Kinderkriegen ist hier nicht erwünscht

Kinderkriegen ist hier nicht erwünscht

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Als ich die Tür zum Kreißsaal im Krankenhaus in Wyk auf Föhr öffne, denke ich als erstes: Wow. So einen schönen Raum habe ich in einem Krankenhaus selten gesehen. Er ist bunt gestrichen, in Gelb und Grün, auf den milchigen Scheiben kleben grüne Pusteblumen. Ein kuscheliger Clown mit weißgeschminktem Mund und roter Nase hängt an einem Infusionsständer. Alles ist vorbereitet für die nächste Geburt. Bloß: Hier werden gar keine Kinder geboren.

Der Kreißsaal, seit 2015 geschlossen

Der Geburtsstuhl ist mit einer Plastikfolie abgedeckt, das Reanimationsgerät und die Ultraschallkiste stehen in der Ecke, als wären sie schon lange nicht mehr genutzt worden. Und der Clown wirkt eher wie der tragische Held in einer Geschichte, die es nicht gibt. Dieser Raum, in dem Leben beginnen sollte, lebt selbst nicht mehr.

Denn die Geburtsstation auf Föhr, Deutschlands größter Insel ohne eine Landverbindung zum Festland, wurde im Oktober 2015 geschlossen. Für die ganze Insel war es ein Schock. Silke Jensen, eine Ur-Föhrerin, die seither an vorderster Front für den Erhalt der Geburtsstation auf der Insel kämpft, erinnert sich: „Ich dachte: Das können die doch nicht machen, nicht hier auf Föhr!”

Als die Nachricht von der Schließung des Kreißsaals kam, entdeckte die sonst so besonnene Insel auf einmal ihren Kampfgeist. Sogar die Lehrer gaben ihren Schülern frei, damit sie auf dem Rathausplatz für den Kreißsaal demonstrieren konnten. Der damalige Klinikchef musste dem Gemeinderat Rede und Antwort stehen – und die Wut der Insulaner aushalten: Mit Schildern und lauten Pfiffen machten sie ihm klar, dass er mit dieser Entscheidung auf der Insel nicht willkommen ist. Dem Landrat wurde sogar kurzerhand Hausverbot erteilt: Viele Ladenbesitzer klebten Schilder an ihre Tür: Statt „Hunde müssen draußen bleiben” hieß es „Herr Harrsen, Sie müssen draußen bleiben”.

Die Nordsee kann auch ein Problem sein.

Die Klinik, die zum Kreis Nordfriesland gehört, begründet die Schließung mit den medizinischen Möglichkeiten auf der Insel: „Im Grunde geht es gar nicht um den Kreißsaal. Es geht darum, dass wir auf Föhr einfach nicht die Voraussetzungen für sichere Geburten in jeder Lage haben, also auch in Notlagen”, erklärt der heutige Klinikchef Christian von der Becke. So fehlten zum Beispiel genügend Anästhesisten für Notfallgeburten. Ein Gutachten, das diese Punkte belegen soll, hält das Klinikum jedoch unter Verschluss. Und die Föhrer Geburtsstation bleibt zu.

Mit diesem Problem ist Föhr nicht allein: Seit 1990 haben fast 40 Prozent der Kreißsäle in Deutschland geschlossen. Der Deutsche Hebammenverband hat bereits davor gewarnt, dass es bald blinde Flecken in der Bundesrepublik geben könnte; kleinere Regionen, in denen keine Geburt mehr stattfinden kann. Und während auf dem Land die Geburtsstationen zugemacht werden, sind in den Städten die Kreißsäle überfüllt: Vor wenigen Wochen gebar eine Mutter in Berlin ihr Kind im Auto auf dem Parkplatz, vor der Klinik. Weil drinnen kein Platz mehr für sie war.

Die Gründe für die Schließungen sind immer dieselben: zu wenig Klinikpersonal, zu hohe Haftungsrisiken und zu wenig medizinische Vorkehrungen für den Notfall. Außerdem lässt sich mit Geburten nur schwer Geld verdienen. Für eine natürliche vaginale Geburt bekommt eine Klinik wenige hundert Euro, egal, wie lange sie dauert. Ein Kaiserschnitt bringt immerhin über 1.000 Euro, aber eine aufwendige OP ist immer noch lohnender. Christian von der Becke unterstreicht zwar, dass Geld bei der Schließung des Föhrer Kreißsaals keine Rolle gespielt habe, aber auf der Insel glauben ihm das nur wenige. Und auch sonst ist ihre die Lage besonders.

Denn die Fährfahrt zum Festland dauert 50 Minuten, der Weg zum nächsten Kreißsaal in Husum, Flensburg oder Heide mindestens noch einmal so lange. Dringende Notfälle werden schon lange mit dem Hubschrauber ausgeflogen, bei schlechtem Wetter kann der aber nicht starten. Bleibt nur der Seenotrettungskreuzer, aber auch dessen Überfahrt dauert. Bei schlechtem Wetter ist es also quasi unmöglich, Notfälle von der Insel zu bringen. Kerstin Lauterberg, Hebamme auf Föhr und somit direkt von der Kreißsaalschließung betroffen, ärgert das: „Das Wohl der Schwangeren steht immer hinten an.”

Wenn die Geburt auf einmal zwei Wochen dauert

Für die Frauen bedeutet das: Zwei Wochen vor dem errechneten Geburtstermin müssen sie ihre Sachen packen und die Insel verlassen. Auf dem Festland werden sie in sogenannten Boarding-Häusern oder in Gästezimmern untergebracht, wo sie auf die Geburt warten. Der Rest der Familie kann meist nicht mit, denn welcher Mann kann bereits zwei Wochen vor der Geburt aus der Arbeit verschwinden, um danach noch einmal lange frei zu haben? Welche Kinder können über Wochen aus der Schule fernbleiben?

Für Silke Jensen, der Kämpferin für den Kreißsaal, ist das ein nicht tragbarer Zustand: „Die Mütter werden behandelt wie Schwerverbrecher! Die werden da 14 Tage vor der Geburt inhaftiert“, sagt die 58-Jährige. Ihre Stimme hebt sich und wird lauter, je länger ich mit ihr über das Thema rede. Auch fast zwei Jahre nach der Schließung des Kreißsaales sind ihre Wut und Enttäuschung noch nicht verraucht.

Silke selbst ist waschechte Insulanerin. In Dunsum im Nordwesten der Insel wurde sie hinter dem Deich geboren – im Bett ihrer Mutter, wie sie sagt. Sie selbst hat zwei Kinder in dem Wyker Kreißsaal auf die Welt gebracht, beim dritten Kind musste sie nach Flensburg ausgeflogen werden. Ihre Erfahrungen von damals lassen sie heute so hartnäckig für die Föhrer Geburtsstation kämpfen.

Silke Jensen wurde selbst auf der Insel geboren und kämpft jetzt für den Erhalt des Kreißsaals

Silke glaubt weiterhin, dass Geburten auf der Insel sicher sind: „Früher haben wir die Kinder im eigenen Haus bekommen, und da lief meist auch alles glatt. Und jetzt, mit unseren medizinischen Möglichkeiten, wie 3D-Ultraschall-Bild und so weiter, soll das auf einmal nicht mehr möglich sein? Das ist doch absurd.“

Unterstützt wird sie in dieser Haltung von Kerstin Lauterberg. Auch die 53 Jahre alte Hebamme meint, dass Geburten auf Föhr immer noch möglich seien: „Ich kenne das Gutachten, das zur Schließung geführt hat, ich habe damals die Räumlichkeiten gezeigt. Und ich kann wirklich sagen: 90 Prozent der kritisierten Punkte können wir ohne großen Aufwand ausräumen.“ Auch Klinikchef Christian von der Becke wisse das und habe bereits zugegeben: Das fehlende Personal sei das überwiegende Argument für die Schließung.

Auch persönlich ist der Wegfall der Geburtsstation für Kerstin ein herber Schlag: „Ich bin nur noch eine halbierte Hebamme. Der wichtigste Teil, die Geburt, fehlt mir bei meiner Arbeit. Den letzten Schritt darf ich mit den Müttern nicht gehen.“ Und auch finanziell müsse sie mit Einschränkungen klarkommen, selbst wenn sie bei ihrem Beruf noch nicht draufzahle. Aber auch das nur wegen eines Notfallkonzeptes auf der Insel, bei dem sie in Notfällen mit Schwangeren die Rettungsassistenten unterstützt.

In solchen Notfällen steht der OP in der Inselklinik für die Schwangeren bereit. Wenn gar nichts anderes mehr möglich ist und die Frauen nicht mehr auf das Festland gebracht werden können, ist er der letzte Ausweg. Kerstin muss darüber fast schon lachen: „Ich fühle mich ausgenutzt. Es wird gesagt: Ein kleiner Kreißsaal kann nicht richtig arbeiten, er habe zu wenig Erfahrung mit Ausnahmesituationen. Im Notfall muss ich aber funktionieren.“

Und so kommt es manchmal zu absurden Situationen, wie der im Januar 2016: Damals fuhr die Schwiegertochter von Silke Jensen, der Kämpferin für den Kreißsaal, einfach nicht auf das Festland, als sie in die letzten Wochen ihrer Schwangerschaft kam. Sie weigerte sich. Und blieb, allen Vorgaben zum Trotz, auf der Insel. „Ihre Tochter war krank, und wer sollte sich denn um sie kümmern? Also ist sie hiergeblieben”, erinnert sich Silke. So wurde ihr Enkel Joui geboren, wo er nicht zur Welt kommen durfte: in einem geschlossenen Kreißsaal.

„In das Boarding-Haus gehe ich nicht – was soll ich da?“

Die Klinik will solche Fälle vermeiden. Von nun an sollen die Frauen noch konsequenter auf das Festland geschickt werden. So wie Inga Lüllmann, Lehrerin auf der Insel und Mutter von zwei Kindern. Inga war von der Schließung des Kreißsaals direkt betroffen. Ihren Sohn Marten konnte sie noch auf der Insel bekommen. Als sie mit ihrem zweiten Kind schwanger wurde, ging die Diskussion über die Geburtsstation gerade los.

An die Geburt ihrer Tochter erinnert sich Inga noch ganz genau: Schon drei Wochen vorher sagte ihre Hebamme zu ihr, sie solle besser die Insel verlassen. „Da war ich überrascht. Eigentlich war doch ein Kaiserschnitt geplant.“ Sie rief ihren Vater an, der sie am nächsten Morgen abholte und mit nach Bremen nahm. Dort wartete sie schließlich auf die Geburt.

Inga Lüllmann mit ihren Kindern Tilda und Marten

„Für mich war klar: In das Boarding-Haus nach Flensburg gehe ich nicht. Was soll ich da denn machen? Was soll ich zwei Wochen mit Marten in einer fremden Stadt? Jeden Tag in die Fußgängerzone?“, sagt Inga heute, fast eineinhalb Jahre später. Offensichtlich kann sie immer noch nicht fassen, dass so etwas den Müttern zugemutet wird.

Deshalb blieb ihr nur die Familie in Bremen: „Es war dann auch alles gut so, wie es kam. Für Marten war es wie Urlaub bei Oma und Opa. Trotzdem kann man eine Geburt auf Föhr und in Bremen nicht vergleichen.“ Denn auf Föhr kenne man die Ärztin, es sei alles familiärer. Auf dem Festland hingegen sei man nur eine Nummer: „Ein paar Tage nach der Geburt kam die Physiotherapeutin in das Zimmer und sagte, sie wolle mal versuchen, mit mir aufzustehen. Da lief ich aber schon wieder seit einigen Tagen durch die Gegend“, sagt Inga und schüttelt ungläubig den Kopf.

Auch Silke Jensen stört dieses Unpersönliche in großen Kliniken: Die Putzfrauen kümmerten sich noch am rührendsten um die werdenden Mütter. Und das Boarding-Haus sei auch keine dauerhafte Lösung: „Was man da schon an Horrorgeschichten gehört hat: Dass es im Haus keine freien Zimmer mehr gab, oder dass der Kreißsaal belegt war und die Geburt im Boarding-Haus stattfand. Das ist doch schrecklich!“ Für die 58-Jährige ist deshalb klar: Sie wird weiterkämpfen. „Wir geben nicht auf, unser Ziel ist es, den Kreißsaal wieder mit Leben zu füllen. Und ich bin hoffnungsvoll, dass wir das schaffen.“

Das Krankenhaus auf Föhr – hier kamen jahrelang Kinder auf die Welt.

Klinikchef Christian von der Becke macht diese Hoffnung aber zunichte: „Die Probleme auf der Insel bleiben ja. Deswegen wird der Kreißsaal auch in Zukunft geschlossen bleiben.”

Die Hebamme und die Frauenärzte bauen

Kerstin hat sich vorsorglich schonmal eine Alternative überlegt: Sie baut eine hebammengeführte Einrichtung im Haus der Gynäkologie-Praxis der Insel auf. Vollkommen privat und durch Spenden finanziert sollen hier ab Dezember „normale Geburten“ stattfinden. Das heißt Geburten, bei denen keine Komplikationen zu erwarten sind und bei denen die Schwangerschaft unauffällig verläuft. Es sei wie eine Hausgeburt, nur in anderen Räumen, sagt Kerstin. Die Frauen müssten aber wissen: Es können nicht alle medizinischen Leistungen erbracht werden, die es in einem Krankenhaus gibt: „Zum Beispiel dürfen wir keine Schmerztherapie anbieten. Und im Notfall, auch das muss den Müttern klar sein, steht der nächste Kreißsaal in Flensburg.“

Es gibt Widerstand gegen diese Pläne, natürlich vom Klinikchef: „Gegen die Einrichtung sprechen die gleichen Gründe wie gegen den Kreißsaal: Für eine medizinische Notversorgung bei Geburten sind wir einfach nicht aufgestellt”, sagt Christian von der Becke.

Aber auch von Müttern kommt durchaus Kritik. Beispielsweise von Caro Riedeberger. Die 26-Jährige kam Ende 2015 nach Föhr, der Kreißsaal war also bereits geschlossen. Als Caro schwanger wurde, war für sie klar: Ihren Sohn würde sie auf dem Festland bekommen. „Ich wusste, dass die Klinik in Flensburg sehr voll ist, und in Heide ist alles da, um mein Kind im Notfall intensiv zu versorgen.“

Natürlich sei es „menschlich doof”, dass man über den Zeitraum der Geburt nicht zu Hause sein könne, und ja, auch sie hätte gerne „ihre“ Hebamme dabeigehabt. Aber auch in Heide habe man sich gut um sie gekümmert: „Ich würde es genau so wieder machen“, sagt sie. Selbst wenn es den Kreißsaal auf Föhr noch gegeben hätte – Caro ist sich sicher: „Ich hätte mein Kind hier nicht bekommen.“

Das sagt sie auch aus beruflichen Gründen: Caro ist Rettungsassistentin auf der Insel und weiß deshalb, wie es um die medizinische Versorgung von behandlungspflichtigen Neugeborenen auf Föhr bestellt ist. „Im Notfall wäre man hier nicht in der Lage, mein Kind und mich zu versorgen.“ Das gleiche gelte auch für die hebammengeführte Einrichtung. Die findet Caro vor allem unverantwortlich.

In Deutschland gibt es bereits 17 von Hebammen geführte Kreißsäle

Das Föhrer Modell ist nicht einzigartig in Deutschland. Bundesweit gibt es bereits 17 dieser Einrichtungen. Der Hebammenverband sieht sie als die Zukunft der Geburtshilfe. Er fordert, in Zukunft mehr hebammengeführte Kreißsäle aufzubauen und Frauen so eine Möglichkeit der Geburt ohne ärztlichen Einfluss zu ermöglichen. Die Mütter müssen entscheiden, ob sie das Risiko eingehen wollen.

Kerstin Lauterberg möchte es jedenfalls auf Föhr versuchen – damit jener bunte Clown am Infusionsständer nicht bis auf ewig der tragische Held einer Geschichte bleibt, die es nicht mehr gibt. Sondern damit die Föhrer bald eine neue erzählen können. Nämlich eine Erfolgsgeschichte.


Esther Göbel hat mitgeholfen, den Artikel anzufertigen; Vera Fröhlich hat gegengelesen; alle Fotos hat Christian von Stülpnagel gemacht.