Das waren die guten Nachrichten im Juli

Das waren die guten Nachrichten im Juli

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In einer Zeit, die immer schneller und lauter zu werden scheint, schwöre ich mir manchmal, nie wieder eine Zeitung in die Hand zu nehmen, nie wieder die Tagesschau einzuschalten, nie wieder durch einen Newsfeed zu scrollen… Nicht mehr sehen und hören müssen, wo ein Anschlag stattgefunden hat. Aussteigen.

Und dann erinnere ich mich, dass ich das Weltgeschehen nicht ausblenden kann – und will. Aber ich kann und will dafür sorgen, dass mein Bild von der Welt vollständig wird: indem ich gezielt auch das wahrnehme, was sich zum Positiven entwickelt.

Darum wähle ich in dieser Kolumne jeden Monat die fünf Nachrichten aus, die mir Mut machen und die zeigen, dass es sich lohnt, den Kopf aus dem Sand zu ziehen.

1. Die Abholzung der Regenwälder lässt sich stoppen

Ugandas Regenwälder werden sehr schnell kleiner. Denn die Bevölkerung holzt den Wald für Holzkohle und Agrarflächen ab.

Jetzt hat ein Team von Wissenschaftlern eine preiswerte Möglichkeit gefunden, diesen Prozess zu verlangsamen: In einem Zwei-Jahres-Versuch boten sie den Landbesitzern eine kleine Summe, wenn sie ihre Baumbestände schützen anstatt sie abzuholzen. Dass das funktioniert, hat die Auswertung des Experiments gezeigt.

Das Team um Seema Jayachandran hat 60 Dörfer in Uganda nach dem Zufallsprinzip ausgewählt und den Besitzern von Waldflächen umgerechnet rund 24 Euro pro Jahr und Hektar angeboten, wenn sie die Bäume nicht abholzen. Das entspricht etwa 16 Prozent des durchschnittlichen Jahreseinkommens – und ist weniger, als die Landbesitzer durch die Abholzung verdienen können. Mithilfe von Satellitenbildern hat das Forscherteam die Entwicklung beobachtet, im direkten Vergleich mit 60 Kontrolldörfern, die keine Gelder erhielten. Dort verschwanden in den folgenden zwei Jahren 9,1 Prozent des Walds. In den anderen Dörfern, in denen sich ein Drittel der Landbesitzer auf die Abmachung eingelassen hatte, verringerte sich die Waldfläche nur um 4,2 Prozent. Und: Der Schwund verschob sich nicht (wie befürchtet) in die Nachbarorte.

Umfragen haben außerdem ergeben, dass die teilnehmenden Landbesitzer häufiger in ihren Wäldern patrouillierten und damit Raubbau verhinderten.

Die Nachricht ist doppelt gut, denn die Vereinten Nationen haben schon vor einiger Zeit ein Programm ins Leben gerufen (REDD Plus), das zehn Milliarden Dollar aus Ländern wie Norwegen und Japan an ärmere Nationen weiterleitet, um menschengemachte Treibhausgase zu reduzieren. Jetzt also gäbe es die Idee, wie man das Geld einsetzen kann, ganz konkret.

2. Schottland produziert mit Windkraft 20 Prozent mehr Energie, als es verbraucht

Die Umweltschutzorganisation World Wildlife Fund (WWF) hat herausgefunden, dass die von Januar bis Juni in Schottland generierte Windkraft für beinahe drei Millionen Haushalte reicht. Das entspricht einem Energieüberschuss von 20 Prozent – eine neue Bestmarke für erneuerbare Energien. Schottland gehört europaweit zu den Musterländern im Klimaschutz. Schon vor einem Jahr haben die Schotten die für 2020 gesetzten Ziele erreicht (zum Beispiel mit 42 Prozent weniger CO2-Emissionen gegenüber dem Ausgangsjahr 1990).

Die Zahlen zeigen einen Anstieg von 24 Prozent im Vergleich zu 2015. Zur Einordnung: 2016 lieferten knapp 30.000 Windkraftanlagen circa 12,3 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms.

3. Pfandsysteme für Kaffeebecher breiten sich aus

Als erste deutsche Gemeinde hat die Stadt Freiburg vergangenen November ein Becherpfandsystem eingeführt. Anfangs waren 14 Cafés und Bäckereien dabei, heute sind es 72 Betriebe. Ähnliche Wege gehen derzeit Rosenheim, München, Hamburg, Düsseldorf, Mainz und Göttingen. In Berlin scheint die Umsetzung eines einheitlichen, stadtweiten Pfandsystems nur noch eine Frage der Zeit: Am 21. Juli startete dort die Senatsinitiative Better World Cup, an der sich unter anderem die Supermarktkette Bio Company und Starbucks beteiligen. Der nächste Schritt ist dann ein Pfandsystem, das es ermöglicht, den Becher, den man etwa an einer Tankstelle gekauft hat, in einem Café wieder abgeben zu können.

Das Freiburger Experiment ist besonders interessant. Weil es am längsten läuft, lässt sich einfacher erkennen, was verbessert werden muss. Zum Beispiel dürfen die Becher nicht zu gut aussehen. Weil sie in der Stadt mit einem hübschen Freiburg-Motiv verziert sind, kaufen Touristen die Becher und nehmen sie als Souvenir mit nach Hause. Die Idee funktioniert dagegen sehr gut mit Büroangestellten, die am Morgen eine gemeinsame Bestellung aufgeben und die Becher abends gesammelt wieder abgeben. Oder mit Studenten und Pendlern, die regelmäßig nach Freiburg zurückkommen.

4. Eine Stadt hilft Obdachlosen mit Drogensteuern

Im US-Bundesstaat Colorado ist Cannabis, schrittweise seit 2014, für den Freizeitkonsum legalisiert worden. Viele haben die Entwicklung kritisch verfolgt. Colorado kann mit diesem Druck offenbar umgehen: Das Geld, das in Apotheken ausgegeben wird, fließt nun zu großen Teilen zurück in die Gemeinden. Über 70 Millionen Dollar wurden 2016 zusätzlich an Steuern eingenommen.

Die Stadt Aurora hat daraufhin entschieden, ein Drittel ihrer Einnahmen (4,5 Millionen Dollar) an Obdachlosenorganisationen zu spenden. Für die kommenden drei Jahre hat Aurora sich verpflichtet, die wohnungslosen Menschen (etwa 600 bis 1.000) mit weiteren drei Millionen Dollar zu unterstützen.

Am 17. Juli wurde das Aurora Day Center, eine ehemalige Polizeiturnhalle, eröffnet; das Zentrum ist mit 900.000 Dollar aus dem Marihuanavertrieb renoviert worden. Obdachlose können dort tagsüber schlafen, essen, sich waschen – oder einfach nur da sein.

5. In Deutschland wächst die „Solidarische Landwirtschaft“

KR-Leserin Karina hat mit mir diese gute Nachricht geteilt: Die sogenannte Solidarische Landwirtschaft ist im Aufschwung. Karina hat mich gebeten, etwas über die Entwicklung der Mitgliederzahlen herauszufinden.

Was ist die „Solidarische Landwirtschaft“ (Solawi), und warum ist das eine gute Idee?

Für einen Landwirt kann ein Schlechtwettereinbruch zur Katastrophe werden, und niedrige Milch- und Getreidepreise machen Höfen seit Jahren zu schaffen. Die Gründung einer Solawi – in Form eines Vereins oder einer Genossenschaft – verändert die Lage grundlegend: Landwirtschaftliche Betriebe oder Gärtnereien schließen sich mit einer Gruppe von Haushalten zusammen und vertreiben die erzeugten Lebensmittel nicht länger über den Markt, sondern lassen sie in einen Wirtschaftskreislauf einfließen, den die Teilnehmenden selbst regeln und finanzieren. Damit sind sie von staatlichen Unterstützungen und den üblichen Marktmechanismen unabhängig.

Die Abnehmer verpflichten sich, pro Jahr einen festen Betrag an den Hof zu zahlen, und erhalten im Gegenzug die gesamte Ernte und weiterverarbeitete Produkte. Das macht die gegenseitige Verantwortung greifbar; das Risiko wird untereinander aufgeteilt.

Während Anfang der 2000er Jahre nur sehr wenige Höfe solidarisch gewirtschaftet haben, erfährt das Konzept seit einigen Jahren ein langsam, aber stetig wachsendes Interesse. Gunter Kramp, verantwortlich für die Mitgliederverwaltung des Netzwerks, hat mir die jüngste Mitgliederstatistik geschickt:

Nur 400 Mitglieder – ist Solawi wirklich eine Nachricht wert? Ich glaube, schon. Denn hier wird im Kleinen getestet und gelebt, wie Landwirtschaft aussehen kann, die ohne (Selbst-)Ausbeutung auskommt.

PS: Auf „ernte teilen!“ findet sich eine interaktive Karte, die es Verbrauchern und Landwirten noch einfacher machen soll, sich zu beteiligen.


Rico Grimm hat beim Erstellen des Artikels geholfen; Thomas Kaiser hat ihn bearbeitet; das Aufmacherbild hat Martin Gommel ausgesucht: iStock