Krautreporter

Rauskommen und fast ankommen

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  • Zahlen aktualisiert 22. Oktober, 23:17 Uhr
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Der Januar ist ein farbloser Nachrichtenmonat. Normalerweise. In diesem Jahr aber berichtete am 8. Januar „Zeit Online“ in einer Vorabmeldung des einen Tag später erscheinenden Wochenblattes: Der ehemalige Fußball-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger, inzwischen 32 Jahre alt, erklärt, er sei schwul. Überfällig, unerwartet, überwältigend, alles auf einmal. Eine Woche lange beherrschte Hitzlsperger den Talk der Republik.

Er war vorgewarnt, wenn auch nicht mit direkter Ansprache. Im Mai 2011 hatte die lesbische Schauspielerin Ulrike Folkerts Profifußballern geraten, sich ein Coming-out gut zu überlegen. Das Gezerre an dem ersten schwulen Kicker könne furchtbar werden. Auch Nationalspieler Philipp Lahm befürchtete im selben Jahr noch herbe Sprüche von der Tribüne und aus der Kabine für denjenigen, der als erster aus dem Schrank komme – wie es so prosaisch auf Englisch heißt.

Der Tenor: So eine Offenbarung hätte berufliche Konsequenzen. Für alle Menschen, die im Rampenlicht stehen. Sportler, Musiker, Schauspieler, Geschäftsleute, Politiker. Ein Karriereknick sei unvermeidlich. „Wenn Sie zur Karriere auch die Entwicklung zum Werbeträger zählen, könnte es Probleme geben“, hatte Thomas Hitzlsperger im Januar der „Zeit“ gesagt. Gern hätten wir mit ihm oder Schauspieler Clemens Schick, der im September sein Coming-out verkündete, darüber geredet. Ist die Auftragslage schlechter geworden? Müssen sie um ihre Laufbahn bangen? Sind Sponsoren, Regisseure oder Kollegen nun vorsichtiger?

In Hintergrundgesprächen war genau das ein schlagendes Argument. Manager von Schauspielern sagten am Telefon: Wenn der sich outet, kriegt er keine Rollen mehr! Oder fragten sehr ruppig nach: Wer sagt, dass der und der schwul ist?

Stefan Baudy - Flickr (CC BY-SA 2.0)

Thomas Hitzlsperger ist nicht erreichbar. Er twittert, mal aus London, mal aus San Francisco, mal aus Berlin. Die Pressearbeit betreut eine Anwaltskanzlei in der Schweiz – als gehe es um eine justiziable Angelegenheit. Fast sechs Tage braucht das Büro, um eine Antwort zu schicken:

Herr Hitzlsperger möchte sich zum Coming-out nur gezielt und so wenig wie möglich äußern. Er ist grundsätzlich der Ansicht, dass er bereits gesagt hat, was es zu sagen gibt.

Das schreibt Veronique Kirchner aus dem Advokaturbüro Daniel Jaccard und André Gross in Bern, historisches Zentrum, Christoffelgasse 7.

Erst nach einer zweiten Anfrage hatte das Büro aus der Schweiz zurückgeschrieben - mit dem Hinweis, dass Herr Hitzlsperger immer zwei bis drei Tage brauche, um auf eine E-Mail zu antworten. In der Anfrage hatte ich explizit geschrieben, dass ich nicht nach dem Coming-out fragen möchte, sondern nach der beruflichen Lage danach.

Also eine Ferndiagnose. Für den Ex-Profisportler hat sich der Schritt ausgezahlt. Er ist Sympathieträger, ein vermutlich bekannteres Gesicht als zuvor in seiner Kicker-Karriere, analysierte im Sommer als ZDF-Experte die Fußball-Weltmeisterschaft mit und erhielt Auszeichnungen wie „Typ des Jahres“ von der Fußballzeitschrift „11Freunde“ – wo er nach der WM als Praktikant arbeitete. Vom Sportplatz zur Expertencouch: Thomas Hitzlsperger ist eine Medienperson geworden.

Alles scheint so normal ... und doch will niemand zitiert werden

Clemens Schick tut nach wie vor das, was er am besten kann: in die Haut von anderen schlüpfen. Er hat früher viel Theater in Deutschland gespielt, war einer von Daniel Craigs Gegenspielern im Bond-Abenteuer „Casino Royale“ (2006) und wirkt derzeit in internationalen wie heimischen Produktionen mit. Über das Thema Homosexualität im Filmgeschäft möchte auch der 42-Jährige nicht mehr reden, das habe er mit seinen beiden Interviews in der „Gala“ und in „Männer“ ein für alle Mal erledigt. Ein Blick in die Filmdatenbank IMDB verrät, dass der Berliner dieses Jahr mit Anthony Hopkins und Edgar Ramirez („Carlos“) gedreht und zurzeit für einen Film mit Heike Makatsch vor der Kamera steht. Keine Klagen, nirgends.

Der Film mit Hopkins heißt Autobahn, Ben Kingsley und Felicity Jones (gerade im Stephen-Hawking-Biopic „The Theory of Everything“ zu sehen) spielen ebenfalls mit, einen Starttermin gibt es noch nicht. „Point Break“ mit Edgar Ramirez ist eine Wiederauflage des Blockbusters „Gefährliche Brandung“(1991) mit Keanu Reeves und Patrick Swayze. Da gibt es schon eine Startmeldung: Ab dem 20. August soll er in den deutschen Kinos laufen.

Alles scheint so normal geworden, Frau mit Frau, Mann mit Mann, und doch will niemand zitiert werden. Wenn nun plötzlich 100 Homosexuelle aus dem Schatten der Umkleidekabinen, Schauspieler-Trailer und Musikstudios hervortreten würden, ja, das wäre eine andere Sache, dann würde die eine Stimme untergehen im Chor der Geschichten, aber als Einzelmeinung fühlen sich die wenigen Promis lauter als sie sein möchten. Also lieber Klappe halten.

Clemens Schick und Thomas Hitzlsperger haben ja jedes Recht dazu. Der Ansturm danach, den muss man aushalten können, die manchmal blöden Nachfragen verkraften. Wie war das denn in der Gemeinschaftsdusche? Als der US-amerikanische Fußballspieler Robbie Rogers sich 2013 im britischen „Guardian“ outete, hängte er vorsichtshalber erstmal seine Karriere an den Nagel und tauchte unter. Einige Monate später heuerte er bei den Galaxy Rangers in Los Angeles an, er hat angeblich diese Saison so gut gespielt, dass er von Trainer Jürgen Klinsmann für den Kader der US-Nationalmannschaft in Erwägung gezogen wird.

Der australische Schwimmstar und mehrfache Olympiasieger Ian Thorpe gab in einem Fernsehinterview zu, Männer zu lieben. Der erst 19-jährige Rennrodelfahrer John Fennell aus Kanada, der an der Winterolympiade in Sotschi teilnahm, tat es ebenso. Der neuseeländische Olympia-Ruderer Robbie Manson traute sich, seine Liebe zum gleichen Geschlecht publik zu machen.

Die Website Outsports ging in ihrer Analyse des Jahres 2014 so weit, den homosexuellen Sportler an sich auszuzeichnen - und forderte das renommierte US-Magazin „Sports Illustrated“ dazu auf, den Mut der Aktiven in ihrer Wahl für die Sportler des Jahres zu berücksichtigen. Den Aufruf gibt es hier.

Noch nicht jeder will das Private als Politikum leben

Wie steht es in Hollywood? Schauspieler sympathisieren dort zwar mit der gleichgeschlechtlichen Ehe, doch im Filmgeschäft gibt es wenige, die sie tatsächlich leben. Anders sieht es im Fernsehen aus – nicht nur innovative Stoffe verfilmen TV-Sender wie HBO, ABC oder Showtime, bei ihnen dürfen Hauptdarsteller offen homosexuell sein.

Neil Patrick Harris hat jahrelang einen Hetero-Schwerenöter in „How I Met Your Mother“ gespielt und mit seinem Partner Zwillinge großgezogen. Im Februar wird er die nächste Oscar-Verleihung moderieren. In der Nerd-Comedy „The Big Bang Theory“ spielt Jim Parsons einen aseptischen Verklemmten, in der Öffentlichkeit versteckt er sein Schwulsein nicht. Matt Bomer wurde durch die Krimiserie „White Collar“ als knallharter Meisterdieb bekannt und lebt mit Mann und drei Söhnen in Los Angeles.

Jim Parsons hat im August 2014 eine saftige Gehaltserhöhung bekommen. Zusammen mit den Schauspielern Kaley Cucuo und Johnny Galecki erhält er für die nächsten drei Staffeln „The Big Bang Theory“ eine Million Dollar pro halbstündige Folge. Davor erhielten die Darsteller 'nur' 325.000 Dollar pro Episode.

In der Geschäftswelt erregte dieses Jahr der ehemalige Chef von British Petrol Aufsehen. Lord John Browne veröffentlichte in Großbritannien seine Memoiren unter dem Titel „The Glass Closet“ – so bezeichnet man die Situation, wenn zwar jeder weiß, dass der andere homosexuell ist, aber niemand das thematisiert. Browne ermutigt andere CEO, dieses Zwitterdasein hinter sich zu lassen, auf der Website glasscloset.org sammelt er ähnliche Geschichten aus der Businesswelt. Er schreibt: „Ich wünschte, ich wäre mutig genug gewesen, mich früher während meiner Amtszeit als Vorstandsvorsitzender zu outen. Ich bedaure dies bis heute.“

Ich empfehle den Besuch auf der Website. Eine der gesammelten Geschichten stammt vom Deutschen Daniel Sprich, der seine Erfahrungen aus dem deutschen Mittelstand wiedergibt: „Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps.“ Er findet, es gebe keine Sensibilisierung für LGBT-Themen. Vielleicht arbeitet er deshalb als Systems Advisor bei BP, wo auch Lord Browne war. Hier seine Story.

Und in Deutschland? Wir sagen, jeder darf sein, wie er ist. Noch nicht jeder hat den Mut dazu. Noch nicht jeder will das Private als Politikum leben. Weil das Berufliche beschädigt werden könnte. Wir hatten bisher Hape Kerkeling, Guido Maria Kretschmer und Harald Glööckler als Vorbilder. Jetzt kommen ein Ex-Fußballer, den manche „The Hammer“ nannten, und ein Schauspieler, der eine starke physische Präsenz hat, hinzu. Wie heißt doch Thomas Hitzlspergers Twitter-Status nochmal: „It Gets Better.“

Womit ich nichts gegen Kerkeling und Co. sagen möchte, aber sie erfüllen ein bestimmtes Klischee von Homosexuellen, von dem sich viele nicht bedroht fühlen - lustig, leicht bis schwer tuntig. Schick und Hitzlsperger hingegen verkörpern einen anderen Typus, maskuliner und kantiger, der tatsächlich ein Nachdenken über Rollenklischees anstößt.


Aufmacherfoto: Guillaume Paumier, Flickr, (CC BY 2.0)