„Ich habe aufgehört, bestimmte Autoren (alles Männer) zu lesen”

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Ich habe Spiegel, Stern, ZEIT, SZ und den New Yorker im Abo. Wie sehr ich die Magazine tatsächlich lese, ist sehr unterschiedlich und hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen. Ich habe Phasen, in denen ich jede ZEIT von vorne bis hinten durchgehe, ich habe Phasen, in denen ich den Spiegel jede Woche wirklich lese. An der ZEIT schätze ich das Ausgeruhte, vor allem aber die Reportagen und das Dossier, am Spiegel die Recherche und die aufwendigen Rekonstruktionen.

Und dann gibt es Wochen, in denen ich bei allen Magazinen gerade mal das Titelblatt anschaue. Vermutlich hat das aber mehr mit mir zu tun und damit, wie anstrengend und zeitraubend die Kinder oder der Job gerade sind. Grundsätzlich lese ich leider deutlich weniger, seit wir Kinder haben. 

Wenn ich reise, nehme ich fast immer den New Yorker mit – weil ich hoffe, endlich die Zeit dafür zu haben. Absurderweise lese ich die SZ am liebsten im Urlaub, wenn ich viel Zeit habe und nichts mit der Entstehung zu tun hatte. Dann lese ich sie tatsächlich von vorne bis hinten durch und freue mich oft, dass ich auch bei dieser Zeitung arbeite.

Im Netz lese ich sehr gewöhnlich: vor allem sueddeutsche.de und Spiegel Online. Seit ich zehn Monate für ein Sabbatical in den USA war (ich hatte ein Knight-Wallace Fellowship in Ann Arbor, kleine liberale Uni-Stadt in Michigan, kann ich nur empfehlen, keine der drei Elite-Unis oder so, aber wahnsinnig toll, charmant und inspirierend) und dieser Trump in eben dieser Zeit Präsident wurde, habe ich auch ein Digital-Abo der New York Times und der Washington Post. Ein paar Monate war ich Trump-News-süchtig, weil ich stündlich die eine Geschichte erwartet habe, die ihn zu Fall bringt, so endgültig.

Aber auch jetzt, mehrere Monate, nachdem ich zurück nach Deutschland gekommen bin, nutze ich beide Abos tatsächlich täglich, jedenfalls derzeit noch. Die Washington Post macht das übrigens ziemlich cool, wenn man einen Text lesen will, nachdem man die frei verfügbare Anzahl von Texten überschritten hat. Dann poppt ein Fenster mit einer Nachricht auf. Die geht ungefähr so: „Offensichtlich gefällt dir exzellenter Journalismus – der hat aber seinen Preis – und hier geht's lang zum Abo.“ Beim dritten Mal hab ich es gemacht … Auch auf Medienblogs schaue ich regelmäßig vorbei, aber ich habe kein Blog, dem ich konstant folge. Da lasse ich mich eher durch Empfehlungen meiner Timelines in Sozialen Medien auf Blogs treiben. 

Ich lese ziemlich viel auf dem Smartphone und immer mehr auf dem Tablet (dort gerade den Spiegel, zum Beispiel). Ich stelle aber mit Blick auf meinen Handy-Screen fest, dass ich kaum klassische Nachrichten-Apps installiert habe und nutze. Eigentlich nur die Kicker- und Sport1-App für Fußballnews. Um bestimmte Themengebiete zu verfolgen und auf dem aktuellen Stand zu bleiben, nutze ich Google-Alerts und Twitter.

https://youtu.be/OzO1JU6sTLE

Bastian Obermayer und sein Kollege Frederik Obermaier im Gespräch über die Panama Papers.

Was ich bei meiner Arbeit als Investigativjournalist jedoch extrem viel nutze, sind gut geschützte Messenger-Apps, wie zum Beispiel Signal oder Wire. Da finde ich natürlich keine veröffentlichten Texte, aber seit einiger Zeit habe ich sehr viele Kontakte, die solche Apps zur Kommunikation nutzen. Und da eine Quelle lieber Signal und eine andere Threema will, und die Dritte eben Wire oder Confide, habe ich sehr viele verschiedene solcher Messenger installiert. Ich bevorzuge und empfehle Signal, eine Open Source Software, die Edward Snowden mitentwickelt hat, oder jedenfalls mit seiner Freedom of the Press Foundation fördert. Mit Signal kann man auch telefonieren, und die App zeigt potenziellen Datenüberwachern nicht mal die Metadaten an. Wer weg will von WhatsApp: Signal ist nur einen Click im Appstore entfernt und superleicht zu bedienen. Und hey: Sogar meine Eltern nutzen inzwischen sichere Chat-Apps …

Wenn wir an internationalen Projekten arbeiten, tauschen wir uns aber meistens über den „iHub“ aus, eine Art geschlossenes Facebook. Den „iHub“ haben sich Programmierer des International Consortium for Investigative Journalists (ICIJ) ausgedacht. Mit dem ICIJ haben wir all die großen Projekte gemacht, Offshore Leaks, Lux Leaks, Swiss Leaks und Panama Papers, die haben sehr viel Erfahrung und wissen genau, was investigative Reporter von einem Tool für kollaborativen Journalismus erwarten: Man kann Daten sicher hochladen, chatten, Rechercheergebnisse teilen, sich zu Untergruppen zusammenschließen und sogar Likes für die Kommentare und Posts anderer verteilen – so arbeitet es sich richtig gut. Eigentlich ist es ein Witz, dass die meisten Redaktionen nichts Vergleichbares haben, mit dem ihre Reporter online zusammenarbeiten könnten. Ach so: Der iHub liegt natürlich auf einem dreifach und vierfach geschützten Server.

Wenn ich Bücher lese, mixe ich Fiction und Sachbücher. Bedingt durch meine Arbeit als Investigativjournalist lese ich inzwischen allerdings mehr Sachbücher als früher. Und bedingt durch mein Elterndasein, wie gesagt, weniger Bücher allgemein. Ich kaufe erstaunlicherweise weiterhin ungebremst so viele Bücher wie zuvor, die dann im Regal warten und mir stumm und ungeöffnet ein schlechtes Gewissen machen. Aber hey, Kinder werden älter, und ungelesene Bücher im Regal können nicht weg.

https://www.youtube.com/watch?v=iIggPmmLZpM

George Packer liest aus „The Unwinding”

Eines der faszinierendsten Bücher, die ich in der letzten Zeit gelesen habe ist „The Unwinding“ des amerikanischen Journalisten George Packer (auf Deutsch: Die Abwicklung: Eine innere Geschichte des neuen Amerika). Ich hatte es direkt vor meinem USA-Aufenthalt gelesen und musste dort ständig daran denken. Ein faszinierendes Buch, das Trump vielleicht besser erklärt als die meisten aktuellen Texte. 

Wenn wir am Wochenende zu Hause sind, versuchen wir den Kindern so viel Lesezeit wie irgendwie möglich abzutrotzen. Früher saß ich mit meiner Frau oft stundenlang glücklich schweigend und lesend am Frühstückstisch, diesen Zustand versuchen wir wieder herzustellen, das muss das Ziel sein. Im besten Fall machen die Kinder irgendwann einfach mit. Dafür müssten sie aber erstmal lesen können ...

Grundsätzlich bin ich als Konsument nicht besonders genervt von Medien. Worauf ich keine Lust habe, das lese ich es eben nicht. Natürlich stört es mich, wenn Welt, Bild oder andere die niedersten Instinkte bedienen. Aber inzwischen rege ich mich nicht mehr so sehr darüber auf. Wo ich das hier so hinschreibe, frage ich mich, ob ich in dieser Hinsicht professionell abgestumpft bin oder einfach älter werde. Wahrscheinlich beides. 

Trotzdem gibt es Medien, die ich meide. Ich habe keine Lust, mich über dämliche rechtskonservative Kommentare zu ärgern, deswegen meide ich Medien, in denen ich genau das mit Sicherheit antreffe. Ich habe auch aufgehört, bestimmte Autoren (ich bin sie eben durchgegangen, es sind alles Männer ...) zu lesen, die nur billige Polemiken absondern. Darauf habe ich keine Lust mehr. Das heißt bitte nicht, dass ich keine Meinungen lesen möchte, die von meiner abweichen. Aber wenn ich sehe, dass jemand nur der Provokation halber provoziert, langweilt mich das.

Konzentrieren wir uns lieber auf die positiven und empfehlenswerten Dinge: Ich habe viele Lieblingsautorinnen und -autoren: Zum Beispiel Eva Menasse, Dave Eggers, Miranda July, aber auch Philip Roth und etliche andere US-amerikanische Autoren. Auch unter Journalisten habe ich Lieblingsautoren. Oft solche, die Reportagen mit Recherchen so wunderbar verweben, dass man beim Lesen eben nicht merkt, wie kompliziert die Geschichten sind. Amrai Coen, Henning Sußebach, Wolfgang Uchatius oder Stefan Willeke können das besonders gut. Ich weiß, das sind die üblichen Namen, aber ich lese einfach gerne Texte, die scheinbar umstandslos und trotzdem kunstvoll erzählt sind. Ich mag keine Girlanden, ich mag keine eitlen Texte, in denen jemand mit sinnlosen Effekten und albernen Manierismen die Erzählung beschießt. Bei der SZ frage ich mich immer, wie Holger Gertz das macht, in unglaublich kurzer Zeit fantastische Texte auf der Seite drei zu schreiben, von der Fußball-WM, Olympia oder wo auch immer er für uns gerade ist. Lesen Sie außerdem bitte unbedingt Katrin Steinberger, Alex Rühle, Lara Fritzsche, Cornelius Pollmer, Sonja Zekri, Alexander Gorkow und ... und ... und ... – es sind so viele großartige Schreiberinnen und Schreiber bei der SZ.
 
Was Podcasts betrifft, so höre ich – ebenfalls eine Spätfolge der Zeit in den USA – jede Folge von The Daily, dem täglichen Podcast der New York Times, und möglichst viel Planet Money. Fernsehen findet bei mir fast nur noch bei Anbietern wie Netflix oder Amazon Prime statt oder über DVDs. Manchmal schaue ich noch den Tatort, aber nur München oder Wien.

Insgesamt sehen die Veränderungen bei mir vermutlich aus wie bei den meisten anderen Menschen, nehme ich an: mehr Digitales, mehr Streaming, mehr Podcasts. Und, falls ich noch nicht genug darüber gejammert habe, dass wir wegen der Kinder viel weniger zum Lesen kommen: Wir kommen wegen der Kinder viel weniger zum Lesen, es ist eine Tragödie.


Als Investigativjournalist deckte Bastian Obermayer unter anderem den ADAC-Skandal auf und veröffentlichte – für die Süddeutsche Zeitung und gemeinsam mit anderen internationalen Medien – die „Panama Papers” und „Paradise Papers”. Obermayer wurde für seine Arbeit mit zahlreichen Journalistenpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Pulitzerpreis.

Im New Yorker gab es unlängst ein sehr interessantes Porträt von Bastian Obermayer, das auch Einblicke in die Arbeitsweise des SZ-Investigativressorts liefert.

In der von Christoph Koch betreuten Rubrik Medienmenü stellen regelmäßig interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Ihr könnt per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen er porträtieren soll.

Illustration: Veronika Neubauer, Foto: KiWi/Stephanie Füssenich.