Wie ich in einer Platte im Erzgebirge eine einzigartige Gemeinschaft fand

Wie ich in einer Platte im Erzgebirge eine einzigartige Gemeinschaft fand

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Es ist kurz vor Mitternacht, als Zato seinen Cowboyhut von der Wand nimmt, die Sonnenbrille aufsetzt und mit dem Mikro in der Hand hinter dem Tresen hervorkommt.

Wenn wir schon mal internationale Gäste haben, hat einer gesagt. Zato hat sich eine Weile bitten lassen, aber so oft bittet ihn niemand. Und so oft kommen auch keine Gäste, schon gar nicht von so weit aus dem Westen wie ich. Sie sind hier eigentlich unter sich, Maus, Uw, Schacke, Kirsche, Zato und die anderen, die so heißen, wie man nur heißt, wenn man schon einiges zusammen erlebt und getrunken hat.

Die Eichert-Schänke in Aue gibt es schon seit der Wende nicht mehr, es hängt nur noch das Schild draußen. Nach der Wende war sie erst ein bulgarisches, dann ein chinesisches Restaurant, und dann ist sie abgebrannt. Seitdem ist das Haus mit Brettern verriegelt. Dass es im Keller eine Bar gibt, wissen nur die, die regelmäßig herkommen. Auch wie sie heißt, Geisterbar, das steht nur über dem Tresen. Seit acht Jahren ist Zato der Wirt.

Zato heißt so nach Emil Zátopek, einem tschechischen Langstreckenläufer aus den fünfziger Jahren, obwohl er hinter der Theke schon im Stehen ins Schwitzen kommt. Wenn er seinen Hut aufsetzt und singt, wird Zato zum Eichert-Cowboy. Eigentlich ist er aber Eichert-Indianer. Alle, die auf dem Eichert aufgewachsen sind, werden so genannt. Warum, weiß niemand genau.

„Wenn die nicht das ganze Uran genommen hätten, um eine Atombombe zu bauen, dann wären wir heute reicher als Dubai.“
Uwe

Zato singt von Canyons, wilden Wölfen und Pferden, und weil die Anlage fiept, muss er nochmal hinter den Tresen, neu aussteuern, er singt aber einfach weiter und wandert durch seine Bar wie ein Showmaster durchs Fernsehstudio. Auch wenn es nur ein paar Schritte sind bis zur Sitzecke, die vor Rauch wabert und wieder zurück: Es ist Zatos Auftritt.

Zwei Frauen tanzen eng umschlungen, und die bunten Lichter der Disko-Kugel wandern vom Teppichboden über die vom Bier glänzenden Gesichter reihum und weiter zu den BSG-Wismut- und FC-Aue-Schals, die an den Wänden hängen. Den Refrain singen alle mit. Das Gold der Berge ist die Freiheit. Das ist ihr Lied, auch wenn das Gold in den Rocky Mountains liegt und nicht hier im Erzgebirge.

Das Gold im Erzgebirge hieß Uran. „Da fängt es an“, sagt Uw, der eigentlich Uwe heißt. Mit den Russen. Und mit der Wismut. Wie die das Land verwüstet haben, den Boden aufgerissen und alles rausgerupft. „Wenn die nicht das ganze Uran genommen hätten, um eine Atombombe zu bauen“, sagt Uw, „dann wären wir heute reicher als Dubai.“

Die Eichert-Indianer waren einmal der angesehenste Stamm von Aue. Man schaute zu ihnen hoch, schon weil sie auf dem höchsten Punkt der Stadt lebten: Auf dem Eichert, am gleichnamigen Bergmassiv gelegen, 564 Meter über dem Meeresspiegel. 1982 entstand hier, in bester Wohnlage am Waldrand, der größte Plattenbau von Aue. Drei Riegel, je vierzig Meter hoch, hundertzwanzig Meter lang und zwölf Meter tief. Mit 562 Wohnungen auf elf Geschossen, in Hanglage.

Die Eichert-Indianer waren anfangs etwas eingeschüchtert von dem architektonischen Monstrum. Es nahm denen, die oberhalb wohnten, die Sicht, und denen unterhalb die Sonne. Aber sie waren auch stolz auf diesen Bau, der die Kleinstadt Aue ein bisschen größer machte. Unser Manhattan, sagten sie. Dabei war es eher ein Dorf: Mit mehr als tausend Bewohnern, einem Kindergarten, einem Arzt, einem Friseur, einem Spielplatz und einem Fußballfeld.

562 Wohnungen verteilt auf drei Riegel, je vierzig Meter hoch, hundertzwanzig Meter lang und zwölf Meter tief

Heute ist diese Skyline das ungeliebte Wahrzeichen der Stadt. Wenn Medien über rechtsradikale Umtriebe in Aue berichten, zeigen sie die Betonblocks vor Erzgebirgspanorama. Ein Unort, zwischen Kleingärten und Kiefern aufragend wie eine schaurige Burg. Was sich hinter den Mauern verbirgt, kann sich jeder vorstellen, weil er es in Plattenbauten und Hochhaussiedlungen ohnehin vermutet: Verwahrlosung, Vereinzelung, Wut.

An einem Samstagabend im Juli stelle ich meinen Koffer vor der Solinger Straße 7 ab, krame aus einem mit Zahlenschloss gesicherten Kästchen den Schlüssel und öffne die Tür im Erdgeschoss links. Hier werde ich in den nächsten drei Wochen wohnen. Zwei Zimmer, möbliert, ohne Balkon.

Der Block, in dem ich wohne, hat die Hauseingänge 1, 3, 5, 7 und 9 mit jeweils 40 bis 44 Wohnungen. Knapp 150 Fenster zähle ich am ersten Abend, viele wirken, als lebe dahinter kein Mensch. Wo Gardinen hängen, sind sie zugezogen. Das ist das erste, was mir auffällt.

Laut Klingelanlage habe ich vierzig Nachbarn, aber aus den Wohnungen über mir höre ich keinen Laut. Trotz der dünnen Wände, kein Husten, keine Schritte, keine Klospülung. „Sind ein paar Leichen dabei“, sagt ein grauhaariger Mann, den ich am nächsten Morgen am Hauseingang treffe. Herr Thiele, stellt er sich vor, drei Wochen noch, dann ist er Rentner. „Die lassen die Namen stehen, damit nicht auffällt, wie viel hier leer steht.“ Er fährt mit dem Zeigefinger die Klingelschilder ab: Herr Korb, vor fünf oder sechs Jahren gestorben. Frau Oettel auch. Die Seemanns alle beide, er weiß nicht wann. Der Richter, Horst: tot, der Thiele, Heinz: tot, sein Vater, übrigens.

Er selbst, Horst Thiele, hat keine Zeit und auch nichts zu erzählen. Ich soll es mal beim Wiesner probieren, der wohnt hier seit Anfang an. Herr Thiele steht noch eine Weile vor dem Hauseingang und fingert an dem langen Schlüsselband, das aus seiner kurzen Hose hängt. Bevor ich mich zu fragen traue, warum die Bewohner im ganzen Block, lebendig oder tot, nur deutsche Namen haben, geht er zurück in seine Wohnung.

Die Anlage rund um die Häuser sieht gepflegt aus. Ein Gehweg, gesäumt von Tannen, Linden und Kastanien. Davor der Parkplatz und eine Bushaltestelle. Der Parkplatz ist das Zentrum im Plattenbau-Ensemble. Wie die Dorfmitte. Wenn es ein Dorf wäre. Gerade fährt laut bimmelnd der Engelswieser Frischdienst ein, ein Supermarkt auf Rädern, und klappt seine Verkaufstheke auf.

Von der Bank der Haltestelle schauen drei ältere Damen zu. Sie haben Sitzkissen mitgebracht. Eine davon ist Evelyn Arnold, 65. Hier ist mehr los als auf ihrem Balkon, der nach hinten zum Wald rausgeht. „Immer nur das olle Grün“, sagt sie und winkt ab. Gerade wartet sie auf ihren Freund aus Schneeberg. Wann er kommt, weiß sie nicht genau. Vielleicht heute, vielleicht morgen. Ich werde sie hier die nächsten drei Wochen oft sitzen sehen, meist in Gesellschaft. Immer, wenn die Sonne scheint. Auch sonntags, wenn der Bus gar nicht fährt.

Ich stehe unangemeldet vor der Tür, aber Klaus Wiesner führt mich herein, als hätte er mich erwartet. Eine Kristallvase mit Schnittblumen steht auf dem Tisch im Wohnzimmer, daneben eine Kristallschale mit polnischen Pralinen. Alles sieht aus, als sei es einmal vor langer Zeit für Gäste hergerichtet und in diesem Zustand erhalten worden.

„Sie haben Glück, dass Sie mich noch erwischen“, sagt er gut gelaunt und holt zwei gekühlte Mineralwasserflaschen aus der Küche. In ein paar Tagen fährt er nach Karlshagen an die Ostsee. Dort verbringt er fast den ganzen Sommer in seinem Wohnwagen. Klaus Wiesner ist Dauercamper und Rentner. Bis '91 war er Volkspolizist, dann hat er gekündigt, mit knapp fünfzig Jahren.

Wegen der Unsicherheit, sagt er, und ist ein wenig verlegen, das zu erklären: Er habe sich freiwillig von der Gauck-Behörde überprüfen lassen, und da sei alles in Ordnung gewesen. Aber er hat viele Polizei-Rapporte ans Ministerium für Staatssicherheit unterschrieben, „da stand eben mein Name drauf“. Einer möglichen Entlassung wollte er so zuvorkommen. Danach hat er auf Versicherungen umgesattelt.

„Es ist statistisch nachgewiesen, dass wir auf eine gewisse Altersarmut zugehen. Für diese Situation sind wir mit den Elfgeschossern ganz gut gerüstet.“
Matthias Kunz, Wohnungsbaugesellschaft Aue

Wiesner bereut das bis heute. Er war gern Polizist, unterwegs auf Streife durch Aue oder im Dienst-Wartburg über die Dörfer. Auch seine Frau Helga hat bei der Polizei gearbeitet. 1964 haben sie geheiratet, am Tag der Volkspolizei, am 1. Juli. Seine Frau ist im vergangenen Sommer gestorben.

Klaus Wiesners Hörgerät beginnt zu fiepen, er nimmt es heraus und rollt es in einer Hand hin und her.

„Wir hatten viele Feste damals, auch hier im Haus“, sagt er. Aus dieser Zeit sind nur ein paar Nachbarn geblieben, Herr Matthes zum Beispiel, mit dem er manchmal an die Ostsee fährt. Als Wiesner 1982 als einer der ersten Mieter einzog, kannte er noch alle im Haus. Die Kinder spielten zusammen, die Männer mähten samstags den Rasen und tranken abends im Clubraum ein Bier. Der Clubraum im Erdgeschoss, wo heute Sperrmüll steht. Jedes Haus hatte so einen.

„Die Wohnung war wie ein Lottogewinn. Wir haben ja vorher in Löchern gehaust, mit Plumpsklo“, sagt er. Er wohnt immer noch gern hier. Wegen der Nachbarn. Und dem Ausblick. Bis rüber nach Lößnitz zum Katzenstein kann er bei gutem Wetter sehen.

„Kennen Sie überhaupt das Erzgebirge“, fragt er zum Abschied. „Wir könnten Sonntag einen Ausflug nach Eibenstock machen.“

Planziel der Partei: 100.000 neue Wohnungen pro Jahr

Am 8. Januar 1982 stand eine lange Schlange von Schaulustigen frierend in der Solinger Straße. Sie warteten darauf, einen Blick in die neuen Wohnungen zu werfen. Wohnungen mit Heizung, Warmwasser und Klospülung. Einige wollten auch nur mit dem Fahrstuhl hinauf in den 11. Stock fahren. Endlich beendete der Bürgermeister, Genosse Gotthold Scheinpflug, seine Rede zur feierlichen Einweihung des Plattenbaus: Mit einem Lob an alle Werktätigen, die zum Planziel der Partei – 100.000 neue Wohnungen pro Jahr – ihren Teil beigetragen hatten.

Er erwähnte nicht, wie zu Beginn der Bauzeit die russischen Lastwagen mit den tonnenschweren Platten der Wohnungsbauserie 70 am Fuß des Eichert steckengeblieben waren. Und dass es erst eilig importierten Lkw der Marke Mercedes gelang, die Beton-Elemente den Berg hoch zu transportieren.

Für wen sich der Traum vom sozialistischen Wohnen erfüllte, hing von der Zahl der Kinder, der Wohnsituation und der Linientreue der Bewerber ab. Mit wenigen Ausnahmen waren es Genossen: SED-Funktionäre, Volkspolizisten, Lehrer, Erzieher, Schichtarbeiter, Bergarbeiter und Fußballspieler des BSG Wismut Aue. Auch Stasi-Mitarbeiter waren darunter.

„Eine Großfamilie in einem Haus, wo würde das sonst gehen?“
Sylva Wöstmann, Solinger Straße 7

„Wir sind Vaterlandsverräter“, sagt Sylva Wöstmann gleich an der Tür, „und Christen. Ich weiß nicht, ob Sie sich trotzdem für unsere Geschichte interessieren?“ Sie drückt mir ein Paar rote Hausschuhe in die Hand und zeigt mir auf dem Weg in die Küche auch gleich das Wohnzimmer mit Laminat, weißen Einbauschränken und hellgrauem Sofa. Hell und freundlich sieht auch Sylva Wöstmann aus, mit langen blonden Haaren, noch keine 50.

Vaterlandsverräter waren sie, ihr Mann und ihre Tochter nur fünf Tage lang. Als sie am 4. November 1989 über den tschechisch-deutschen Grenzübergang Pomezí-Schirnding in den Westen flüchteten. Fünf Jahre später kehrten sie aus Karlstadt bei Würzburg mit zwei weiteren Kindern nach Aue zurück.

Mit inzwischen sechs Kindern wohnen sie in der Solinger Straße 7 auf vier Etagen verteilt: Familie Wöstmann-Ottenberg mit drei Kindern in der 3. Etage, die Töchter Marie, 25, und Olivia, 31, sowie Sohn Nico, 20, im 4., 5., und 6. Stock. Eins höher wohnt noch ihr Onkel Klaus Wiesner und über ihm Oma Gieschler.

„Eine Großfamilie in einem Haus, wo würde das sonst gehen?“ fragt Sylva Wöstmann. Die Platte, naja, wie eine Mauer sehe die von weitem aus, ein bisschen Farbe würde nicht schaden. Aber 90 Quadratmeter für 500 Euro finde man sonst nirgendwo in Aue.

Und überhaupt, Aue: Das Freibad, der Mini-Zoo, der Mulderadweg, zählt Tochter Olivia auf, „das kann nicht jede Stadt bieten.“ Sie weiß, was andere über Aue denken. Wegen der Medien, die nur über Ereignisse wie den Sternmarsch der Rechten im vergangenen Jahr berichteten. „Normale Menschen wie uns gucken die sich nicht an“. „Vielleicht leben wir hinterm Mond“, fügt ihre Mutter hinzu, „aber wir sind eigentlich ne ganz idyllische Provinz.“

205 Garagen haben die Bewohner selbst gebaut

Ab acht Uhr abends ist draußen kaum mehr jemand zu sehen, nur Frau Müller geht noch mit ihrem alten Hund spazieren, der alle paar Meter stehenbleibt. Frau Müller, die immer freundlich grüßt und lächelt, obwohl ihr Mann vor Jahren aus dem zehnten Stock gesprungen ist, der einzige Todessprung, an den sich die Plattenbaubewohner erinnern.

Und bei den Garagen sitzt noch jemand. Auf einem Campingstuhl, halb in der Garage, halb draußen. Irmfried Andreas oder besser: Andreas, Irmfried, wie er sich vorstellt. Pensionierter Lokführer. Die Beine ausgestreckt, in kurzen Sporthosen und Sandalen, liest er ein Anzeigenblättchen. Neben sich ein elektrischer Heizkörper, auf dem er im Winter sein Altenburger Pils aufwärmt. Er sitzt hier zu jeder Jahreszeit. „Ist doch ein herrlicher Ausblick!“, sagt er, lehnt sich nach hinten und zieht sein hoch gerutschtes T-Shirt zurück über den Bauch.

Sein Blick schweift zu den Garagen gegenüber. Die hat er selbst gebaut. 205 insgesamt. Nicht er allein, versteht sich, sondern gemeinsam mit rund zweihundert Garagen-Anwärtern aus ganz Aue. Nach Feierabend und am Wochenende haben sie zwei Jahre lang geschuftet. 1987 waren sie fertig. „Was da geleistet wurde, kann sich heute kein Mensch mehr vorstellen“, sagt er und legt seine Zeitung weg. „Material gab’s nicht, war ja Planwirtschaft.“ Also mussten sie alles selbst beschaffen, Zement, Holz, Beton, Ziegel. Und das ging nur über Tauschgeschäfte: Drei Tage Bäume pflanzen in Wildenthal für zehn Quadratmeter Holz. Eine Waschmaschine gegen zehn fertige Holztore.

Jeden Mittwoch und Sonntag trifft sich die Garagenreihe 1

Eine Garage hat 6.000 Ost-Mark gekostet, fast soviel wie ein Trabi. Andreas besaß eine, lange bevor er ein Auto hatte. „Heute haben manche kein Auto mehr, aber die Garage haben sie immer noch“, sagt er. Als Hobbyraum oder für Sperrmüll.

Mit den Garagen hat ein Stück DDR überlebt: Es gibt den Garagengemeinschaftsverein, der zwei Mitgliederversammlungen pro Jahr abhält. Einen Garagengemeinschaftsvereinsvorsitzenden und sechs Garagenreihenvorstände – jede Garagenreihe mit 36 Garagen hat einen eigenen Vorstand. Der koordiniert die Garagengemeinschaftsvereinsarbeitseinsätze, die zweimal im Jahr stattfinden. Da machen sie Ordnung, lackieren Holztore oder flicken die Dachpappe, sagt Andreas.

Jeden Mittwoch und jeden Sonntag trifft sich die Garagenreihe 1, zu der er gehört. Im Sommer vor, im Winter in den Garagen. Ein harter Kern von fünf oder sechs Leuten, alles Rentner. Sie trinken ein paar Bier und planen gemeinsame Ausflüge. Der nächste geht zur Seehundaufzuchtstation nach Friedrichskoog an die Nordsee.

Günter Friedrich, die Hose weit über die Taille gezogen, läuft mit schnellen Schritten voraus am Haus entlang. „Die Fichte hier zum Beispiel“, sagt er, und schaut blinzelnd in die Höhe, „die habe ich selbst gepflanzt. Auch den Flieder da“, er zeigt auf einen Baumstrunk am Boden, „der hat mal herrlich geblüht.“ Bis sie ihn abgeschnitten haben dieses Jahr. Ein Missverständnis, hat die Wohnungsbaugesellschaft gesagt, aber Günter Friedrich begreift nicht, wie man Bäumebeschneiden so missverstehen kann. Er hat geschimpft, bis sie vier neue Büsche gepflanzt haben, immerhin, sagt er.

Seit die Wohnungsbaugesellschaft für die Grünanlage zuständig ist, läuft vieles nicht mehr so, wie es sich Günter Friedrich vorstellt. „Ich bin der letzte aus der Hausgemeinschaftsleitung“, erklärt er ein wenig stolz. Er sieht streng aus mit seinen 70 Jahren, wie der Schuldirektor, der er einmal war, mit einem Hauch Schalk in den Augen. Bürgermeister des Plattenbaus, nennen ihn manche.

Die Hausgemeinschaftsleitung war ein wichtiges Organ. Sie sorgte dafür, dass alles instandgehalten und wenn möglich verschönert wurde, und das taten die Mieter selbst: Zum Beispiel Bäume pflanzen oder Entwässerungsgräben ziehen; auch die Treppe vom Parkplatz zum Kindergarten haben sie gebaut. Deshalb regt sich Günter Friedrich auf, wenn das Gelände nicht gut erhalten wird und ruft bald täglich unten im Rathaus an. „Gucken Se, wie's aussieht, das Gras wächst rein, ruf ich wieder an, schicken se wieder sechs Mann raus, aber ich hab bald keine Lust mehr“, sagt er. Er blickt auf den Spielplatz, der Mehrgenerationenspielplatz heißt, seit dort ein Stepper und zwei Massagegeräte für Senioren stehen, und schüttelt den Kopf.

Der Waschkeller wurde nach der Wende als erstes geschlossen

Für das Haus Nummer 3, wo er in der 10. Etage wohnt, besitzt er noch die Schlüssel zu den Gemeinschaftsräumen. Er hätte sie längst abgeben müssen, aber wen kümmert es, es braucht sie ja niemand mehr. Nur er geht ab und zu noch runter in den Keller. Da ist der Hobbyraum mit der alten Werkbank, darüber eine Leiste mit Hämmern und Zangen und an der Wand Pin-ups aus den 80er Jahren. Nicht von ihm, sagt er schnell, aber doch ganz hübsch?

Der Waschkeller wurde nach der Wende als erstes geschlossen. Plötzlich hieß es: Wer bezahlt eigentlich den Strom? Die Stadt wollte Geld, aber keiner bezahlen, „und da war es mit der Gemeinschaft vorbei“, sagt Friedrich. Dann entschuldigt er sich, er ist zum Mittagessen verabredet, bei Frau Paul aus der Nummer 1. Sie kocht heute, morgen ist er dran. Sie wechseln sich jeden Tag ab, sagt er, seit seine Frau im vergangenen Jahr gestorben ist.

Nummer 11 ist der altersgerechte Block

Wenn ich morgens Brötchen hole, steht in der ersten Etage der Nummer 11 schon eine Schlange im Flur. In einer leerstehenden Ein-Zimmer-Wohnung hat die Bäckerei Schellenberger eine Verkaufsstelle eingerichtet. Mehr als drei, vier Kunden passen nicht vor die Theke. Auf dem Flur warten viele der meist älteren Leute mit Stoffbeuteln, manche in Hausschuhen. „Du warst gestern noch bei der Rosi, ich hab deinen Rollator vor der Tür gesehen“, sagt eine ältere Dame in Kittelschürze zu der Frau vor mir. „Ich wollt mal schauen, was sie macht“, sagt die, und erinnert daran, dass es heute bei ihr um drei Uhr Kaffee gibt. Weil sie ihren Geburtstag nachfeiert, letzten Samstag ist sie 95 geworden.

Iris Reibrich, die Bäckerei-Verkäuferin, kennt viele, die kommen, mit Namen. Sie weiß auch, was sie kaufen werden: Zwei weiße Semmeln für die Schneider-Ella, zwei weiße Semmeln und eine „Bild” für Frau Schott. „Morgen wieder das Gleiche?“, fragt sie und notiert die Vorbestellungen. Was nicht nötig wäre, weil von allem genug da ist. Aber die Vorbestellungen sind den Kunden wichtig, wie ein Termin für den nächsten Tag.

Die Nummer 11 ist der altersgerechte Block, schon zu DDR-Zeiten so geplant, mit zwei Fahrstühlen, einem Extra-Eingang für Rollstuhlfahrer, einem Arzt, den es heute nicht mehr gibt und einem Friseur. Die Wohnungen sind kleiner als in den anderen Häusern und haben Nummern an den Türen. Rollatoren, Yucca-Palmen und Kakteen stehen davor, manchmal auch Stühle und Sessel. Ein nach außen gelagertes Wohnzimmer, wo die Alten bereden, was es Neues gibt seit gestern: Das Wetter, oder wer gestürzt ist letzte Nacht.

164 Euro kalt für 35,5 Quadratmeter

Wenn sie sich nicht mehr selbst versorgen können, übernimmt ein privater Pflegedienst die Betreuung, sein Büro liegt gleich gegenüber der Bäckertheke. Kornelia Zöbisch, Ende 50, in grünem Kittel und Leopardenleggings, sitzt dort ein wenig abgekämpft an ihrem Schreibtisch. Sie betreut mit zehn Mitarbeitern rund 35 Bewohner im Haus. Einige müssten eigentlich in ein Pflegeheim, sagt sie, aber eine Wohnung in der Platte sei eben günstiger als ein Platz im Heim.

164 Euro kalt für 35,5 Quadratmeter. Gut geschnitten und ideal für eine schmale Rente. Matthias Kunz, Geschäftsführer der städtischen Wohnungsbaugesellschaft, blickt von dem Stapel Papier auf, den er vor sich auf dem Bürotisch zusammengeschoben hat und legt seine Fingerspitzen zu einer Merkel-Raute zusammen. Er möchte nicht zynisch klingen, sagt er, aber das sei eigentlich ein Wohnmodell der Zukunft. In zehn Jahren wird sich die Einwohnerzahl von Aue im Vergleich zur Vorwendezeit halbiert haben. Immer weniger, aber immer mehr alte Menschen werden in der Stadt leben.

„Es ist statistisch nachgewiesen“, sagt er umständlich und mit hochgezogenen Schultern, als sei er dafür mitverantwortlich, „dass wir auf eine gewisse Altersarmut zugehen. Für diese Situation sind wir mit den Elfgeschossern ganz gut gerüstet.“ Besser als die Altbauten in der Innenstadt, die keine Fahrstühle und höhere Mieten haben.

Knapp dreißig Prozent der Wohnungen in der Solinger Straße stehen leer. Das liege auch daran, sagt Kunz, dass die Wohnungsbaugesellschaft genau prüft, wer einzieht. Wenn sich eine Familie mit drei Kindern und zwei Hunden bewerbe, schaue man schon genauer hin. Und bei Asylbewerbern auch. „Wenn wir die reinnehmen würden, wäre der Block voll.“

Bisher haben sie sich dagegen entschieden. Das dürfe man nicht falsch verstehen. Aber so viele junge Männer unter sich – da gebe es immer Radau, das sei bei Deutschen ja nicht anders. „Wir wollen auch unsere Mieter nicht verärgern“, sagt er. Die fühlten sich da oben ohnehin vernachlässigt. Der Eichert sei ein attraktiver Standort, aber die Infrastruktur baue immer weiter ab. Die Grundschule hat gerade vor den Sommerferien geschlossen, die Läden schon seit Jahren: die Kaufhalle, die Gemüsehandlung Schubert, die Fleischerei, die Post und die Arztpraxis. Übriggeblieben ist nur ein kleiner Konsum.

Wenn Ulrikes Kaufmarkt weniger Umsatz macht, ist wieder einer gestorben

In „Ulrikes Kaufmarkt“ liegen die Waren wie Kunstwerke in den Regalen. Jede Tütensuppe und jeder Bockauer Magenbitter-Likör für sich. „Kein Rundgang ohne Korb“ steht am Eingang, aber die meisten Kunden brauchen keinen, weil das, was sie kaufen, in eine Hand passt. Das Glas Apfelkompott zum Beispiel, mit dem eine Kundin gerade zur Kasse läuft. Ulrike Peuser beobachtet sie vom Kühlregal aus. „Wenn man die Leute ein bisschen warten lässt, kaufen sie manchmal noch was“, sagt sie. Es ist trotzdem zu wenig, um den Laden zu halten. Nächstes Jahr muss sie ihn schließen.

Wie eine Nachlassverwalterin sitzt sie hinter der Kasse. Was soll sie ihren Kunden sagen, wenn sie aufhört? Sie seufzt, kurz stehen ihr Tränen in den Augen, aber dann schüttelt sie energisch den Kopf. „Es macht auch keinen Spaß mehr“, sagt sie.

Seit 1973 betreibt sie das Lebensmittelgeschäft, das damals noch Konsum hieß und seit 1991 ihr gehört. Jeden Tag ist sie dreizehn Stunden im Laden, auch samstags. Auch an ihrem Geburtstag, vergangene Woche ist sie 64 geworden. Während sie spricht, federt sie auf Turnschuhen von einem Regal zum anderen, und legt den Birne-Vanille-Tee, den jemand verrückt hat, wieder in Position.

„Aus der Platte kommen immer weniger Kunden“, sagt sie. Wenn in ihrer Wochenabrechnung wieder 50 Euro fehlen, weiß sie, dass noch einer weg ist: im Pflegeheim, gestorben oder weggezogen zu den Kindern.

Auf eine Runde Dart in Uwes Laube

Von „Ulrikes Kaufmarkt“ den Forstweg weiter hoch, rechts rum, beginnen die Kleingärten. Fast jeder aus dem Plattenbau hat hier eine Laube. Auch Uw aus der Geisterbar. Er holt mich am Eingang ab und läuft über den schmalen Rasenflur zwischen den Gärten voraus bis zum letzten Grundstück.

Es grenzt direkt an den Wald, manchmal verirren sich Wildschweine hierher, Menschen seltener. Auf sein Gartenhaus hat er einen zweiten Stock gesetzt, in dem man nicht stehen, aber schlafen kann. Auch den Pool hat er selbstgebaut, sechs mal drei Meter, mit professioneller Filteranlage. Für 7.000 Euro hat sich Uw in klein das geschaffen, was in groß nicht zu haben war: Ein Haus mit Swimmingpool, in dem er den Sommer über lebt, bis sie ihm im Oktober das Wasser abdrehen. Dann zieht er zurück in die Platte, in den 9. Stock.

Heute sind Freunde gekommen, Lüde, Frank und Jens. Uw bringt vier Köstritzer und einen Rebling Sekt mit Peach-Geschmack auf die Terrasse. „Den gibt's grad für einsneunundsiebzig beim Simmel“, sagt er. Nicht unhöflich, einfach rundheraus, so wie er erklärt, warum er sich von seiner Frau getrennt hat: Bumsfaul, sagt er. Sie, nicht er.

In seiner Welt hat alles eine eindeutige Bedeutung, auch wenn er über die Mittelschicht schimpft und damit die Arbeitszeit zwischen Früh- und Spätschicht meint.

„Eine Runde Dart?“, fragt er. Wir spielen von 301 Punkten abwärts. Als mein Pfeil in den schwarzen Rand der Scheibe trifft, ruft Uw „Neger“, und Lüde erklärt, als er meinen Blick bemerkt, das habe nichts mit Rechtsradikalismus zu tun. Ab dann sagt Uw „Lakritze“, wenn ich ins Schwarze werfe. Aus dem Lautsprecher dröhnt Radio Erzgebirge mit den Nachrichten und einer Meldung zum Ende der Sommerferien in Aue: „Das neue Schuljahr beginnt für die Kinder auf dem Eichert morgen in einer neuen Schule, der Pestalozzi-Schule in der Schwarzenberger Straße.“

„Dass sie die Schule dichtmachen, ist ein Wahnsinn,“ sagt Lüde und hält beim Werfen inne, „da krieg ich echt Gänsehaut.“ Es ist die Schule, die er, Uw und Frank als Kinder besucht haben, „die schönste der Welt“. Mit Schafen, Pferden und einem riesigen Garten, mitten im Wald. Ein Skandal, sagt Uw, die Stadt habe seit Jahrzehnten nichts investiert, und jetzt sei angeblich kein Geld da. Wenn da ein Asylheim hinkommt, sagt er, dann!

Der nächste Satz, der fällt, beginnt mit „Frau Merkel“ und geht über mehrere Runden: Alle reingelassen ... schön die Hand aufhalten, unser Geld einstecken ... wollen doch gar nicht ... kriegen drei, vier Kinder, kannste dir ausrechnen, wie lange das dauert, bis ...

Bis Uw irgendwann die Lichterkette ausknipst und Leon den letzten Rest Bier vors Maul schüttet. Leon, der laut Uw ein Wolfshund ist, aber aussieht wie ein Golden Retriever.

Wieso sie Eichert-Indianer heißen, will ich zum Abschied wissen. „Vielleicht, weil wir wie in einem Reservat leben,“ sagt Lüde und lacht. „Es gibt ja keinen Durchgangsverkehr, es kommen nur die auf den Eichert, die hier oben wohnen.“

Auf dem Weg zurück zur Platte zirpen die Grillen auf der Wiese, in den Häusern sind fast alle Fenster dunkel, und die Fahrstuhlschächte ragen wie Lichtsäulen in den Himmel. Es sieht irgendwie aus wie auf einem fremden Stern.


Autorin Julia Jürgens und Fotografin Maria Rohweder sind für diese Reportage drei Wochen in einen Neubaublock in der sächsischen Kleinstadt Aue gezogen

Maria Rohweder

Es sollten mal Journalisten nach Aue kommen und über andere Dinge schreiben als über Neonazis, verlangte der Oberbürgermeister der sächsischen Kleinstadt, Heinrich Kohl vergangenes Jahr. Der Journalist und Absolvent der Reportageschule „Zeitenspiegel“ Raphael Thelen hatte im zuvor in der „Zeit“ über rechte Tendenzen berichtet. So entstand die Idee, den gesamten Jahrgang der Reportageschule, die Julia Jürgens und Maria Rohweder zu dieser Zeit besuchten, nach Aue zu schicken. Herausgekommen ist dabei die vorliegende Reportage und noch zehn weitere, ebenfalls großartige Texte.