Ich war ein Neonazi, aber gemerkt hättest du das nie

Ich war ein Neonazi, aber gemerkt hättest du das nie

, etwa %minutes% Minuten Lesedauer

„Irgendwann ist man kein Aussteiger mehr”, meint Christoph*. Vielmehr ein Mensch mit einer extremen Vergangenheit. „Ich finde es schwachsinnig, wenn man immer nur zurückguckt. Ich will jetzt auf meine Gegenwart und Zukunft schauen. Ich habe schon so viele Jahre verschwendet.”

Im Februar 2013 beschließt der Nationalsozialist aus Dresden nach reiflicher Überlegung, der rechtsextremen Szene nach vielen Jahren den Rücken zu kehren. An den Auslöser dafür erinnert er sich gut.

Seine sogenannten Kameraden und er sitzen beim Stammtisch. Gemeinsam werten sie den Verlauf der Demonstration anlässlich der Luftangriffe auf Dresden im Zweiten Weltkrieg aus. Nüchtern. Alkohol ist verpönt. Trinken, das machen nur „Asoziale”. Später am Abend geht es um den Tag X: Wenn die Demokratie abgeschafft und die Nationalsozialisten wieder an der Macht wären. Was macht man dann mit den Feinden? Den Politikern, Journalisten, Lehrern, Sozialarbeitern? Erschießen – zu teuer. Aufhängen – ja, effektiv. So einen Strick, den könne man ja mehrfach verwenden.

Christoph schüttelt es. „Ganz schön pervers.” Er fragt sich: Heißt das nicht auch, Angehörige der eigenen Familien umzubringen, das eigene Volk zu minimieren? Der Heimat zu schaden? Eben das doch Schützenswerte zu vernichten? Er widerspricht, zeigt den logischen Fehler auf. Als er mit seinem Einwand nicht durchdringt, hat Christoph „die Schnauze voll”. Der Mittzwanziger verlässt den Raum wütend. Enttäuscht zugleich. „Dieser riesengroße Sauhaufen” – von dem man übrigens niemandem habe ansehen können, Teil einer rechtsextremen Bewegung zu sein.

„Viele sind überrascht davon, dass Nazis in ganzen Sätzen reden können und nicht nur saufen, und dass sie auch aus normalen Elternhäusern stammen.”
Christoph, ex-Neonazi

Diese Unsichtbarkeit ist es gewesen, die Christoph am „NS” (wie er immer sagt) fasziniert hat: „Es ist eine Parallelwelt, die niemand wahrnimmt und die total unterschätzt wird. Weil viele so überrascht davon sind, dass Nazis in ganzen Sätzen reden können und nicht nur saufen und dass sie auch aus normalen Elternhäusern stammen.”

Christoph wächst behütet und diszipliniert auf, erzählt er. Mit dem Schreiben und Lesen hat er Probleme. Er ist ein Teenager, als er es anhand der Aufzeichnungen eines Wehrmachtssoldaten lernt.

„Es war entweder der ältere Bruder oder vielleicht auch der Cousin eines Freundes, der das Tagebuch mitgebracht und mir beim Üben geholfen hat. Auf diese Weise bin ich außerdem mit der NS-Ideologie vertraut geworden.” Geschichtliches hätte ihn bereits als Kind interessiert. „Wie Klein gegen Groß gewinnen kann.”

Während andere Heranwachsende von Freiheit redeten, war der jugendliche Christoph auf der Suche nach Ordnung und Stabilität. „Deshalb hätte ich auch nie bei den Linken landen können. Die sind viel zu chaotisch." Als 14-Jähriger steigt er in die freie Kameradschaftsszene in Dresden ein. „Da gab's auch Gewalt”, sagt Christoph vage.

Politisch am aktivsten ist er im Alter zwischen 18 und 24. Zeitgleich arbeitet er in einer sozialen Einrichtung für Behinderte. „Mich in Kreisen zu bewegen, in denen Nazis nicht vermutet werden: Das hat mich gereizt.”

„Man muss sehr an sich arbeiten. Das Schwierigste ist, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein. Außerdem muss man neue Beziehungen aufbauen und Gefühle empfinden lernen. Mich in mein Gegenüber einzufühlen, fällt mir bis heute schwer.”
Christoph, ex-Neonazi

Rassismus sei weniger seine Motivation gewesen, glaubt er. Er habe vielmehr versucht, der Demokratie ein Ende zu setzen, weil die ohnehin keine Zukunft habe. So dachte er. „Dafür haben wir in erster Linie gekämpft.” Nicht körperlich. „Es hätte ja nichts geholfen, wenn wir alle im Knast sitzen.” Christoph hat also keine Vorstrafen, war nie im Gefängnis. Stattdessen hat er mitgeholfen, ein Netzwerk von Rechtsextremisten mit diesem geschlossenen Ziel aufzubauen. Laut seinen Angaben hat der Zusammenschluss auch Polizeibeamte umfasst.

Christoph, im Jahr 2017 knapp 30 Jahre alt, hat sich seit seinem Weggang aus der rechtsextremen Szene äußerlich nicht sehr verändert. Er trägt weiterhin Glatze, ist sportlich gekleidet. Er hält weiterhin viel von Disziplin und Leistungsbereitschaft. Er sei ehrgeizig und arbeite gern. „Es nervt mich, wenn etwas langsam vorangeht.” Er könne nicht stillsitzen, sagt sein Ausstiegshelfer über ihn.

Nach dem „Stammtisch” im Februar 2013 hat es dennoch Zeit gebraucht: Zehn Monate lang bis zu dem für Christoph klaren Entschluss, aussteigen zu wollen. Nachdem er zunächst viele kritische Fragen gestellt habe. Viele weitere Wochen dauerte es, um sich von den sogenannten Kameraden zu lösen. „Und dann ist man immer noch am Anfang. Man muss sehr an sich arbeiten. Das Schwierigste ist, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein. Außerdem muss man neue Beziehungen aufbauen und Gefühle empfinden lernen. Mich in mein Gegenüber einzufühlen, fällt mir bis heute schwer.”

Immer seltener hat der ausstiegswillige Christoph Veranstaltungen der Kameradschaft besucht. Er hat versucht, sich aus der Bewegung allmählich herauszuschleichen. „Das fällt schließlich auf, wenn du zwei, drei Mal nicht kommst. Und dann wird gefragt.” Sich mit lautem Knall von allem zu trennen, das habe er am Anfang nicht gekonnt. „Ich kannte einige von denen teilweise zehn, zwölf Jahre lang. Die sind mir nicht auf einmal egal.” Deshalb hat er noch eine Zeit lang versucht, seine damals besten Freunde ebenfalls vom Ausstieg zu überzeugen.

„Es lief gut. Erst, als ich gesagt habe, dass ich aussteigen will, gab es Probleme.”
Christoph, ex-Neonazi

„Ich wollte es ihnen erklären.” Ohne Erfolg. Während des Loslösens von der rechtsextremen Szene arbeitet Christoph an seiner Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger. „Es lief gut. Erst, als ich gesagt habe, dass ich aussteigen will, gab es Probleme.” Er kriegt die Kündigung. Ein Schock.

„Ich wäre in dem Moment zurück zum NS, wenn Mo Asumang nicht gewesen wäre.” Die Regisseurin arbeitet zu der Zeit an einem Dokumentarfilm-Projekt, für das sie Rassisten mit scheinbar arglosen Fragen konfrontiert: Zum Beispiel, was sie eigentlich gegen Schwarze wie sie haben. Für den Film „Die Arier” will Mo Asumang auch Christophs Geschichte hören und sie ihn erzählen lassen. Just in dieser kritischen Phase seines geplanten Ausstiegs.

Mo Asumang bei der Gala zum Hessischen Film- und Kinopreis 2012 in Frankfurt.

JCS/Wikipedia, CC BY 3.0

„Als ich da für die Dreharbeiten zugesagt hatte, habe ich damit die Brücke zum NS zurück zerstört. Das musste ich in dem Moment tun, damit ich wirklich nicht mehr zurückkonnte.” Nun also doch: ein öffentlich gemachter Rückzug.

Christoph spricht in dem Zusammenhang von „göttlicher Fügung”: Ohne Hilfe, in welcher Form auch immer, auszusteigen – er glaubt nicht, dass das besonders gut funktioniert. Er hält viel von einer Unterstützung, die zuhört, etwas aushält. „Ich hatte Depressionen und Alpträume. Ich musste immer wieder auch Inhalte diskutieren.” Trotzdem muss es seiner Meinung nach kein professioneller Ausstiegshelfer sein. Möglicherweise könne auch eine neue Partnerin Rückhalt geben. „Aber ich kenne keinen, der in ein staatliches Programm zum Verfassungsschutz gehen würde. Da bleibt man trotz Zweifeln eher in der Bewegung, als zum Feind zu gehen.”

Mit der medialen Aufmerksamkeit für Mo Asumangs Film kommt die Bedrohung. Bislang haben seine vermeintlichen Kameraden ihn in Ruhe gelassen. Dann tauchen im Internet Erinnerungen „an einen schwachen, innerlich zerrissenen Menschen ohne Charakter” auf. Mit dem Zusatz: „Vergessen aber, lieber Christoph, vergessen werden wir Dich sicher nicht.” Bei einem zufälligen Zusammentreffen mit Szeneanhängern bleibt er unversehrt, was ihn überrascht.

Mo Asmuangs Dokumentarfilm „Die Arier” hat eine Menge Preise abgeräumt und ist auf jeden Fall sehenswert.

Inzwischen hat Christoph keinen Kontakt mehr zu Anhängern der rechtsextremistischen Szene, sagt er. Dresden und Umgebung hat er verlassen. Wo er inzwischen lebt, will er aus Sicherheitsgründen nicht sagen. Ob persönliche Begegnungen mit seiner Vergangenheit immer so glimpflich ablaufen, erscheint ungewiss. Auch seine berufliche Laufbahn will er nicht gefährden. Er ist selbstständig, arbeitet als Dienstleister für „deutsche Elitefirmen” der Automobilbranche. Das mache ihn stolz, sagt er. „Ich liebe Deutschland und ich bin froh, hier geboren zu sein.”

„Ja, es sind noch Restbestände meines alten Denkens da.”
Christoph, ex-Neonazi

Sind es solche Äußerungen, die manche am Ausstieg von Rechtsextremisten zweifeln lassen? „Man kriegt halt in die Fresse.” Auch seine Eltern haben lange gebraucht, bis sie ihm wieder vertrauen konnten. Christoph schluckt und verhaspelt sich. „Am Anfang hat mich solche Kritik gestört. Aber sie ist insofern berechtigt, als dass ich früher viel Schaden angerichtet habe. Wir sind nun mal, wer wir sind.” Er wolle für sein früheres Handeln Verantwortung übernehmen.

„Aussteiger sollten von der Gesellschaft die Chance bekommen, sich zu bewähren”, fordert Christoph. „Ja, es sind noch Restbestände meines alten Denkens da. Den Islam halte ich für eine diskussionswürdige Religion. Nicht alle Moslems sind Terroristen. Aber ich glaube schon, dass wir uns da eine Gefahr ins Haus geholt haben.” Das geschlossen rechtsextreme Weltbild verabscheue er nun zutiefst. „Ich ekele mich davor.”

Diese Abscheu und seinen Irrtum will er erklären und andere vor einer extremistischen Laufbahn bewahren. Christoph hat dazu in Schulen bei nun mehr als 150 Veranstaltungen über seine Zeit in einer rechtsextremistischen Kameradschaft und über das Aussteigen gesprochen. Quasi ehrenamtlich, mit nur sehr geringer Aufwandsentschädigung. „Diese Präventionsarbeit hilft auch mir. Sich gegen Angriffe verteidigen, macht einen stärker. Die Anerkennung und der Applaus, ein geiles Gefühl.” Trotzdem will er aufhören können, solche Vorträge zu halten. „Ich wiederhole dieses Bekenntnis zum Ausstieg nur so oft, weil die Situation in Sachsen es erfordert.”


Dieser Text ist ein Auszug aus dem eben erschienenem Buch „Und dann wollte ich raus. Extreme politische Szenen verlassen. Am Beispiel Sachsens." Das Sachbuch von Insa van den Berg ist in der Edition Leipzig erschienen und enthält neben Aussteigerberichten Interviews mit Experten und Begriffsdefinitionen.

Name des Protagonisten in Christoph geändert.

Christian Gesellmann hat den Text für Krautreporter bearbeitet. Das Aufmacherbild hat Martin Gommel ausgesucht (Jordan McQueen/unsplash).