Die Geschichte eines Juden, der freiwillig ins Sammellager ging, um seine Verlobte herauszuholen

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Renee und John haben einander das Leben gerettet. Nicht im übertragenen Sinne, nicht im Sinne einer Rettung vor der Einsamkeit, der Angst oder dem Unglück, sondern ganz wortwörtlich: Ohne John wäre Renee nicht am Leben, und ohne Renee wäre John nicht am Leben. Hätten die beiden einander nicht gehabt, hätten die Nazis gewonnen. John und Renee wären nicht älter als Anfang zwanzig geworden. Sie wären gestorben wie ihre Familien.

Renee wurde 1919 in Deutschland geboren, sie ist Jüdin. „Du solltest Deutschland lieber verlassen, geh nach Frankreich, da bist du sicher”, sagte ihre Mutter zu ihr, das war 1937, und die Lage in Deutschland wurde immer gefährlicher für Juden. Renee war noch nicht volljährig und zog ganz allein in das fremde Nachbarland, nach Straßburg. Sie fand dort einen Job und auch ein paar Freundinnen. Sie glaubte, sie sei sicher.

John wurde 1920 in der Schweiz geboren, auch er ist Jude. Auch seine Mutter wurde immer nervöser wegen der politischen Weltlage. Johns Vater war früh gestorben, er hatte ein paar Jahre vor seinem Tod ein Haus an der Loire in Frankreich gekauft. Es war ein großer Bauernhof mit Platz für alle Verwandten aus Deutschland, um die sich Johns Mutter besonders große Sorgen machte. Sie holte so viele aus der Familie zu sich, wie sie konnte, und zog mit allen auf den Bauernhof an die Loire, auch John ging mit ihr dort hin. Er glaubte, er sei sicher.

Doch die Lage wurde immer brenzliger, besonders für Renee. Nachdem die Deutschen 1939 in Polen einmarschiert waren, evakuierten die Franzosen Straßburg, die ganze Stadt war leer, nur Soldaten blieben. Renee musste einen neuen Zufluchtsort suchen und machte sich auf den Weg zu ihrer Großmutter, die im Westen Frankreichs lebte. Weiter weg von der deutschen Grenze wäre sie endlich sicher, glaubte sie. Aber der Zug, den sie nehmen wollte, entgleiste auf halber Strecke und würde frühestens am nächsten Tag fahren und Renee zu ihrer Großmutter bringen.

Auf der Flucht kam Renee ins Loire-Tal

Renee blieb in einem Städtchen im Loire-Tal stecken. Alle Hotels waren ausgebucht. Was sollte sie nur tun? Zum Glück fiel ihr bald ein, dass die Familie von einer ihrer Freundinnen aus Straßburg hier in der Nähe irgendwo wohnte. Renee fand die Telefonnummer, rief ihre Freundin an und bat sie um Hilfe. „Natürlich, komm zu uns, wir haben Platz, du kannst hier übernachten", sagte die Freundin. Sie war Johns Cousine. „Ich kann mich noch genau an das Bild erinnern, wie sie damals ankam. In einem Taxi. Mit einem schönen Filzhut mit breiter Krempe", erzählt John.

Johns Mutter konnte die höfliche junge Frau aus Deutschland auf Anhieb gut leiden. Und sie brauchte Hilfe auf dem Anwesen, es war Erntezeit und die meisten Männer waren im Krieg. Also fragte sie Renee, ob sie nicht bleiben wolle, sie könne bei ihnen arbeiten und wohnen, hier sei sie sicher. Renee fühlte sich wohl auf dem Bauernhof an der Loire, sie sagte zu und blieb.

So lernten sich John und Renee kennen. Sie arbeiteten zusammen auf dem Hof, machten lange Spaziergänge nach ihrer Arbeit, redeten viel miteinander. „Wir hatten eine Menge gemeinsam”, sagt John. „Und sie mochte mich offenbar.” Er mochte Renee auch, er fand sie unglaublich hübsch. Und sonst kannte er kaum jüdische Mädchen. „So passiert das eben”, sagt er heute schmunzelnd. „Man verliebt sich. Wir waren ja so unschuldig.” John und Renee verliebten sich, wie man sich verliebt, wenn man jung ist: schnell und ohne Zweifel. „Es war unsere erste Liebe”, sagt John. Nach drei Wochen verkündete John seiner Mutter, dass er Renee heiraten wolle.

1942 verschwanden 14 Familienmitglieder

Johns Mutter war nicht begeistert von der Idee. Zu schnell, zu früh, sagte sie, John solle erst einmal seinen Militärdienst in der Schweiz machen und eine Arbeit finden, damit er seine Frau auch versorgen könne. John verstand das und hörte auf den Rat seiner Mutter. Renee und er blieben nur ein paar Wochen zusammen auf dem Bauernhof im Tal der Loire, jung und glücklich, dann zog John in die Schweiz. Das Jahr 1939 ging gerade zu Ende, und er wollte so bald wie möglich tun, was seine Mutter ihm vorgab, damit er Renee so schnell wie möglich heiraten konnte.

Kurz darauf zog auch Renee weiter. Ein Verwandter, der in der Mitte Frankreichs lebte, holte sie als Babysitterin zu sich. John und Renee schrieben einander Briefe, und John besuchte sie ein paarmal dort. Es waren glückliche Zeiten – trotz der Bedrohung aus Deutschland.

Dann kamen die Nazis. Im Juli 1942 durchsuchte die Gestapo den Bauernhof von Johns Mutter und verhaftete alle. Vierzehn Familienmitglieder verschwanden, auch Johns Mutter, seine Großeltern, seine Schwester und sein Bruder. John erfuhr in der Schweiz davon. Er wusste nicht, wo sie waren, und konnte nichts für sie tun. Er entschloss sich, Renee aus Frankreich zu sich in die Schweiz zu holen und auf sie aufzupassen, er wollte nicht auch noch seine Verlobte verlieren. Renee bekam eine Reiseerlaubnis für die Schweiz und wollte sich bald auf den Weg zu John machen.

Renee konnte einen Polizisten bestechen

Aber die Nazis waren schneller. Im August kamen sie und holten Renee. Sie kannte das schon, sie war bereits mehrfach verhaftet worden, aber immer nach einer Weile wieder freigekommen. Doch diesmal war es ernst. Die Nazis brachten sie in ein Lager in Rivesaltes in der Nähe der französischen Stadt Perpignan im Süden Frankreichs an der spanischen Grenze.

Rivesaltes war das Hauptsammlungslager für die Juden in der sogenannten freien Zone unter dem Vichy-Regime, die Nazis nannten es das „nationale Zentrum für die Versammlung der Israeliten”. Auf engstem Raum pferchten sie hier alle nichtfranzösischen Juden zusammen. Zwischen August und November 1942 wurden rund 2.300 von ihnen aus Rivesaltes nach Auschwitz deportiert. Für die Juden in Rivesaltes gab es kein Entkommen. Eine von ihnen war jetzt Renee.

Aber Renee hatte es auf dem Weg ins Lager geschafft, einem französischen Polizisten eine Nachricht für John und ein wenig Geld als Bestechung zuzustecken. Der Polizist hätte das Geld einfach behalten können, aber Renee hatte Glück, er schickte John die Nachricht tatsächlich per Telegramm. Ende September kam die knappe Botschaft in Johns Büro an: Renee war verhaftet und nach Rivesaltes gebracht worden. John wusste, dass sie in Lebensgefahr schwebte. Er wusste, dass er sie retten musste.

Er wandte sich an die Schweizer Botschaft und das Rote Kreuz und bat um Hilfe. Er schrieb an die Lagerleitung in Rivesaltes, dass die Schweiz Renee aufnehmen würde, und schickte den Nachweis über ihre Aufenthaltsgenehmigung. Er bat den Lagerleiter: „Bitte lassen Sie meine Verlobte frei!” Aber nichts passierte.

Auf der Deportationsliste für Auschwitz

Renee redet nicht gern von ihrer Zeit im Lager. Es sind alte, böse Erinnerungen. Es gab nicht genug zu essen, meist nur ein Scheibchen Brot und dünne Suppe, mal schwamm eine faule Tomate oder ein Stück Steckrübe darin. Renee musste auf dem Boden schlafen, um sie herum starben Menschen an Krankheiten oder vor Erschöpfung. Die eilends errichteten Baracken hatten keine Öfen und keine Scheiben in den Fenstern.

Aber im Vergleich zu vielen anderen im Lager ging es ihr gut, sie war jung und stark, sie sprach fließend Französisch und Deutsch und half den Offizieren mit Übersetzungen. Sie war ihnen nützlich, darum behandelten sie sie besser. Einmal erlaubten sie ihr sogar, ein weiteres Telegramm an John zu schicken. Am 5. Oktober 1942 bekam er es: Ich warte, schrieb sie. Und ihre Adresse: Block K, Baracke 27.

Kurz darauf, an einem Freitagnachmittag, rief das Rote Kreuz überraschend bei John an. Der Hilfsdienst hatte erfahren, dass Renee auf einer Deportationsliste stand, und wollte John warnen, dass er seine Verlobte dringend aus dem Lager befreien musste – mit welchen Mitteln auch immer. Wenige Tage später sollte Renee Richtung Osten gebracht werden, in einem Zug nach Auschwitz.

John wusste, dass dies das Ende wäre. „Sie müssen persönlich hinfahren, Papiere allein genügen nicht”, sagte der Mann vom Roten Kreuz. Spätestens am Montag musste John mit allen Genehmigungen im Lager erscheinen, es war Renees einzige Chance zu entkommen.

John wagte sich als Jude auf Gestapo-Gebiet

John zögerte nicht, erzählt er heute, keine Sekunde lang. Es war keine Zeit für Angst, er wusste, dass er es tun musste. Er nahm all sein Geld, sein Chef hatte ihm für die Reise ein Monatsgehalt Vorschuss gegeben, und stieg in den Zug. Erst ging es nach Bern, wo er sich ein Visum für Frankreich besorgte. Damals konnte man schließlich nicht so einfach aus der Schweiz ins teilweise besetzte Frankreich reisen, die Grenzen waren geschlossen.

Das Berner Konsulat riet ihm ab von der Fahrt, dringend. Nach Frankreich zu reisen als ausländischer Jude in das Gebiet, in dem die Gestapo ausländische Juden sammelte und nach Auschwitz schickte, das sei doch Wahnsinn, sagten die Schweizer. „Bleiben Sie hier, hier sind Sie in Sicherheit.” Aber John war fest entschlossen. „Ich gehe das Risiko ein”, antwortete er den wohlmeinenden Botschaftsbeamten. „Sie ist doch meine Verlobte.” Wenn er in Frankreich verhaftet werden würde, könnte niemand ihm helfen. Dann wären beide verloren: John und Renee. „Wenn man jemanden liebt, vergisst man jede Gefahr”, sagt er.

Er fuhr mit dem Zug nach Perpignan, die Stadt in der Nähe des Gefangenenlagers, und traf dort einen Freund seiner Familie, einen Anwalt, der den Lagerleiter von Rivesaltes kannte. Der Lagerleiter, ein Franzose, schulde ihm noch einen Gefallen, sagte der Anwalt, schrieb eine kurze Notiz an ihn auf einen Zettel und gab John seine Visitenkarte. So gab es Hoffnung, dass John das Gefängnis wieder sicher würde verlassen können – gemeinsam mit Renee. Aber John machte sich trotzdem Sorgen, ob sich der Lagerleiter in Rivesaltes von ein paar Papieren beeindrucken lassen würde.

Der Lagerleiter mag die Schweizer

Am Montagmittag nahm John ein Taxi zum Lager. Er sah es schon aus der Ferne, die Kontrolltürme und der Stacheldraht ragten über der kargen Steppenlandschaft in den Himmel und wurden immer größer und furchteinflößender, je näher er ihnen kam. John schaudert, wenn er heute davon erzählt, seine Stimme bricht. „Es sah aus wie in einem bösen Traum”, erzählt er. Und trotzdem fuhr ihn das Taxi immer näher heran, bis er direkt vor dem Tor zur Hölle stand. Er musste es gleich durchqueren, dieses Tor. Und vielleicht würde er nie wieder hinauskommen. „Warten Sie hier auf mich, bitte fahren Sie nicht”, flehte er den Taxifahrer an. Und marschierte mit schweren Schritten auf das Tor zu.

Hineinzukommen war einfacher als gedacht. Er machte seine Stimme so fest, wie er konnte, und sagte den Wachleuten, dass er zum Lagerleiter wolle. Sie ließen ihn einfach hindurch. John stand im Internierungslager, ein junger Jude, der freiwillig hineinging. „Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als sich die Tore hinter mir schlossen”, sagt er. „Sie hätten mich einfach dabehalten können.”

Einer der Wachleute führte ihn zum Lagerleiter. John gab ihm die Visitenkarte des Anwalts, dem der Mann noch einen Gefallen schuldete, und schob ihm eine Box seltener Zigarren zusammen mit den Papieren für Renee zu. „Ich komme aus der Schweiz”, sagte John dem Mann, der seine große Liebe gefangen hielt, ein Franzose, der mit den Nazis zusammenarbeitete. „Oh, für die Schweizer würde ich den Mond vom Himmel holen”, antwortete der Lagerleiter. „So viel müssen Sie gar nicht tun. Aber lassen Sie meine Verlobte frei. Ich will sie mitnehmen”, sagte John. Der Lagerleiter schaute ihn an und schwieg. „Ich werde den Bürgermeister fragen, er soll das genehmigen, melden sie sich in zwei Tagen noch einmal bei mir”, sagte er dann.

Renee konnte ihr Glück kaum glauben

John schöpfte Hoffnung: Der Mann würde ihn wieder aus dem Lager hinauslassen. Aber noch war er nicht so weit. Er wollte nicht gehen, ohne Renee zu sagen, dass er da war und dass es Hoffnung gab. Er sammelte all seinen Mut. „Ich will zu meiner Verlobten, ich will sie sehen”, verlangte er von dem Lagerleiter. Und der erlaubte ihm, noch tiefer in das Gefängnis hineinzugehen. John fand Renee in Block K, Baracke 27.

Er hat die alten Papiere aufgehoben, die ihm die Aufseher aushändigten, darunter ein vergilbter Passagierschein. Centre D’Hébergement de Rivesaltes, steht darauf. Laissez-Passer à l’îlot K. Darunter der Datumsstempel.

Renee wusste nicht, dass John im Lager war. Sie wusste nicht, ob ihre Nachrichten angekommen waren, ob er erfahren hatte, wo sie war, ob er ihr helfen würde. „Wir konnten ja nicht miteinander kommunizieren”, sagt sie. Und plötzlich stand er vor ihr, mitten in der Hölle von Rivesaltes. „Als ich ihn gesehen habe, dachte ich, da ist mein Ritter in schimmernder Rüstung, der zu meiner Rettung kommt”, sagt sie. „Ich konnte es nicht glauben.”

Die beiden hatten Glück: Der Bürgermeister war ihnen wohlgesonnen. Zwei Tage später war Renee frei. Die Tore schlossen sich ein letztes Mal hinter Renee und John, sie waren draußen.

Sechs Kontrollpunkte waren nicht besetzt

Doch Renee war zwar frei aus dem Lager, aber noch immer in Frankreich, wo sie und John nicht sicher vor der nächsten Verhaftung waren. Und Renee hatte keine Papiere, um sicher durch das Land in die Schweiz zu reisen. Die beiden hatten zu viel Angst, eine Reiseerlaubnis zu beantragen und darauf warten zu müssen. Was, wenn die Lage noch schlimmer wurde? Die Deutschen könnten die letzten freien Teile Frankreichs bald einnehmen.

Sie entschieden sich, ohne Papiere in die Schweiz zu fliehen. Wenn die Polizei sie fände, würde Renee zurückgebracht, zurück ins Lager, zurück auf die Deportationsliste, die Züge nach Auschwitz fuhren in dieser Zeit mehrmals die Woche. Und John war in der gleichen Gefahr – schließlich hatten die Schweizer Pässe seine Mutter, seine Geschwister und seine Großeltern auch nicht geschützt. John und Renee fuhren mit dem Taxi Richtung Grenze, vorbei an sechs Kontrollposten. An jedem hätten sie eigentlich kontrolliert werden müssen, vor jedem hatten sie furchtbare Angst, aber keiner war bewacht, die Schranken waren hochgeklappt.

Später erfuhr John, dass die französischen Offiziere ihre Posten kurz vorher verlassen hatten, weil die Deutschen im Anmarsch waren. Es gab nur wenige Stunden, in denen zwei Juden diese Strecke an den sechs Kontrollpunkten vorbei schaffen konnten – John und Renee haben sie zufällig genau getroffen.

Sie schafften die Fahrt zur Schweizer Grenze ohne Probleme. Aber der Übergang war kurz zuvor geschlossen worden, erst recht für Ausländer wie Renee, die ja einen deutschen Pass hatte. Nun gab es keinen legalen Weg, die Grenze in das sichere Nachbarland zu überqueren, dem die beiden nun so nah waren. Aber es gab einen illegalen Weg. Jemand hatte ihnen den Tipp gegeben, dass sie in einem Restaurant in der Nähe einen Schleuser finden könnten. Sie würden ihn erkennen, weil er am Tresen saß und seinen Hut lüpfte. Ein Mann lüpfte seinen Hut, sie fanden ihn und er versprach, sie in die Schweiz zu schmuggeln.

180 Franken für den Schleuser

In der Nacht brachte der Schleuser sie durch den Wald zur Grenze, sie zahlten ihm einhundertachtzig Franken dafür. Der Mann wusste, wann die Grenzpolizisten wo patrouillierten. Ganz still warteten die drei auf den rechten Moment. An einer Stelle war der Stacheldraht heruntergedrückt, da kletterten John und Renee hinüber.

Sie wateten durch einen kleinen Fluss. John ließ die Schuhe an, Renee zog sie aus, es war stockdunkel, sie zerriss ihre Strumpfhose. „Mach dir keine Sorgen, Strumpfhosen gibt es in der Schweiz genug”, sagte John. Sie liefen noch ein paar Schritte durch den Wald, dann waren sie weit genug von der Grenze entfernt und in Sicherheit.

Genf war nur ein paar Kilometer entfernt von dem Wäldchen, durch das John und Renee ins Land kamen. Sie gingen zu Fuß in die Stadt. John mit seinen nassen Schuhen, Renee mit ihrer zerrissenen Strumpfhose. „Wir sind dort in ein Hotel gegangen, so zerlumpt wie wir waren”, erzählt John.

Aber als sie den Hotelangestellten an der Rezeption ihre Geschichte erzählten, gaben diese den beiden das beste Zimmer. „Ich danke Gott, dass ich am Leben bin”, sagte Renee, als John die Zimmertür hinter den beiden zuzog. John hatte keine Worte für die Erleichterung, die er fühlte. „Oh, nach all dem ...”, sagt er, „... die erste Nacht in Sicherheit.”

John rettete sein Wunsch zu heiraten

Am 5. Dezember 1942 heirateten die beiden. „Und wir lebten glücklich bis ans Ende aller Tage”, sagt Renee und lächelt. Ihr Ritter hatte sie gerettet, sie fühlte sich wie im Märchen. Den Rest des Krieges verbrachten John und Renee in Sicherheit in der Schweiz. 1944 kam ihre Tochter zur Welt.

Erst nach dem Krieg erfuhren die beiden, was mit ihren Familien passiert war. Alle waren ermordet worden, die meisten in Auschwitz, auch Renees Eltern und ihre Schwester. „Wir hatten Glück, so viel Glück”, sagt John. „Wenn ich nicht Renee hätte heiraten wollen, wäre ich bei meiner Familie im Loire-Tal geblieben und mit ihnen gestorben. Es ist ein Wunder, dass wir überlebt haben.” So hat nicht nur er Renee das Leben gerettet, sondern sie auch seins.

1951 wanderte die kleine Familie in die USA aus, John bekam dort eine Stelle als Autoingenieur. „Wir haben ein glückliches Leben”, sagt Renee. Renee und John sind heute sechsundneunzig Jahre alt, Renee ist nur wenige Wochen älter als John. Sie haben zwei Kinder, vier Enkel und vier Urenkel. Sie leben in ihrem eigenen Haus etwas außerhalb von Louisville in Kentucky, in der Nähe ihres Sohnes. John fährt noch Auto.

Sie sind religiös, gehen regelmäßig in die Synagoge. Manchmal besuchen John und Renee Schulklassen im Geschichtsunterricht, dann erzählen sie den Kindern von ihrer langen Flucht, vom Holocaust und wie ihre Liebe sie rettete. Meistens spricht John, Renee ergänzt ihn hin und wieder.

„Meine Frau will über die alte Zeit nicht mehr viel reden”, sagt er. Sie wolle die alte Zeit nicht vergessen, das nicht, aber darüber zu sprechen mache sie so traurig. Sie beide hätten die Erlebnisse inzwischen so gut verarbeitet, wie man solche Erlebnisse eben verarbeiten kann, sagt John. „Man vergisst nicht, aber man ist im Reinen damit.” John und Renee leben und lieben dadurch vielleicht noch intensiver, sagt Renee. „Wir sind jeden Tag dankbar für das, was wir haben. Für uns ist nichts selbstverständlich.”


Kathrin Werner, geboren 1983, ist Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung in New York. Sie hat in Hamburg Jura studiert, sich dann aber entschlossen, Journalistin zu werden. Für die Zeitung schreibt sie über die Welt der Wirtschaft, vor allem über die Menschen hinter den Zahlen. Privat geht sie dem schönsten Gefühl der Welt auf den Grund: „Ich habe 20 wahre Liebesgeschichten gesammelt, die so groß und überraschend sind, dass man denkt, so etwas könnte im wahren Leben doch gar nicht passieren.” Ihr Buch ist Ende September 2017 im S. Fischer Verlag erschienen.

Illustration: Peter Gericke für Krautreporter.