Kinderlosigkeit

Ich entscheide!

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Die Keule traf mich zwischen Kindergeschrei, Smarties-Kuchen und dem Stimmengewirr meiner Freundinnen. Völlig unvermittelt, an einem Sonntagvormittag gegen halb zwölf beim gemeinsamen Geburtstagsbrunch. „Ah, Sie haben also keine Kinder?“, hörte ich die Stimme links von mir sagen, während sich rechts neben mir zwei vierjährige Knirpse um ein rosa Plastik-Einhorn zankten. „Das geht ja gar nicht. GAR NICHT!“

Ich hörte auf zu kauen, zog mir langsam die Gabel mit dem Smarties-Kuchen aus dem Mund, den ich für den vierten Geburtstag der Tochter meiner besten Freundin gebacken hatte, und versuchte zu zerlegen, was die Stimme neben mir gerade gesagt hatte. „Sie haben keine Kinder – das geht ja gar nicht.“ Mein Gehirn hatte den Satz wahr- und aufgenommen. Aber fassen konnte ich ihn nicht. Hatte ich mich verhört?

Nein, hatte ich nicht. Als einzige kinderlose Frau, die an diesem Morgen mit drei Müttern beisammensaß, von denen eine ihre eigene Mutter mitgebracht hatte, weil die gerade zu Besuch in Berlin weilte, war ich die Außenseiterin. Zumindest fühlte ich mich schlagartig so, als jene mitgebrachte Mutter, eine modisch gekleidete Kettenraucherin um die 60 mit feschem Kurzhaarschnitt und knallroter Hornbrille, den erwähnten Satz sagte.

„Geht's eigentlich noch?!“, dachte ich.

Stumm blieb ich trotzdem in jener Situation. Ich antwortete nicht auf den Keulen-Satz, der mich doch härter getroffen hatte, als ich mir anfangs eingestehen wollte. Sondern schluckte irritiert den Rest Kuchen runter. Mir fehlten die Worte. Auch, weil der Satz mich peinlich berührt hatte. Für einen Moment fühlte ich mich schlecht. Fehl am Platz, unzureichend, als mangele es mir an etwas. Als laste mir als Frau ein Makel an.

Fast jeder kommentiert eine der intimsten Fragen

Und es ist nicht das erste Mal, dass mir so ein Satz begegnet. Ich weiß nicht, wie oft ich mich als 33-jährige Frau ohne Kind schon für meine bis dato selbstgewählte Kinderlosigkeit rechtfertigen musste. Vor Familie oder Freunden, die plötzlich Eltern wurden, schon welche waren oder sich gerade auf dem Weg dorthin befanden, auch vor Fremden. Es ist paradox, aber eine der intimsten Fragen, die eine Frau sich stellen kann, nämlich die, ob sie ein Kind will oder nicht, wird von nahezu jeder Person öffentlich kommentiert. Als ginge es darum, ob ich mir demnächst ein Auto anschaffen wolle oder nicht.

Dass das deutsche Rentensystem ja gar nicht funktionieren könne, wenn so wenige Babys auf die Welt kommen, durfte ich mir schon anhören. Dass jede Frau doch die gesellschaftliche Pflicht hätte, ein Kind zu gebären. Mütter äußern auch gern die Frage, ob ich denn im Alter allein sein wolle? Kinder seien schließlich die beste Vorsorge dagegen.

Meine Freundinnen hingegen heimsen bei Veranstaltungen wie dem Kindergeburtstag, bei denen Nicht-Eltern auf Eltern treffen, immer viel Verständnis, Lob und Aufmerksamkeit für ihre Kinder ein. „Oh wie süß!“, „der Karl ist ja schon so groß geworden und hat sich so gut entwickelt!“, „Ja, Muttersein, das ist nie einfach, aber du machst das super!“ und so weiter.

Ich missgönne meinen Freundinnen diese Anerkennung auch gar nicht; Mutter zu sein ist ein harter Job, er verlangt Respekt. Das Ding ist bloß: Ist mein Leben, in dem ich mich keinem Kind verpflichtet habe, sondern mir selbst, meinem Freund, einem anstrengenden Job, der Idee eines selbstbestimmten Lebens, etwa nicht ausreichend? Was ist so schlimm daran, dass mein Lebensmodell als Frau in der Wertung anderer „gar nicht geht“?

Nichts ist schlimm daran. Um das ein für alle Mal klarzustellen. Absolut nichts. Es ist meine Entscheidung. Die eigentlich niemanden etwas angeht. Schlimm ist eine andere Sache:

Dass Kinder für eine Frau im Jahr 2017 immer noch ein Garant für soziale Aufwertung sind. Und zwar in dem Maße, wie es ihr Beruf nie könnte.

Der Job als Mutter bringt die größte soziale Anerkennung

Egal, welchen Job eine Frau ausübt, egal, wie hoch sie auf der Karriereleiter klettert, egal, wie hart sie arbeitet: Niemals wird ihr Job ihr so viel soziale Anerkennung einbringen wie der Job als Mutter. Eine Frau, die arbeitet und Karriere macht, ist gut und schön. Aber irgendwann, spätestens, wenn die Frau die Altersgrenze von 30 Jahren knackt, wird die Frage nach eigenen Kindern um die Ecke kommen. Denn als selbstgewählt kinderlose Frau giltst du im Zweifel – trotz allen Erfolgs – in den Augen vieler eben doch als egoistisch. Weil du kein kleines Bündel unter nahezu unerträglichen Schmerzen aus dir herausgepresst hast, weil du nicht Nacht um Nacht ein schreiendes Baby in deinen Armen gewiegt hast, weil du dieses waaaaahnsinnige Gefühl der angeblich alles überstrahlenden Mutterliebe ja nicht kennst.

Die Wahrheit ist: Noch immer sieht das kulturelle Leitbild vor, dass eine Frau ein Kind bekommen soll. Wir halten uns für aufgeklärt, für gleichberechtigt, in der Mitte-links-Blase, in der ich lebe, auch noch für klug. Und doch ist dieses Leitbild so bezeichnend, dass ich mich im Kreise meiner Freundinnen für meinen Lebensstil rechtfertigen muss. Ich habe im Gegenzug noch nie eine Person über eine meiner Freundinnen mit Kind sagen hören: „Ah, Sie haben gar keinen Job gerade, weil sie Kinder haben? Das geht ja gar nicht! GAR NICHT!“

Für kinderlose Frauen gibt es nur wenige Vorbilder

Es wird immer gesagt und an vielen Stellen geschrieben, dass wir heute eine nie dagewesene Vielfalt an möglichen Lebensentwürfen hätten. Doch das stimmt nur bedingt. Eben, weil die Rollenbilder so sind, wie sie sind. Und es für junge Frauen noch immer zu wenige Vorbilder gibt für eigene gelebte Modelle. Machen wir doch gleich den Test: Wie viele bekannte kinderlose Frauen aus der deutschen Politik und Wirtschaft kannst du aus dem Stehgreif nennen? (Ich genau eine: Angela Merkel. Aber die muss sich dann immer noch „Mutti der Nation“ schimpfen lassen). Wie viele aus deinem familiären Umkreis? (Ich: zwei).

In einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2016 sagten 87 Prozent der jungen Deutschen, sie wünschten sich Kinder. Bleiben 13 Prozent übrig, die das nicht tun. Die Umfrage ergab außerdem, dass nur 41 Prozent der Teilnehmer auf die Frage, was denn im Leben sehr wichtig sei, mit „eigene Kinder“ antworteten (auch wenn die Anzahl der Neugeborenen gerade wieder steigt).

Diese Zahlen zeigen, dass das kulturelle Leitbild und die Bedürfnisse vieler Frauen nicht zusammenpassen – wieso also entwerfen wir nicht andere kulturelle Leitbilder, an denen Frauen sich orientieren können, die keinen Kinderwunsch in sich spüren?

Wenn ich eine Tochter hätte, dann würde ich mir für sie wünschen, dass sie in einer Gesellschaft lebte, die wirklich schon weiter wäre als wir jetzt. In der ihr Umfeld nicht mehr annehmen würde, sie wolle oder brauche Kinder, um ein erfülltes Leben zu führen, qua Geschlecht quasi.

Denn diese Annahme, die bei vielen, die nicht richtig überlegen, in eine Deutungshoheit überschwappt, ist nicht nur engstirnig und unverschämt – sondern auch unsensibel. Trifft sie doch nicht nur die selbstgewählt Kinderlosen, sondern auch jene Frauen, die vielleicht lange versucht haben, schwanger zu werden, oder für die sich nie der richtige Zeitpunkt ergeben hat. Zum Beispiel, weil sie den passenden Partner in den Jahren ihrer Fruchtbarkeit schlicht nicht gefunden haben. Man nennt dieses Phänomen soziale Unfruchtbarkeit.

Manche Frauen wollen ein Kind nach dem 35. Lebensjahr

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend schreibt in einer Studie von 2014 zu Kinderlosigkeit bei Frauen und Männern: „Es gibt einen signifikanten Anteil von Frauen, die bis zum 35. Lebensjahr noch kein Kind haben, aber bis zum 40. Lebensjahr eine Familie gründen wollen!“ Biologie und individuelle Lebensplanung stehen sich quasi im Weg, denn ab Mitte 30 sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft rapide. Was aber, wenn der richtige Partner bis zu diesem Alter einfach noch nicht aufgetaucht ist – oder sich eine Frau mit Mitte 30 gerade von einer langfristigen Beziehung getrennt hat?

Tatsächlich tun sich viele Frauen über 30 schwer damit, den richtigen Partner zur richtigen Zeit zu treffen. Beziehungen sind heute zudem unverbindlicher als früher. Auch das erschwert die Kinderplanung. Der Soziologe Hans-Peter Blossfeld sagte der FAZ einmal den etwas lapidar klingenden Satz: „Wenn man bestimmte Zeitfenster im Lebenslauf versäumt, hat man halt ein Problem.“ Der Satz ist richtig, untergräbt aber die Ernsthaftigkeit für die Betroffenen.

Welche Perspektive auf Glück gesteht die Gesellschaft kinderlosen Frauen noch zu, wenn sie annimmt, nur Kinder komplettierten ihr Leben? Bleibt am Ende für die unfreiwillig Kinderlosen nur noch der mitleidvolle Blick, der Gedanke „Ach Gott, die Arme!“ oder, wenn sie dann erst 40, 50 Jahre alt ist, der Stempel „crazy cat woman“?

Vielleicht spielt auch Konkurrenz und Unsicherheit mit

Die Klischeevorstellung einer jeden Frau als Mutter verschlimmert deswegen das Leid jener, die ungewollt kinderlos bleiben, und erhöht den Druck auf solche, die in sich keinen Kinderwunsch spüren. Dabei sind eigene Kinder – entgegen der weitverbreiteten Meinung – kein Garant für ein glücklicheres Leben. Das ist sogar wissenschaftlich belegt; die Sparte der „Zufriedenheitsforschung“ hat sich einhellig damit beschäftigt.

Vielleicht, das denke ich manchmal, geht es in der öffentlichen Kommentierung und Bewertung meiner Kinderlosigkeit am Ende aber auch nicht nur um Rollenbilder und Erwartungen – sondern auch um Konkurrenz und Unsicherheit. Nämlich die Unsicherheit darüber, welches denn nun das richtige Lebensmodell ist. Der Mechanismus wäre dann folgender: Das gewählte Modell einer anderen Frau abzuwerten, um das eigene Modell nach außen abzusichern und aufzuwerten.

Aber hey: Niemand hat die Allgemeinformel für ein glückliches, zufriedenes Leben in der Tasche – egal, ob eigene Kinder oder nicht. Normen und Leitbilder gaukeln das gern vor, doch sollte man sie nicht überschätzen. Das ist die gute, weil beruhigende Nachricht: Wenn keiner für die Allgemeinheit sprechen kann, was individuelles Glück bedeutet, tut das Bewerten und Kommentieren anderer gar keine Not.

Diese Aussage mag banal klingen, ist es aber nicht. Denn einmal verinnerlicht, ergibt sich aus ihr eine Gelassenheit – sich selbst, aber auch anderen gegenüber.


Theresa Bäuerlein hat bei der Erarbeitung des Artikels mitgeholfen; Vera Fröhlich hat gegengelesen; das Aufmacherfoto hat Martin Gommel ausgesucht (Unsplash / Jurica Koletic).