Wer die Männer sind, die Frauen für Sex bezahlen

Wer die Männer sind, die Frauen für Sex bezahlen

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„Also, du kannst machen, was du willst”, erklärte meine Freundin Vivienne und verschränkte ihre Arme vor der Brust, als sie erfuhr, dass ich unter dem Namen „Paula” im Puff arbeitete. „Aber findest du die Männer nicht eklig?” Sie wartete einen Moment und fügte dann mit Nachdruck hinzu: „Ich find's eklig.”

„Vivienne”, sagte ich. „ Sie sind alle total sauber! Alle Männer dort müssen vorher duschen. Wir haben zwei Bäder, und die sind dauernd belegt. Das sind sehr hygienische Menschen ... Ich meine, der Sex im Puff riecht wirklich nur nach Latex.”

Vivienne sah mich zweifelnd an. „Ilan, ich rede hier nicht vom Duschen. Das ist ja schön und gut, dass die Männer nicht auch noch stinken. Aber du kennst sie ja gar nicht. Sie sind dir völlig fremd, und ich behaupte, du willst sie auch gar nicht kennenlernen. Ich meine, was soll das dann? Nur um Sex zu haben? Das ist eklig.”

Ich wusste nicht, ob ich an mir selbst oder an Vivienne zweifeln sollte. Fand ich Martin, einen Stammfreier, eklig? Zumindest ein bisschen? In meinen Puffbetten lagen durchschnittliche Männer, „auffällig unauffällig”, wenn man so will. Waren das tatsächlich die Ausgemusterten unserer Gesellschaft, und nur Paula – und auch die nur gegen Geld – fasste sie noch an?

Eher nicht. Martin war Anwalt. Ein großer, ruhiger Mann mit dunklen Haaren und einer kleinen Aktentasche neben sich. Woran dachte Vivienne noch? Uralte Greise, denen das Gebiss beim Vögeln aus dem Mund fiel? Klaus war höchstens 50. Und Andreas 36. Männer in einem ... nun, durchschnittlichen Alter eben. Sie waren weder reich noch arm. Sie sahen nicht umwerfend gut aus, aber auch keineswegs schlecht. Normal eben. War daran nicht doch etwas eklig, das ich einfach bisher übersehen hatte?

Ich hob schuldbewusst die Schultern. Nein, irgendwie nicht.

Selbst die Freier befürchten, eklig zu sein

Interessanterweise war Vivienne mit ihrer Frage nach dem Ekel nicht allein. Die meisten Freier befürchteten, eklig zu sein (und noch mehr Freier unterstellten es anderen Freiern, nahmen sich selbst großzügig aber aus). Unübertroffen – und ich muss bis heute lächeln, wenn ich an diese Szene denke – war Mattis, der nach dem Sex neben mir lag und an die Decke schaute. Ich weiß noch, wie er mich kurz ansah, sich plötzlich aufrappelte, ein Kissen in seinen Nacken stopfte und sich sichtbar ein Herz fasste: „Sag mal, wie ist denn das, wenn du mal jemanden nicht magst. Ich meine, ich denke mir, hier kommen auch Leute hin, die ...”

Er hielt den Atem an und wartete kurz auf meine Reaktion, dann sah er, dass ich Luft holte, und unterbrach mich hastig: „ Also, mit mir ist das ja kein Thema, ich bin ein toller Typ, so viel ist klar, aber ...” Er wusste nicht, ob er lächeln oder grimmig gucken sollte. Ich musste laut lachen. Oh, unser Seiltanz zwischen Sehnsucht nach der Wahrheit und Angst davor, sie könne verletzen: Mit dir, Mattis, wurde daraus ein unfassbar guter Moment.

Aber wenn sich nicht einmal ein Freier „den Freier” vorstellen kann – wer ist dann „der Freier”? Offiziell wissen wir nicht viel von ihm, nur eines ist klar: dass er niemals gut wegkommt. Er ist der bemitleidenswerte Trottel, der auf die Reize der Frau hereinfällt oder auf seine eigene Biologie, und dieses höhnende Mitleid ist noch das Beste, was ihm passieren kann. Denn wenn wir uns nicht gerade damit unterhalten, Freier zu bemitleiden und als Idioten darzustellen, dann denken wir sie uns als Sadisten, als notgeile und rücksichtslose Egomanen, die es darauf anlegen, Frauen zu erniedrigen.

Nicht wahr, Freier stehen auf Gewalt und warten nur darauf, dass sich die Türen des Puffs hinter ihnen schließen, damit sie ihre perversen Fantasien ausleben können. Im Prinzip fantasieren wir den Freier als den Vergewaltiger, der sein Opfer bezahlt. Heute bin ich verblüfft, dass das alle so gut wissen. Es ist ja niemand selbst Freier ... Aber alle wissen, wie Freier sind.

Wenn es um Freier geht, scheint sich die ganze Welt mit einer großspurigen Sicherheit im Puff zu bewegen. Wir wissen, wie der Freier einer wehrlosen Prostituierten den letzten Tanga vom Körper reißt, sie aufs Bett zerrt und vögelt. Turn-on. Turn-off: Ich habe andere Erfahrungen mit Freiern gemacht. Ganz andere.

Obstsalat, Genitalmassage und Nichtficker gehören zum Alltag

Ein Freier,

  • das ist der junge Mann, der mit Kopfhörern auf den Ohren durch unsere Gänge schleicht, Obstsalat mitbringt und eine Picknickdecke, um sie säuberlich auf dem Bett auszubreiten. („Der Gemüsemann ist wieder da!”, rufen wir vergnügt.)

  • das ist der Masseur, der es sich nicht nehmen lässt, mir jedes Mal vor dem Sex eine Yoni-Massage zu geben. (Wenn ich den Kopf hebe, sehe ich ihn zwischen meinen Knien sitzen, wie er mit zwei Fingerkuppen, hoch konzentriert, meine Vulva abtastet. Und wenn ich den Kopf wieder sinken lasse ... was soll ich sagen. Der – coolste – Job – der – Welt.)

Eine Yoni-Massage ist eine sinnliche Genitalmassage.

  • das ist der konfuse Künstler, der sich im Puff wieder zu sammeln versucht. „Wir haben uns so gestritten, meine Freundin hat mir die Hölle heißgemacht. Sie hat mich angeschrien ... Ich dachte nur: ,Oh Gott, ich muss sofort zu euch, ich fall hier in Ohnmacht.' (Ich sparte mir die Kommentare.)

  • das ist der frischgebackene Vater, der sich für durchgemachte Nächte und Dutzende gewechselter Windeln mit Sex im Puff belohnt. (Ich denke über sinnliche Belohnungsanstalten für übermüdete Mütter nach.)

  • das ist der Professor, der irgendwann jeder von uns erzählt hat, er gehe nie in den Puff, nur dieses eine Mal, wo jemand seiner verflossenen Liebe ähnle. („Wetten, Paula, der im blauen Zimmer wird dir Folgendes erzählen ...”, kündigt Vicki mir an. Und eine Stunde später sage ich: „Genauso war es!”)

  • das ist der Mann, der weinend in meinem Schoß liegt, weil seine Lieblingshure plötzlich den Job gewechselt hat – unfähig, sich für etwas anderes zu interessieren als dafür, mit seinem Schluchzen eine halbe Stunde lang nicht allein zu sein.

  • das ist der Musikproduzent, der sich gut gelaunt durch die Neuzugänge der Berliner Puffs vögelt und bei uns den Ruf hat, angenehm, korrekt und lustig zu sein.

  • das ist der junge Mann, der sich pünktlich zur ersten Minute aufs Bett wirft, vor sich hin summt, die Augen zumacht und dann aufhört, sich zu bewegen. Ich zapple unruhig an seiner Seite herum, bis er blinzelt: „Entspann dich, ich will gar nicht ficken.” – „ Äh ... warum nicht?”, frage ich höflich. Er zuckt mit den Achseln. „Keine Ahnung. Ich ficke einfach ungern. Ist nicht so mein Ding.”

  • oder es ist einer wie George:

„Paula, Telefon für dich!”, ruft die Hausdame, und ich eile in den Aufenthaltsraum. „Paula hier.” Eine ruhige, warme Männerstimme meldete sich. „Hallo, Paula. Hier ist George. Wir kennen uns noch nicht, aber ich hätte gerne einen Termin bei dir. Ich wollte fragen, ob du mich zum Raucher machen würdest. Würdest du das machen?” – „ Äh ... George, warte mal. Ich glaube, die Verbindung ist ... was hast du gesagt?” – „ Würdest du mich zum Raucher machen? Würdest du mich zwingen, zu rauchen? Ich bin Nichtraucher, und ich würde gerne ... würdest du das machen?”

Ich schließe kurz die Augen. Nichtraucherin bin ich auch, und ich sehe mich mit Feuerzeugen und Tabak hantieren, womöglich noch mit Fußfesseln und Asthmaspray, und dabei unser Himmelbett in Brand setzen.

Ich mache die Augen wieder auf. „George, danke, dass du fragst”, sage ich. „ Aber um ehrlich zu sein: Da bin ich leider die Falsche. Da wendest du dich besser an jemanden, die sich damit auskennt.” Ich lege auf und sehe Elli fragend an. Sie grinst: „Komisch. Erst gestern rief derselbe Typ an und wollte, dass Vicki ihm einen Arm eingipst.”

Die einzige eindeutige Aussage, die ich über Freier machen kann, ist diese:

„Der Freier” existiert nicht.

Freier sind unterschiedlich. Letzten Endes, wenn wir dem Freier unter die Haut kriechen, gibt es so viele Typen von Freiern wie Freier selbst.

Nun können wir abgeklärt sagen: Ja, klar gehören zu den Typen individuelle Schicksale. Aber in einem entscheidenden Punkt sind sie alle gleich: Sie wollen eine anonyme, unverbindliche und schnelle Nummer, ohne Kontakt, ohne Anstand, ohne Gefühl.

Wieder falsch.

Gleichgültig, von welchem Freier und von welcher Situation wir sprechen: Die Hure bedeutet dem Freier etwas.

Aber was bedeutet ihm die Hure? „ Dass er sie behandeln darf, als sei sie ihm egal”, sagen wir. Ganz so, als könne ein entfesselter Mann in den Puff als einen offenen Raum hineinrennen und anstellen, was immer er wolle.

Dieser sozial tote, hemmungslose Sex im Puff ist eine kollektive Sexfantasie: Sie ist nicht real. Denn abgesehen davon, dass ich das Männerbild in dieser Fantasie hinterfragen möchte, habe ich diese Erfahrung nicht gemacht. Ja doch, vielleicht haben wir uns einander mit falschem Namen vorgestellt, vielleicht ist Niklas gar nicht geschieden, und er ist auch nicht auf der Durchreise, und schon gar nicht bin ich sein erstes Mal gegen Geld – das mag alles sein.

Kommunikation vom ersten bis zum letzten Moment

Dennoch bleiben wir beide die Kinder unserer Kultur. Unsere Gesten und Bewegungen, die Momente, in denen wir lächeln, was mir Niklas erzählt und wie ich darauf reagiere, all das ist ein dichter, verbindlicher Kontext. Die reale Begegnung zwischen mir und einem Freier ist vom ersten bis zum letzten Moment eingepackt in Kommunikation. Niemand hier wird seine Urkräfte entfesseln, niemand wird auf diesem Bett in die Tiefen seiner Abgründe tauchen und dann pünktliche dreißig Minuten später daraus wieder emporsteigen, um sortiert und freundlich zum nächsten Meeting ins Büro zu fahren.

Vielleicht fantasiert Niklas einen Sex, in dem er wild und hemmungslos sein kann – einen Sex, der ihn von sich selbst befreit, von seinem Lächeln, seiner gespielten Geduld, seinem ständigen Verständnis für andere. Vielleicht – sogar wahrscheinlich – stellt Niklas sich einen solchen Sex als befreiend vor und „authentisch”. Die Bedürfnisse seiner Umwelt ignorieren zu dürfen, um endlich selbst die Hauptrolle im eigenen Leben zu spielen ...

Und womöglich geht Niklas auch davon aus, dass eine Hure dafür die passende Umwelt und die passende Unterwelt sein müsste, weil sie das niemandem erzählen würde, weil sie das gar nicht so schlimm oder verwerflich fände, und weil bei einer Hure dadurch auch nicht mehr Schaden angerichtet werden könne, als sowieso schon da sei. So weit die Fantasie.

Dann, kaum dass Niklas bei uns im Zimmer sitzt und alleine auf die Frauen wartet, die sich ihm vorstellen, kaum dass er sich im Dämmerlicht die Körper und die dazugehörigen Namen merken muss, kaum dass er meinen Körper und meinen Namen gewählt hat und ich ihn frage: „Wie geht es dir?”, landet er wieder in seiner Realität und antwortet: „Ich bin aufgeregt.”

Vom gefühlvollen Freier zum Stammfreier

Niemand hat mir im Puff je ins Gesicht ejakuliert, ich habe mich nie verkleidet, niemanden gefesselt und bin selbst nie gefesselt worden. Vielleicht fragte Klaus, ob ich ihn in der Dusche anpinkeln würde. Dann lächelte ich höflich und lehnte ab. Würde ich Analsex anbieten? Nein, heute nicht. Aber küssen? Auch nicht. Das sei sicher verständlich. Ja – nein. Danke. Nichts an diesen Gesprächen war unerhört.

Auch unsere Vorstellung davon, dass Freier „ohne Gefühle” auskämen, ist grundfalsch. Kaum eine Begegnung versuchte nicht, die Wand aus unpersönlichem Sex zu überwinden, um eine authentische Begegnung herzustellen. Die meisten Freier hatten komplexere Bedürfnisse als „einfach nur Sex”, und sie investierten ihrerseits mehr als nur Geld.

Eine Zeit lang wusste ich selbst nicht, ob ich diese Ernüchterung so toll fand. Ich dachte, ein Puff sei eine Garantie für Abenteuer. Jaja, solange ich eine Hure wäre, müsste ich mir um den Nervenkitzel in meinem Leben keine Sorgen machen. In unermüdlicher Vielfalt würden Männer durch die Tür des Puffs quellen, und der Sex mit ihnen wäre der nie endende Strom des Neuen, als würde ich den ganzen männlichen Globus in meiner Vagina versammeln.

Aber dann kamen die ersten Freier wieder zu mir. Und wieder. Und wieder. Flugs war aus dem sagenhaften Abenteuer ein Job geworden wie im Büro – vertraute Gesichter, immer dieselben Abläufe und ganz gewöhnliche Routinen. Oft denke ich darüber nach, ob es den Freiern ähnlich erging wie mir. Der Kitzel aus Risiko und Unbekanntem ist erregend ... aber dann doch schnell zu stressig. Und nach einigen anonymen Nummern zu Beginn bemerken die Männer vielleicht selbst, dass sie Cara mehr mögen als Lena, und dass sie Vicki noch mal wiedersehen wollen.

So entsteht der Stammfreier, und er ist so häufig und so üblich in der Prostitution, dass er alle Klischees von Anonymität widerlegt. Dieses „Bindungsverhalten” ging so weit, dass viele Stammfreier das Gefühl entwickelten, „ihrer Hure treu” sein zu müssen. Da war ich schon im Puff und wurde immer noch so behandelt, als müsse man vor mir als Frau die „Seitensprünge” verheimlichen ...

Ich erinnere mich an die verschämten Hinweise mehrerer Männer darauf, dass sie auch mit Kolleginnen Termine vereinbarten. Wir Huren lächelten großzügig über ihre Untreue hinweg und kicherten erst hinter den Kulissen. Ausgerechnet von Freiern lernte ich, wie tief Sex und Monogamie in unserer Kultur und Prägung verbunden sind.


Dieser Artikel ist ein Kapitel aus dem Buch „Lieb und teuer” – ein weiteres Kapitel daraus könnt ihr in der nächsten Woche lesen. Ilan Stephani, 1986 in Berlin geboren, ist heute als Körpertherapeutin und Autorin tätig. Sie leitet Seminare für Frauen und bloggt über Sexualität und Freiheit. Theresa Bäuerlein hat sie beim Schreiben ihres Buches unterstützt. Es ist im Oktober 2017 im Ecowin-Verlag erschienen.

Illustration: Sibylle Jazra für Krautreporter.