Der Glaubenskampf um die Homöopathie, erklärt von A bis Z

Der Glaubenskampf um die Homöopathie, erklärt von A bis Z

, etwa %minutes% Minuten Lesedauer

Apotheke

Für die Freunde homöopathischer Präparate ist die Tatsache, dass diese in Apotheken verkauft werden, ein Beleg für ihre Wirksamkeit. Für Homöopathie-Kritiker ist dieselbe Tatsache ein Skandal. Fakt ist, dass homöopathische Mittel apothekenpflichtig sind. Aber auch, dass die Tatsache, dass ein Produkt in einer Apotheke verkauft wird, noch nichts darüber aussagt, ob es sich um eine wirksame Arznei handelt. Schließlich gibt es in vielen Apotheken inzwischen auch Schokolade, Gummibärchen, Glückwunschkarten und andere Alltagsprodukte.

Im Juli dieses Jahres hatte sich die Bundestagsfraktion der CDU/CSU dafür ausgesprochen, die Apothekenpflicht für homöopathische Produkte aufzuheben: „Für die meisten dieser Präparate liegt kein Nachweis der Wirksamkeit vor, es erfolgt keine Zulassung mit klinischen Studien, lediglich eine Registrierung“, so Mechthild Heil, Verbraucherschutzbeauftragte der Unionsfraktion. „Der ausschließliche Verkauf in Apotheken erweckt dabei den Anschein, es würde sich um wissenschaftlich anerkannte Alternativen zu schulmedizinischen Medikamenten handeln. Wir sollten dem durch eine klare Regelung entgegenwirken.“

Der Pharma-Verband BPI sprach sich dagegen aus, die Apothekenpflicht aufzuheben. Auch der Bundesverband für Arzneimittelhersteller (BAH) kommentierte, homöopathische Arzneimittel seien „ein bewährter Bestandteil der Therapievielfalt in der Selbstmedikation“. Das ist jedoch wenig überraschend, wenn man weiß, dass viele der großen Globuli-Hersteller entweder selbst Sparten von klassischen Pharma-Unternehmen sind oder Firmen, die selbst in den Pharmaverbänden Mitglied sind (Industrie).

Basiswissen

Homöopathie ist eine Alternativmedizin, die Ende des 18. Jahrhunderts vom deutschen Arzt Samuel Hahnemann begründet wurde. Die Lehre basiert auf dem sogenannten Simile-Prinzip. Dieses geht davon aus, dass eine Krankheit durch ein – meist sehr stark verdünntes – Mittel geheilt werden kann, das ähnliche Symptome auslöst wie die Krankheit selbst. Heutzutage werden homöopathische Mittel überwiegend in Form von sogenannten Globuli dargereicht, das sind Minikügelchen mit Haushaltszucker als Trägerstoff. Bislang ist es nicht gelungen zu beweisen, dass homöopathische Mittel eine Wirksamkeit haben, die über den Placebo-Effekt hinausgeht. Zusätzlich ist es höchst unplausibel, dass ein Stoff in einer millionenfachen Verdünnung (D60) überhaupt eine Wirkung entfalten kann.

Befürworter der homöopathischen Methoden halten meist mit persönlichen Erlebnissen und Heilungserfolgen dagegen und wehren sich gegen die Ablehnung der akademischen Medizin und der Bezeichnung als „Pseudowissenschaft“. Gegner der Homöopathie können wiederum nicht begreifen, warum überhaupt jemand daran glauben kann, und warum Krankenkassen homöopathische Therapien erstatten und Apotheken die entsprechenden Präparate verkaufen. Die Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern ist inzwischen sehr emotional.

Charakter

Ein wichtiger Bestandteil der Homöopathie ist, dass jedem Kranken ein individuelles Präparat empfohlen wird. Neben der „erkennbaren Leibes-Beschaffenheit“ des Patienten ist dabei laut Samuel Hahnemann auch „sein gemüthlicher und geistiger Charakter“ sowie seine Lebensweise und Gewohnheiten entscheidend. Diese persönlichen Faktoren werden dann in einem sogenannten Repertorium nachgeschlagen und darauf basierend ein Mittel ausgewählt.

D60

Die extremen Verdünnungen, die Hahnemann und seine Nachfolger propagieren, werden mit Abkürzungen wie D1 (einmal 1:10 verdünnt), D4 (viermal 1:10 verdünnt) oder D60 (sechzigmal 1:10 verdünnt) angegeben. D60 entspricht in etwa einem Tropfen einer Substanz, die in Milliarden von Galaxien aufgelöst wurde. Diese extreme Verdünnung ist einer der Hauptkritikpunkte an der homöopathischen Lehre.

Denn ab einem gewissen Punkt ist keine Verdünnung mehr möglich. „Moleküle sind einzelne Gebilde, man kann sie nicht beliebig verdünnen“, schreibt Dr. med. Wolfgang Vahle für das Informationsnetzwerk Homöopathie. „Wenn nur noch 1 Molekül in der Lösung ist, dann ist nach der nächsten Verdünnung kein Molekül mehr in der Lösung – wenn doch, hat eine Verdünnung nicht stattgefunden.“ Die Grenze, bei der diese eine letzte Molekül "verschwindet", liegt aufgrund der sogenannten Avogadro-Konstante etwa bei D23. Bei stärker verdünnten Mitteln ist also kein Wirkstoff mehr enthalten.

Neben der D-Skala gibt es auch noch die sogenannte C-Skala. Während D4 bedeutet, dass viermal 1:10 verdünnt wurde, bedeutet C4, dass viermal 1:100 verdünnt wurde.

KR-Leser Florian Rempel, der im Bereich der Erzeugung von verschiedensten Gasen mit genau definierten Spurenkonzentrationen gearbeitet hat, schickte mir auch noch folgende Anmerkung, die ich erwähnenswert finde:

"Aus dem Bereich der Spurenanalytik ist bekannt, dass die Herstellung von Proben mit Spurenkonzentrationen extrem herausfordernd ist. Spurenkonzentrationen bedeutet Konzentrationen im Bereich von ppb (part per billion, entspricht D9) bis ppq (part per quaddrillion, entspricht D15). Diese Konzentrationen sind ganz grob gesagt, auch die Grenze dessen was man aktuell messen kann. Durch diese Messungen hat sich gezeigt, dass eine Verdünnung von Flüssigkeiten nur bis etwa D6 maximal D8 möglich ist. Ein Grund dafür ist, dass Moleküle z.B.
an der Wandung des Becherglases adsorbieren (kleben bleiben). Die Anzahl der Moleküle an der Glaswandung ist sehr klein, aber bei so geringen Verdünnungen (unter D8) dominiert dieser Effekt.

Dementsprechend dürfte bereits viel früher kein Molekül mehr in der Verdünnung sein als bei D23. Es gibt jedoch noch weitere Effekte. Zum einen sind die adsorbierten Moleküle nur mit großem Aufwand restlos zu entfernen. Auswaschen bzw. Geschirrspüler entfernen eine ganze Menge, z.B. 99,9999%. Bei D10 entspricht dies aber "nur" 6 Verdünnungen, also D16. Wird für eine Verdünnung von D59 auf D60 dieser zuvor gereinigte Behälter mit D16 (10.000.000 Moleküle) für die Verdünnung verwendet, ist davon auszugehen, dass sich ein sehr geringer Teil der adsorbierten Moleküle löst, z.B. 0,01% - das sind 10.000, weit mehr als das gewünschte 1 Molekül. Eine Verdünnung ist daher ohne aufwändige Zwischenreinigung nicht möglich.

Dazu kommt noch ein zweiter Effekt: Jede Substanz besitzt einen Dampfdruck. D. h. von jeder Substanz Verdampft ein mehr oder weniger großer Teil. Bei Wasser ist es relativ viel, bei anderen Substanzen wie z.B. Ölen sehr wenig. Spürbar ist dies z.B. durch unseren Geruchsinn mit dem wir bestimmte Substanzen riechen können. Die Verdünnung in der Luft variiert deutlich (Verhältnis Dampfdruck der Substanz (siehe Wikipedia) zu Normaldruck), z.B. D4 bis D15, je nach Substanz. Festsubstanzen auch noch geringer. Dies gilt auch für viele Substanzen die in der Homöopathie verwendet werden. Das heißt, dass von der zu verdünnenden Substanz eine sehr kleine Konzentration (die aber immer noch jeder Menge Moleküle entspricht) bei Kontakt mit Luft sofort verdampft und im Raum "umherschwirrt". Eine Verdünnung von D59 auf D60 wenn dabei zig Millionen Moleküle in der Luft umherschwirren (von denen auch welche in der Lösung landen), ist nicht wirklich möglich."

Emotional

Dass das Thema Homöopathie ein emotionales ist, wusste ich schon vorher. Bestätigt hat es mir aber noch einmal meine Umfrage, die ich im Vorfeld dieses Textes unter KR-Lesern und anderen Interessierten gemacht hatte. Als „schwachsinniger Unfug“, „unhaltbarer Quatsch“ und „esoterischer Bullshit“ wurde Homöopathie da von den Kritikern bezeichnet. Die Befürworter hingegen benutzten häufig Begriffe wie „Chemiekeule“ oder „Chemiebombe“, wenn sie herkömmliche Arzneimittel meinten. Als ich wissen wollte, welche Fragen zum Thema sie am meisten interessierten, antworteten mehrere Teilnehmer der Umfrage sogar direkt: „Warum ist die Debatte so emotional?“ Nun, warum ist sie es?

„Wenn es um Dinge geht, die mit Glauben zu tun haben, trifft Kritik nicht auf rationales Denken, sondern eben im Gefühl. Daher ist die Reaktion so emotional“, sagt Natalie Grams, die früher selbst eine homöopathische Praxis leitete, bevor sie sich von der Lehre verabschiedete und das kritische Informationsnetzwerk Homöopathie gründete.

„Wir möchten mit unserem Informationsnetzwerk freundliche, sachliche Kritik üben, aber nicht sagen: Wer daran glaubt, der ist eh bescheuert“, erklärt sie die Motivation hinter dem Netzwerk. „Da gibt es so viel Schärfe, so viel Zynismus, gerade unter Bloggern. Das führt zu gar nichts, davon brauchen wir nicht noch mehr. Und auf der anderen Seite kann ich das Argument entkräften, ich würde mich damit nicht auskennen. Ich war ja selber Anhängerin, ich verstehe das alles sehr gut."

Während Grams vorwiegend von Homöopathie-Fans angegriffen wird, setzte sich der Chirurg Bernd Hontschik zwischen die Stühle und machte sich mit einer Kolumne in der Frankfurter Rundschau bei beiden Parteien unbeliebt. Unter dem Titel „Runter vom hohen Ross“ kritisierte Hontschik die klassische Medizin, die trotz eigener Verfehlungen auf den „klugen Placeboeinsatz der homöopathischen Konkurrenz“ herabblicke. In den FR-Kommentaren, auf Facebook und Twitter gingen daraufhin beide Seiten auf den Arzt los. „Wenn es um Krankheit und Gesundheit, um Leben und Tod geht, dann kochen die Emotionen schnell hoch“, sagte Hontschik später in einem Interview. „Und dann kommt eben zum Vorschein, dass viele Menschen von der Schulmedizin bitter enttäuscht sind, sich abgefertigt und abgewiesen fühlen, dass die Kommunikation eine Katastrophe ist.“

Fragen

In meiner Umfrage zum Thema Homöopathie wollte ich auch wissen, wer von den Teilnehmern überhaupt homöopathische Präparate benutzt. 59 Prozent antworteten mit „Nein, kommt für mich auch nicht in Frage“. 20 Prozent sagten „Ja, selten“ und 15 Prozent „Ja, öfter“. Die mit 6 Prozent kleinste Gruppe antwortete mit „Nein, aber ich könnte es mir vorstellen“. Obwohl ich mich über die über 400 Teilnehmer der Umfrage sehr gefreut habe, ist sie natürlich dennoch nicht repräsentativ.

In einer Statista-Umfrage von 2016 gaben nur 18 Prozent an, dass Homöopathie für sie nicht infrage komme, die mit 34 Prozent größte Gruppe sagte „Nein, kann ich mir aber vorstellen“. 32 Prozent der Befragten hatten Homöopathie schon einmal ausprobiert, 10 Prozent nutzten sie regelmäßig.

Gründe

Ebenfalls abgefragt habe ich in der Onlineumfrage die Gründe, warum jemand Homöopathie nutzt oder eben nicht nutzt. Die drei meistgenannten Gründe für die Verwendung waren:

  • Glaube an die Wirkung
  • Weniger Nebenwirkungen als Medikamente
  • Familientradition

Seltener wurden Arzt oder Apotheker genannt, die die Präparate empfohlen haben. Manche gaben auch an, sich darüber im Klaren zu sein, dass es sich nur um einen Placebo-Effekt handelt, die homöopathischen Mittel aber genau deswegen zu nehmen.

Bei denjenigen, die Homöopathie ablehnen, lag die mangelnde Wirksamkeit (beziehungsweise die fehlenden Beweise für eine Wirkung) mit weitem Abstand auf Platz eins der Begründungen. Seltener genannt wurde mangelnde Erfahrung oder der fehlende Zugang zu der Lehre durch die Familie. Interessant fand ich, dass sowohl bei den Befürwortern als auch bei den Gegnern die Familientradition – zumindest bei einigen – eine wichtige Rolle zu spielen scheint. Ob man an Homöopathie glaubt oder nicht, scheint auch davon geprägt, ob man in einer Familie aufgewachsen ist, in der sie verwendet wurde oder nicht.

Hahnemann

Samuel Hahnemann (geboren 1755 in Meißen), Begründer der Homöopathie, studierte Medizin in Leipzig, Wien und Erlangen. Danach arbeitete er als Arzt, Chemiker, Übersetzer und Schriftsteller und wechselte häufig den Wohnort. Stationen waren unter anderen Eilenburg, Hettstadt, Dessau, Gommern, Dresden, Lockwitz und Leipzig. 1796 formulierte Hahnemann in einem Aufsatz mit dem Titel „Versuch über ein neues Princip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneysubstanzen, nebst einigen Blicken auf die bisherigen“ zum ersten Mal das für die Homöopathie grundlegende Simile-Prinzip, „Ähnliches mit Ähnlichem“ zu heilen.

Dieses basiert auf einem einige Jahre zuvor durchgeführten Selbstversuch Hahnemanns mit Chinarinde (lat. Cortex chinae, dient der Gewinnung von Chinin). Dieser pflanzliche Stoff war schon damals als wirksames Mittel gegen Malaria bekannt, auch wenn noch unklar war, wie es genau wirkte. Als Hahnemann auf der Suche nach einer Erklärung für die heilende Wirkung die Chinarinde einnahm, erlebte er ähnliche Symptome wie bei einer Malaria-Erkrankung: Der Ursprung seiner Simile-Theorie, die Hahnemann in den folgenden Jahren zu bestätigen versucht. Die vereinfachte Idee: Man muss etwas finden, dass dieselben Symptome auslöst wie die zu heilende Krankheit, dann hat man das Heilmittel entdeckt.

Das Problem: Chinin wirkt zwar gegen Malaria, es führt bei Einnahme durch einen gesunden nicht zu denselben Symptomen. Hahnemanns Chinarinden-Experiment ist also nicht wiederholbar. Dass er dieselben Symptome verspürte wie ein Malaria-Kranker kann viele Ursachen haben: eine Allergie, eine Überdosierung oder eine zeitgleiche andere Erkrankung. Hahnemanns Grundprinzip der Heilung durch Ähnliches basiert also letztlich auf einem fehlerhaft interpretierten Selbstversuch.

Wenn man Hahnemanns Arbeit jedoch beurteilt, darf man nicht vergessen, dass die damalige Medizin oft generell mit Mutmaßungen und Annahmen arbeitete und viele naturwissenschaftliche Zusammenhänge noch nicht erforscht waren. Üblich waren beispielsweise Therapien wie Aderlass, Einläufe, Brech- und Abführmittel. So sind Hahnemanns Teilerfolge bei der Cholera-Behandlung beispielsweise darauf zurückzuführen, dass er die damals gängigen Behandlungsmethoden (beispielsweise Aderlass, hohe Mengen an Quecksilber oder Opium sowie das Verbot zu trinken) ablehnte und eine Behandlung mit Kampfer empfahl – wodurch weniger Menschen starben als durch die konventionelle Methode.

Mehr zu Samuel Hahnemann gibt es in einer Homöopathie-Doku von NZZ Format (Video unten) ab Minute 17.

https://youtu.be/XQgaVZcqNPY

Industrie

So sehr sich die Homöopathie-Befürworter auch von den „Chemiekeulen“ der Pharma-Industrie absetzen wollen (→ Emotional) – auch die meisten Globuli-Präparate werden von großen Konzernen hergestellt. Große Hersteller sind beispielsweise die Weleda AG (389 Millionen Euro Umsatz 2015, davon 41 Millionen mit homöopathischen Präparaten), Heel GmbH (Umsatz 2016 über 200 Millionen Euro), Wala Heilmittel GmbH und die Deutsche Homöopathie-Union (DHU, Umsatz 2016 rund 100 Millionen Euro). Die Heel GmbH gehört beispielsweise zur Delton AG, einer Holding mit einem Umsatz von 1,3 Milliarden Euro (2015). Mit DHU und ISO-Arzneimittel gehören zwei der größten Hersteller zur Schwabe-Gruppe, einem Konzern mit rund 900 Millionen Euro Jahresumsatz (2016).

Jobbeschreibung

Achtung, Heilpraktiker ist nicht gleich Homöopath. Ein Heilpraktiker ist jemand, der die gesetzliche Erlaubnis hat, Patienten zu behandeln, aber kein Arzt ist. Ein Homöopath ist jemand, der homöopathische Methoden anwendet. Auch ein Arzt kann homöopathische Methoden anwenden. Ein Heilpraktiker wiederum kann auch andere Heilmethoden anwenden als die Homöopathie.

Krankenkassen

Immer mehr gesetzliche Krankenkassen übernehmen inzwischen (zumindest teilweise) die Kostenerstattung für homöopathische Behandlungen. Darüber ärgern sich logischerweise die Kritiker der Therapieform, die sich stattdessen lieber eine bessere Erstattung zum Beispiel im Bereich Zahnersatz oder Sehhilfen wünschen würden.

Dass die Sache mit einen „Skeptikertarif“ – der einen die Brille erstattet, Globuli aber nicht – leider nicht so einfach ist, erklärt das Informationsnetzwerk Homoöpathie hier sehr ausführlich.

Dass die Krankenkassen Homöopathie erstatten, hat vor allem zwei Gründe:

  1. Weil sie dürfen: Homöopathie nimmt eine Sonderstellung im Arzneimittelgesetz (AMG) ein. Denn während „normale“ Medikamente strenge Kontrollen über Wirksamkeit und pharmazeutische Qualität durchlaufen müssen, sind homöopathische Mittel von diesem Nachweis (in der Regel durch randomisierte, kontrollierte Studien) ausgenommen.
  2. Weil es sich lohnen kann: Krankenkassen stehen im Wettbewerb untereinander um ihre Mitglieder. Eine Kasse, die Homöopathie nicht erstattet, weil sie nicht an die Wirkung glaubt, riskiert, dass Mitglieder zu einer anderen (gesetzlichen oder privaten) Kasse abwandern und hat es schwerer, neue Mitglieder anzuwerben. Ebenso wie bei den Apotheken sollte man also auch bei den Krankenkassen nicht aus der Tatsache, dass sie Homöopathie anbieten, einen Beweis für die Wirksamkeit ableiten.

Die Kollegen von „Correctiv“ haben ein interessantes Interview mit dem Leiter des Medizin-Prüfinstituts IQWiG, Jürgen Windeler, zu diesem Thema. In Großbritannien hat der öffentliche Gesundheitsdienst NHS (gewissermaßen das zentralisierte staatliche Pendant zu unseren Kassen) die Erstattung von Homöopathie wieder eingestellt.

Lobby

Wie industrielle Herstellungsmethoden ist auch Lobbyarbeit etwas, das Homöopathie-Verfechter vor allem der Gegenseite unterstellen, also den Pharmafirmen. Doch auch die Globuli-Hersteller sind in zahlreichen Verbänden (Apotheken) und wissen, wie man Meinungen beeinflusst. Der Journalist Jens Lubbadeh hat für die Süddeutsche Zeitung aufgedeckt, wie die Unternehmen Deutsche Homöopathie-Union (DHU) und Biologische Heilmittel Heel (Industrie) Webseiten finanziell unterstützen, auf denen Homöopathiekritiker (wie zum Beispiel Max Rauner und andere Journalisten) namentlich an den Pranger gestellt und unlauterer Methoden bezichtigt werden.

Die 3sat-Dokumentatin „Homöopathie – Heilung oder Humbug“ (Video unten) setzt sich ebenfalls mit der Lobbyarbeit der Branche auseinander.

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=35076

Metastudien

Als ich in meiner Umfrage wissen wollte, welche Aspekte des Themas euch am meisten interessieren, war eine der häufigsten Antworten: Welche Studien gibt es zur Wirksamkeit von Homöopathie? Mittlerweile sind Hunderte von Studien zu dem Thema durchgeführt worden. Je strenger dabei die Kriterien waren, umso schlechter schnitten die Homöopathie-Präparate ab. Seriöse wissenschaftliche Untersuchungen arbeiten mit einem Doppelblindverfahren, das heißt, weder die Studienteilnehmer noch die behandelnden Mediziner wissen, wer der Teilnehmer das zu testende Präparat bekommt und wer nur ein Placebo. Eine Metastudie, die 2005 über 100 Studien analysierte und verglich, kam zu dem Ergebnis, dass homöopathische Präparate nicht besser wirken als Placebos. Sowohl in Großbritannien als auch in Australien und den USA kamen Untersuchungen, die mehrere Einzelstudien auswerteten, zu dem selben Ergebnis. In den USA müssen Homöophatika inzwischen mit einem Hinweis auf die fehlende wissenschaftliche Evidenz versehen werden.

Nationalsozialismus

Anfangs verstanden sich Homöopathie und Nationalsozialismus gut: Die Nazis wollten eine „Neue Deutsche Heilkunde“, die die wissenschaftlich orientierte Medizin mit Naturheilkunde anreichern sollte. Die Homöopathen der damaligen Zeit standen häufig der Rassenlehre, dem Antisemitismus und den völkischen Idealen der Nazis aufgeschlossen bis positiv gegenüber. 1935 ging der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte in der „Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde“ auf. Es gab innerhalb der homöopathischen Gemeinschaft aber auch Stimmen, die vor einer Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten warnten. Letztlich waren es die Nazis selbst, die das Interesse an der Homöopathie verloren – wohl größtenteils wegen einer Untersuchung durch das Reichsgesundheitsamt von 1936 bis 1939, in der verschiedene klinische Versuche keine Heilungserfolge durch Homöopathie nachweisen konnten (→Metastudien).

Placebo

Als Placebo bezeichnet man ein Arzneimittel, das keinen Wirkstoff enthält, aber dennoch eine Veränderung beim Einnehmenden auslöst. Der Effekt eines Placebos kann subjektiv sein (Schmerzen verschwinden), aber auch objektiv messbar (Fieber sinkt). Nur etwa jeder dritte Mensch ist für Placebo-Effekte empfänglich. Der sogenannte Nocebo-Effekt bedeutet nicht, dass gar kein Effekt eintritt, sondern eine Verschlechterung des Zustands – also gewissermaßen Nebenwirkungen, ohne dass ein Wirkstoff gegeben worden wäre.

Eindrucksvolle Beispiele, wie stark der Placebo-Effekt wirken kann, hat die SRF-Doku im Video unten.

https://youtu.be/M8Iz9KshyhU

Quatsch

„Die Homöopathie haben doch die Nazis erfunden.“ Hört man manchmal, stimmt aber nicht (→ Nationalsozialismus)

Repertorien

Nachschlagewerke der homöopathischen Lehre, in der je nach Symptomen, Charakter und Begleitumständen das jeweils passende homöopathische Mittelaufgelistet ist. Inzwischen gibt es auch Repertorien, die als Software erhältlich sind.

Säuglinge

Der Placebo-Effekt ist so stark, dass er selbst bei Lebewesen wirkt, die gar nicht wissen, dass sie ein Medikament (oder eben ein Scheinmedikament, das Placebo) bekommen. Die Tatsache, dass Babys oder Tiere manchmal nach homöopatischer Behandlung eine Besserung ihrer Beschwerden erleben, wird manchmal als Beweis gewertet, dass kein Placebo-Effekt im Spiel sein könne. Doch der Placebo-Effekt wirkt in diesem Fall bei den Eltern, Besitzern oder Betreuern. Diese wissen, dass ein Präparat gegeben wurde, reagieren darauf, und das Baby oder das Tier spürt wiederum diese Veränderung. Man nennt dieses Phänomen „placebo by proxy“ (in etwa: Stellvertreter-Placebo).

Tiere

Der Placebo-Forscher Paul Enck beschreibt es in einem Interview den Placebo-by-proxy-Effekt wie folgt: „Man muss sich den Tierbesitzer genau anschauen. Wenn sein Tier krank wird, ist er natürlich nervös. Er hat die positive Erwartung an die Pillen, beobachtet den Krankheitsverlauf genau und reagiert sofort auf jede Verbesserung und entspannt sich. Er ändert sein Verhalten, kümmert sich womöglich auch einfach mehr um das Tier. All das wirkt positiv auf das kranke Tier.“

Umsatz

Über 600 Millionen Euro wurden 2016 in Deutschland mit homöopathischen Präparaten umgesetzt, dazu kommen die Kosten für begleitende Gespräche mit dem Homöopathen. Da im Gegensatz zu herkömmlicher Medizin keine kostspieligen Wirksamkeitsstudien erforderlich sind (und Zucker als Hauptzutat der Globuli ebenfalls keine hohen Kosten verursacht), sind die Gewinnmargen sehr hoch.

Warum?

Eine weitere Frage, die viele Teilnehmer an meiner Vorab-Umfrage beschäftigt hat: Warum glauben so viele Menschen an Homöopathie, wenn es keinen objektiven, wissenschaftlichen Nachweis gibt? Eine schwierige Frage, aber vielleicht eine zentrale, wenn man den oft emotionalen Streit zwischen Befürwortern und Gegnern verstehen will. Zunächst einmal ist Glaube ja grundsätzlich etwas, das ohne Beweise auskommt – das ist in der Religion nicht anders.

Auch da gibt es wenig Handfestes und Objektives, und trotzdem sind viele Menschen religiös. Während Religion Privatsache ist, sind jedoch auch andere betroffen, wenn es um das Thema Gesundheit geht, werfen Homöopathie-Kritiker häufig ein. Sei es, weil die Skeptiker durch Krankenkassenbeiträge eine Therapieform mitfinanzieren, an die sie nicht glauben. Sei es, weil jemand, der beispielsweise nicht „an Impfungen glaubt“, auch die Gesamtpopulation gefährdet, indem er sich nicht impfen lässt.

Aber zurück zur Ausgangsfrage: Eine Antwort auf die Frage, warum manche Menschen an Homöopathie glauben, könnte sein, dass sie – auch ohne jede wissenschaftlich nachgewiesene Wirksamkeit – eine tatsächliche Besserung verspüren. Dieser Effekt funktioniert allerdings nicht bei allen Menschen, wenn man dafür empfänglich ist, kann er jedoch sehr mächtig sein. Da ein ausführliches Therapiegespräch wichtiger Bestandteil der homöopathischen Behandlung ist, sind viele Patienten wohl auch deshalb von Homöopathie überzeugt, weil sich endlich mal jemand Zeit für sie nimmt und ihnen zuhört. Diese Kombination aus als positiv empfundener Zuwendung durch den Homöopathen plus eine durch den Placebo-Effekt ausgelöste Besserung in manchen Fällen kann offenbar den Wunsch nach einem rationalen Beweis und wissenschaftlichen Studien überwiegen.

X-mal

Ein Großteil der homöopathischen Präparate wird inzwischen industriell in Form von Globuli-Zuckerkügelchen hergestellt. Die traditionelle Methode sieht vor, dass der Homöopath die Verdünnung von Hand durchführt und diese dann zehnmal auf eine „federnde Oberfläche“ (wie beispielsweise ein in Leder gebundenes Repertorium) schlägt. So sollen „geistartige Kräfte“ aus der Substanz in die Verdünnung übergehen.

Zahlen


Theresa Bäuerlein hat den Artikel gegengelesen; Lisa Wölfl hat bei der Auswertung der Umfrage geholfen; Vera Fröhlich hat das Aufmacherbild ausgesucht (Unsplash / Sebastian Pichler).