Das Medienmenü von Vera Schroeder

„Das nervt mich an neuen Medien: Überheblichkeit, schlampiges Handwerk, und dass immer alles so laut sein muss”

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Morgens informiere ich mich nach dem ersten Kindermucks mit dem Handy im Bett, das mir der Zweijährige vom Nachttisch rüberreicht. Dort gucke ich Facebook, Twitter und Instagram. Nicht rühmlich, ist aber so, die Kinder sind sowieso schon beim Müsliessen.

Im Abo habe ich neben dem Mitarbeiterabo der Süddeutschen Zeitung die Magazine Dummy und aus alter Verbundenheit das Snowboardmagazin Pleasure. Mein Freund hat noch ein Abo des New Yorker und vom New York Reviews of Books, wobei ich in letzteres wenig reinschaue. Im New Yorker checke ich die Themen und lese ungefähr einen langen Text im Monat komplett durch. Die Zeit und den Spiegel kaufen wir praktisch jede Woche. Manchmal kaufe ich mir außerdem die Missy, Emotion, Myself, Barbara, Brand eins und Brigitte Woman (wobei sich da ja gerade alles auflöst. Was man hört, lässt jedenfalls nicht auf eine Qualitätsoffensive schließen, eher auf ein altbekanntes Ausmelken). Beim Friseur alle fünf Wochen hole ich alle Ausgaben Gala und Bunte nach.

Wenn ich unterwegs bin kaufe ich aus Jobgründen zum Schnellcheck Konkurrenzprodukte (Eltern, Nido, Brigitte Mum, Zeit Leo, Dein Spiegel) und dann auch bewusst neue, kleine und internationale Magazine. Ich gebe da sehr viel Geld aus für alles, was schön aussieht oder irgendwie interessant daherkommt. Im Moment sind das auch oft Familien- und Kindermagazine wie Anorak und Dot Magazin aus England oder Fathers aus Polen. Im Netz bestelle ich die Kindertseitung (schreibt man genau so), wenn es mal wieder eine neue Ausgabe gibt (selten), das ist ein wirklich sensationelles eigenfinanziertes Kindermagazinprojekt aus Mannheim.

Auf dem Handy lese ich sueddeutsche.de. Auf bild.de und Spiegel Online schaue ich, wenn was passiert und um Margarete Stokowski, Georg Diez und Sascha Lobo zu lesen. Über die sozialen Medien kriegt mich Zeit Online am häufigsten. Die haben, das ist ein Gefühl, die debattenstärksten Beiträge für meine Themen und unterschiedliche freie Autoren und vor allem Autorinnen, was ich sehr mag. Guardian lese ich auch viel, weil es so vielfältig ist und ich mich trotzdem gut zurechtfinde.

Dazu kommen ein paar Newsletter per Mail, piqd (die Idee finde ich total super), Edition F (nervt mich inhaltlich zwar oft, aber auch eine super Idee, und ich mag halt Frauen wirklich sehr), Labbé (ein Bastelblog) und den von unseren SZ-Chefs mag ich natürlich auch gern, weil er für mich wie Flurfunk aus der Chefetage funktioniert. Ich hatte mal ein Krautreporter-Abo, da ist der Newsletter noch übrig.

Blogs lese ich quer gemischt, keines regelmäßig. Vieles davon erreicht mich über die sozialen Medien. Am Ende lese ich doch fast alles zu den jeweiligen Frauen-Mütter-Aufreger-Debatten und wünsche mir so, dass das auch Männerthemen werden. Gerade bin ich außerdem süchtig nach Celeste Barber, der Frau, die alberne Promifotos nachstellt. Und Michèle & Wais – Die Kunst des Erwachsenwerdens-Kolumnen. Joanna Goddard „A cup of Jo“. Dazu gucke ich sehr, sehr viel auf Instagram. Und Boatnotes mag ich, das ist eine Patchwork-Familie die mit ihren pubertierenden Jungs ein Segelboot gemietet haben und jetzt um die Welt segeln.

An den alten Medien nerven mich am meisten Überheblichkeit, fehlende Diversität (die vertuscht oder sich nicht einmal eingestanden wird) und schlampiges Handwerk. An den neuen Medien: Überheblichkeit, schlampiges Handwerk und dass immer alles so laut und platt sein muss.

https://youtu.be/dZQqdGrazAs

Wenn ich Bücher lese, dann am liebsten Romane. Ich nehme mir auch sehr oft Biografien vor, aber dann schummeln sich immer Romane dazwischen. Das beste Buch, das ich in letzter Zeit gelesen habe, war „Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara. Wow. Die Geschichte von ein paar Studienfreunden und was das Leben aus ihnen und ihrer Freundschaft macht. Ganz tief traurig, gleichzeitig sehr glücklich machend; so schnell habe ich schon lange keine 800 Seiten mehr am Stück verschlungen.

Ich lese zwar viel auf dem Handy, oft überfliege ich dort aber auch nur und scrolle schnell weiter. Lange Texte lese ich nur selten auf dem Bildschirm, und ich würde immer die Printvariante vorziehen, wenn sie im selben Moment neben mir läge. Ich kann mich einfach weniger tief konzentrieren, wenn ich auf mein Smartphone gucke. Manchmal glaube ich, es liegt am Licht, das von unten kommt. Ich kann besser lesen, wenn das Licht von oben kommt und das, wo die Schrift drauf ist, ganz ruhig ist.

Dafür benutze ich mein Telefon sehr oft, um gute Texte oder Passagen aus gedruckten Medien abzufotografieren und somit zu speichern. Außerdem habe ich auch ein langes Notizbuch in meinem Telefon, in dem ich Dinge festhalte. Im Moment ist es das die normale iOS-Notizen-App und Evernote, je nachdem, wie alt die Liste ist.

Bei Zeitungen habe ich mir außerdem angewöhnt, sie erst einmal durchzublättern und Texte rauszulegen. Bei Magazinen mache ich dicke Eselsohren an die betreffenden Stellen. Gelesen wird das so zusammengestellte Material dann gesammelt vor dem Schlafengehen und am Wochenende.

Im Radio höre ich gern und eigentlich täglich „Radio Mikro“, eine Kindersendung auf Bayern 2, und danach den Zündfunk. Und „The longest shortest time“ ist der beste Familienpodcast, den ich kenne.

Die Bild-Zeitung versuche ich so gut es geht zu vermeiden. Wenn ich sie online anschaue, habe ich danach immer sofort ein schlechtes Gewissen. Was ich auch nicht mag: Gemütlichkeits-Magazinprodukte, die schlau tun und nur doof sind.


Vera Schroeder ist die Redaktionsleiterin von SZ Familie, einem zweigeteilten Familienmagazin für Eltern und Kinder, herausgegeben von der Süddeutsche Zeitung.

In der von Christoph Koch betreuten Kolumne Medienmenü stellen regelmäßig interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Ihr könnt per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen er porträtieren soll.

Illustration: Veronika Neubauer, Foto: privat.