Das Windwunder von Cuxhaven

Das Windwunder von Cuxhaven

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Der Wind bläst mir entgegen, der Regen schlägt mir so hart ins Gesicht, dass ich meine Augen nur einen kleinen Spalt weit öffnen kann. Nur selten unterbrechen kleine Deiche das weite Land. Endlose Kohlfelder ziehen zwischen riesigen Windparks vorbei, mittendrin: ich auf meinem Fahrrad, auf dem Weg nach Brunsbüttel. Auch als ich dann mit der Fähre nach Cuxhaven übersetze, habe ich dieses Bild vor mir: Windräder, wohin ich schaue. Links der Elbe, rechts der Elbe.

Für Besucher sind sie bestenfalls pittoresk, schlimmstenfalls zerschneiden sie das Bild der Landschaft. Für die Menschen in der Region sind sie viel mehr: die Rettung vor dem Absturz ins wirtschaftliche Ungewisse. Denn in den vergangenen Jahren hat sich die Nordseeküste zur Problemzone Deutschlands gewandelt.

Am Cuxhavener Steubenhöft, wo heute die Fähre ankommt, legten Ende des 19. Jahrhunderts die Schiffe nach New York ab; Auswanderer brachen für ihren Neuanfang ins gelobte Land auf. Der Norden Deutschlands mit seinen Häfen und Schiffen hat eine weite Geschichte – und die wandelt sich gerade in eine neue Richtung. Das Ziel liegt gleich hinterm Deich, im Industriegebiet.

Als ich dort ankomme, empfängt mich Jan Siefkens, dessen Namen ich geändert habe, weil er seinen richtigen nicht in der Zeitung lesen will, an seinem neuen Arbeitsplatz. Mit Helm auf dem Kopf, Sicherheitsweste am Körper und Kippe im Mundwinkel. Moin. Wir begeben uns schnell in sein Büro im provisorischen Container. Obwohl die Halle und das Bürogebäude nicht fertiggestellt sind, läuft die Fertigung der Windturbinen schon. Lkw, Bagger und Gabelstapler kreuzen hin und her. Bauarbeiter, Metaller, Elektroinstallateure, Lackierer und Logistiker laufen auf dem Gelände durcheinander; machen noch schnell die letzten Handgriffe, dann ist Mittagspause. Jan Siefkens kennt die Zukunft des Nordens, denn er arbeitet an ihr.

Als gelernter Maschinenschlosser hat er 16 Jahre für ThyssenKrupp gearbeitet, bevor er zur Windkraft wechselte. Sechs Monate Weiterbildung zum Servicetechniker und einige Hochsee-Sicherheitstrainings später hatte er seinen Traumjob. Siefkens hat schon an allen möglichen Orten im Wasser gearbeitet: vor den Küsten Deutschlands, Irlands oder Spaniens. Zwölf Stunden jeden Tag. Das sei zwar hart, sagt er, „aber dafür macht man‘s ja. Nur bei zu hohen Windgeschwindigkeiten ist Arbeitsstopp. Und das kommt oft vor, dann hängst du drei komplette Schichten auf'm Bock. Da wirste bekloppt”. Viel Zeit zum Billard oder Tischtennis zu spielen, zum Pumpen im Kraftraum oder zum Playstation zocken.

Trotzdem liebt er die Arbeit. „Bei der Bezahlung wird dir schwindelig, und das ist ja kein normaler Job. Guck dir doch mal das Umfeld an, gibt ja nicht viele die sagen können: ‚Ich baue auf dem Meer‘.”

Die ruhmreichen Zeiten sind vorbei

Handel und Schifffahrt bestimmten lange das Leben in den deutschen Küstenstädten. Sie waren wichtige Umschlagplätze für Güter aus fernen Ländern, Südamerika oder China. Aber auch Seeleute aus aller Welt gaben an Land viel Geld aus: Sie verpulverten ihre Löhne für Suff und Sex, schluckten morgens Matjes oder strammen Max – öliges Spiegelei und Schinken auf Schwarzbrot – und wankten zurück auf ihre Schiffe. In den 70er und 80er Jahren boomte außerdem der Fischfang. Tausende Menschen zogen an die Nordseeküste, vor allem Fischer aus Spanien und Portugal. Für die harte Arbeit auf den Fischtrawlern und bei der Verarbeitung des Fangs wurden sie gut bezahlt.

Die maritime Wirtschaft florierte. Der Norden musste sich keine Sorgen machen. Aber diese Zeiten sind vorbei.

Verschärfte Fischfang-Gesetze, modernere Schiffe, maschinelle Fischverarbeitung und fallende Fischpreise nahmen vielen Arbeitern den Job und trieben Unternehmen in die Insolvenz. In den letzten drei Jahrzehnten ist die Zahl der Beschäftigten in der Fischwirtschaft Cuxhavens von ungefähr 10.000 Beschäftigten auf rund 1.500 gesunken.

Auch die Handels-Schifffahrt hat gelitten. Zwar kommen 90 Prozent unserer Importe aus Übersee auf Containerschiffen zu uns, egal ob Hosen aus Asien oder Mangos aus Chile. Aber weil die Nachfrage abnimmt und gleichzeitig zu viele und immer größere Schiffe über die Meere kreuzen, geht es vielen Reedereien und Logistikunternehmen schlecht. Mehr und mehr Schiffe fahren unter ausländischer Flagge, die Crews bestehen immer häufiger aus philippinischen Seeleuten. So müssen sich Reedereien nicht mehr an deutsche Lohntarife, Steuer- und Umweltauflagen halten.

Statt in die Vereinigten Staaten laufen die Fähren vom Steubenhöft jetzt eben nach Brunsbüttel aus. Sperrstunde der Kneipen ist für gewöhnlich um Mitternacht, und Spiegeleier gibt es dort auch nicht mehr. Stattdessen haben Küstenstädte wie Wilhelmshaven und Bremerhaven eine hohe Arbeitslosenquote. Bis zu 13,5 Prozent.

Der Norden steht vor der Gefahr, der neue Osten zu werden, das Problemkind der Bundesrepublik. Als Politik und Forscher in den vergangenen Jahren nach etwas suchten, das die Region retten konnte, ein Produkt, das die Nordseeküste auszeichnet, stießen sie auf etwas ganz Banales, Alltägliches: den Wind.

Schon jetzt lockt der Wind viele Betreiber an. Vor allem entlang der Küste, von Emden über Hamburg bis hoch nach Flensburg stellen sie ihre Windräder auf. Deshalb kommt knapp die Hälfte des erzeugten Wind-Stroms aus Deutschlands Küstenländern – Windparks belegen mehr als ein Prozent der Fläche Niedersachsens, das ist mehr als Hannover und Braunschweig, die zwei größten Städte des Landes, zusammen.

Den Wind über der See nützen

Auch offshore, im Meer vor der Küste, wird der Wind immer mehr als Energiequelle genutzt: An 16 Stellen vor der deutschen Küste stehen bereits Windparks. Sie zu installieren, war fünf Jahre lang Jan Siefkens' Aufgabe. Aber die langen Schichten, die vielen Sicherheitstrainings und die anstrengende Arbeit auf dem Meer fielen ihm mit dem Älterwerden immer schwerer.

Dann kam Siemens nach Cuxhaven, um Windturbinen zu bauen. Also entschied sich der kleine, hagere 50-Jährige dafür, die Arbeit auf dem Meer den jüngeren Kollegen zu überlassen. Seit einigen Monaten setzt er im neuen Werk Windturbinen zusammen und kommt seitdem abends endlich einmal pünktlich nach Hause.

Er begann, wie viele seiner Kollegen, 2012 mit der Installation, als die Offshore-Industrie richtig in Fahrt kam. Er ist froh, dass die Unsicherheit der Investoren nun vorüber zu sein scheint. Lange sah es so aus, als würde die Zukunft auf sich warten lassen, weil die Politik sich querstellte und manche technischen Probleme unlösbar schienen.

Die Nordsee holt auf ...

Jahrelang standen die Entwickler von Offshore-Windparks vor einer entscheidenden finanziellen Hürde: der Netzanbindung. Im Jahr 2006 wurden dann die Übertragungsnetzbetreiber durch das „Erneuerbare Energien Gesetz“ verpflichtet, die Anbindung der Offshore-Windparks an das deutsche Stromnetz sicherzustellen. Doch erst als die großen Energieversorger bekanntgaben, dass sie bis 2024 Strom aus Offshore-Windparks subventionsfrei und als günstigste erneuerbare Energie ins Netz einspeisen wollten, begannen die Offshore-Windparks in der Nordsee zu sprießen.

Heute arbeiten schon über 20.000 Menschen in Deutschland in der Offshore-Industrie, das ist bereits mehr als die Hälfte der Atomstrom-Beschäftigten. Mit dem Strom, den die 16 Offshore-Windparks in deutschen Gewässern erzeugen, konnten Anfang des Jahres etwa 1,2 Millionen Haushalte versorgt werden.

Ein guter Wert, findet auch Joachim Stietzel, Wirtschaftsförderer der Stadt Cuxhaven. Doch die Zahlen könnten noch weit besser sein – die Bundesregierung verhindert momentan eine schnellere Entwicklung.

… und Cuxhaven profitiert

Schon seit der Jahrtausendwende versuchen Stietzel und die Stadt, ein Werk für Offshore-Windanlagen anzusiedeln. Industrieflächen wurden vorbereitet, Terminals gebaut, Zugangswege asphaltiert, Gespräche mit Investoren geführt. 2015 hatte sich Cuxhaven als Standort für die Ansiedlung von Siemens Gamesa Renewable Energy durchgesetzt. Mit insgesamt 600 Millionen Euro Investitionen soll das weltweit modernste Windturbinen-Werk entstehen.

„Allein Siemens stellt 1.000 neue Mitarbeiter ein, bis zu 800 sollen bald folgen”, sagt Stietzel heute, ohne seinen Stolz zu verbergen. Bei ihm, seinem Team und der ganzen Stadt herrschen immer noch Erleichterung und Freude über das neue Werk, das seit zwei Jahren gebaut wird.

Auch im Jobcenter sind die Veränderungen zu spüren. Langzeitarbeitslose können verkürzte Ausbildungen zur Fachkraft für Metalltechnik, zum Industrie-Elektriker oder Maler und Lackierer machen. Die meisten Kursteilnehmer hoffen auf eine Anstellung bei Siemens.

Doch Torsten Stoltz, Leiter des Jobcenters, hat noch viel größere Hoffnungen: Er wünscht sich eine „Initialzündung” für Cuxhaven und den Landkreis. Die Stimmung in der Stadt, sagt er, ist hervorragend, die Zulieferer benötigen Arbeitskräfte, der Tourismus brummt, die Arbeitslosigkeit liegt bei 5,7 – vor zehn Jahren waren es noch 11 Prozent.

„Früher mussten wir auf Leute zugehen, heute kommen sie auf uns zu, das ist eine schöne Situation”
Hans-Joachim Stietzel, Wirtschaftsförderung Cuxhaven

Auch vor Wirtschaftsförderer Stietzel liegt noch viel Arbeit. Geplant ist ein Technologiezentrum, das kleinen und mittelständischen Unternehmen die Chance bieten soll, sich als Zulieferer zu profilieren. Dazu ein Offshore-Infocenter, das den 800.000 Touristen, die jährlich nach Cuxhaven kommen, das neue Image präsentieren soll, und ein maritimes Netzwerk, in dem das Unternehmen gemeinsam mit Wissenschaftlern Offshore-Technik weiterentwickeln will. Einige Fakultäten, Startups und auch Siemens arbeiten an kreativen Verbesserungen der Windkraft. Sie entwickeln unter anderem mobile Windparks oder riesige Kites, also Wind-Drachen, die in größeren Höhen vom stärkeren Wind profitieren.

„Wir dürfen in den Parks nicht fischen, die Begründung: Im Falle von Seenotrettung kann kein Hubschrauber in die Parks gelangen.”
Horst Huthsfeldt, Kutterfisch

Aber nicht alle freuen sich über das große Geschäft mit dem Wind. Eine Mitarbeiterin einer Schiffsagentur verrät mir, dass es Unternehmen wie ihrem deswegen nicht bessergehen werde. Auch andere Teile der Nordsee-Region gehen leer aus.

Und manchen bereiten die Windparks richtige Bauchschmerzen. Horst Huthsfeldt, Geschäftsführer von "Kutterfisch", sorgt sich um die Fischgründe und darum, dass die Windindustrie dem einst so wichtigen und die Region prägenden Fischfang den letzten Rest geben könnte. In den Windparks selbst dürfen schon keine Schiffe fahren, und nun fordern Naturschützer auch noch Ausgleichsflächen, also fangfreie Zonen. Ob sie damit durchkommen, ist unklar – in den letzten Jahren sind Naturschutz-Bedenken im wahrsten Sinne in den Wind geschlagen worden.

So oder so: Für den Norden gibt es kein Zurück mehr. Eine Zukunft ohne Windparks ist nicht mehr vorstellbar. Jan Siefkens zumindest findet das gut. „Für die Region ist das neue Werk natürlich bestens”, meint er und schaut aus dem Fenster auf die riesige graue Fertigungshalle.

Es ist die norddeutsch-nüchterne Version von „Gott sei Dank ist dieses Werk hier”.


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Esther Göbel hat geholfen, den Artikel zu erarbeiten; Theresa Bäuerlein hat ihn gegengelesen; Aufmacherfoto ist von iStock / Symbiont.