Freiheit nach 2.039 Tagen

Freiheit nach 2.039 Tagen

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Es ist der Tag nach der Pressekonferenz. Johan Gustafsson, den Terroristen 2.039 Tage in Afrika als Geisel gehalten haben, hat gerade das TV-Studio verlassen, in dem die Morgennachrichten produziert werden. Er hatte noch keine Chance, in die Tageszeitungen zu schauen, die voller Interviews sind. Alle schwedischen Radio- und Fernsehsender berichten immer wieder über seine Rückkehr. Und jeder Bericht zielt auf seine Bekehrung zum Islam ab.

„Es war meine Überlebensstrategie. Und da ich gezwungen war zu konvertieren, glaube ich nicht, dass ich jemals ein echter Muslim gewesen bin“, sagt Johan, als wir uns hinsetzen, um zu reden.

Johan Gustafsson

Der lange Bart, den er bei seiner Ankunft trug, ist abrasiert. Er sieht ausgeruht aus, sein Blick wirkt wach und freundlich.

Nachdem er „konvertierte“, fühlte sich Johan sicherer. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass der Sand in der Sanduhr zu rinnen aufgehört hatte. Dass der Countdown für seine Hinrichtung entweder gestoppt war oder langsamer lief.

„Wir lebten damals unter den gleichen Bedingungen wie unsere Bewacher – den Alltag in einer Kriegszone in einer Wüste. Eine gnadenlose Wüste, die auch bezaubernd schön war.“

Die Konvertierung zum Islam war für ihn also eine Frage des Überlebens, brachte aber noch andere Vorteile mit sich. Die regelmäßigen Gebete teilten den Tag in Abschnitte ein und ermöglichten ihm, ein Gefühl für Zeit zu entwickeln.

„Wir bekamen zwischen den verschiedenen Gebeten bestimmte Arbeiten zugewiesen.“

Das Leben als konvertierter Muslim war etwas freier und machte es Johan möglich, seine Kidnapper genauer zu beobachten. Er sah, wie sie sich um die Lämmer kümmerten, die zusammengebunden zum Lager transportiert wurden. Anfangs versuchten die Lämmer verzweifelt zu fliehen, aber nach einer Weile gewöhnten sie sich an die Männer, die sie fütterten und tränkten. Sie wurden so zahm, dass sie auch zu den Wachen liefen, als sie kamen, um ihnen die Kehlen aufzuschlitzen.

„Ich wollte mich nicht in eines dieser Lämmer verwandeln und hatte Angst, dass mir das Gleiche passieren könnte, wenn ich mir nicht ständig meiner Lage bewusst war“, sagt Johan.

Er ist vorsichtig. Er denkt, bevor er spricht. Vielleicht war er schon so, bevor er entführt wurde. Ruhig, aufmerksam. Aber vielleicht haben ihn die Jahre der Geiselhaft in der Wüste auch verändert.

Das Ziel der Motorradtour war eigentlich Südafrika

Als der 36-jährige Johan Gustafsson im späten Herbst 2011 auf seinem Motorrad nach Mali fuhr, machte er sich mehr Gedanken über Verkehrsunfälle als über die Gefahr, von Terroristen gefangengenommen zu werden. Damals schien diese Risikoanalyse vernünftig. Denn erst ein paar Monate später kam es im Norden des Landes zu Aufständen.

Johan begann seine Traumreise von Schweden nach Südafrika mit einer Gruppe von Freunden, zu der sich immer wieder andere Motorradfahrer gesellten, erst auf der Fahrt durch Europa und dann, als sie quer über den afrikanischen Kontinent fuhren. Als sie in Mali ankamen, wollten seine Mitreisenden nach Timbuktu. Er hatte wenig Ahnung davon, dass unter der Oberfläche der Oasenstadt, wo Touristen einkauften und tanzten, ein Chaos verschiedener Gruppen wütete. Sie kämpften für die Unabhängigkeit des Nordens oder rekrutierten Mitglieder für neugegründete terroristische Organisationen.

Ohne etwas von der drohenden Gefahr zu ahnen, übernachtete Johan zusammen mit seinen Mitreisenden, dem Holländer Sjaak Rijke und Stephen McGown aus Südafrika, im Hotel. Eines Nachts hörte Johan, dass es im Hof, wo sein Motorrad stand, Tumulte gab. Als er nach draußen stürzte, wurde er mit einer Kalaschnikow begrüßt. Er sah Rijke und McGown, die auf einen Lastwagen gezerrt worden waren. Auch ein deutscher Mann war dort, aber er sprang runter. Sie hörten zwei Schüsse. Dann wussten sie, dass er tot war. Johan und die anderen wurden auf der Pritsche gefesselt und mit einem Netz über dem Körper in die Wüste verschleppt, eine grausame 24 Stunden lange Fahrt.

Johans Leben als Gefangener begann, es sollte fast sechs Jahre dauern. Immer wieder wurde er in andere Lager verlegt, die meistens in der Wüste waren. Man zwang ihn, im Freien zu leben, egal unter welchen Bedingungen, irgendwo in der riesigen Wüste.

Mali ist das siebtgrößte Land Afrikas und leidet seit langem unter Unruhen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen: denen in den südlichen Regionen, wo die wirtschaftliche und politische Macht liegt, und den Minderheiten im Norden, vor allem den Tuareg-Nomaden. In den letzten 20 Jahren haben mehrere Rebellionen das Land erschüttert, das bis 1960 eine französische Kolonie war. Meist entstanden die Unruhen im Norden, eine Folge von Menschenrechtsverletzungen und Diskriminierung.

Nur wenige Monate, nachdem Johan in Mali angekommen war, breitete sich eine dieser Rebellionen nach Süden aus. Die Tuareg, die weiter als Hirtennomaden leben wollten, protestierten gegen die Zentralregierung im Süden. Sie riefen einen unabhängigen Staat aus und nannten ihn „Azawad“. Zur gleichen Zeit übernahmen Offiziere die Macht in einem Staatsstreich, Mali stand als Staat kurz vor dem Zusammenbruch. Der Präsident flüchtete ins Exil, und die nördliche Hälfte von Mali fiel in die Hände von Rebellen. Das politische Vakuum nutzte Al-Qaida im islamischen Maghreb (AQIM), eine radikale islamische Miliz, um gegen weltliche Kräfte zu kämpfen. Sie eroberten die historische Stadt Timbuktu. Wo AQIM herrschte, waren Musik, Alkohol und Fernsehen verboten. Es dauerte nicht lange, bis Gruppen religiöser Extremisten fast den ganzen Norden Malis kontrollierten.

Johan wusste zunächst nicht, wer seine Kidnapper waren

Johan beschreibt die ersten paar Monate als völlige Verwirrung. Er und Stephen McGowan und Sjaak Rijke wurden in Ketten gehalten und von Ort zu Ort gebracht, damit niemand sie entdeckte. Als die Geiselnehmer Johan fragten, ob er Militärdienst geleistet, wen er gewählt und welche Ausbildung er gemacht hatte, begriff er, dass sie Informationen sammelten, die sie gegen ihn verwenden würden – als mögliche Rechtfertigung, warum er ihr Gefangener war.

Nach sechs Monaten in Gefangenschaft interviewt eine Filmcrew von Al-Jazeera Johan. Vor der Kamera behaupten die Kidnapper, dass die Geisel gut behandelt werde. Als Johan gefragt wird, was er über AQIM denkt, ist es das erste Mal, dass er überhaupt von dieser Organisation hört.

„Ich wusste nicht, worüber er [der Al-Jazeera-Reporter] sprach, also fing ich an, über Al-Qaida zu reden. Darüber, was sie wirklich ist. Meiner Ansicht nach ist sie etwas Abstraktes, fast wie ein Geist, den die USA geschaffen haben, um die Leute nach den Anschlägen vom 11. September zu erschrecken.“

Jetzt, wohlbehalten wieder zu Hause, tut sich Johan noch immer schwer mit dem Begriff „Al-Qaida“. Für ihn ist es eine vage Definition von etwas, das geschaffen wurde, um Angst zu verbreiten.

„In der Wüste in Mali gibt es weder Internet noch Telefonleitungen. Von dort aus sollen sie mit Afghanistan kommunizieren, das auch kein besonders gut vernetztes Land ist? Ich denke, man kann auch davon ausgehen, dass die Kommunikation in diesen Gegenden ziemlich gut überwacht wird“, sagt Johan.

Wenn man neben den schlechten Kommunikationsmöglichkeiten noch die kulturellen Unterschiede zwischen Mali und Afghanistan bedenke, außerdem die Sprachbarriere und die verschiedenen kämpfenden Gruppen in beiden Ländern, könne man leicht sehen, dass Al-Qaida ein lockeres Netzwerk sei, nur vereinigt unter einer gemeinsamen Flagge, schlussfolgert Johan.

„Für mich handelt es sich um Marketing. Ein Bild für die Außenwelt.“

Johan hörte nie einen seiner Kidnapper über AQIM oder Al-Qaida reden.
Aber wer sind die Männer, die ihn dort in der Wüste als Geisel halten?

Johan beschreibt die Anführer als eine kleine und fanatische religiöse Sekte. Heute denkt er, dass die meisten Mitglieder etwas mit der algerischen AQIM zu tun hatten.

Seit mehr als einem Jahrzehnt waren diese heimlich nach Mali vorgerückt. Als Johan entführt wurde, hatten sie erfolgreich Kontakte zu religiösen Familien geknüpft, um sprachliche und kulturelle Bindungen aufzubauen. Nur so konnten sie vor Ort Mitglieder gewinnen.

Johan erfuhr von seinen Entführern, dass nach ihrer Einreise zunächst Nahrung und Geld knapp gewesen seien und sie besiedelte Gebiete gemieden hätten. Aber sobald die Algerier Kontakte zu den arabischen Familien in Mali hatten und dort durchaus gern gesehen waren, kamen sie weiter voran.

Ein Bruder rekrutierte den anderen Bruder. Ein anderer rekrutierte seine Cousins. Die Organisation konnte sich schließlich über Spenden und Lösegeld aus Entführungen finanzieren, aber die Versorgung wurde zur großen Herausforderung.

„Sowohl wir Entführten als auch die Kidnapper wurden von den Einheimischen ferngehalten.“

Araber, Tuareg und Schwarzafrikaner kamen nicht gut miteinander aus

Die Erfüllungsgehilfen in der Gruppe – also Johans Wächter – waren zunächst meist Araber aus Nord-Mali, aber mit der Zeit kamen auch Tuareg hinzu. In einigen Fällen wurden junge schwarze Männer rekrutiert, die aus den südlichen Regionen des Landes geflohen waren. Manchmal gab es Spannungen zwischen den Arabern und den Tuareg.

„Die Araber mochten die Tuareg nicht sehr. Als ich Tuaregi lernte, wurde mir gesagt, dass es eine ‚Bullshit-Sprache‘ sei – warum willst du ihre Sprache können? Du musst lernen, Arabisch zu sprechen.“

Die Tuareg sehen sich als das Volk der Wüste.

„Sie waren stolze Leute und hatten Humor“, sagt Johan.
Unter den Rekruten waren auch junge Männer, aus nordafrikanischen Ländern wie Marokko, Tunesien und Mauretanien, die das Abenteuer suchten.

„Sie wurden von internationalen Akteuren wie Osama bin Laden angezogen und inspiriert. Sie hatten alle die gleichen Geschichten im Internet gelesen und waren wütend über die Unterdrückung der Muslime durch den Westen.“

Diese Männer wussten nicht viel über das Leben in der Wüste. Sie zeigten sich der Gruppe und deren Anliegen gegenüber leidenschaftlich und loyal, gerieten aber schnell in Streit mit den örtlichen Rekruten.

Kurz nach der Entführung von Johan Gustafsson besetzt AQIM die historische Wüstenstadt Timbuktu.

In einem weiteren Dokumentarfilm, den Al-Jazeera ausstrahlte, kommen die Menschen in Timbuktu zu Wort. Eine Frau sagt darin, dass Al-Qaida ihr Essen gebe und die Mitglieder ihr Kleider für ihre Kinder brächten. Andere beschreiben das Leben mit Al-Qaida, als wären sie Gefangene in der eigenen Stadt. Ein älterer Mann erklärt, sie hätten eigentlich bereits eine Art Scharia gehabt, "eine, die wir geschätzt haben, aber dieses neue Scharia-Gesetz erkennen wir nicht mehr – und wollen es auch nicht in unserem Leben“.

Die Rekrutierung lief in den Städten gut

Johan sagt, AQIM rechtfertigte ihr Handeln offiziell damit, dass sie große Unterstützung in Dörfern und Städten hätte. Die Führung in Algerien beschrieb ihre Beziehung zu den Menschen als gut. Und als die Organisation Städte einnahm, schienen viele neue Rekruten diese Behauptung zu belegen.

„Dort war es einfach, sich anzuschließen. Irgendwo in der Wüste würdest du diese Gruppen nicht finden.“

Wann immer AQIM nicht in den Städten war, stagnierte die Rekrutierung.

„Da draußen fanden sie nur ‚Wüstentypen‘, und die waren nicht sonderlich nützlich.“

Es ist schwierig, eine gut organisierte terroristische Gruppe mit Analphabeten zu betreiben. Alle Kommunikation muss mündlich erfolgen. Gleichzeitig ist es auch eine Herausforderung, die in den Städten rekrutierten Mitglieder bei der Stange zu halten.

„Diejenigen, die sich anschlossen und auf die Lastwagen gesprungen sind, die Beruf und Studium aufgegeben hatten, erkannten später, als sie in die Wüste gejagt wurden, dass es vielleicht gar nicht so lustig war.“

Ein Leben im Sand, ohne Internet, Handys oder Fernsehen, war nicht unbedingt das, was sie sich vorgestellt hatten. Johan erfuhr schließlich, dass einige Rekruten die Organisation verlassen hatten.

„Nach einer Weile dachten viele, es sei ein Scheiß-Leben, und sie sagten uns Geiseln tatsächlich, was sie fühlten.“

Timbuktu feierte, als die Rebellen wieder abrückten

Sie erzählten Johan und den anderen, dass sie, als sie in Timbuktu einrückten, für die Unterstützung der Menschen bezahlen mussten, indem sie Nahrung verschenkten und kostenlosen Strom lieferten.

„Aber sobald sie die Stadt verließen, sollen die Leute von Timbuktu gefeiert haben, sie tanzten nackt auf den Dächern, spielten laute Musik und tranken Alkohol“, sagt Johan.

Im Gegensatz zur Wüste war die Bevölkerung der Städte im Norden Malis bunt wie ein Mosaik. Hier trifft das schwarze Afrika auf die arabische Welt, die großstädtischen Gebiete werden zu einem kulturell vielfältigen Schmelztiegel.

Manche beschuldigen das Regime in Mali, dass man dort mehr Angst vor einer politischen, weltlichen Unabhängigkeitsbewegung im Norden habe als vor Verwicklungen mit dem Ausland. Deshalb habe das Regime lieber weggeschaut, statt auf die vielen Entführungen in der Region zu reagieren. Einige Kritiker gingen sogar so weit zu behaupten, Malis Spionageabwehr wolle nicht auf eine „Henne, die goldene Eier lege“, verzichten, also nicht auf das Lösegeld, das an AQIM gezahlt wird.

Aber welche Beziehung hatten die Kidnapper zum Regime in Mali?

„Wenn Malis Armee im Norden vorrückt, ist sie niemandem willkommen“, erklärt Johan. „Jeder hasst sie. Wenn es irgendetwas gibt, das die verschiedenen Völker des Nordens vereint, sowohl Islamisten als auch weltliche Gruppen, ist es der Hass auf das, was ihnen die Armee von Mali angetan hat.“

Viele der Rekruten erzählten Johan, was die Armee verbrochen hatte.
„Einer von ihnen sagte, er sei zum Waisen gemacht worden. Er sagte, sein Vater sei erschossen und verbrannt worden. Er sagte mir, sobald er einen ‚Bambara‘ sehe – die größte schwarzafrikanische Gruppe in Mali, eine Gruppe, die die höchsten politischen Positionen besitzt – würde er einen Knüppel packen und kämpfen.“

Als die anderen arabischen Kidnapper die Geschichte hörten, warfen sie ein, sie seien eine religiöse Bewegung. „Muslime schlagen wir nicht, klar?“ Die Bambara hängen traditionellen Kulten an, die Geiselnehmer sind meist Muslime.

Die Anführer von AQIM wollten den Eindruck erwecken, ihre Bewegung sei die einzige Macht, die Mali vereinen und die Spannung zwischen den verschiedenen Gruppen lockern konnte. Johan hatte das Gefühl, dass die Rekruten eigentlich gar nicht so sehr von religiösen Überzeugungen und dem Traum eines Kalifats angetrieben wurden, sondern von Rassismus und Hass gegenüber den Machthabern im Süden.

„Ich habe die religiöse Motivation nur als eine geringe treibende Kraft wahrgenommen, besonders bei den Tuareg, “

Die Tuareg-Nomaden kannten die Koran-Verse nicht

Eine der weltlichen Organisationen, die in der gleichen Region wie AQIM kämpfen, ist die Nationale Bewegung für die Befreiung von Azawad (MNLA), eine Rebellenfraktion, die im Jahr 2011 gegründet wurde und hauptsächlich aus Tuareg besteht, die die Unabhängigkeit des Nordens fordern.

„In der Zeit, als wir in den Bergen festgehalten wurden, kamen Wagenladungen von Tuareg an, um sich der AQIM anzuschließen. Sie bekamen keine Kalaschnikows, aber einfachere und ältere Gewehre, die aus Armeestützpunkten gestohlen worden waren“, sagt Johan.

Die neuen Rekruten machten auch den AQIM-Führer Sorgen.

„Sie kannten die einfachsten Verse aus dem Koran nicht, was doch für einen Muslim zwingend erforderlich ist. Also mussten sie sich genau wie ich hinsetzen und sie auswendig lernen.“

Während Johan und diese neu rekrutierten Tuareg nervös in einem Kreis saßen und lernten, schlug sich der Anführer der Gruppe oft mit der Hand gegen die Stirn und zog Grimassen. Es war klar, dass ihn das niedrige Bildungsniveau ärgerte.

„Hier waren sie, die wahre Elite, die Mudschahedin (Gotteskrieger), und jetzt steckten sie mit diesen wertlosen Leuten fest, schienen sie zu denken.“

Aber Johan zufolge halfen die neuen Rekruten dabei, die Stimmung im Lager zu verbessern.

„Es machte Spaß, mit ihnen zusammen zu sein, sie waren unbeschwert und tollten gerne in der Wüste herum. Die Anführer hingegen hatten eindeutig andere Haltung: ‚Wir sind nicht hier, um Spaß zu haben! Wir sollten leiden. Alles ist haram (verboten). Wir sind Islamisten!“

Die Geiselnehmer versuchten, härter rüberzukommen

Schon ganz am Anfang seiner Gefangenschaft bat Johan um ein Brettspiel – Backgammon. Er dachte, es würde vielleicht genehmigt werden, immerhin hatte das Spiel seine Wurzeln im Mittleren Osten. Die Antwort lautete: verboten. Als sie in ein neues Lager zogen und dort ein neuer Leiter zuständig war, bekam Johan endlich sein Backgammon-Spiel. Eine Weile lang erlaubte ein algerischer Kommandant den Geiseln sogar, Fußball zu spielen.

„Er warf uns einen Ball zu und sagte: ‚Los geht’s, spielt Fußball.‘ Das machten wir dann auch, und die Kidnapper bogen sich vor Lachen, sie fanden uns urkomisch. Viele von ihnen hatten noch nie Fußball gesehen und verstanden nicht, dass es darum ging, ein Tor zu schießen. Sie rannten nur dem Ball hinterher und kickten ihn weg.“

Aber es gab ein Problem. Der Fußball flog oft in dornige Bäume und Sträucher, und egal, wie gut sie ihn zu flicken versuchten, nach einer Weile konnte er nicht mehr repariert werden. Dann wurden die Fußballspiele wieder verboten, und jedes Spiel wurde „haram“.
„Es war ein Hin und Her“, erinnert sich Johan.

Während ihrer Zeit in der Wüste mussten Johan und die anderen Geiseln bei Videoaufnahmen mitmachen. Anfangs dachten sie, sie sollten hingerichtet werden. Aber nach einer Weile wurden diese Filme zur Routine. Die Kidnapper versuchten in der Regel, härter rüberzukommen als sie waren. Sie legten die Geiseln in Ketten, der Show wegen. Nach den Dreharbeiten lebten sie wieder ganz normal mit ihnen zusammen.

Während einer Aufzeichnung wurden die Gefangenen gezwungen, orangefarbene Guantanamo-Gefängnis-Kluft zu tragen.

„Wir mussten niederknien und um unser Leben betteln.“

Als diese Tortur vorbei war, fragte Johan die Person, die er für den Anführer hielt, warum sie festgehalten wurden. „Wir sind keine Amerikaner", sagte er.

Der Führer missverstand Johans Frage und dachte, er habe sein Leiden mit dem eines Gefangenen im Lager Guantanamo verglichen.

„Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass ich Schwede bin, und dass auch wir Guantanamo für kriminell und sehr kontraproduktiv halten.“

Johan erklärte auch, dass ihm bewusst war, wie Muslime von westlichen und arabischen Regierungen verletzt wurden. Und dass eine Erfahrung wie das Filmen eines Videos im Vergleich dazu verblasste.

„Wir wurden nicht gefoltert, nur gefangen gehalten und mussten so wie sie leben. Ich kann mir nicht vorstellen, was die Leute in Guantanamo durchmachen.“

Niemand sagte Johan, was ihm vorgeworfen wird

Bei einer Vernehmung fragte Johan den Anführer, was ihnen vorgeworfen wurde und warum die Kidnapper ihn und die anderen gegen ihren Willen festhielten.

"Ich wollte es verstehen. Ich dachte, dass sie Schweden anders sahen als die USA, wegen unserer Unterstützung für die Palästinenser und wegen unserer Haltung gegen die Invasion des Iraks – zumindest haben wir das nicht unterstützt."

Aber seine Fragen führten zu nichts. Die Anschuldigungen gegen ihn waren aus der Luft gegriffen und die Angaben widersprachen sich. Johan wurde zuerst entführt und dann beschuldigt, nicht umgekehrt.

„Manchmal schien sie die Invasion des Iraks motiviert zu haben, ein andermal die Mohammed-Karikaturen oder der Krieg in Afghanistan. Ich hatte den Eindruck, dass es keinen besonderen Grund gab.“

Anfang 2013 wurden französische Soldaten und Kampfflugzeuge nach Nord-Mali geschickt, und zusammen mit der Tuareg-Guerilla der MNLA gelang es ihnen, die Islamisten zurückzudrängen.

Auch Schweden schickte später Soldaten nach Mali, aber das wurde Johan nicht mitgeteilt. „Obwohl ich mir sicher bin, dass sie sehr gut darüber informiert waren.“

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gewann im Irak und in Syrien an Einfluss. Das erfuhren Johan und die anderen von den Kidnappern, die ihnen die Filme ihrer Organisation zeigten. Sie bekamen auch jedes Mal mit, wenn eine neue Stadt unter die Kontrolle des IS fiel. Nachts im Lager zeigte ein Mitglied aus Mauretanien die Filme, allerdings nicht in chronologischer Reihenfolge, und einige Städte, die später eingenommen wurden, schienen für die Terrormiliz verloren.

„Es war unmöglich, auch nur teilweise zu verstehen, was los war“, sagt Johan.

Häppchenweise Informationen aus Propagandafilmen

Als ein neues Kalifat angekündigt wurde, erklärten viele der Entführer, sie hätten zwar Al-Qaida ihre Treue geschworen, aber ihre Herzen gehörten eigentlich dem IS.

„Sie waren tief beeindruckt von dem, was sie sahen, und sagten uns oft: ‚Bald wird der IS Bagdad einnehmen‘.“

Selbst wenn die Filme reine Propaganda waren, zeigten sie doch kleine Einblicke in das, was in der Außenwelt passierte.

Johan sagt, er werde nie vergessen, wie er das erste Mal ein Video von der Hinrichtung einer Geisel sah.

„Wir sitzen da und sehen einen Amerikaner, in einen orangefarbenen Overall gekleidet, der um sein Leben bettelt und über seinen Bruder spricht. Dann schneiden sie ihm die Kehle durch.“

Seine Kidnapper versichern ihm: „Wir machen keine solchen Videos.“

Mit der Zeit sprechen die Geiselnehmer immer weniger über den IS. Als Johan fragte, ob er Bagdad noch erobert hätte – erfährt er, dass die Geiselnehmer jetzt mit dem IS zerstritten waren. Mit der Zeit sprachen mehr und mehr Wächter offen negativ über den IS. Dann wurden auch andere Videos gezeigt.

„Wir schauten uns lange Filme an, in denen die Anführer über alles diskutieren, was mit dem IS falsch war. Und dass man sie nicht mehr als Muslime sehen könne.“

Die Geiseln hörten mit Erleichterung, dass der IS nicht weitere Städte erobert hatte, und dass die Organisation mehr und mehr gespalten schien.

„Es war das Beste, was aus unserer Sicht passieren konnte“, sagt Johan. „Für all die jungen Kerle, die Propagandafilme über die westliche Welt betrachteten, war die Frage nicht mehr, ob sie sich dem Kampf anschließen sollten – sondern für wen? Ich stellte mir vor, dass viele ernüchtert waren.“

Johan betrachtet seine Kidnapper, während er von Martin interviewt wird

Zwei von Johans Kidnappern machen Selbstmordanschläge

Von Anfang an teilte Johan sich eine Hütte mit einem jungen Mann aus Libyen. Der Libyer war ein ruhiger und gut ausgebildeter Mann, der den anderen den Koran unterrichtete. Johan war gerade zum Islam konvertiert und selbst ein stiller Mensch. Sie kamen gut miteinander aus und teilten ihre Wasserrationen. Aber als Johan den Libyer bat, ihm Arabisch beizubringen, wollte der nicht helfen. Er wollte vor allem religiöse Fragen besprechen.

Einer der Studenten in der Koranschule des Libyers war ein lebhafter Mann aus Guinea. Er war Analphabet, tat aber so, als könne er lesen. Das sorgte für Konflikte. Der libysche Lehrer und der Guineer stritten ständig. Unter vier Augen sagte der Guineer zu Johan: „Er weiß nichts! Er macht alles falsch.“

Mitten im Unterricht, wenn alle im Kreis saßen, kritisierte der Guineer den Lehrer und sagte Dinge wie: „Das haben mir die Meister beigebracht.“ Und der Lehrer las erneut mit lauter Stimme: „Das steht hier geschrieben.“

Verärgert stampfte der Guineer davon und setzte sich weg. Es ging nur um einen einzigen Vers, für Johan und die anderen war es keine große Sache. Aber für den Guineer war es eine Frage des Ansehens, und er rezitierte immer wieder laut den selben Vers. Er störte den Rest der Studenten damit, aber er hörte nicht auf.

„Seit er ein Kind war, hatte er Passagen auswendig gelernt, ohne sie wirklich zu verstehen. Und jetzt sagte ihm jemand, dass er falsch lag“, erinnert sich Johan.

Der libysche Lehrer sah müde aus, und Johan dachte, dass er sich wohl fragte, warum er seine Zeit mit diesen Schülern vergeudete. Er hatte sämtliche Brücken zu seinem Heimatland abgebrochen, um sich voll und ganz seinem Ideal zu widmen. Aber das Leben in der Wüste war wohl nicht das, was er erwartet hatte – die täglichen Pflichten, die einfachen Leute.

„Die Wüstenmänner sind hartgesotten und konservativ, sie tun die Dinge auf ihre eigene Weise. Sie kennen außerhalb ihrer kleinen Welt nicht viel, aber darüber wissen sie alles. Sie können nicht lesen und sprechen nur die Sprache der Region. Alles, was von außen kommt, beäugen sie misstrauisch“, erklärt Johan.

Wenn du das Grundwissen der Wüste nicht hast – über Autos, Brunnen und Kamele – kannst du nicht überleben, egal, wie viele Bücher du gelesen hast.

„Der Libyer war viel gebildeter als die Wüstenmänner, aber sie behandelten ihn, als ob er absolut nichts weiß“, sagt Johan. „Er wusste nur, wie man las. Aber hatte keine Ahnung, wie man Wasser aus einem Brunnen schöpfte oder ein Zelt aufstellte. Also hatten die Studenten keinen Respekt vor ihm."

Ein paar Monate später sah Johan noch ein weiteres Video in ziemlich schlechter Qualität. Trotz der verschwommenen und ruckelnden Aufnahmen erkannte Johan den Mann darin und war überrascht, dass es der Libyer war. Er hielt ein automatisches Gewehr in der Hand und trug einen langen Patronengürtel.

„Er sah genauso müde aus, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Müde vom Leben, so fühlte es sich an. Dann fängt er an zu feuern, jede einzelne Kugel, der ganze Patronengürtel. Bam! Bam! Bam! Bam! Das ist in der Regel ein beliebter Zeitvertreib der Wüstenjungs, aber er schießt in einen Haufen Felsen, bis er keine Munition mehr hat.“

Dann steigt er in ein Auto und fährt zu einer kleinen Festung irgendwo in der Ferne.

„Er fährt direkt in den Wall, wir sehen dunklen Rauch, und es ist vorbei.“

Johan glaubt, dass das Video einen regulären Selbstmord zeigt und nicht die Tat eines Mannes, der ehrlich für seine Sache sterben will.

Blick über Telly, ein Dorf in Mali.

Johan lernte, dass die Selbstmordattentäter Außenseiter waren.

„Während meiner fast sechs Jahre dort habe ich nie von einem Selbstmordanschlag gehört, der von einem der lokalen Rekruten gemacht wurde.“

Ein Kämpfer für die Religion aus der Westsahara

Ein Rekrut von außerhalb war Abu Leith aus der Westsahara, was Johan erstaunte.

"Als ich ihn fragte, ob er in der Polisario-Front aktiv gewesen war und gegen die marokkanische Besatzung gekämpft hätte, konnte ich sehen, dass ihm die Frage unangenehm war.“

Abu Leith erklärte Johan, er sei von der Polisario nicht beeindruckt.
„Er sagte: ‚Sie kämpfen nur für ihr eigenes Land‘". Dann packte er eine Handvoll Sand und sagte: „Ich kämpfe für die Religion.“

Abu Leith war ein bisschen älter als die anderen. Die meisten örtlichen Rekruten waren um die zwanzig, die von außen gewöhnlich um die dreißig. Bevor Abu Leith sich anschloss, arbeitete er in einem Restaurant. Er wusste, wie man Brot in der Wüste backte.

„Er schnitt ein Fass entzwei und machte einen Ofen daraus, dann fettete er eine Metallplatte ein und backte ein erstaunliches Stück Brot.“

Für Johan und die anderen Geiseln war das Brot ein Leckerbissen, aber die Führung schätzte Abu Leiths Talente überhaupt nicht.

„Das Auto, das ihm zugewiesen wurde, war auch in erstaunlich guter Verfassung. Ihm war klar, dass es wertvoll war. Deshalb wollte er sich um das Auto, das er sich sonst nie hätte leisten können, so kümmern, als wäre es sein eigenes.“

Wer bei Abu Leith mitfuhr, durfte seine Wasserflaschen nicht aus dem Fenster hängen (was das Wasser kühler hält), weil die Flaschen sonst den Autolack hätten zerkratzen können.

Die anderen Kidnapper sahen die Autos als Kriegsbeute, oder als etwas, das man von dem Geld gekauft hatte, das für ihre Sache gespendet wurde. Aber Abu Leith kam aus arme Verhältnissen und achtete auf jedes kleine Detail. Im Laufe der Zeit wurde er immer mehr dafür verspottet, dass er so akribisch war.

„Weltliche Dinge waren verpönt. Für die Leute in der Gruppe zählte nur das Jenseits“, sagte Johan.

Das konnte Abu Leith nicht stoppen. Er kümmerte sich weiter sorgfältig um alles im Lager, während der Anführer, der damals aus Algerien kam, Tee trank und ihn beobachtete. Abu Leith hielt auch Gebetsstunden ab und rezitierte mit lieblicher Stimme den Koran. Auch das wurde nicht geschätzt.

„Nach einer Weile fing er an, sich anzupassen. Er versuchte absichtlich, schlampig zu sein, leichtsinnig zu fahren und zu zeigen, dass er nicht an dieser Welt hing, in der wir jetzt leben.“

Abu Leith begann außerdem, mehr Zeit mit Johan und den anderen im Geiselzelt zu verbringen. Als die Kidnapper fasteten, brachte er ihnen einmal eine große Schüssel mit frischen Datteln.

„Es war schwer, ihn nicht zu mögen“, sagt Johan. „Und wenn er bei uns war, konnte er ein wenig entspannen.“

Als Johan erfuhr, dass es ein Video von Abu Leiths Selbstmordanschlag gab, war er wieder verwirrt. Warum ausgerechnet er?

In dem Video steigt Abu Leith in einen Lastwagen und sagt: „Nicht jeder wählt diesen Weg.“ Dann fährt er das Auto zu einem Lager von ECOWAS-Soldaten außerhalb von Timbuktu. Auf dem Pickup steht ein Fass voller Sprengstoff. Ein Lied ertönt. Johan denkt, wenn einer den Dschihad wählt, ist das der Moment, in dem er einem fremd wird.

„Er fängt an zu singen und fährt weg. Geboren und aufgewachsen unter der Unterdrückung in der Westsahara, arbeitet er hart und macht alles richtig, und dann schließt er sich dieser Organisation an.“

Wer sich drückt, der wird bestraft

Und dann gibt es auch jene, die ihre Meinung geändert haben.

Einer der Kidnapper in Johans Lager brach eine Selbstmordmission ab und erzählte ihm davon. Wie die anderen völlig außer sich waren und „Jannah, Jannah!“ (Himmel oder Paradies) sangen. Als sie hörten, dass er aussteigen wollte, waren sie völlig schockiert. „Was?“, fragten sie. „Du willst nicht in den Himmel gehen?“ Er sagte ihnen: „Natürlich will ich im Himmel enden. Ich möchte, aber meine Seele hat nicht den Mut.“ Die anderen Männer beharrten darauf: „Aber wenn du in den Himmel gehen willst, dann musst du nur das hier tun, und du wirst im Paradies enden, garantiert. Warum willst du in dieser Welt bleiben? Es gibt hier nur Härte. Mal ist es kalt, dann heiß, und die Frauen stinken. Jetzt gehen wir zu Jannah, wo Schönheiten auf uns warten. Bist du sicher, dass du das nicht willst?“

Es war keine Überraschung, dass dieser Mann Probleme hatte, nachdem er zurückgerudert war. Und es wurde nicht besser, nachdem alle das Video davon gesehen haben.

„Ich meine, wozu konnten sie ihn noch brauchen? Er war ein schwarzer Mann aus dem Süden, der weder wusste, wie man Wasser aus einem Brunnen holte, noch wie man sich um ein Kamel kümmerte, und der die Sprache der anderen nicht kannte.“

Auch dieser Mann verbrachte mehr und mehr Zeit mit den Geiseln, und die Führung behandelte ihn schlechter und schlechter.

„Die Araber wohnten in der Winterzeit in schönen Zelten, die auf drei Seiten isoliert waren. Ich und Steve (McGowan aus Südafrika, der zur gleichen Zeit wie Johan entführt wurde) lebten in einer winzigen Hütte, so klein, dass unsere Beine nach draußen ragten, wenn wir uns hinlegten. Zum Glück hatten wir Decken, um uns einzuwickeln. Die schwarzen Rekruten aus dem Süden mussten sich in der Kälte unter den Bäumen drängeln.“

Der Mann, der den Selbstmordanschlag nicht machen wollte, war einer derjenigen, die unter den Bäumen froren.

Der Rassismus wurde noch offensichtlicher, als ein Schaf geschlachtet wurde. Sie nahmen die Leber raus, die dem Glauben zufolge gleichmäßig aufgeteilt werden sollte.

„Sogar wir Gefangenen bekamen ein Stück, aber er nicht“, sagt Johan. „Er zitterte vor Wut.“

Derselbe Mann fährt Johan ins Lager und in die Freiheit

In dem Dokumentarfilm „Waisen der Sahara“ interviewte Al-Jazeera mehrere Al-Qaida-Führer in Mali. Johan erkennt sofort einige von ihnen auf ausgedruckten Screenshots.

„Da ist er“, sagt Johan, und schweigt.

Er hält ein Bild von dem Mann in der Hand, der ihn ins Lager fuhr, nachdem er im November 2011 entführt worden war. Ironischerweise ist es dieselbe Person, die ihn fast sechs Jahre später wieder in die Freiheit begleitete. Man hatte ihn in der Zwischenzeit befördert, er gehört nun zu den Anführern.

„Dieser Mann ist schlau. Wir nannten ihn den ‚Taxifahrer‘. Er hat mich überhaupt nicht gemocht, er sah durch mich durch, als wäre ich nicht da.“

Nach Johans Konvertierung zum Islam – seine Strategie, um am Leben zu bleiben – erkannte der Führer seinen neuen Status als Muslim an, verlor aber kein einziges Wort darüber.

„Er ist klug. Er wusste genau, dass ich ein Spiel spielte, und er spielte seines – minimale Handlungen mit großer Wirkung.“

Der „Taxifahrer“ war arrogant und selbstbewusst. Einmal, als Johan seine Kreise um das Lager zog, um sich zu bewegen, traf er den Anführer, ebenfalls zu Fuß.

„Ganz plötzlich zieht er seine Kalaschnikow nach vorn, die er auf dem Rücken trägt, entsichert sie und feuert eine Salve direkt neben mir ab.“

Johan beschreibt den Führer auch als Mann mit Ambitionen. Seine Familie stammte aus Libyen, und er sagte Johan, dass er zu Hause Geistlicher geworden wäre.

„Ich sehe ihn als einen ehrgeizigen, machtgetriebenen Mann.“

Wie denkt Johan über den „Taxifahrer“ - jetzt, wo er in Sicherheit ist, aber diese einmalige Erfahrung von fast sechs Jahren in der Wüste im Zusammenleben mit Terroristen hat?

„Wut ist ein menschlicher Instinkt, der nicht sehr produktiv ist, wenn du mich fragst. Du denkst nicht klar, wenn du wütend bist. Wut und Ärger können gute Reaktionen sein, wenn du dich gegen einen Grizzly verteidigst, aber in diesem Fall geht es um eine Person, die du stoppen willst, den Feind“, sagt Johan und sieht das Bild wieder an.

Er sei kein gewalttätiger Mann, sagt Johan über sich. Er weiß nicht, ob er fähig sei, jemanden zu töten. Aber hätte es eine Gelegenheit zur Flucht gegeben, oder hätten die Geiseln Widerstand geleistet und es wäre geschossen worden, dann wünschte er sich, dass es den Anführer erwischt hätte.

„Dieser Mensch ist für viele Menschen sehr, sehr gefährlich“, sagt Johan. „Und er ist nicht jemand, der sich durch Worte beeinflussen lässt.“

Nach fast sechs Jahren als Geisel verhilft der "Taxifahrer“ Johan zur Freiheit. Dem Schweden wurde gesagt, dass er freigelassen würde, aber er wagte nicht, das zu glauben. Stattdessen nahm er an, dass er wieder verlegt wird – und war wütend, dass er sein Zelt und seine wenigen Sachen nicht mitnehmen darf.

In den fünf Jahren und sieben Monaten war viel geschehen, und Johan und der „Taxifahrer“ legten eine Pause ein, bevor sie die letzte Etappe der Reise nach Timbuktu unternahmen.

„Wir haben uns ein wenig unterhalten und er erklärte mir, dass ich an andere Autos übergeben werden sollte.“

Obwohl er nicht glaubte, dass er wirklich auf dem Weg in die Freiheit war, wagte Johan die Frage: „Was hat das alles gebracht? Was hast du damit erreicht, dass du mich festgehalten hast?“

Der Anführer erzählte etwas von Katar und Johan dachte, dass vielleicht ein Lösegeld für seine Freilassung bezahlt worden war. Es war das Ende des Ramadans und Johan fragte sich, ob Katar seine Freilassung bestellt hatte, weil es eine Tradition der Nächstenliebe gab und gute Taten während der Feiertage besonders belohnt wurden.

Die beiden Männer verabschiedeten sich. Nach mehr als 2.000 gemeinsamen Tagen verließ Johan seinen Entführer und folgte dessen Anweisung, in die Richtung zu gehen, wo angeblich die Autos auf ihn warten sollten. Dann sah er in der Ferne eine Gruppe von Land Cruiser und Pick-up – und die schwedischen Behörden.

Seit Jahren hatte Johan darüber nachgedacht, wie sich dieser Moment wohl anfühlen würde. Einfach einen Fuß vor den anderen zu setzen, in dem Wissen, dass jeder Schritt einer mehr in Richtung Freiheit war.


Das Blank Spot Project ist ein schwedisches Online-Magazin für Reportagen und Berichte aus der ganzen Welt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Geschichten, die andere nicht aufgreifen. Als Mitgründer Martin Schibbye nach 438 Tagen Haft aus dem Gefängnis in Äthiopien freigelassen wurde, flüsterte ihm ein Mitgefangener zu: „Erzähle der Welt, was du gesehen hast.“

Den Artikel, der bei Blank Spot auf Schwedisch und auf Englisch veröffentlicht wurde, hat Vera Fröhlich übersetzt; gegengelesen hat Theresa Bäuerlein; die Bilder stammen von Blank Spot.