Das waren die guten Nachrichten im Oktober

Das waren die guten Nachrichten im Oktober

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Wie viele Frauen weltweit von verbaler und körperlicher Gewalt, von sexuellem Missbrauch in all seinen Spielarten betroffen sind – das zu lesen und zu hören hat mich vergangenen Monat tief erschüttert.

Die Ausmaße der #metoo-Welle haben mich erschreckt, ihre Wirkmacht jedoch macht mir Mut. In drei der guten Nachrichten des Monats Oktober geht es deshalb um mehr Freiheit, Geld und Respekt für Frauen. Jede dieser Nachrichten zeigt, dass Veränderungen ständig und überall stattfinden. Und dass nichts so bleiben muss „wie es eben ist“. Noch vor einem Jahrzehnt unvorstellbar schien mir zum Beispiel:

1. In Frankreich müssen retuschierte Fotos gekennzeichnet werden - und die Bildagentur Getty zieht mit

In Deutschland liegt vermutlich bei 20 Prozent der 11- bis 17-Jährigen eine Essstörung vor. Eine Ursache: Der Druck, den Jugendliche empfinden, so perfekt auszusehen wie die Vorbilder aus der Werbung. Ein oft unerreichbares Ziel, denn die Werbung trickst, retuschiert alles Unperfekte weg.

Die Bildagentur Getty Images, einer der größten Anbieter der Welt, will da nicht mehr mitmachen. Sie akzeptiert seit dem ersten Oktober keine Fotos mehr, die Models zeigen, deren Körper nachbearbeitet wurden. Nasenform, Haarfarbe und Haut dürfen weiterhin verändert werden. Unklar ist noch, wie Getty mit tatsächlichen Verstößen und mit Archiv-Bildern umgehen wird.

Das Unternehmen reagiert auf ein Gesetz, das zum selben Zeitpunkt in Frankreich in Kraft getreten ist: Dort müssen ab sofort alle kommerziell genutzten Fotos mit dem Hinweis „photographie retouchée“ gekennzeichnet werden, die (Frauen-) Körper abbilden, die nachträglich retuschiert wurden. Sonst droht eine Geldstrafe von bis zu 37.500 Euro. Die Vorschrift ist Teil einer großangelegten Initiative für ein realistischeres Körperbild.

Bereits seit Mai müssen französische Models ein ärztliches Attest vorweisen können, welches belegt, dass sie nicht untergewichtig sind (Richtwert ist der Body-Mass-Index).

2. Fußball in Norwegen: Die Gehälter von Nationalspielerinnen und -spielern werden angeglichen

Eine Statistik zeigte 2011, dass ein männlicher Fußballer in Deutschland auf der gleichen Position bis zu 260-mal so viel verdient wie eine weibliche Spielerin. Daran hat sich nicht wirklich viel geändert. Doch das könnte es demnächst.

In Norwegen erhalten die Spielerinnen ab Anfang 2018 exakt das gleiche Gehalt wie ihre männlichen Kollegen. Diese haben eingewilligt, auf einen Teil ihres Jahresgehaltes zu verzichten. Eine Summe, die umverteilt wird. Die Frauen verdienen dann beinah das Doppelte.

Diese Gleichheit der Gehälter ist eine kleine bis große Revolution in der Welt des internationalen Fußballs und würdigt die Leistung der Spielerinnen, die derzeit auf dem 14. Platz der FIFA-Weltrangliste rangieren.

3. Weil Binden und Bildungschancen in Uganda zusammenhängen

In Uganda kostet eine einzelne, wiederverwendbare Damenbinde im Supermarkt umgerechnet fünf Euro. Unerschwinglich für die meisten Familien. Eine Studie der UNESCO hat vor Kurzem gezeigt, das eines von zehn Mädchen deshalb während ihrer Menstruation nicht am Unterricht teilnimmt; viele von ihnen fallen am Ende durch die Abschlussprüfungen oder schneiden deutlich schlechter ab als ihre Mitschüler.

Das Thema hatte der amtierende Präsident 2016 in seiner Wahlkampfkampagne aufgegriffen: Er versprach kostenlose Binden für alle schulpflichtigen Mädchen. Seine Frau, mittlerweile Bildungsministerin, erklärte später, dass für die Umsetzung die Mittel fehlten.

So hat sich eine Gruppe um den Künstler und Aktivisten Sadat Nduhira entschieden, die Angelegenheit in die Hand zu nehmen. Sie geben seit kurzem Workshops in Schulen und bringen den Mädchen bei, hygienische Binden selbst zu nähen. Eine andere Initiative sammelte per Crowdfunding-Kampagne über 3000 Euro ein und konnte damit Millionen Binden verteilen.

(Auch in anderen Ländern gibt es dieses Problem. Wie zwei Männer in Indien versucht haben, es zu lösen, hat Theresa Bäuerlein hier beschrieben.

4. Deutschland liefert weniger Rüstungsgüter an die Türkei und Peter Steudtner kommt frei

Zwischen dem 1. August und dem 8. Oktober 2017 hat die Bundesrepublik zehn Rüstungsaufträge – im Wert von insgesamt vier Millionen Euro – an den NATO-Partner Türkei genehmigt, so die Antwort auf eine Anfrage der LINKEN. Das ist deutlich weniger als im Vorjahr, als es pro Monat durchschnittlich 18 Genehmigungen gab, jeweils im Wert von sieben Millionen Euro. Die Bundesregierung hat damit unter anderem auf die Inhaftierungen der Journalisten MesaleTolu und Deniz Yücel und des Aktivisten Peter Steudtners reagiert. Die großen Rüstungsaufträge wurden, laut Außenministerium, vorerst auf Eis gelegt.

Peter Steudtner kam nun nach 100 Tagen Untersuchungshaft zusammen mit acht weiteren Menschenrechtlern frei. Die Vermittlung durch Altkanzler Gerhard Schröder habe dabei eine zentrale Rolle gespielt. Die Medien betonen: Die Freilassung ist kein Freispruch, das Verfahren wird am 22. November fortgesetzt. Für den Moment überwiegen jedoch Erleichterung und Wiedersehensfreude.

5. Londons Bürgermeister erhebt eine hohe Umwelt-Maut für alte Fahrzeuge

Eine Studie des King’s College in London hat 2015 festgestellt, dass jährlich mehr als 9000 Londoner frühzeitig sterben – aufgrund der hohen Luftverschmutzung in der Hauptstadt. Die steigenden Zahlen Asthmakranker und Kinder mit einer unterentwickelten Lungenfunktion seien weitere Folgen.

Um dieser Entwicklung zu begegnen, hat Londons Bürgermeister Sadiq Khan eine Umwelt-Maut eingeführt: die sogenannte T-Charge. Das T darin steht für Vergiftung.

Seit dem 23. Oktober müssen die betroffenen Autofahrer umgerechnet 11,69 Euro am Tag zahlen, wenn sie werktags zwischen 7 und 18 Uhr in der Londoner Innenstadt unterwegs sind. Das sind quasi alle Halter von Benzin- und Dieselfahrzeugen, die vor 2006 gebaut wurden. Khan hat bereits andere Schritte unternommen: eine Abwrackprämie für alte Taxis und das Ziel, bis 2019 alle Doppeldeckerbusse auf Hybridantrieb umzurüsten.

Die Umwelt-Maut kommt auf die seit 2003 zu zahlende City-Maut von etwa 13 Euro noch oben drauf. Gegner kritisieren zwar, dass die Maßnahme vor allem die ärmsten Fahrer trifft, dennoch lobten sie die Umwelt-Maut als Schritt in die richtige Richtung. Und: Die Einnahmen fließen direkt in Umweltprojekte. Für 2019/2020 ist eine Niedrig-Emissionen-Zone geplant.


Christian Gesellmann hat beim Erarbeiten des Textes geholfen; gegengelesen hat Theresa Bäuerlein; Martin Gommel hat das Aufmacherfoto ausgesucht (iStock / fotokostic).