was er oder sie braucht. Wenn es sein muss und ein Gast sich das wünscht, würde ich auch aus dem Koran vorlesen, oder Marx.

Mein alter Herr und ich haben hauptsächlich über Essen geredet. Vom Grießbrei aus seiner Kindheit, und dass er morgens immer zwei weichgekochte Eier braucht. Zum Schluss hatte ich meine Scheu ganz verloren und habe ihn noch umarmt. Danach habe ich ihn nie mehr wiedergesehen, denn als ich in der Woche darauf wiederkam, war er schon gestorben. So schnell geht das manchmal.

Das ist jetzt vier Jahre her, seit jenem ersten Tag gehe ich einmal die Woche ins Hospiz, immer Mittwochvormittags. Es ist noch nie passiert, dass ich keine Lust hatte. Manche Menschen habe ich monatelang begleitet, andere waren in der nächsten Woche weg, wie dieser erste Gast.

Die Krankenkasse hat die Macht

Die Bettwache gehört mit zu meinen liebsten Tätigkeiten im Hospiz. Da sitze ich stundenlang bei Menschen, die schon bewusstlos sind. Man muss keinen Smalltalk mehr machen und ist total an der Essenz dran. An dem, was ein Mensch in seinem Kern ist. Die Menschen sind dann wie Babys, das ist wie eine Geburt in die andere Richtung. Ich begleite sie das letzte Stück. Bei der Bettwache kann man schöne Dinge machen, Synchronatmen zum Beispiel: Ich sitze dann daneben, halte die Hand des Sterbenden und atme ruhig und ganz laut. Irgendwann passt der Atmen des Sterbenden sich an meinen an. Dann werden sie ruhiger.

Ich habe gelernt, dass die Menschen ganz verschieden sterben. So unterschiedlich, wie jemand lebt, so stirbt er auch. Ich habe den Eindruck, dass die, die ihr Leben geordnet haben, wo nichts ungelöst ist, eher friedlich einschlafen. Andere wehren sich bis zuletzt, sie toben regelrecht im Bett, reißen sich bewusstlos noch die Windeln ab. Manche warten und kämpfen auch noch lange, weil sie auf ihre Angehörigen warten, die dann nicht kommen, weil Streit in der Familie ist. So etwas ist ganz schlimm.

Mit das Schwierigste für mich war die Erfahrung mit einem Mann Ende 50, der einen Gehirntumor hatte, wodurch bei meinen Gast das Sättigungsgefühl gestört war. Dazu kam auch noch ein Bronchialkarzinom. Der Mann wog über 100 Kilo und hat wie eine Fontäne Schleim ausgehustet, der nach altem Nikotin roch. Wir mussten immer daneben sitzen und ihm den Mund abwischen. Das war grenzwertig. Er war aber ein lieber Mensch, und es tat mir sehr weh, ihn so leiden zu sehen. Er hat immer von der DDR geschwärmt, und ich wusste, dass er nach der Wende nicht gut klargekommen war. Um ihm eine letzte Freude zu machen, habe ich mich überwunden und ihm alle DDR- und FDJ-Kinderlieder vorgesungen, die ich noch kannte. Da hat er sich wirklich beruhigt.

Es ist auch schonmal passiert, dass jemand nicht gestorben ist und das Hospiz verlassen musste. Das kann ganz schlimm für die Gäste sein. Denn die Krankenkasse hat die Macht darüber, wie lange jemand im Hospiz bleibt. Die durchschnittliche Verweildauer ist drei Wochen, danach muss der Antrag immer wieder verlängert werden, und die Kasse entscheidet von Fall zu Fall, ob der Patient bleiben darf. Eine Frau hat einmal verzweifelt zu mir gesagt: „Ich kann doch nichts dafür, dass ich nicht sterbe!”

Oft haben solche Patienten schon ihre Wohnung aufgegeben und können nirgends mehr hin. Bei jüngeren Menschen ist die Kasse ein bisschen toleranter, die älteren kommen dann ins Pflegeheim. Aber das passiert zum Glück selten – nur drei Mal in den vier Jahren, die ich im Hospiz gearbeitet habe, ist mir so etwas untergekommen.

Die Mutter umarmte ihn, als er starb

Max war der Sterbende, der mich am meisten berührt hat. Er war so alt wie meine Tochter, 27, und hatte einen Hirntumor, der aufs Rückenmark drückte. Alle im Hospiz liebten ihn. Er war der erste, auf dem ich meine Körper-Tambura ausprobiert habe, das ist ein therapeutisches Musikinstrument mit 28 Seiten aus ganz leichtem Holz, das man direkt auf den Körper auflegen kann. Wenn man Tambura spielt, entsteht so eine Art Klangteppich. Das kann unglaublich entspannend und angstlösend sein.

Max lachte erst, als ich damit ankam, weil er eigentlich auf Heavy Metal stand. Ich sagte, AC/DC könne ich mit dem Ding leider nicht spielen. Dann bekam er Angst, dass er das Instrument von sich runterschmeißen würde, weil er des Tumors wegen so zitterte. Aber als ich spielte, war er wie ein Baby, tiefenentspannt und ganz ruhig. Danach erzählte er, was ihm für Bilder durch den Kopf gegangen waren, während ich auf der Tambura spielte. Er liebte sie. Noch eine Stunde vor seinem Tod war ich bei ihm, spielte – und heulte Rotz und Wasser dabei. Er starb ganz friedlich. Seine Mama lag dabei mit ihm im Bett und umarmte ihn.

Nach seinem Tod kümmerte ich mich noch ein bisschen um seine Mutter, und wenn wir uns heute zufällig in der Stadt begegnen, drücken wir uns immer noch. Natürlich sind solche Erfahrungen sehr emotional für mich, aber das schadet ja nicht. Ich kann ja mit den anderen Sterbebegleitern darüber reden. Und auch mit den Pflegern und Schwestern. Bei Max heulten wir alle – gemeinsam.

Normalerweise werde ich mit dem Tod der Gäste aber gut fertig. Es fühlt sich ja nicht so an, als würde ein Angehöriger sterben. Wenn es vorbei ist, gehe ich spazieren – und dann mittagessen, das bringt mich wieder ins Leben.

Mittlerweile habe ich viele tote Menschen gesehen, meist sehen sie ganz friedlich aus, wenn der Kampf vorbei ist. Ich kann wirklich jedem Menschen empfehlen, sich mit dem Sterben zu konfrontieren, weil man den Tod dadurch auch begreift. Zurück bleibt wirklich nur noch eine Hülle, da ist kein Leben mehr drin. Diesen Frieden zu erleben, ist auch für die Angehörigen wichtig. Ich bitte sie immer, noch eine Viertelstunde am Bett sitzen zu bleiben. Das ist nicht wie im Krankenhaus, wo man gleich die Schwester holt. Im Hospiz kriegen die Leute ganz viel Zeit sich zu verabschieden, in einer heilen und geschützten Atmosphäre.

Vor dem Sterben habe ich trotz all dieser Erfahrungen immer noch Angst. Weil ich nicht weiß, wie es sein wird. Ich sehe ja auch die, die sich quälen. Aber vor dem Tod selbst fürchte ich mich gar nicht mehr. Ich habe mich so sehr damit auseinandergesetzt, dass ich jetzt intensiver lebe. Wenn ich gesund bin, genieße ich das doppelt und dreifach.

(Name geändert)


Dieser Text ist Teil meiner Serie „Was ich wirklich denke“, in der ich Menschen zu Wort kommen lasse, die interessante Berufe haben oder in herausfordernden oder besonderen Lebenssituation sind. Trifft das auf dich zu und willst du davon erzählen? Dann melde dich unter: theresa@krautreporter.de

Esther Göbel hat beim Erarbeiten des Textes geholfen; Vera Fröhlich hat gegengelesen; Martin Gommel hat das Aufmacherbild ausgesucht (unsplash / Gaetano Cessati).