Wie der IS sich als Opfer neu erfindet

Wie der IS sich als Opfer neu erfindet

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Die Terrormiliz IS ist endlich besiegt, so lauten die Nachrichten aus Raqqa. Doch das stimmt nur zum Teil. Denn der Islamische Staat kann auch ohne Land weiterkämpfen, nämlich im Internet. Abdel Bari Atwan ist Chefredakteur der arabischen Zeitung Rai Al Youm in London. In seinem Buch zum "digitalen Kalifat" schreibt er: „Heute betreibt jeder Jihadist sein eigenes kleines Nachrichtenportal, berichtet auf Twitter live von der Front, stellt verlockende kleine Clips über die Freuden des häuslichen Lebens ins Netz, veröffentlicht Bilder auf Instagram, beginnt freundliche Gespräche mit potenziellen Rekruten über Skype, versendet Mitteilungen über anonyme Android-Anrufe.”

Atwan glaubt, dass die Niederlage der Terromiliz in der echten Welt zu einer erfolgreichen Strategie in der virtuellen Welt werden kann. Ich habe mit ihm über die Situation im Nahen Osten, den Online-Jihad und die Strategien des IS gesprochen.


Herr Atwan, gerade hat der IS seine letzte Bastion Raqqa in Syrien verloren. Ist das selbsternannte Kalifat nun zerstört?

Ja, das Kalifat gibt es in dieser Form nicht mehr. Es ist jedoch erstaunlich, dass es nach nur drei Jahren zusammengebrochen ist. Es scheint, als hätten die Kämpfer doch nicht den Mumm gehabt, bis zum bitteren Ende die Stadt zu verteidigen. Sie scheinen realisiert zu haben, dass dieser Krieg verloren ist. Wir müssen jedoch auch auf ihre machtvollen Gegner schauen: Schlussendlich haben fast alle Mächte, die im Syrien-Krieg involviert sind, gegen den IS gekämpft. Gegen eine solche Armee hat kaum jemand eine Chance.

(Anmerkung: Wer in Syrien genau gegen wen und mit welchen Interessen kämpft, hat Rico Grimm in einem unserer meist gelesenen Artikel aufbereitet: Der Syrien-Krieg, verständlich erklärt. )

Die Frage ist ja, was jetzt geschieht, nachdem diese Mächte ihren gemeinsamen Feind verloren haben.

Genau. Da der IS ziemlich sicher von der Bildfläche in den Untergrund verschwinden wird, entsteht ein politisches Vakuum. Wie geht der Krieg weiter? Bleiben die USA und Russland in Syrien? Entsteht dadurch ein weiterer Konflikt? Wem gehört nun Raqqa? Was sind die Pläne der Türkei, von Syrien, des Irak? Und was machen die Kurden? Es ist schwierig, für all diese Fragen Prognosen zu erstellen. Doch wird es mit Sicherheit einen weiteren Krieg im schon weithin zerstörten Syrien geben, denn all diese Kräfte werden sich nach dem Wegfall des gemeinsamen Feindes neu orientieren und ihre eigene politische Agenda verfolgen.

„Da der IS ziemlich sicher von der Bildfläche in den Untergrund verschwinden wird, entsteht ein politisches Vakuum”

Und der IS stiehlt sich unbemerkt davon und macht weiter?

Sehr wahrscheinlich, ja. Auch wenn das Kalifat, der „Islamische Staat”, zerstört werden konnte, ist die Ideologie immer noch sehr attraktiv für viele junge Leute. Für die Unterstützer des IS ist klar: Sie werden zurückkommen und Rache nehmen für das, was ihnen angetan wurde. Doch bis dahin verstecken sie sich in verschiedenen Ablegern in Jemen, Afghanistan, Libyen, Somalia, und natürlich auch in Syrien, dem Irak und Europa.

Was es auch nicht gerade leichter macht, sie im Blick zu behalten.

Naja. Sie haben zwar ihr Territorium verloren, kämpfen aber nun im Internet weiter. Dort kann man sie weiterhin aufspüren, auch wenn sie sich nun anders verhalten werden als vorher.

Können Sie das genauer erklären?

Zu Beginn, also vor drei Jahren, war der IS auf Social Media omnipräsent. Nun müssen seine Angehörigen vorsichtiger sein und legen viele Fake-Profile an, um ihre Arbeit fortzusetzen. Zeit haben sie ja jetzt genug, da sie nicht mehr im Krieg kämpfen müssen. Als nächstes werden sie online Leute rekrutieren, die sie dann bei Terroranschlägen und Propaganda unterstützen.


Vielleicht ist es Zeit, das Gespräch mit Bari Abdel Atwan kurz zu pausieren und uns die Medienabteilung des IS kurz genauer anzuschauen. Ja, der IS hat eine eigene Propagandaabteilung, die professionell aufbereitete Inhalte produziert und verbreitet. Dazu gehören Dokumentarfilme, Videos über den Alltag, Handbücher, Dokumente, Fotos, Online-Magazine wie „Dabiq”, Fernsehserien, ja sogar eine eigene Nachrichten-App. Die Medienabteilung besteht aus mehreren Organisationen, die sich einzig und allein mit der Kommunikation beschäftigen. „Al-Furqan” existiert bereits seit 2006 und war ursprünglich das mediale Sprachrohr des IS im Irak, „al-Itisam” ist eine Filmproduktionsfirma, die das meiste Material produziert und „al-Hayat” kümmert sich um die Verbreitung der Inhalte.

Das meiste Material kommt aber nicht aus der offiziellen Medienabteilung des IS selbst, sondern von seiner Community. Dabei lassen sich verschiedene Gruppierungen in der Online-Armee erkennen, die auch unterschiedlich aktiv sind:

  • Die Kämpfer waren und sind für den IS im Krieg und dokumentieren ihr Erlebtes auf den verschiedensten Netzwerken. Ziel ist es, Daheimgebliebene zu überzeugen, sich ihnen anzuschließen. Der Austausch mit ihren Followern ist sehr intensiv, die Kommunikation kollegial - wie man es von Influencern gewohnt ist.
  • Ein bisschen weiter weg sind die spirituellen Autoritäten. Diese selbsternannten Scheichs verbreiten meist Youtube-Videos, in denen sie ihre Predigten halten, die Weltanschauung des IS erläutern und auch über alltägliche, unpolitische Themen sprechen.
  • Ein nicht zu unterschätzender Faktor ist die Fanbase. Denn sie sind es, die einerseits die Community bilden, fleissig übersetzen, kommentieren und teilen, andererseits selbst Content produzieren. Der amerikanische Autor Jarret Brachman nennt das Phänomen “Dschihobbyist”: “Sie sind die Basis. Sie sorgen dafür, dass die dschihadistische Agenda Verbreitung findet”.
  • Als letzte Gruppierung sind die „einsamen Wölfe” zu nennen - die Personen, die ohne grosse Verbindung zum IS dessen Ideen konsumieren, sich infiltrieren lassen und auf eigene Faust Anschläge ausüben.

Der IS hat nicht nur Mitglieder, die wissen, wie man sich auf Social Media präsentiert – sondern zählt auch Programmierer, Entwickler und Hacker in den eigenen Reihen. Cyber-Angriffe sind ein fester Bestandteil ihrer Strategie: So hat der IS im Vorfeld des Charlie Hebdo-Anschlags aus dem vergangenen Jahr 25 000 Online-Angriffe auf Frankreich ausgeübt, wie der französische Innenminister nach dem Anschlag bekannt gab. Weiter arbeitet der IS mit Malware und Spam-Mails, infiziert Computer mit Viren, stiehlt Daten; als Angriff und für die eigene Finanzierung. Oder aber die IS-ITler erstellen Fake-Webseiten, um ihre Feinde (beziehungsweise deren IP-Adressen) zu lokalisieren und sie dann anzugreifen, beispielsweise wie bei der Grassroot-Bewegung „Raqqa Is Being Slaughtered”.

Der IS verfolgt also drei Ziele in seiner Online-Strategie: Rekrutierung, Propaganda und Angriff. Die ersten beiden stehen in einem engen Verhältnis, denn durch gezielte Propaganda können neue Mitglieder rekrutiert werden, die dann wiederum Propaganda machen. Mit dem dritten Ziel will der IS offensiv gegen westliche Institutionen, Webseiten und Personen vorgehen. Das ist der eigentliche Online-Jihad. Aber nun zurück zu Chefredakteur Bari Abdel Atwan in London.


Der IS braucht also gar keinen Staat, um sich zu legitimieren?

Das Kalifat von Raqqa wird jetzt einfach ins Internet verschoben, daher geht es auch ohne Boden, ja. Auf Facebook, Twitter, Instagram leben die Ideen des IS auch ohne Territorium weiter. Wir können uns auf einen intensiveren Online-Jihad in den nächsten Monaten und Jahren gefasst machen, mit einer inhaltlichen Neuausrichtung: Der IS wird sich als Opfer dieses Krieges darstellen, als Verlierer, der vom Feind ungerecht behandelt wurde. Das wird die neue Ideologie sein. Auf diese Weise wird der IS versuchen, Sympathien zu gewinnen, Unterstützung zu erhalten und neue Mitglieder zu gewinnen, die sich ihnen anschließen. Insbesondere Selbstmordattentäter sind jetzt gesucht, es werden viele Terroranschläge folgen. Der IS sinnt nach Rache.

„Die Geschichte vom IS als Opfer wird die neue Ideologie”

Das klingt nicht gut. Gibt es keinen Weg, den Online-Jihad zu stoppen?

Es ist schon viel schwieriger geworden für den IS, seine Online-Propaganda zu verbreiten. Wir müssen das Ganze in den Kontext setzen: 2014 war die Welt mit dem Assad-Regime beschäftigt und dachte gar nicht daran, was sich da im Schatten des Bürgerkriegs abspielen könnte. Das nutzte der IS und wurde vor allem durch das Internet groß. Immer mehr junge Leute schlossen sich der Terrororganisation an, gingen nach Syrien, zogen in den „Heiligen Krieg”, während wir alle nur zuschauen konnten. Das hat sich nun geändert. Während des Krieges musste sich der IS mehr auf seinen tatsächlichen Staat konzentrieren, war online weniger präsent. Der Westen wiederum wurde durch die gehäuften Terroranschläge aufmerksam, erkannte die Gefahr, die der IS darstellt, und erklärte den Krieg – sowohl im Feld als auch im Internet. Viele Webseiten konnte gelöscht werden, doch einige bestehen noch, und neue Webseiten sind schnell gemacht. Doch alles in allem ist der Umfang an Material im Internet heute um ein Vielfaches kleiner als noch vor drei Jahren.

Hört sich nach einer positiven Entwicklung an.

Insofern, als dass der IS nun Schwierigkeiten hat, seine Ideologie zu verbreiten, ja. Er wird dennoch immer ein Schlupfloch finden, durch das er sich einer Überprüfung entziehen kann. Vergessen wir auch das Darknet nicht. Dennoch, die komplette Vernichtung wäre keine gute Idee.

Wollen Sie damit sagen, es wäre besser, den IS am Leben zu erhalten?

Die Anhänger des IS werden niemals aufgeben. Sie befinden sich im Heiligen Krieg. Wir dürfen nicht vergessen, dass der IS nicht nur aus seinen direkten Mitgliedern besteht. All die Schläferzellen, die Fans, die Freiwilligen, die einsamen Wölfe. Die tagsüber arbeiten und abends am Computer Propaganda machen. Die Kraft des IS kommt von den Sympathisanten, die sich überall auf der Welt tummeln, bei uns, und vor allem in den muslimischen Ländern. Sie sind wütend.

Je mehr der Westen also eingreift, desto mehr Hass wird geschürt. Gibt es einen Ausweg aus dieser Spirale?

Wir sollten uns nicht mit den Konsequenzen, sondern mit den Auslösern auseinandersetzen. Schauen wir uns die Propaganda, die Frustration der Leute an. Warum versuchen wir nicht zu verstehen, was sie wirklich einfordern, warum sie wütend sind? Frustration, Demütigung, Wirtschaftskrisen – das sind die Dinge, auf die wir achten sollten. Auch die Militärinterventionen sind für viele ein weiterer Grund, sich dem IS oder anderen radikalen Organisationen anzuschließen. Gerade im Irak war das ein großes Problem. Wir müssen weiterdenken, eine Langzeitlösung anstreben.

„Der IS hat die besten Leute angestellt: Informatiker, Entwickler, Programmierer, Kommunikationsprofis und Journalisten”

Der IS ist nicht die einzige Bewegung, die sich mit Social Media vernetzt. Was macht der IS anders, also besonders gut?

Für alle, die in den Massenmedien keinen Platz finden, sind soziale Netzwerke das ideale Tool. Man kann damit Millionen von Menschen erreichen, jeder kann publizieren, und es ist gratis! Zudem gibt es kaum Regulation in den sozialen Netzwerken. Ist ein Inhalt erst einmal draußen, kann er zwar wieder gelöscht werden, doch bis dahin mag es bereits irgendwo anders abgespeichert worden sein. Was die Strategie des IS zu anderen Bewegungen jedoch unterscheidet, ist die Professionalität. Man hat dort die die besten Leute angestellt: Informatiker, Entwickler, Programmierer, Kommunikationsprofis und Journalisten. Alle sind hoch ausgebildet, haben teilweise an europäischen Universitäten studiert. Sie sind nicht dumm.

Wie einfach ist es, diese Profile zu finden? Auf der einen Seite wollen die IS-Anhänger gesehen werden, auf der anderen Seite müssen sie sich verstecken.

Einfach ist es bestimmt nicht. Besonders, wenn man kein Arabisch spricht, da die meisten Privatpersonen auf Arabisch kommunizieren. Weiter verschwinden die Accounts auch immer sehr schnell wieder. Die ständige Beobachtung setzt sie unter Druck und zwingt sie, besonders vorsichtig zu sein. Wir können aber davon ausgehen, dass wir in Zukunft wieder mehr von ihnen sehen werden, da sie sich nun vollends darauf fokussieren. Der Schwerpunkt liegt nun bei Social Media für Propaganda und Terrorismus.


Beim Erarbeiten des Textes haben Rico Grimm und Christian Gesellmann geholfen; Theresa Bäuerlein hat gegengelesen; Martin Gommel hat das Aufmacherfoto ausgewählt (iStock / Diy13).