Stell dir vor, du schläfst und kontrollierst deinen Traum

Stell dir vor, du schläfst und kontrollierst deinen Traum

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Während andere schlafen, lernt Don Rinatos. Er liest Bücher, übt Einrad fahren und Jonglieren, kreiert neue Musikstücke für verschiedene Instrumente. Und das alles, während er träumt. Nach dem Aufwachen ist er tatsächlich besser in all diesen Dingen, sagt Don. Das Einrad fahren hat er so innerhalb von drei Tagen gelernt. Hört sich nach Esoterik an? Ist es aber nicht. Denn Don ist Klarträumer.

Klarträumer sind Menschen, die es schaffen, bei vollem Bewusstsein zu träumen. In Deutschland ist die Szene derer, die das können und üben, noch klein. Don Rinatos bewegt sich darin unter Pseudonym, aber er ist auch unter Wissenschaftlern bekannt, die luzides Träumen erforschen.

„Als ich 2004 das erste Mal klar geträumt habe, war es ein fantastisches Gefühl, eine Euphorie. Ich konnte machen, was ich wollte“, schwärmt Don Rinatos von seiner ersten Erfahrung mit luziden Träumen. Ihn faszinieren die unendlichen Möglichkeiten in der Traumwelt.

Die meisten haben Erfahrungen mit Klarträumen gemacht

Don ist ein Ausnahmetalent, aber er ist nicht allein. Viele Menschen haben Klarträume, ohne es zu wissen, mehr als die Hälfte erleben sie mindestens einmal im Leben. Mitten im Traum merken sie auf einmal: „Das ist so absurd, ich muss träumen.“ Auf eine Krautreporter-Umfrage zum Thema haben über 160 Leserinnen und Leser geantwortet. Die meisten kannten das Gefühl, im Traum klar zu werden – wussten aber nicht, dass in luziden Träumen viel Potenzial liegt.

In einer repräsentativen Studie haben Michael Schredl und Daniel Erlacher (2011) 919 Personen, die über 14 Jahre alt waren, in Deutschland befragt, wie oft sie Klarträume erleben. Knapp die Hälfte hatte bereits Erfahrungen mit luzidem Träumen. 21 Prozent der Befragten hatten nur ein Mal im Jahr oder seltener einen Klartraum. Immerhin jeder Vierte träumt mehrmals im Jahr oder mehrmals im Monat klar. Nur fünf Prozent der Teilnehmer machten die Erfahrung mehrmals die Woche.

Andere Studien kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, bei denen die Zahl der Menschen, die schon mal einen Klartraum erlebt haben, bei bis zu 90 Prozent liegt. Dabei ist es aber wichtig zu beachten, ob die Forscher den Teilnehmern davor klargemacht haben, was unter einem „Klartraum“ zu verstehen ist. Bei Online-Befragungen kann ein Fehler darin liegen, dass vor allem Menschen teilnehmen, die sich bereits für das Thema interessieren.

Normale Träume sind eher verschwommen, sie verflüchtigen sich nach dem Aufwachen schnell, und die meisten Menschen erinnern sich schlecht an ihre Abenteuer in der Nacht.

Luzide Träume hingegen fühlen sich trügerisch echt an. Gleichzeitig wissen die Klarträumer, dass das Erlebte nicht real ist. Das eröffnet ihnen unbegrenzte Möglichkeiten: bedenkenlos fliegen, einen Kaffee mit einem Filmstar trinken, Sex haben oder eben Einrad fahren üben.

In einer Studie haben Melanie Schädlich und Daniel Erlacher (2012) herausgefunden, dass die meisten Menschen in ihren Klarträumen einfach Spaß haben. Das gaben über 80 Prozent der Teilnehmer ihrer Studie an. Darunter fällt zum Beispiel Tanzen, Spielen, Lachen oder Sex haben. Fast zwei Drittel der Befragten nutzten Klarträume, um Albträume zum positiven zu verändern oder sie zu beenden. Mehr als jeder Vierte versucht in luziden Träumen Probleme zu lösen oder der Kreativität freien Lauf zu lassen. Nur 21 Prozent übten tatsächlich Bewegungsabläufe von Sportarten im Traum. Einige Teilnehmer berichteten den Forschern auch, dass sie Träume zu therapeutischen Zwecken einsetzen, oder dass sie gezielt Traumcharaktere treffen wollen.

Luzide Träume können mehr als nur Unterhaltung

Aber Klarträume können sich auch auf das reale Leben auswirken: Sportler können im Traum Bewegungsabläufe trainieren und sind nach dem Aufwachen tatsächlich besser. Wer im Schlaf von Gruselgestalten verfolgt wird, kann mit Klarträumen die Kontrolle über seine Albträume gewinnen. Unsere Träume bergen Möglichkeiten, für die sich auch die Wissenschaft zunehmend interessiert.

Don Rinatos hat in Klartraumforen tausende Beiträge verfasst, mit anderen sogenannten Oneironauten (Griechisch für Traum – oneiros und Seefahrer – nautēs) diskutiert er über die besten Techniken für ihre Ausflüge im Schlaf. Mit manchen hat er sich bei Stammtischen getroffen und Freundschaften geschlossen. Mit viel Ehrgeiz und Training hat Don das Klarträumen perfektioniert. Er kann luzide Träume herbeiführen, sagt er, wann immer er will. Als Proband konnte er verschiedenen Forschern bei ihren Studien helfen.

Bei Daniel Erlacher lag Don schon im Schlaflabor. Der Sportwissenschaftler von der Universität Bern ist der führende Wissenschaftler für Klarträume im deutschsprachigen Raum. Sportwissenschaft und Traumforschung mögen auf den ersten Blick wie einander fremde Felder wirken, aber die Forscher interessiert, wie Menschen im Schlaf Bewegungsabläufe trainieren können.

Die Wissenschaft steht erst am Anfang

Daniel Erlacher ist Sportwissenschaftler an der Universität Bern

Noch ist die wissenschaftliche Szene zu luziden Träumen überschaubar. Erst Anfang der 80er Jahren hat der amerikanische Psychologe Stephen LaBerge nachgewiesen, dass es luzide Träume gibt und sie tatsächlich auftreten, während der Körper schläft. Der deutsche Psychologe und Sportwissenschaftler Paul Tholey trieb die deutsche Forschung voran und war der erste, der den sportlichen Nutzen von Klarträumen erforschte. In diesem Feld arbeitet auch Erlacher, der 2005 über motorisches Lernen im Traum promoviert hat.

„Die Wahrnehmung im Traum ist wie im wachen Leben“, sagt Erlacher. „Das Gehirn erzeugt die geträumte Welt über dieselben Prozesse, auf denen auch unsere Wahrnehmung im wachen Zustand beruht.“ Tagsüber wandelt das Gehirn äußere Eindrücke aus unseren Sinnesorganen wie den Augen und Ohren um und setzt sie zu einem Abbild der Realität zusammen. Nachts läuft das ähnlich ab, nur dass das Gehirn die Traumbilder ohne sinnliche Eindrücke erzeugt, aus unseren Erinnerungen zum Beispiel.

Welche Areale im Gehirn aktiv werden, wenn ein normaler Traum zu einem Klartraum wird, ist laut Erlacher noch viel zu wenig erforscht. Eine Studie der Frankfurter Psychologin Ursula Voss (2009) konnte eine erhöhte Aktivität im frontalen Lappen des Gehirns feststellen. Die Werte in dem Bereich ähnelten dem wachen Zustand, während alle anderen Messungen bestätigten, dass die Versuchsperson schlief.

Im Frontallappen werden Bewegungen gesteuert und kognitive Fähigkeiten ausgeführt, er gilt als Zentrum der Persönlichkeit und ist bei Menschen besonders ausgeprägt. Hier liegen auch die Zentren der Selbstreflektion, in denen Forscher den Schlüssel für das menschliche Bewusstsein vermuten. Die Fähigkeit, das eigene Handeln und Umwelt zu reflektieren, ist ausschlaggebend dafür, dass wir in unseren Klarträumen erkennen: Hier stimmt etwas nicht, ich bin im Traum!

Daher wäre es nicht verwunderlich, wenn der frontale Lappen ausschlaggebend für das Bewusstsein in luziden Träumen ist, sagt Erlacher. Er ist jedoch vorsichtig mit schnellen Urteilen. Vergleichsstudien die das belegen, fehlen noch.

Es ist allgemein schwierig, Bewusstsein in einer Gehirnregion zu identifizieren, sowohl im wachen als auch im schlafenden Zustand. Dazu gibt es nur wenige verlässlichen Studien.

Gleichzeitig ist es auch schwierig, von einem Unterbewusstsein zu sprechen. Dieser Begriff wurde vor allem von Sigmund Freud geprägt. Er suggeriert, dass unser Gehirn aktiv unterscheidet zwischen bewussten und unbewussten Details. Daniel Erlacher rät, mit dem Begriff vorsichtig zu sein. Unsere Wahrnehmung ist immer selektiv, da wir über unsere Augen, Ohren und anderen Sinnesorgane nicht alle Einflüsse aufnehmen können, die im Alltag auf uns einprasseln.

Ist es dir schon mal passiert, dass du plötzlich einen Ohrwurm hattest und nicht wusstest, woher das Lied kam? Wahrscheinlich lief es in dem Laden, den du gerade besucht hast. Das bedeutet, dass du in dem Moment auf etwas anderes konzentriert warst, dein Gehirn das Lied dennoch registriert hat. Das hat nicht unbedingt etwas mit Unterbewusstsein in dem Sinne zu tun, dass wir also etwas verdrängen oder unser Gehirn es uns vorenthält.

Im ersten Moment, erzählt Don, sind luzide Träume kaum vom echten Leben zu unterscheiden. „Ich stand im Traum einmal auf einem Berg und hatte richtig Höhenangst.“ Auch im Traum spürt man den Wind auf der Haut, hat Schmerzen oder kommt vom Rennen außer Puste.

Klarträumer können aus ihrem Traum heraus kommunizieren

Im Schlaflabor können luzide Träume nachgewiesen werden, durch einen Trick, der sich erst mal nach Hokuspokus anhört: Die Klarträumer können mit ihren Augen aus dem Schlaf heraus kommunizieren. Sobald wir einschlafen, erschlafft der Körper und ist gelähmt. Lediglich die Augen bewegen sich unter den geschlossenen Lidern schnell hin und her, vor allem in der REM-Phase (Rapid Eye Movement). Diese Schlafphase macht etwa ein Fünftel der gesamten Schlafdauer aus und findet vermehrt zum Ende der Nacht statt, wenn wir die Tiefschlafphase bereits hinter uns haben.

In der REM-Phase ist das Gehirn besonders aktiv. Jetzt finden die meisten und intensivsten Träume statt. Deshalb haben wir auch oft das Gefühl, beim Aufwachen aus einem intensiven Traum gerissen worden zu sein. Forscher nutzen die Augenbewegungen in diesem Schlafstadium: Sie haben Klarträumer angewiesen, die Augen zweimal nach links und nach rechts zu bewegen, sobald sie einen luziden Traum haben.

Diese Augenbewegung ist für die Forscher ein klares Signal, weil sie für normalen REM-Schlaf untypisch ist. Messungen der elektrischen Aktivität im Gehirn und den Muskeln stellten gleichzeitig sicher, dass der Körper tatsächlich schläft. Wenn die Probanden im Traum nach links oder rechts gucken, bewegen sich die Augen unter den Liedern mit. Über Messungen wissen die Forscher dann: Die Person ist im luziden Traum.

Don Rinatos kann seine Klarträume so gut kontrollieren und aufrechterhalten wie nur wenige andere. Bei einem Versuch einer Studenteninitiative an der Universität Osnabrück hat er es geschafft, einfache Plus-und-Minus-Aufgaben im Traum zu lösen. Nachdem er durch die Augenbewegung signalisierte, dass er luzid war, schickten ihm die Versuchsleiter Lichtsignale durch die verschlossenen Lieder. Don erkannte sie, rechnete und teilte seine Antwort mit Morsezeichen über die Augenbewegungen mit. „Zuerst dachte ich, das kann nicht funktionieren. Dann habe ich zu Hause geübt – und es hat geklappt.“

Die besten Tipps, um selbst klarzuträumen, habe ich hier zusammengestellt.

Im Schlaf zum Olympiasieg?

Dank solchen Klartraumprofis konnten Forscher wie Daniel Erlacher herausfinden, wie wir Klarträume gezielt nutzen können. Ihre nur scheinbar steile These: Wer im Traum trainiert, ist nach dem Aufwachen besser.

Erlacher hat mit Kollegen verschiedene Studien durchgeführt, in denen er das im kleinen Rahmen bewiesen hat. Probanden sollten im Klartraum eine Münze aus zwei Meter Entfernung in einen Becher werfen oder Dart spielen. Die Forscher dokumentierten die Leistung vor und nach dem Schlafen. Mehrere Teilnehmer schafften es, in der Nacht einen luziden Traum zu haben. Die Gruppe, die im Klartraum üben konnte, war nach dem Aufwachen tatsächlich besser.

Die Forschung über Klarträume ist jedoch voller Herausforderungen. Einerseits müssen Probanden die Techniken, mit denen sie luzide werden können, erstmal lernen. Im künstlichen Umfeld des Schlaflabors schafften es selbst geübte Klarträumer nicht auf Anhieb, einen luziden Traum zu haben. Viele wachten mitten im Traum auf. Einige unerwartete Schwierigkeiten kamen dazu: Zum Beispiel flogen Münzen nicht immer gerade oder eine Traumgestalt tauchte auf und bewarf den Probanden mit Pfeilen.

Sein Training einfach komplett im Schlaf zu absolvieren – schwierig. Die Muskeln werden dabei nicht gestärkt.

Mentales Training verbessert Bewegungsabläufe

Trotzdem sind die besseren Ergebnisse der Klarträumer nicht verwunderlich. Bereits am Tag unterschätzen viele die Kraft der Gedanken. Gleichförmige Bewegungen, wie zum Beispiel einen Schlag beim Tennis, kann man zumindest ein Stück weit trainieren, ohne sich einen Zentimeter zu bewegen. Man stellt sich genau vor, wie es ist, den Schläger zu halten, die Bewegung auszuführen und den Ball zu treffen.

Das verstärkt die Nervenbahnen, die im Gehirn dafür beansprucht werden. Klarträumer haben den Vorteil, dass sie beliebige Situationen durchspielen können und sich die Situation echt anfühlt. Gleichzeitig können sie den Ball in Zeitlupe aufprallen lassen oder die Zeit zurück spulen und sich angucken, was sie beim letzten Schlag falsch gemacht haben.

Die 25-jährige Claudia übt in ihren Träumen Dancehall-Choreographien. Sie hat sich über meine Krautreporter-Umfrage gemeldet und erzählt, dass sie lange Zeit gar nicht wusste, dass Klarträumen etwas Besonderes ist. Auch ihre Mutter hat die Fähigkeit. Im Klartraum tanzt sie Schritte nach, die ihr im wachen Zustand noch nicht gelingen. Nach dem Aufwachen hat sie das Gefühl, die Choreographie besser zu können.

Übung im Traum nimmt die Angst

Das kann auch daran liegen, dass Sportler durch die wiederholte Übung im Traum mit der Situation vertraut werden und die Angst verlieren. Ähnliches gilt für alltägliche Situationen, etwa eine Prüfung oder einen Vortrag. Don erzählt, dass er vor seiner Pädagogik-Klausur an der Universität die Situation im Klartraum genau nachempfinden konnte. Im Traum saß er im Prüfungssaal und wurde nervös, alle Professoren waren anwesend. Das erste Mal hatte einen Blackout und fiel durch, doch Nacht für Nacht wiederholte er die Situation. Als er im echten Leben antreten musste, war er selbstbewusster und bestand, erzählt Don heute begeistert.

Viele Krautreporter-Leserinnen und Leser haben von ähnlichen Erfahrungen berichtet:

Ich habe in meinem Klartraum für einen Russischtest gelernt. Ich bin im Traum einfach an den Schrank gegangen, habe das Heft rausgeholt und angefangen zu lernen.
- Johanna

Ich spreche ein paar Sprachen und kann im Alltag nicht alle zum Einsatz bringen. Ich fange dann im Traum an, zum Beispiel mit den Leuten Französisch zu sprechen.
- Jana

Das funktioniert allerdings nur, weil Johanna und Jana sich schon im wachen Zustand mit den Sprachen beschäftigt haben. Das Gehirn kann im Schlaf nur auf Bewegungsabläufe und das Wissen zurückgreifen, das bereits im wachen Zustand geübt wurde. Im Schlaf eine komplett neue Sprache lernen – das bleibt ein Traum.

Das Gehirn einfach mal laufen lassen

„Schlaft mal eine Nacht drüber“ – Dieses Sprichwort trägt viel Wahres in sich, sagt Daniel Erlacher. „Das Gehirn schläft nie. Es arbeitet immer weiter, auch wenn wir es nicht bewusst miterleben. Ich muss nicht mit bewusstem Nachdenken zu einer Lösung kommen. Kreative Einfälle geschehen oft im Schlaf.“

Claudia sagt, dass sie Ideen für neue Choreographien im Klartraum sammelt, die sie im wachen Zustand nicht hatte. Don spielt verschiedene Instrumente und probiert in luziden Träumen neue Melodien aus oder lässt sich von den Protagonisten seiner Träume inspirieren.

Ebenso gibt es berühmte Künstler, die wahrscheinlich Klarträumer waren. Salvador Dalí soll luzide Träume als Ideenquelle für seine surrealen Gemälde genutzt haben. In dem Buch „The Dreams behind the Music“ sind über 200 Musiker aufgeführt, deren Lieder aus normalen oder luziden Träumen entstanden sind. Die Melodie für „Yesterday“ soll Paul McCartney im Traum komponiert haben, nach dem Aufwachen konnte er sie auf dem Klavier spielen.

Konfrontation mit Albtraum-Monstern

Es gibt verschiedene Ansätze, Klarträume auch in der Therapie einzusetzen. Etwa, um Albträume zu bekämpfen. Zahlreiche Leserinnen und Leser haben uns geschrieben, dass sie durch luzides Träumen wiederkehrende Albträume losgeworden sind. Statt immer vor dem Traummonster wegzulaufen, drehten sie sich um und fragten die Gestalt, wer sie war. Einige konnten sich sogar mit ihren Traumfiguren anfreunden und erkennen, welche Ängste hinter den Albträumen steckten.

Ich hatte oft Alpträume, in denen ich geflohen bin. Irgendwann hat mein Gehirn gecheckt, dass es nur Träume sind. Ich wurde luzid und konnte mich meinen Ängsten stellen. Im echten Leben bin ich dadurch viel mutiger geworden.
- Diana

Andere Leserinnen und Leser haben bei der Umfrage berichtet, dass sie im Traum in Gesprächen oder Begegnungen versuchen, Probleme zu lösen oder sich persönliche Fragen zu stellen.

Schwierige zwischenmenschliche Situationen und Konflikte gehe ich häufig nochmal im Traum durch. Dabei komme ich auf Lösungen und Perspektiven, welche ich am Tag nicht entdecken konnte. Das hat mir schon oft weitergeholfen.
- Jadzia

Ich nutze in den Träumen den besseren Zugang zu Gefühlen. Ich konfrontiere mich im Klartraum mit unangenehmen Situationen, um meine Selbstsicherheit zu stärken. Ich reflektiere meine Ängste und meinen Umgang im Traum und lerne mehr über mich.
- Sandu

Daniel Erlacher ist vorsichtig, wenn er den Nutzen von Klarträumen für die Therapie beurteilt. „Die Schwierigkeit bei Klarträumen als Therapieform ist, dass man davor den Schritt schaffen muss, Klarträumen überhaupt zu lernen.“ Und auch hier gibt es wenige Studien, die einen Nutzen konkret belegen.

Übrigens sind luzide Träume nicht für alle eine schöne Erfahrung. Einige Leserinnen und Leser haben mir berichtet, dass sie sich nach dem Aufwachen ausgelaugt fühlen oder ihre Erlebnisse verdauen müssen. Don Rinatos sagt, dass er sich einige Zeit so intensiv mit seinen Träumen auseinandergesetzt hat, dass ihm im Alltag die Kraft für neue Gespräche und Eindrücke fehlte.

Produktivität bis in den Schlaf?

Die unendlichen Möglichkeiten im Traum – sie können verhängnisvoll werden. Einigen erscheint die Realität nach dem Aufwachen ernüchternd und beschränkt. Dazu sagt Erlacher: „Wer sein waches Leben nicht als spannend und anspruchsvoll erlebt, hat ein grundsätzliches Problem, das er durch Klarträumen kompensieren will. Daran ist aber nicht das Träumen an sich schuld.“

Er sieht keine Gefahr, dass der Schlafzustand durch luzides Träumen durchgeplant und super produktiv gemacht wird, dass unser Wunsch zur Selbstoptimierung also bis in den Schlaf dringt. „Der Schlaf ist ohnehin dazu da, dass Fertigkeiten trainiert werden“, erklärt Erlacher. Während der Körper ruht, verarbeitet das Gehirn Erlebtes aus dem Tag, spielt eben einige Abläufe nochmal durch und speichert schließlich Wissen im Langzeitgedächtnis. „Am nächsten Tag kann man viele Dinge besser. Beim luziden Träumen kommt nur das Bewusstsein dazu – wenn man will.“

Wer Klarträumen einmal gelernt hat, muss auch nicht fürchten, dass er nie wieder normale Träume haben kann. Selbst die geübtesten Klarträumer erleben nur einen Bruchteil ihrer Träume luzid. Das Klarträumen ist wie ein Muskel, erklärt Erlacher. Wenn man ihn nicht trainiert, verschwindet er wieder.


Theresa Bäuerlein hat bei der Erarbeitung des Textes geholfen; gegengelesen hat Vera Fröhlich; Martin Gommel hat das Aufmacherbild ausgesucht (iStock / yulkapopkova)