Geld und Verantwortung

Wie wir Unternehmen dazu bekommen, ethischer zu handeln

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Halleluja. Ich habe auch mit den Themen „Insektenschwund“ und „Lebensmittelverschwendung“ erbittert gerungen, bis ich eine leise Ahnung bekommen habe, wie eine konstruktive Perspektive aussehen könnte. Aber dieses Mal war das ein bisschen schwieriger.

Denn das Thema geht zwar wieder uns alle an. Es geht um unsere Macht als Anleger. Um die Riestersparer, die Aktienfondsbesitzer und die Inhaber von Lebensversicherungen. Haben wir wirklich das Zeug dazu, den Kapitalismus zu bändigen und Unternehmen dazu zu bewegen, sich ethischer zu verhalten?

Aber ein ganz persönliches Problem kommt hinzu, das ich hier nur erwähne, weil es so viele teilen, dass es ein gesellschaftliches Problem ist. In den letzten zwei Jahren war ich am Monatsende glücklich, wenn ich mir noch einen Kaffee leisten konnte. Vermögensverwaltung, Wertpapiere, Dax, Anlagen, Fonds, Rendite… Genauso gut könnte mir jemand aus einem chinesischen Wörterbuch vorlesen.

Wirtschaft verstehen - keine deutsche Tugend

Laut einer Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung aus dem Jahr 2016 sparen die Deutschen so viel und zugleich so schlecht wie kaum eine andere Bevölkerung in Europa. Das Geld liegt auf Konten, wo es wenig Zinsen bringt; in Aktien und Immobilien investieren Deutsche viel weniger als andere Europäer.

Dieses wacklige Halbwissen lässt in mir schnell den Eindruck entstehen, dass „die da oben“ das unter sich regeln. Wenn dann noch eine Oxfam-Studie zeigt, dass wenige Superreiche soviel Vermögen besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, bestätigt mich das in meiner hilflosen Wut: Fair ist anders.

Aber wie sollte ICH daran etwas ändern können?

Da meldet sich eine idealistische Stimme in mir. „Die da oben“, das sind doch auch Menschen. Die haben ein Leben, Gefühle und Visionen, sind Eltern und Großeltern, denen es nicht gleichgültig sein kann, in was für einer Welt ihre Kinder großwerden. Mit dieser leisen - vielleicht naiven - Hoffnung im Gepäck bin auf einen mächtigen Vermögensverwalter gestoßen, der vor wenigen Wochen einen untypischen Brief an die Finanzbranche gerichtet hat.

Wer bitte ist Larry Fink?

Laurence Douglas Fink (genannt: Larry) ist Chef und Gründer des US-amerikanischen Vermögensverwalters BlackRock. Die seit 1988 bestehende Firma verwaltet über sechs Billionen US-Dollar Anlagegelder in der ganzen Welt. In Deutschland gehören BlackRock unter anderem größere Anteile an Daimler, Bayer und der Deutschen Post. Aufsichtsratsvorsitzender von BlackRock Deutschland ist der ehemalige CDU-Politiker Friedrich Merz.

Den großen Auftritt aber hat Larry Fink jedes Jahr im Januar, wenn er sich in einem Rundschreiben an die Vorstände jener Unternehmen wendet, an denen BlackRock Beteiligungen hält. In diesem Jahr war der Appell außergewöhnlich.

Fink schreibt, dass 2017 einerseits Kurse und Gewinne in Rekordhöhen geklettert seien und doch der Graben zwischen Arm und Reich tiefer sei als je zuvor. Er kritisiert, dass viele Regierungen sich nur halbherzig mit sozialen und ökologischen Zukunftsfragen auseinander setzten oder schlicht überfordert seien angesichts neuer Herausforderungen. Darum stünden Unternehmer mehr denn je in der Verantwortung: Sie hätten nicht nur für zufriedene Anleger zu sorgen, sondern auch für Mitarbeiter, Kunden und die Gemeinschaft, in die sie eingebettet sind.

Können Unternehmen überhaupt verantwortlich sein?

Bis dato war es Unternehmensethikern und -kritikern vorbehalten, solche Forderungen zu äußern. Unermüdlich und unbemerkt. Dass ein Vermögensverwalter von sozialer Verantwortung spricht und Konsequenzen ankündigt: Das ist wirklich neu.

Der Nobelpreisträger Milton Friedman hatte 1970 eine häufig zitierte These formuliert. Er spricht darin Unternehmen von sozialer Verantwortung frei, da diese sich aus Personen zusammensetzen. Und ja, diese Personen können Verantwortung übernehmen. Sie sollten es allerdings anderen überlassen, denn dafür würden sie das Geld von Aktionären in die Hand nehmen, nicht das eigne. Profit und seine Steigerung, meint Friedmann, sollte die erste Maxime für Manager sein: im Einklang mit geltendem Recht. So sei letztlich der Staat Träger sozialer Verantwortung, denn er gebe die Regeln für Unternehmen vor.

Marketingstrategie oder verbindliches Engagement?

Bislang haben viele Investoren - auch BlackRock - eher eine passive Rolle gespielt und sich selten in die Entscheidungen von Firmen eingemischt. Fink hatte früher sogar kritisiert, dass „aktivistische Aktionäre“ sich zu sehr auf die Umsetzung kurzfristiger Ziele konzentrieren würden. (Aktivistische Investoren steigen in Konzerne ein und versuchen, den Verwaltungsrat oder den Vorstand zu beeinflussen, in der Regel um höhere Gewinne zu erzielen. Nicht selten treibt das den Kurs nach oben, aber eben tendenziell kurzfristig.) Jetzt erhöht BlackRock den Druck, indem es androht, mit ebenjenen „aktivistischen Aktionären“ zusammen zu arbeiten. Denn auch Letztere nehmen sich sozialer Forderungen an. Jana Partners und der Lehrerpensionsfonds Calstrs aus Kalifornien etwa haben Apple aufgefordert, sich ernsthaft mit den Folgen exzessiver Nutzung von Smartphones im Kindesalter auseinander zu setzen.

Larry Finks Worte haben Gewicht: er gilt derzeit als einer der einflussreichsten Männer der Welt. Wenn BlackRock spricht, hören Vorstände und Verwaltungsräte ihm zu. Es ist offen, welche nächsten Schritte seinen Worten folgen.

(Nicht) zu viel verlangt: Transparenz

Letztes Jahr im Sommer verlangten Anteilseigner von ExxonMobil, dem größten US-amerikanischen Ölkonzern, mehr Transparenz, insbesondere in Klima- und Gehaltsfragen. BlackRock, zu jenem Zeitpunkt größter Investor (mit mehr als sechs Prozent), unterstützte diese Forderung.

Auch in Norwegen tut sich etwas: Der norwegische Staatsfonds (zu diesem gleich mehr) hatte zuletzt mehrfach gegen exzessive Gehaltserhöhungen für Manager gestimmt. Der Chef des Fonds erklärt seine Abstimmungen so: Wenn Lohnstrukturen für uns nicht verständlich und nachvollziehbar sind, werden wir auch in Zukunft dagegen stimmen. Der Fonds strebt eine klare Anti-Korruptions-Leitlinie für Unternehmen an.

Der Norwegische Staatsfonds zeigt, dass Geld und Ethik sich nicht ausschließen

Das Öl aus der Nordsee hat Norwegen reich gemacht. In den neunziger Jahren hat das Land einen Staatsfonds angelegt, den die verschiedenen Regierungen seit etwa 20 Jahren füllen. Seit dem letzten Herbst verwaltet dieser Fonds über eine Billion Dollar (ausgeschrieben: 1.000.000.000.000), von denen mehr als 60 Prozent in Aktien, (Staats-) Anleihen oder Immobilien fließen. Um Transparenz zu schaffen, führt der Fonds Informationen zu seinen Investitionen online auf. Es ist der größte Staatsfonds weltweit; die Durchschnittsrendite liegt bei knapp sechs Prozent pro Jahr.

Er hat außerdem etwas, das ihn für diese Kolumne qualifiziert: Einen strengen Ethikrat. Dieser hatte im Vorfeld eine schwarze Liste mit Firmen erstellt, deren Papiere und Fonds er nicht kaufen darf (darunter Rüstungsunternehmen, Tabak- und Textilkonzerne).

2014 hat Yngve Slyngstad, der Chef des Fonds, angekündigt, dass er seinen Einfluss auf Unternehmen noch aktiver nutzen wird. Statt nach der jährlichen Hauptversammlung einer Aktiengesellschaft - hier fallen zentrale Entscheidungen - wollen die Norweger ihre Haltung nun im Voraus bekannt geben. Das könnte viele andere Anleger beeinflussen, da der Fonds als Vorbild in Sachen Anlagestrategie und Ethik gilt.

Divestment statt Investment

Schon seit 2012 fordern Aktivisten Institutionen und Einzelpersonen auf, unethische Aktien oder Anleihen abzustoßen oder zumindest einzufrieren. Aber es sind eben nicht nur tapfere Einzelkämpfer, die sich für mehr soziale Verantwortung auf Unternehmensseite einsetzen. Immer Menschen fragen Produkte nach, die unter fairen, ökologischen und ethischen Bedingungen hergestellt wurden. Dieser Zeitgeist ist wichtig – er drückt sich im gemeinsamen Handeln aus.

Soziale Verantwortung spielt mittlerweile bei Ausschreibungen eine wichtige Rolle. Und sie wird auch für Investmentfonds immer bedeutender. Einige hundert Institutionen haben sich weltweit dem „Divestment“ angeschlossen: darunter die Städte Berlin, Münster, San Francisco, Seattle und Oslo, die Stanford Universität, der Weltkirchenrat sowie die Rockefeller-Stiftung. Die „Divestment“-Initiativen zielen darauf ab, dass sich möglichst viele Anleger von Unternehmen trennen, die mit Förderung, Verarbeitung und Handel fossiler Brennstoffe zu tun haben. Der norwegische Staatsfonds hat sich in der Konsequenz laut Schätzungen aus 114 Unternehmen zurückgezogen.

Die Kampagne hat den Klimawandel von einem politischen auch zu einem finanziellen Anliegen gemacht. Berühmte Unterstützer sind zum Beispiel Desmond Tutu, Thomas Piketty, Noam Chomsky, Bernie Sanders.

Finks Brief: Keine sozialromantische Liebenswürdigkeit

Noch einmal zurück zu Larry Fink. Natürlich ist der Chef von BlackRock nicht über Nacht zum Antikapitalisten geworden. Genauso wie übrigens Friedrich Merz. Fink will weiterhin Profite machen. Er schreibt seinen Rundbrief in dem Bewusstsein, dass die Übernahme von Verantwortung langfristig nur funktionieren kann, wenn der finanzielle Erfolg darunter nicht einbricht. Doch das gilt auch umgekehrt: Für gesellschaftliche Akzeptanz, Anerkennung und Erfolg muss eine Firma heute nach ihrem Beitrag zum gesellschaftlichen Ganzen fragen - und Antworten geben.

Klaus Leisinger ordnet Finks Appell deshalb in der Badischen Zeitung als „wohlverstandenes Eigeninteresse“ ein, das nicht als „sozialromantische Liebenswürdigkeit“ zu verklären sei.

Grüne Anlagen unterscheiden sich in Risiko und Rendite nicht wesentlich von konventionellen Anlagen

Und was kann ich tun, während Finks Worte in der Finanzwelt nachhallen?

Ich kann einerseits beginnen, meine Grundkenntnisse in Sachen Wirtschaft und Finanzen aufzubessern und die Scheu davor ablegen. Damit überlasse ich die Verantwortung nämlich auch anderen, frei nach dem Motto „Sollen mal die machen, die Ahnung davon haben”. Wer schon einen Schritt weiter ist und Lust bekommen hat, sein Geld nachhaltig anzulegen, der findet zum Beispiel in der GLS Bank, in der EthikBank oder in der Triodos Bank starke Verbündete.

Eine Bank arbeitet mit dem Geld ihrer Kunden, das ist ihre Aufgabe. Wie genau sie das tut, ist bei konventionellen Banken für uns Kunden selten nachvollziehbar. Die GLS Bank investiert das Geld ihrer Kunden sei 1974 ausschließlich in „konsequent nachhaltige“ Projekte und ist letztes Jahr zum achten Mal als Bank des Jahres ausgezeichnet worden. Der Kunde kann beim Einrichten eines Kontos auswählen, wohin sein Geld bevorzugt fließen sollen.

Unter Deutschen weit verbreitet ist die Befürchtung, nachhaltige Geldanlagen seien riskanter, weniger ertragreich, unseriös. Die Insolvenz des Windkraftbetreibers Prokon hat viele Anleger in Deutschland erschüttert und verunsichert. Dieser Verunsicherung will das Bremer Projekt „Gut fürs Geld, gut fürs Klima“ begegnen und für mehr verlässliche Mindeststandards auf dem Kapitalmarkt sorgen. Begriffe wie „nachhaltig“ oder „klimafreundlich“ sollen definiert und geschützt werden; mit Übersichten und Leitfäden werde ich als Verbraucher begleitet, wenn ich mein Geld ökologisch und ökonomisch sinnvoll investieren möchte. Diese Anlageform lohnt sich also nicht grundsätzlich mehr oder weniger als konventionelle Anlagen. Es kommt in beiden Fällen auf Geschäftskonzept, Vertrauenswürdigkeit und Strategie an.

Kritische Aktionäre und eine Entscheidungshilfe

Und dann gibt es noch die „Kritischen Aktionäre“. Das ist ein Dachverband mit 24 Mitgliedsorganisationen und zugleich eine NGO, die die Aktivitäten großer börsennotierter Konzerne beobachtet. Die „Kritischen Aktionäre“ melden sich insbesondere in Arbeits- und Menschenrechtsfragen und in Sachen Umweltschutz zu Wort. Eine Aktiengesellschaft tagt einmal pro Jahr: Bei dieser Hauptversammlung haben AktionärInnen ein Rede-, Frage- und Stimmrecht. Mit ihren Aktien können sie das Unternehmen entlasten - oder nicht. Wer nicht persönlich teilnehmen kann oder will, kann sich hier von den „Kritischen Aktionären“ vertreten lassen, indem er seine Stimmrechte überträgt.

Am Ende meiner Recherche angekommen, habe ich einen Entschluss gefasst: Es ist erstens an der Zeit, meine Bank zu wechseln. Wenn ich aus Bequemlichkeit und Gewohnheit weiter das Girokonto nutze, das meine Mutter zu meinem 12. Geburtstag für mich eingerichtet hat, gebe ich Verantwortung ab.

Und meine Gedanken wandern zu dem Mann, der regelmäßig am Berliner Alexanderplatz sitzt, da, wo die Menschen beim Umsteigen entlang hasten. Vor sich hat er ein Dutzend Plastikbecher aufgestellt: Wer Geld rein wirft, kann sich aussuchen, ob er in einen BMW, in Alkohol oder Cannabis, in einen warmen Schlafplatz oder etwas zu essen investiert. Wie glaubwürdig diese Anlageform ist, möchte ich hier nicht einschätzen. Doch dieser Mann verkörpert für mich, worum es bei einem ethischen und verantwortungsbewussten Umgang mit Geld geht: Um Transparenz, die Freiheit, zu entscheiden und darum, den Humor dabei nicht zu verlieren.


Redaktion: Sebastian Christ/Rico Grimm. Schlussredaktion: Rico Grimm. Fotoredaktion: Martin Gommel. Aufmacherfoto: Andrew Neel/unsplash.