Jahresrückblick

Elf Dinge, die wir in diesem Jahr von unseren Lesern gelernt haben

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1. Alternative Heilmethoden können helfen, auch wenn ihre Wirkungsweise falsch erklärt wird

Zusammen mit dem Astrophysiker Jakob Herpich hat unsere Autorin Susan Mücke den Schluss gezogen: Menschliche Energiefelder existieren nicht. Eine Leserin war durch „Harmonisierung von Energiefeldern” geheilt worden – wie funktioniert das?

Wolfgang K. erklärte uns das so:

Naturheilverfahren sind halt ‚Erfahrungsmedizin‘. TCM, Ayurveda, Homöopathie usw. haben sich in der praktischen Anwendung bewährt, ohne nach modernen analytischen Methoden nachgewiesen zu werden.
Die Qualität des Arztes oder Therapeuten ergibt sich aus der Abwägung und Benennung von Nutzen und Grenzen ... Hauptsache, der Patient wird gesund.

Und Jakob Herpich selbst kommentierte:

Es ist auch nicht ausgeschlossen, dass alternative Heilverfahren den Patienten helfen. Meistens beruhen sie jedoch auf pseudowissenschaftlichen Argumentationen. Das bedeutet ja nicht, dass sie nichts bringen. Es bedeutet nur, dass – falls sie wirken sollten – sie es nicht so tun, wie die Urheber behaupten.

2. Manchmal müssen wir einfach mal die Klappe halten!

Seit 17 Jahren verbringt der Künstler Jens Risch seine Tage damit, Knoten in hauchdünne Seidenfäden zu knüpfen. Unserer Autorin Esther Göbel versichert er, glücklicher könne er nicht sein.

Steven S. schreibt dazu:

In dem Interview steckt viel drin: die Bedeutung der Stille. Können wir ganz still werden, und wo landen wir dann? Was kommt hervor, was zeigt sich, wenn die ganze Geschäftigkeit einmal zum Erliegen kommt? Worauf kommt es dann an? Das führt unter anderem auch zu der Frage, was die Maßstäbe für ein erfülltes, sinnvolles, bedeutungsvolles oder gelungenes Leben sind. Was wollen wir eigentlich anstreben?

Und auch Harald S. zeigt uns, was wir aus dem Interview lernen können:

Ich habe oft Schwierigkeiten, Kunst für mich einzuordnen. Jens hat mit seinen Antworten, mit seiner Sicht auf das Leben – auch auf meins – ein kleines Fenster aufgemacht, durch das ich in Zukunft hin und wieder versuchen werde, auf die Welt zu schauen.

3. #metoo: Es reicht nicht, wenn nur Frauen sich wehren

Unter dem Hashtag #metoo berichten Frauen momentan in sozialen Netzwerken darüber, wie sie Opfer männlicher Sexualität geworden sind. KR-Autor Christian Gesellmann plädiert dafür, dass Frauen Männern öfter sagen, wenn sie Idioten sind.

Das allein hilft nicht, sagt Sabine M.:

Das einzige, was meines Erachtens wirklich hilft, ist, wenn die Männer, die es geschnallt haben, ihren Freunden/Kollegen etc. Kontra geben. Einfach mal nicht mitlachen, einfach mal sagen: „Ey, das war jetzt echt daneben.“ Die Situationen, wo das passiert ist, waren die einzigen, wo ich einen echten Haltungswechsel beim Belästiger erlebt habe. Wenn er sich grinsend nach Beifall heischend zu seinen Kumpels umschaut und da einer mit steinerner Miene zurückschaut und einfach nur genervt sagt: „Ey Alter ... echt nicht!“ Wirkt Wunder.

Anna Maria B. hält es auch nicht für hilfreich, als Frau die Männer anzugehen:

Männer, die sich wie Idioten verhalten, wollen das von Frauen nicht hören und glauben das auch nicht. Die Männer um uns herum glauben sowieso nicht wirklich, was einer Frau alles passieren kann. Als ich auf Facebook auch #metoo gepostet habe und meinem Freund erzählt habe, wie sich Männer im Bus oder im Park vor mir masturbiert haben, hat er zwei Mal nachgefragt, ob ich auch richtig gesehen hätte.

4. Stress im Bett ist für Männer ein echtes Thema

Ein Freund hat unserer Autorin Carolin Haentjes gebeichtet, dass ihn Sex ganz schön stresst. Und viele Kommentatoren geben (allerdings nicht mit vollem Namen) zu, dass es ihnen genauso geht. Das Gegenmittel: Reden.

Religionandpoet schreibt:

Ich kann von mir auf jeden Fall bestätigen, dass ich teilweise stark unter diesem Sex-Stress leide bzw. litt. Gerade dieses widersprüchliche Denken von Männlichkeit (bloß kein Macho sein, aber dann irgendwo doch „machohaft” sein müssen, um attraktiv/begehrenswert zu sein) ist mir sehr oft im Privaten begegnet. Daraus gelernt habe ich auf jeden Fall, wie in fast allen Bereichen des Lebens, dass Kommunikation das A und O ist.

Beluga macht das Anmachen Stress:

Für mich ist das Problem nicht unbedingt der Sex an sich, sondern der Weg dorthin. Es wird einem überall eingebläut, die Grenzen der Frauen zu respektieren. Das ist an sich richtig, die Sache ist nur, dass von einem als Mann gleichzeitig erwartet wird, bei einem Flirt die Initiative zu ergreifen. Ich will/muss also einerseits der Frau irgendwie offenbaren, dass ich auf sie abfahre, andererseits habe ich dabei immer Angst, eine von ihr empfundene Grenze zu überschreiten.

5. Es langt nicht, das Leben zu planen – denkt auch an das Sterben

Unsere Kollegin Sonja Gambon hat aufgeschrieben, warum Sterbehilfe für sie normal ist. Schließlich kommt sie aus der Schweiz, wo es nicht unüblich ist, Menschen beim Freitod zu helfen.

Martin N. weiß, dass das Thema Sterbehilfe die Menschen umtreibt:

Eine Patientin meinte mal zu mir: „Jedes Tier schläfert man ein, und Menschen lässt man leiden.” Das hat mich damals sehr nachdenklich gemacht. Warum wird das Einschläfern von Tieren als Akt der Barmherzigkeit gesehen und beim Menschen ganz andere Maßstäbe angesetzt?

Einen Weg in den Freitod, der keine Reise in die Schweiz erfordert, beschreibt Info:

Wenn man nicht mehr leben will, gibt es eine vergleichsweise viel einfachere Methode, „sich sterben zu lassen”: das sogenannte Sterbefasten. Wenn man eine Woche oder 10 Tage nichts gegessen und getrunken hat, stirbt man an Organversagen. Wichtig ist, dass man das gut vorbereitet und dafür sorgt, dass man möglichst rund um die Uhr betreut ist. Das wichtigste dabei ist die ständige Befeuchtung der Mundschleimhaut, denn Durstgefühle entstehen dort – nicht durch die Unterversorgung des Organismus. In den ersten Tagen ist es immer noch möglich, den Prozess abzubrechen oder zu unterbrechen, indem man wieder etwas trinkt.

5. Wenn wir schon bei dem Thema sind: Wann ist der Mensch tot?

Susan Mücke hat sich als Ko-Autor einen Mediziner (und Psychiater) gesucht, um die Frage zu klären: Wann stirbst du? Carsten Spannhuth ist sich sicher: „Eine Person, deren Hirntod festgestellt wurde, ist gestorben.”

Richard U. hat da begründete Zweifel:

Die Definition des Hirntods wurde eingeführt, um die Organentnahme an Menschen zu legitimieren, die sich aus biologischer Sicht noch im Sterbeprozess befinden. Durch die moderne Medizintechnik kann dieser Sterbeprozess bloß verlangsamt bzw. pausiert werden. Mich überzeugt die Argumentation des Arztes nicht, weil sich meines Erachtens das menschliche Leben nicht auf die Gehirnfunktion reduzieren lässt.

Corinna versetzt uns in die Situation von Freunden und Verwandten, denen der Hirntod eines geliebten Menschen mitgeteilt wird:

Meiner Meinung nach sollte man sich sehr darum bemühen, den Angehörigen die Situation zu erklären. Es ist in meinen Augen etwas zu einfach, wenn man sagt, die moderne Medizin lässt den Menschen rosig und lebendig aussehen; wenn wir hier einfach mal aufs Knöpfchen drücken würden, dann würde man schon sehen, wie schnell alle Lichter ausgeknipst sind.

7. Es gibt gute Gründe, eine kleine Partei zu wählen, selbst wenn sie nicht in den Bundestag kommt

Rund 1.200 Leser haben KR-Autor Rico Grimm geschrieben, warum sie die kleinen Parteien wie die Piraten, die Freien Wähler oder Die Partei wählen – und trotzdem nicht glauben, dass sie damit ihre Stimme verschenken. Die Tabelle mit den Antworten dieser Leser war für Rico „das interessanteste politische Dokument des Jahres". Seine Erkenntnisse hat er gleich in zwei Artikeln zusammengefasst: Warum Millionen Wähler ihre Stimme ganz bewusst „vergeudet” haben und So kannst du bei der Wahl politische Alternativen stärken.

Es gibt viele Gründe, kleine Parteien zu wählen - und einen übersieht man oft, weil er so unwichtig wirkt, es aber nicht ist, wenn man darüber nachdenkt.

Ein anonymer Teilnehmer der Umfrage schrieb:

Ich gebe einer kleinen Partei meine Stimme, weil hinter jeder (insbesondere kleinen/neuen) Partei engagierte Menschen stehen, die sich engagieren und sich über jede für sie abgegebene Stimme freuen.

8. Warum so viele Menschen sich für Einhörner begeistern

An dem zweiten Kommentar werdet ihr gleich sehen, warum mir ausgerechnet jetzt der Artikel von Autorin Theresa Bäuerlein eingefallen ist: Siehst Du auch überall glitzernde Einhörner? Das ist die Erklärung. Wer sich diesen Trend genauer ansieht, kann etwas Frappierendes über den Seelenzustand vieler Menschen in dieser Zeit verstehen.

Tekl kennt diesen Seelenzustand:

Ich glaube, der Reiz des Einhorns liegt darin, dass das Wesen viel Spielraum für positive und dennoch weitgehend wertfreie Kreativität liefert. Diese sprudelt ja besonders, wenn ein leicht einschränkendes Grundgerüst existiert, an dem man sich orientiert. Das Schöne am Einhorn ist offenbar, dass man kaum damit aneckt. Bei Katzen gibt es die Katzenhasser oder die, die einen respektvollen und nicht vermenschlichenden Umgang mit den Tieren fordern. Dem muss man sich bei einem frei interpretierbaren Fabelwesen nicht stellen. Es ist ein kleiner Bereich des (öffentlichen) Lebens, der noch nicht gemaßregelt ist.

Sogar Politik kann man mit dem Einhorn vermarkten, erklärt Jakob H.:

Die Satirepartei Die PARTEI verteilt seit über drei Jahren Aufkleber mit dem Slogan „Wir wissen, was ihr wollt: Babyeinhörner”, auf denen ein im Wald sitzendes Plüscheinhorn abgebildet ist. Diese Aufkleber sind bei Passanten enorm beliebt (übrigens auch besonders bei jungen Männern).

9. Die Gedanken, die Mann beim Thema Sexarbeit hat

Zusammen mit Theresa Bäuerlein hat Ilan Stephani ein Buch darüber geschrieben, was sie im Puff über das Leben gelernt hat. Unsere Leser haben von Ilan erfahren, dass Sexarbeit nicht nur im Drogen- und Zuhältermilieu in der Schmuddelecke geleistet wird.

Anonym beschrieb uns, wie man sein Selbstbild als Mann infrage stellt:

Prostitution war bei mir ein Verzweiflungsakt: Der Versuch, einen Zustand der Bedingungslosigkeit zu erkaufen (…) Ja, ich fühle mich da in meinem Wunsch nach geliebt werden ertappt. Was natürlich viel über mein Selbstbild und mein Lebenskonzept als Mann aussagt. Noch viel größer ist die Scham, bedürftig zu sein. Bedürftig nach Zärtlichkeit, nach Ekstase, nach Liebe. Habe ich als Mann das Recht, einfach nichts zu tun und mich lieben zu lassen? Bin ich dann überhaupt noch liebenswert?

Antons Erkenntnis zu diesem Thema lautet, dass Sex einfach anders ist, wenn man liebt:

Wenn man eine Person liebt, ist der Sex wirklich anders. Sex ist auch anders, wenn man eine Person gernhat. Das reicht schon.

10. Es kann durchaus sinnvoll sein, mehr Socken zu besitzen, als du in zwei Wochen tragen kannst

Esther Göbel hat für ihre Gesprächsreihe „Das gute Leben” den Konsumforscher Frank Trentmann interviewt. Darin geht es auch darum, dass jeder Deutsche im Schnitt 13 Paar Socken besitzt. Kein Mensch braucht soviel, meint Esther.

Sebastian M. sieht das anders:

Ich finde das Beispiel mit den Socken eher ungeschickt: Ja, ich habe deutlich mehr als die durchschnittlichen 13 Paar, aber ich habe einfach deshalb so viele, damit ich sie seltener waschen muss. So wird die Waschmaschine auch wirklich voll und ich spare Zeit, Energie und Wasser. Das bedeutet nicht, dass ich auch mehr Socken kaufe, denn wenn man mehr hat, halten sie natürlich auch länger (manche der Socken, die ich trage, dürften inzwischen gut 15 Jahre alt sein).

Erstaunlich ist, dass auch Lily das Beispiel mit den Socken aufgreift und sich in Sachen Kleidung beschränken will:

Das Sockenbeispiel ist hilfreich, weil so schön einfach ... Ich hab mich mal wieder entschlossen, ein Jahr lang keine neuen Kleidungsstücke zu kaufen. Hab ich schon mal gemacht. Spannend ist immer, ob es jemandem auffällt und wann ein schwieriger Moment kommt. Mein Kleiderschrank ist voll von neuen, alten und ganz alten, selten getragenen Stücken. Im Moment merke ich bei mir so einen kleinen Ekel, wenn ich beobachte, dass die Kleider, die ich in den letzten zwei drei Jahren gekauft hab, zum Teil schon so auseinanderfallen wie andere, die ich noch von meiner Mutter geerbt habe ... Deshalb mal wieder eine kleine Pause.

11. Was ich persönlich gelernt habe, stand als Kommentar an einem Weihnachtsartikel

Darin beschreibt Elif Urel, wie sie als Tochter türkischer „Gastarbeiter” Weihnachten feiern wollte, aber weder Familie, Lehrer noch Freunde mit ihrem Wunsch etwas anfangen konnten.

Elisabeth W., nach eigener Beschreibung in zweiter Generation Polin, nutzte die Gelegenheit, einen polnischen Weihnachtsbrauch unters Volk zu bringen:

Beim Abendessen am Heiligen Abend legt man ein Gedeck mehr auf als Leute da sind. Falls jemand anklopft und um Herberge bittet ... Ich liebe diese Tradition und finde sie gerade in Zeiten der großen Migrationsströme erwägenswert. Als Kind habe ich immer gehofft, dass einer klopft (ist aber nie passiert) ...

Das ist ein Weihnachtsbrauch, den ich nicht kannte. Er gefällt mir richtig gut. Ich werde ihn übernehmen.


Die Idee zu diesem Text kam uns durch einen Artikel der New York Times. Gegengelesen hat Rico Grimm. Das Aufmacherbild hat Martin Gommel ausgesucht (Unsplash / Martin Jernberg).