Drogen

Wie wir Heroin-Tote verhindern können

etwa 9 Min. Lesedauer

Am Stuttgarter Platz in Berlin steht ein weißes Wohnmobil. Ein Mann um die 40, unauffällig, schwarzes Haar klopft an die Tür, sie öffnet sich und er steigt ein. Drinnen: Zwei verspiegelte Tische, so breit wie ein Unterarm, darauf Kanister für gebrauchte Spritzen, schwarze Klappsessel, sonst alles medizinisch weiß. Vier Menschen können hier gleichzeitig auf engstem Raum Drogen nehmen. Eine ganze Stunde bleibt der Mann im weißen Auto. In dieser Zeit setzt er sich zwei Schüsse.

Das umgebaute Wohnmobil gehört dem Verein Fixpunkt, seit 2003 fährt es den „Stutti“ an und bietet Süchtigen einen ruhigen Platz zum Konsumieren. Innen riecht es streng. „Das ist die neue Plastikabdichtung”, sagt Sozialarbeiter Matthias Frötschl. Er arbeitet seit 13 Jahren beim Fixpunkt-Projekt in Charlottenburg.

Frötschl ist ein geduldiger Typ mit schwarzer Kappe, Lederjacke und Zigarette, der gerne von seiner Arbeit erzählt. „Viele, die zu uns kommen, haben schon mit 13, 14 Jahren angefangen mit den Drogen. Das sind meistens wirklich schwierige Karrieren, die haben Gewalt erfahren, sind traumatisiert. Möglicherweise gab es schon im Elternhaus Alkohol und Drogen.” In der Pubertät, sagt er, fingen die Jugendlichen dann auch damit an.

Saubere Spritzen und Hilfsangebot für die Süchtigen

An diesem Herbsttag klopfen vor allem ältere Männer an die Tür des Konsummobils. Direkt davor geparkt steht noch ein zweiter Wagen, das Präventionsmobil. Ein alter Mann mit dunkelblauer Jacke und zerknautschtem Gesicht zündet sich eine Zigarette an und torkelt erst nach links, dann nach rechts und schafft es schließlich zum Präventionsmobil. Aus dem Fenster reicht eine junge Sozialarbeiterin ihm eine Tüte. Es sieht aus, als würde der Mann bei einem Foodtruck bedient. Statt Essen bekommt er aber frische Spritzen.

Das Präventionsmobil ist für die für die Abhängigen genauso wichtig wie das Konsummobil. Sie finden dort Beratung, sauberes Spritzbesteck, Tee und Kaffee. Im Idealfall kommen die Menschen zum Spritzen in das Wohnmobil und fangen dort an, mit dem Personal zu plaudern. Die Sozialarbeiter wiederum verweisen sie auf das Präventionsmobil, wo der Süchtige sich Hilfe holen kann, wenn er möchte.

(Quelle: Bundeskriminalamt)

Seit 2012 sterben wieder immer mehr Menschen wegen Drogen. Davor ist die Zahl der Drogentoten lange gesunken. 1.333 Menschen sind 2016 laut Alternativem Drogen- und Suchtbericht in Deutschland gestorben, weil sie illegale Drogen genommen haben. Für die meisten Todesfälle sind Opioide wie Heroin verantwortlich – und das, obwohl diese Stoffe nur einen geringen Teil der konsumierten Drogen ausmachen.

Die Polizei dokumentiert als Todesursachen Vergiftungen durch Drogen, Langzeitfolgen, Suizide und Unfälle. Die meisten Toten gab es in Bayern, dort waren es 321, gefolgt von Nordrhein-Westfalen mit 204 Toten. Obwohl Nordrhein-Westfalen das Bundesland mit der größten Bevölkerung Deutschlands ist, gibt es dort weniger Drogentote als im Bundesland mit der zweithöchsten Bevölkerungszahl, nämlich in Bayern. Die Vermutung liegt nahe, dass der Grund in der bayerischen Drogenpolitik liegt. In Bayern gibt es bis heute keinen einzigen Drogenkonsumraum, Nordrhein-Westfalen hingegen hat zehn aktive Räume.

Das Fachpersonal kann Leben retten

Opioide wie Heroin sind besonders tückisch und lebensgefährlich, aber für sie gibt es ein Gegenmittel, den Stoff Naloxon. Das Fachpersonal im Drogenkonsumraum kann ihn verabreichen und so unmittelbar Leben retten, wenn ein Süchtiger eine Überdosis hat.

Viele Drogenabhängige leiden aber auch unter Infektionskrankheiten. Weil jeder, der im Raum konsumiert, frisches Spritzbesteck bekommt, sinkt das Risiko einer Ansteckung erheblich. Wie wichtig das ist, zeigt die Forschung des Robert Koch Instituts, das von 2011 bis 2015 Menschen untersucht hat, die sich Drogen spritzen. 44 Prozent von ihnen hatten eine akute, ansteckende Hepatitis C, die dringend hätte behandelt werden müssen.

Es ist kein Zufall, dass das Konsummobil in Berlin den Stuttgarter Platz anfährt. Der Park dort ist schon lange ein beliebter Ort bei Süchtigen. Vor allem im Sommer, wenn die Sträucher wuchern, kann man sich leicht dahinter verstecken und hat beim Spritzen halbwegs seine Ruhe. Danach lassen aber viele ihre Spritzen liegen. Um das zu verhindern, und damit bei einer Überdosis sofort Hilfe da ist, kommt das Konsummobil und bietet eine sichere Alternative. Zumindest vier Stunden am Tag, von Montag bis Freitag.

Sozialarbeiter Matthias Frötschl vor seinem umgebauten Wohnmobil

Lisa Wölfl

„Konsumräume bedeuten eine absolute Verbesserung für unser Klientel“, sagt Sozialarbeiter Matthias Frötschl. „Man konsumiert nicht in der Öffentlichkeit, weil man Spaß daran hat, sondern aus der Not heraus. Die meisten Klienten sind wohnungslos. In kalten Jahreszeiten kann es dann auch passieren, dass Leute in Hauseingängen und Kellerräumen konsumieren. Wenn bei uns um 18 Uhr der Rollladen fällt, wird derjenige nicht bis zum nächsten Tag warten. Damit ist die Öffentlichkeit weiter belastet.”

Innerhalb der „Druckräume” sind Drogen erlaubt

Die rechtliche Lage ist verzwickt. Drogenpolitik ist Ländersache. Im Jahr 2000 hat der Bund zwar ein Gesetz beschlossen, das den Besitz von Drogen innerhalb der Konsumräume erlaubt. Damit ein Raum aber eröffnet werden kann, muss das Land eine Verordnung erlassen. Solche Verordnungen gibt es nur in sechs der 16 Bundesländer. Das bedeutet, dass in zehn Ländern Abhängige oft keine andere Wahl haben, als ihrer Sucht in der Öffentlichkeit nachzugehen.

Außerhalb der Konsumräume ist der Besitz von Drogen wie Heroin weiterhin strafbar. Das stellt die Polizei vor eine Herausforderung. Denn die Personen, die einen Konsumraum ansteuern, haben mit hoher Wahrscheinlichkeit Drogen dabei und machen sich damit strafbar. Wenn die Polizei die Klienten filzt, widerspricht das aber dem Konzept der Schutzräume.

In Berlin gibt es daher eine Abmachung zwischen dem Verein Fixpunkt und der Polizei: Klienten werden nicht kontrolliert. „Die Polizei hat Interesse daran, dass solche sozialarbeiterischen Angebote wahrgenommen werden, und möchte das nicht torpedieren“, sagt die Berliner Drogenbeauftragte Christine Köhler-Azara. In Berlin sei es ohnehin nicht üblich, die Konsumenten zu kontrollieren. Die Polizei verfolge eher die Hintermänner.

Auch Konsumräume lösen die Probleme nicht komplett

Manche Länder scheuen vor den Konsumräumen zurück, weil sie befürchten, dass sich um sie herum offene Drogenszenen bilden. In Berlin zumindest sei das nicht passiert, sagt Köhler-Azara. Die Drogenpolitik in Berlin ist darauf ausgerichtet, die Sozialarbeiter dorthin zu schicken, wo das Problem ohnehin schon besteht.

Dagegen halten die Konservativen in Bayern die Polizei weiterhin für das richtige Mittel, um Drogen zu bekämpfen. Sie bleiben bei der Null-Toleranz-Politik. Bernhard Seidenath, Vorsitzender des CSU-Arbeitskreises für Gesundheit und Pflege, erklärte:
„Wenn wir nicht diese harte Linie fahren und ein Auge zudrücken würden, dann würden viel mehr Menschen es einmal ausprobieren: ‚Ach, ist ja nicht so wild, kannst ja mal machen, läufst ja nicht Gefahr.‘ Ich glaube, dass das ein viel größerer Anreiz wäre, diese illegale Droge einmal auszuprobieren.”

Tatsächlich sind Drogenkonsumräume sogar eine Möglichkeit, die Öffentlichkeit zu entlasten. Drogenabhängige gehen sonst oft in Parks und City-Toiletten. Nicht alle entsorgen nach dem Spritzen ihr Zubehör, und das ist gefährlich. Wenn ein Großteil des Konsums in dafür vorgesehenen Räumen stattfindet, löst sich das Problem der benutzten Spritzen fast von alleine. Parks und Spielplätze bleiben meist sauber.

Noch ist es allerdings nicht so weit. „Wir können nicht sämtliche Konsumvorgänge der Stadt in Drogenkonsumräume ziehen. Dafür reichen die Ressourcen einfach nicht aus“, sagt Köhler-Azara. In Zukunft soll sich die Lage etwas verbessern. Bei den Ende 2017 beendeten Haushaltsverhandlungen der Stadt handelte Köhler-Azara mehr Geld für längere Öffnungszeiten aus.

Aber wenn ein Süchtiger eine angenehmere Möglichkeit serviert bekommt, um seine Drogen zu nehmen, warum sollte er dann aufhören? Bei dieser Frage lacht Heino Stöver, Professor für sozialwissenschaftliche Suchtforschung in Frankfurt, am Telefon kurz auf. Gemütlich findet er die Konsummobile nicht. „Man kommt sich darin vor wie im Schlachthof, weil die Räume leicht abwaschbar sein müssen“, sagt er.

Seit 2008 ist der 61 Jahre alte Wissenschaftler Vorsitzender von „Akzept”. Der Verein will laut seiner Webseite „Friedensstifter im Drogenkrieg” sein. Die Konsumräume machen im Sucht-Hotspot Frankfurt am Main nachweislich einen großen Unterschied, erklärt Stöver: „Wir haben etwa 10.000 Opioid-Abhängige und letztes Jahr 25 Drogentote in Frankfurt. München hat eine ähnlich hohe Zahl an Abhängigen, aber 150 Drogentote im Jahr. Dieser Unterschied ist auf die Drogenkonsumräume zurückzuführen”, sagt er.

In Frankfurt wurden 100 Menschenleben gerettet

4.500 Menschen nutzen die Drogenkonsumräume in Frankfurt pro Jahr, 200.000 Konsumvorgänge wurden gezählt. Im Jahr 2017 gab es etwa 400 Drogennotfälle, von denen keiner tödlich endete, weil die Fachkräfte rasch eingeschritten sind. „Ganz konservativ gehe ich davon aus, dass dadurch mindestens 100 Menschenleben gerettet worden sind”, sagt Stöver.

Der erste deutsche Konsumraum wurde 1994 in Hamburg eröffnet, sechs Jahre, bevor überhaupt die gesetzliche Grundlage dafür geschaffen wurde. Schon in den 70ern gab es Projekte, die den Konsum von Drogen in bestehende Einrichtungen integrieren sollte, um die Klienten vor strafrechtlicher Verfolgung zu schützen. In den 80ern gab es weitere Projekte, etwa zum Spritzentausch. Das ist kein Zufall: In dieser Zeit breitete sich das Aids-Virus gefährlich schnell aus. Menschen, die sich Drogen spritzen, waren einem extrem hohen Ansteckungsrisiko ausgesetzt.

„Viele Innovationen sind direkt rückführbar auf die HIV-Krise“, sagt Stöver, „Bei den Drogenkonsumräumen kommt noch dazu, dass die Senkung der Drogentoten von großer Bedeutung war. Anfang der 90er gab es die Höchstzahlen.“

Die Konsumenten vor gepanschter Ware schützen

Sollen alle Drogen legalisiert werden? „Ich bin für die Regulierung von Drogen”, sagt Stöver. „Das böse L-Wort würde ich nicht in den Mund nehmen. So, wie die Situation jetzt ist, übernimmt einzig und allein der Schwarzmarkt eine Form von Regulierung. Wir müssen einen Weg finden, das clever zu machen. Schlechter als jetzt kann es nicht werden. Der Dealer am Eck fragt nicht, ob jemand schon 18 Jahre alt ist. Es gibt keinen Jugendschutz, keinen Verbraucherschutz, es gibt gepanschte Ware.“

Klar ist, dass niemand plötzlich weniger süchtig ist, weil die Umstände immer schwieriger werden. Die Konsumräume sind aber ein wirksames Mittel, um Menschenleben zu retten und die Öffentlichkeit zu schützen. Städte wie München tun ihrer Bevölkerung folglich nichts Gutes, wenn sie die Süchtigen in Parks und Seitenstraßen abdrängen. Die Bundesregierung hat die rechtliche Grundlage für Konsumräume geschaffen – es liegt an den Ländern, sie auch zu nutzen.


Christian Gesellmann hat bei der Erarbeitung des Textes geholfen; Theresa Bäuerlein hat gegengelesen; das Aufmacherbild hat Martin Gommel ausgesucht (iStock / brazzo).