Das waren die guten Nachrichten im September

Das waren die guten Nachrichten im September

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„Da hat in den USA wieder jemand in die Menge geschossen“, begrüßte mich meine Oma bei meinem letzten Besuch schon an der Haustür. Ich hatte noch nichts von dem Attentat in Las Vegas gehört und hätte sie – und den laufenden Fernseher – in diesem Moment gerne stummgeschaltet.

Ja, ich will wissen, was in der Welt vor sich geht. Und nein, ich möchte nicht, dass die Meldungen über Terror, Wahl- und Umweltkatastrophen mich überfluten und ein Gefühl der Ohnmacht zurücklassen. Darum habe ich mich erneut auf die Suche nach den guten Neuigkeiten gemacht und wieder gemerkt: Das Weltgeschehen (besser) verstehen kann ich nur dann, wenn mich auch die inspirierenden, die Mut machenden Nachrichten erreichen und berühren. Wie diese hier:

1. Eine Firma in Bonn macht das Beste aus den Resten der Bundestagswahl

Wer hat sich nicht schon mal gefragt, was mit all den Wahlplakaten nach dem Wahlsonntag passiert? 10.000 Stück hängen in jedem Wahlkreis, meistens bestehen sie aus wetterfesten Polypropylen-Platten. Das ist ganz schön viel Kunststoff – der nach der Wahl meist einfach in die Verbrennungsanlage wandert. Und das, obwohl Polypropylen eigentlich recycelbar ist. Dafür müssten die Plakate nur an Entsorgungsfirmen geschickt werden, was (noch) selten geschieht. Dabei würde es sich bei diesem hochwertigen Kunststoff lohnen. Firmen wie Prop-Plakat oder Braun und Klein können aus den Wahlkampf-Resten zum Beispiel Shampoo-Flaschen herstellen – oder neue Wahlplakate.

Darum will es das Entsorgungsunternehmen Ascon aus Bonn den Parteien das Recycling nun so leicht wie möglich machen: Die Wahlhelfer brauchen die Plakate nur sammeln, stapeln und dann den Lkw zur Abholung anrufen. Ein Testlauf bei den letzten NRW-Wahlen lief schon sehr gut. Die Parteien kostet das Recycling der Plakate sogar weniger als das Verbrennen. Ausgerechnet die Grünen konnten bei der Recyclingaktion übrigens nicht mitmachen, weil sie ihre Plakate auf beschichtete Pappe drucken lassen. Das klingt umweltfreundlich, doch ist die Pappe sogar schwerer zu recyceln als die reinen Kunststoffplatten.

2. REWE führt Eier ein, für die keine männlichen Küken sterben müssen

Wenn mal wieder Horrorbilder aus Eierbetrieben über den Bildschirm flackern – mit Hühnern, die kaum noch Federn am Leib haben und wunde Stellen überall –, dann vergeht mir der Appetit auf das Frühstücksei. Sicher kann man die Massen an Eiern, die wir Deutschen verzehren (jährlich pro Kopf über 200 Stück), nicht allesamt auf kleinen Bauernhöfen produzieren, aber geht Massenproduktion auch weniger grausam?

Es scheint so: Nach einer erfolgreichen Testphase führt REWE jetzt deutschlandweit Freilandeier seiner Eigenmarke „Spitz und Bube“ ein. Was diese Eier auszeichnet? Den Legehennen werden die Schnäbel nicht gekürzt, und die männlichen Küken werden nach dem Schlüpfen nicht getötet. Stattdessen werden die Bruderküken aufgezogen – und bekommen dafür doppelt so viel Zeit wie herkömmliche Masthähnchen (geschlachtet werden sie am Ende trotzdem). Seit September bringt „Spitz und Bube“ nur noch Eier in den Handel, die mindestens der ersten Maßgabe streng entsprechen; auf der Aufzucht der männlichen Küken liegt jetzt der nächste Schwerpunkt des Projektes.

Es ist eine Geschichte, die zeigt, was Kunden mit bewussten Einkaufsverhalten bewirken können. REWE hatte 2016 gemeinsam mit Eier-Erzeugern ein Pilotprojekt gestartet, das von der Hochschule Osnabrück begleitet wurde. Die Kundennachfrage war so groß, dass REWE das Angebot kontinuierlich ausgebaut hat. Im Rahmen seiner Nachhaltigkeitsstrategie plant das Unternehmen sogar, „Spitz-und-Bube“-Eier bald in Bio-Qualität einzuführen.

3. Der Alternative Nobelpreis geht an drei außergewöhnliche Persönlichkeiten

Soziales Engagement geschieht oft im Hintergrund. Leise. Der Alternative Nobelpreis („Right Livelihood Award“) will dieses Engagement würdigen: Er geht an Personen und Organisationen, die praktische Lösungen finden, um globale Schwierigkeiten an ihrer Wurzel anzugehen. Der Preis würdigt seit 1980 Menschen, die sich für Menschenrechte und Umweltschutz einsetzen. Die Verleihung findet jährlich statt und ist deshalb an sich noch keine Neuigkeit – aber weil den Preis und die Preisträger nicht jeder kennt, möchte ich hier unbedingt darauf hinweisen.

Am 26. September 2017 hat die Jury ihre Auswahl verkündet. In diesem Jahr teilen sich drei Preisträger die Auszeichnung: Der Anwalt Colin Gonsalves (Indien) erstritt mit seinem Netzwerk HRLN u.a. ein „Recht auf Nahrung“, das die Lebensumstände von 400 Millionen Menschen verbessert hat. Mit ihm wurden die Journalistin Khadija Ismayilova aus Aserbaidschan für ihren Kampf gegen Korruption geehrt, sowie die blinde Menschenrechtsaktivistin Yetnebersh Nigussie, die als treibende Kraft der äthiopischen Zivilgesellschaft gilt.

Die Stiftung, die hinter dem Preis steht, wurde von dem Schweden Jakob von Uexküll gegründet; mit dem Erlös aus seiner Briefmarkensammlung (1 Million US-Dollar!).

4. Ein Start-Up eröffnet in Berlin den ersten Supermarkt mit geretteten Lebensmitteln

In Deutschland werden im Jahr 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Immer mehr Menschen versuchen, etwas dagegen zu unternehmen, zum Beispiel, indem sie „Lebensmittel retten“. Hierfür werden Lebensmittel, die im Handel aufgrund der geltenden Auflagen nicht mehr verkauft werden können, von den „Rettern” abgeholt: zum Beispiel Brot, das ein bis zwei Tage alt ist, oder Äpfel und Tomaten, die eine weiche Stelle haben.

Damit „gerettete" Lebensmittel auch breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich und – im wahrsten Sinne des Wortes – schmackhaft gemacht werden, haben die Gründer von SirPlus in Berlin (Stadtteil Charlottenburg) den ersten Supermarkt eröffnet, der ausschließlich Lebensmittel anbietet, die anderenfalls in die Tonne wandern würden. Vieles davon ist Bio-Ware und gerade knapp am oder über dem Verfallsdatum. Die Zulieferer (zum Beispiel METRO) kooperieren gerne, weil ihnen das Entsorgungskosten spart. 20 Prozent der gesammelten Lebensmittel gibt SirPlus direkt an Flüchtlings- oder Obdachlosenunterkünfte weiter. Und auch die Käufer profitieren: Der Preis der Produkte ist um 30 bis 70 Prozent niedriger, und alles unterliegt streng den Lebensmittelhygiene-Vorschriften. Vorbild war auch das junge Kölner Startup The Good Food, das nach einem ähnlichen Prinzip funktioniert. Die Unternehmer hatten dieses Projekt erfolgreich mit einer Crowdfunding-Kampagne finanziert.

5. Saudi-Arabien: Frauen dürfen zum ersten Mal ins Stadion und ab 2018 den Führerschein machen

Am 23. September beging das muslimische Königreich Saudi-Arabien seinen 87. Nationalfeiertag. Erstmals durften dabei einige hundert Frauen – in Begleitung ihrer Familie und in einem eigens hierfür separierten Bereich – das Stadion der Hauptstadt Riad betreten, um an den Feierlichkeiten teilzuhaben. Das ist ein klitzekleiner, symbolischer Schritt, von dem noch niemand weiß, ob und wann ihm weitere folgen werden. Doch die Regierung schien zuletzt auch in anderen Bereichen die Gesetze zu lockern: Seit Juli dürfen Mädchen am Sportunterricht staatlicher Schulen teilnehmen.

Saudi-Arabien ist außerdem das einzige Land, in dem Frauen Fahrzeuge nicht selbst steuern dürfen. Sie sind deshalb auf ihre Ehemänner, Väter und Brüder als Fahrer angewiesen oder greifen neuerdings auf Fahrdienste wie Uber zurück. Auch das könnte sich jetzt ändern. Die staatliche Presseagentur (SPA) ließ verlauten, dass das Fahrverbot für Frauen ab Juni 2018 aufgehoben werde. Das ist ein großer Fortschritt; in den vergangenen Jahren ist manch eine Frau im Gefängnis gelandet, weil sie sich dem Fahrverbot widersetzt hat. Die praktische Umsetzung wird allerdings noch Zeit brauchen, denn das Land muss zunächst neue Fahrschulen einrichten, da Frauen nach der aktuellen Gesetzgebung nicht von Männern unterrichtet oder geprüft werden dürfen.

PS: Noch eine gute Nachricht für alle, die unter Asthma leiden (das sind weltweit immerhin 330 Millionen): Katzenschnurren – auch künstliches – kann Wunder wirken. Schon 2012 hatten US-Wissenschaftler entdeckt, dass Schnurren den Knochenwuchs und damit die Heilung von Brüchen anregt. Ein Ärzteteam aus Graz hat jetzt nachgewiesen, dass die für das menschliche Ohr nicht hörbaren Infraschall-Wellen Schleim in den Bronchien lösen – das erleichtert das Atmen erheblich. Die Lungenfunktion der Patienten, denen man ein elektrisches Katzenschnurr-Gerät – zwei Wochen lang, an fünf Tagen die Woche, jeweils 20 Minuten – auf die Brust gelegt hat, habe um 29 Prozent zugenommen. Wie gut das mit einer echten Katze funktioniert, bleibt noch herauszufinden.


Theresa Bäuerlein hat beim Erarbeiten des Textes geholfen; gegengelesen hat Vera Fröhlich; Martin Gommel hat das Aufmacherfoto ausgesucht (iStock / alejandrophotography).