Wie ich drei Todfeinde aus dem kolumbianischen Bürgerkrieg an einen Tisch brachte

Wie ich drei Todfeinde aus dem kolumbianischen Bürgerkrieg an einen Tisch brachte

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Dieser Beitrag ist etwas Besonderes: Journalismus zum Hören, produziert und vor wenigen Tagen zuerst veröffentlicht von unserem Partner Deutschlandfunk Kultur. Gemeinsam wollen Krautreporter und der Sender diese intensive Geschichte den KR-Mitgliedern vorstellen. Das Genre Radiofeature steht für genau die Sorte Journalismus, den unsere Mitglieder besonders schätzen – deshalb könnt ihr jetzt auch ein ausgewähltes Exemplar bei uns finden. Eine Empfehlung: Nimm dir eine knappe Stunde Zeit – zum Kochen, zum Sport, abends im Bett –, setze einen Kopfhörer auf und tauche ein in diese Geschichte.


https://youtu.be/nSitHmfB6ms


Alles begann mit dieser dezenten Warnung meiner Nachbarin:

„Dir passiert nichts, aber man kann ja nie wissen. Geh besser ab sechs nicht mehr vor die Tür!“

Damals, vor zehn Jahren, studierte ich in Santa Marta, einer Stadt am karibischen Meer Kolumbiens. Es war kurz vor sechs und an den Strommasten meiner Straße wurde eine sogenannte Limpieza social angekündigt. Alle Drogenabhängigen, Straßenkinder und Prostituierte, so stand es da, sollten sich ab sechs Uhr abends in Acht nehmen, denn selbsternannte Ordnungswächter würden sich aufmachen, sie zu finden. Auf Motorrädern würden sie durch die Straßen fahren und „saubermachen“.

An diesem Abend war niemand mehr unterwegs. Hinter den Motorrädern blies nur die Brisa, der karibische Nachtwind, der hier La Loca – die Verrückte – genannt wird, den Staub durch die Straßen. Staub, der über die unsichtbar gemachten Schatten hinwegfegte.

März 2016. Ich bin zurückgekehrt nach Kolumbien, weil ich wissen will, wie die Menschen im Kleinen einen Frieden leben, der im bald im Großen mit einem Vertrag unterzeichnet wird. Hierher, wo die Menschen sich in über 50 Jahren an Kämpfe, Gewalt und Tod gewöhnen mussten. Wo es im Alltag so schien, dass jeder gegen jeden kämpft. Die Armee gegen die Guerilla und die Guerilla gegen die Paramilitärs.

Als ich 2016 nach Santa Marta zurückkehre, sind die Straßen voll. Musik aus gigantischen Lautsprechern quakt donnernd über die Straßenkreuzung in den Abend. Dazu knatternde Motorräder, Taxis, Busse. Es riecht nach Hitze und Staub, nach Diesel und süßen, vergorenen Mangos.

Und es riecht nach den Bergen. Die Brisa trägt den Duft der Sierra Nervada hinunter. Die Berge stehen am Abend wie eine zweite noch dunklere Nacht am Horizont direkt hinter der Stadt.

Eine Zufahrtsstraße nach Santa Marta. Ein nach allen Seiten offenes Geschäft. Ein Gemischtwarenladen, in dem Ziervögel, Motorsägen, Benzinkanister, aber auch Chips und Bier verkauft werden. Draußen vor dem Geschäft eine lange Reihe Motorräder, auf denen die gelangweilten Fahrer die nächste Tour erhoffen. Motorradtaxis. Es rumort bei ihnen, denn sie dürfen dieser Tage nach Einbruch der Dunkelheit keine Männer befördern. Warum, frage ich.

Motorradtaxis in der Sierra Nevada de Santa Marta

Zu viele Vorkommnisse, incidentes, die Antwort.

Soll heißen: Zu viele Typen haben von den Rücksitzen der Motorräder aus andere Typen abgeknallt. Das Vorgehen: immer gleich. Ein Motorrad kommt viel zu schnell angerast, da weiß man hier schon Bescheid, prescht in die Menge an Plastiktischen vor einem Billard Salon. Irgendwo spielt ein Typ Pool oder trinkt ein Bier. Der Typ auf dem Rücksitz des Mopeds zückt gekonnt eine Magnum 44 Millimeter. Bum! Und weg.
Weil das zu oft vorkam, wurde das Mitfahren kurzerhand verboten.

Die Zeiten haben sich geändert

Vor dem Geschäft bin ich mit Juan verabredet, einem schmächtigen, jungen Mann ohne Telefon. Ihn anzurufen ist genauso unmöglich wie ihn zu besuchen. Lieber verabredet er einen neutralen Treffpunkt und holt mich dort ab. Bloß keinen Fehler machen und seine Adresse preisgeben.

Drei Wochen hat es gedauert, bis ich Juan gefunden habe. Niemand läuft dieser Tage mit einem Schild um den Hals herum und gibt Preis, ehemaliger Guerillero zu sein. Juan war bei der FARC. Und ist abgehauen. Sich zu outen, käme für ihn einem Todesurteil gleich. Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos hat den Friedensprozess mit Lateinamerikas ältester Guerilla zwar ganz oben auf seine politische Agenda gesetzt. Aber solange verhandelt wird, kämpft man weiter. Vier Jahre dauern die Verhandlungen auf Kuba und auch, wenn in diesen Tagen, im März 2016, der Friedensvertrag unterzeichnet werden soll, fürchtet Juan als Deserteur noch immer die Rache der alten Kameraden.

Mit dem Friedensvertrag entwaffnen sich mehr als 7.000 Personen. Zwei Drittel davon sind Männer. Juan ist einer von ihnen. Er nimmt mich mit in eine dunkle Siedlung am Rande der Stadt, wo er mir sein neues Leben zeigen wird. Fern von den Wäldern, in denen er Minen verlegte, auf Armeehubschrauber geschossen und Verwundete geborgen hat. Dort, wo er jetzt wohnt, wartet seine Freundin auf ihn. Im Hof mit den gackernden Hühnern und dem hohen Mangobaum wird er mir Dinge erzählen, die so unglaublich klingen, dass man verstummt.

Der Blick geht nur nach vorn

Juan ist einer von dreien. Einer von drei Männern, die ich gesucht hatte und die schließlich einwilligten in ein Treffen an der kolumbianischen Karibikküste. Ich wollte mit allen zusammen sprechen, um mich mit ihnen der Frage anzunähern: Wie kann es gelingen, nach Jahren der Gewalt nun friedvoll neben- und miteinander zu leben?

An der Karibikküste in Kolumbien

Was sie nicht wissen, als wir uns zum gemeinsamen Interview treffen: Jeder von ihnen war Soldat einer anderen Armee. Das Gespräch ist nur möglich, weil keiner etwas vom anderen weiß. Weil sie die Vergangenheit ausblenden mussten. Einmal alles vergessen, um nach vorne zu schauen. Zwischen den drei Männern entspinnt sich schließlich ein Gespräch. In jedem Wort ihres Gesprächs zirpt das Schweigen des Erlebten mit. Mal leise wie die Grillen, mal laut wie die Zikaden der Wälder.

Die neuen Männer, was können sie in einer Gesellschaft beitragen, die an den Krieg gewöhnt ist? Und wie werden sie fertig mit ihren eigenen Schatten der Vergangenheit – und jenen der anderen Männer?


Regie: Beate Ziegs; Mit: Ole Lagerpusch, Stefan Kreißig, Oliver Urbanski, Viktor Neumann, Stefan Kaminski und Anne Schirmacher; Ton: Hermann Leppich; Produktion: Deutschlandfunk Kultur 2017; Länge: ca. 54 Minuten.

*Beim Erstellen des Textes hat Esther Göbel geholfen; die Bilder hat der Autor gemacht, bearbeitet hat sie Martin Gommel (Unsplash / Alfred Aloushy)